0

Paris | Bourse de Commerce: Arte Povera Arte Povera und ihre Folgen | 2024/25

Giuseppe Penone, Essere Vento, 2014

Giuseppe Penone, Essere Vento, 2014

Arte Povera (1967–1970er) aus der Sammlung Pinault, dem Museum Castello di Rivoli und der Fondazione per l'Arte Moderna e Contemporanea CRT wird im Herbst/Winter 2024/25 in Paris zu sehen sein. Leihgaben aus mehreren anderen großen öffentlichen und privaten Sammlungen sowohl aus Frankreich als auch aus Italien umfassen, darunter auch Leihgaben von Künstlern der Arte Povera. Anhand bedeutender Werke von 13 Hauptakteuren zeichnet Carolyn Christov-Bakargiev sowohl die italienische Entstehung als auch den internationalen Einfluss der Bewegung nach.

Arte Povera und ihre Folgen

Mitte der 1960er Jahre begannen einige italienische Künstler:innen auszustellen. Der Kunstkritiker und Kurator Germano Celant prägte 1967 den Begriff „Arte Povera“, „arme Kunst“ oder „billige Kunst“, in Anlehnung an das Konzept des Armen Theaters, das der polnische Experimentalregisseur Jerzy Grotowski seit Ende der 1959er Jahre entwickelt hatte.1 Die mit dieser Bewegung am engsten verbundenen Künstler:innen sind vor allem Giovanni Anselmo, Alighiero Boetti, Pier Paolo Calzolari, Luciano Fabro, Jannis Kounellis, Mario und Marisa Merz (einzige Frau), Giulio Paolini, Pino Pascali, Giuseppe Penone, Michelangelo Pistoletto, Emilio Prini und Gilberto Zorio.

Die Arte Povera ist interessiert an den Schnittstellen zwischen Kunst und Leben, zwischen Natur und Kultur. Die Kunstschaffenden schlugen vor, dass das Kunstwerk mit der subjektiven Erfahrung der Materie, ihrer Transformationen und des Raums zusammenfällt, und richteten ihre Aufmerksamkeit auf die „primäre“ Energie, die in allen Aspekten des Lebens zirkuliert. Diese Energie erlebt man direkt und wird nicht durch Darstellungen, Ideologien, Sprachen und Kodifizierungen geprägt. Sie musste einerseits den grundlegenden physikalischen Kräften der Natur – Schwerkraft und Magnetfeldern – entsprechen und sich andererseits auf die Urelemente der menschlichen Natur – Vitalität, Gedächtnis und „Emotion“ – beziehen.

Die hauptsächlich aus Turin, Genua, Bologna, Mailand und Rom stammenden Künstler:innen haben ein originelles, freigeistiges, völlig unkonventionelles und undogmatisches Werk geschaffen. Sie erweiterten die Bereiche Malerei, Skulptur, Zeichnung und Fotografie und schufen die ersten „Installationen“ der Kunstgeschichte sowie performative Arbeiten und Aktionen. Sie wechselten von einer Technik zur anderen, ohne sich um einen „unverwechselbaren Stil“ zu kümmern. Sie übernahmen alltägliche Praktiken, um einfache Materialien, ob natürlich oder künstlich, in Kunstwerke zu verwandeln, die beim Publikum Erlebnisse hervorriefen. Arte Povera-Künstler:innen interessieren sich für Situationen elementarer Wahrnehmung, verbinden diese Faszination für den Alltag jedoch mit einem tiefen Respekt und Interesse an der künstlerischen Tradition. Sie sind der übermäßigen Intellektualisierung der Kunst gegenüber misstrauisch und teilen - in der Kontinuität der barocken Ästhetik - die Überzeugung, dass Heterogenität und komplexe Inkohärenz positive Werte und ein Motiv für Kreativität sind. Durch die radikale Transformation der Sprache der zeitgenössischen Kunst veränderte die Arte Povera die Geschichte der westlichen Kunst und erfand eine erweiterte Definition des künstlerischen Schaffens, die zu den globaleren künstlerischen Ausdrucksformen von heute passt.

Kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev.

  1. Insbesondere Grotowskis Armes Theater versucht der medialen Überfrachtung des Theaters mittels Projektion und Bühnentechnik eine Erfahrung entgegenzusetzen, die im Ritual und im Menschsein des Schauspielenden wurzelt. Er ließ die Schauspieler:innen zwischen dem Publikum auftreten, das Rollen zugewiesen bekam.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.