Wien | Leopold Museum: Boeckl & Josephsohn

Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, Detail, 1920 (© Leopold Museum, Wien)
Am 20. Januar 2026 jährt sich der Todestag von Herbert Boeckl (1894–1966) zum 60. Mal. Dies nimmt das Leopold Museum zum Anlass, den bedeutenden Vertreter des Expressionismus mit einer großen Ausstellung zu ehren. Hans-Peter Wipplinger zeigt den Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn (1920–2012) im Dialog mit Boeckl, um die „Archtypen des Figuralen“ herauszuarbeiten. Der bisher in Österreich noch nie gezeigte Josephson wird international gerade einem breiteren Publikum vorgestellt. Man darf gespannt sein, wie die Gemälde Boeckls, von dem die Sammlung Leopold einige epochale Frühwerke besitzt, neben den Kopf-Plastiken Josephsohns wirken.
Archetypen des Figuralen. Herbert Boeckl & Hans Josephsohn
Österreich | Wien: Leopold Museum
24.7.2026 – 10.01.2027
- Herbert Boeckl, Akt vor gelber Kiste, 1925 (© Privatbesitz | Foto: Leopold Museum, Wien © Herbert Boeckl-Nachlass, Wien)
- Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1969 (© Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen | Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate)
Herbert Boeckl & Hans Josephsohn in Wien (2026)
In der Ausstellung „Archetypen des Figuralen. Herbert Boeckl & Hans Josephsohn“, in der das Werk eines Bildhauers auf jenes eines Malers trifft, geht es – so die Presseaussendung des Leopold Museum – um einen Dialog zweier Künstlerpersönlichkeiten, die trotz aller Verschiedenheiten in Bezug auf historische, räumliche und kulturelle Konstruktionen überraschende Analogien in formalästhetischer wie werkphänomenologischer Hinsicht aufweisen. Obschon Herbert Boeckl und Hans Josephsohn einander nie begegnet sind, soll die Gegenüberstellung im Leopold Museum von fundamentale Parallelen in deren Auffassung von Körperlichkeit, Materialität und dem Prozess der Formfindung verdeutlichen.
Weder Boeckl noch Josephson sind den Weg der Abstraktion gegangen, sondern sind der Gegenstandsbezogenheit und insbesondere der menschlichen Figur als künstlerische Ausdrucksträger treu geblieben. Zwar praktizierten beide einen starken Abstraktionsprozess in ihrer Darstellung menschlicher Körper und verzichteten oftmals auf anatomische Details in ihren Bildwerken, doch blieben sie der Gegenstandsbezogenheit treu. Sie strebten danach, das Wesentliche durch radikale Vereinfachung und massive Verdichtung herauszuarbeiten. Dadurch wirken viele ihrer Figuren entindividualisiert und stilisiert, wodurch eine universelle Form des Menschlichen dargestellt wird. Trotz oder gerade wegen dieser Reduktion, durch die die „Porträtierten“ zur reinen Form transformiert werden, zeichnen sich deren Gestalten durch eine starke Ausdruckskraft aus. Diese spezifische auratische Wirkung wird durch expressive Einfachheit, formale Reduktion und nicht zuletzt durch eine eindrückliche materielle Präsenz evoziert. Das Interesse an der Physis des Materials ist eine weitere Korrespondenz zwischen den beiden Künstlern. Während Boeckl die Farbe in seiner Malerei dick und nahezu skulptural bzw. reliefartig schichtet, arbeitet Josephsohn bei seinen Gipsmodellierungen und den daraus entstehenden Güssen vergleichbar additiv.
Gerade weil beide Künstler Moden und Trends ignorieren und illustrative Vergegenwärtigungsversuche im Keim ersticken, nehmen Zeitlosigkeit sowie eine universelle, elementare und archaisch wirkende Formensprache eine dominante Rolle ein. Dies ist beispielsweise bei Josephsohns stelenartigen Figuren, seinen Köpfen und Halbfiguren der Fall, die wie zeitlose Monolithe wirken. Bei Boeckl sind es die monumentalen Figurendarstellungen und Landschaften, die eine überzeitliche Wirkung zum Ausdruck bringen. Eine weitere Übereinstimmung liegt in der Prozesshaftigkeit ihres Schaffens: Bei beiden Künstlern ist der Entstehungsprozess nachvollziehbar. Bei Boeckl sind es die in expressiver Manier bewusst sichtbar bleibenden Pinselstriche und das Sediment der Farbschichten. Bei Josephsohn sind es die Spuren des Auf- und Abtragens des Gipses mit den Händen, die in die Güsse übertragen werden. Das Interesse an zerklüfteten und zernarbten Oberflächen bringen beide Protagonisten in den Medien Malerei und Bildhauerei eindrücklich zum Ausdruck.
Nicht zuletzt wird der Vergleich zwischen den Werken von Herbert Boeckl und Hans Josephson Fragen zur Existenz im Sinne einer universellen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein aufwerfen und neue Assoziationsräume eröffnen.
Bilder
- Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920 (Leopold Museum, Wien)
- Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920 (Leopold Museum, Wien)
- Herbert Boeckl, Akt vor gelber Kiste, 1925 (Privatbesitz)
- Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1969 (Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen)
- Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1990 (Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen)
- Jürg Hassler, Hans Josephsohn in seinem Studio in Zürich, um 1975 (Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen)


