Vilhelm Hammershøi
Wer war Vilhelm Hammershøi?
Vilhelm Hammershøi (Kopenhagen 15.5.1864–13.2.1916 Kopenhagen) gilt als einer der bedeutendsten dänischen Maler der Jahrhundertwende und als eigenständige Stimme des europäischen Symbolismus. Sein Werk, bestehend aus Interieurs, Porträts, Landschaften und Architekturdarstellungen, ist von einer unverwechselbaren Stille durchdrungen, die Betrachter:innen bis heute fesselt.
Was Hammershøi von seinen Zeitgenossen unterscheidet, ist nicht allein die gedämpfte Palette aus Grau, Weiß und gebrochenen Blautönen, sondern eine radikale Reduktion: Räume, denen jeder anekdotische Schmuck fehlt; Figuren, die dem Blick den Rücken zukehren; Türen, die in immer weitere, immer leerere Zimmer führen. Der Kopenhagener Kurator und Dichter Alfred Bramsen, Hammershøis erster großer Förderer, ließ nach dessen Tod ein Gedicht von Sophus Michaëlis in die Gedächtnisschrift aufnehmen, das den Maler als Cellospieler mit Dämpfer besingt – eine Metapher, die bis heute gültig ist:
„Du führst den Pinsel wie ein Cellogen – / und Musik schwingt lautlos durch den Saal. / Du meidest das Geschrei der starken Farben / und spielst so tief und leise, mit Dämpfer.“1
Kindheit & Ausbildung
Vilhelm Hammershøi wurde am 15. Mai 1864 im Haus seines Großvaters C. F. Rentzmann in der Straße Ved Stranden 2 in Kopenhagen als zweites Kind einer bürgerlichen Familie geboren. Sein Vater ist der Kaufmann Christian P. Hammershøi (1828–1893), seine Mutter ist Frederikke Hammershøi, geborene Rentzmann (1838–1914). 1871 bezog die Familie ein neues Haus an der Frederiksberg-Allee 34. 1873 wurde sein jüngerer Bruder Svend geboren, der später als Keramiker und Maler hervortrat.
Hammershøi erhielt früh Förderung seines Talents. Ab dem achten Lebensjahr nahm er Zeichenunterricht bei Niels C. Kierkegaard.
Im Oktober 1879 trat Hammershøi in die Königlich Dänische Kunstakademie [Det Kongelige Danske Kunstakademi] in Kopenhagen ein, wo er bis April 1884 bei Frederik Vermehren studierte. Sein Lehrer stand in der Tradition Christoffer Wilhelm Eckersbergs, den Hammershøi zeitlebens verehrte.2
Daneben studierte er im Jahr 1883 an De frie Studieskoler von Peder Severin Krøyer. Dort schloss er Freundschaft mit Carl Holsøe, der wie er später dem Interieur besonders zugetan war.
Werke
In der Charlottenburger Frühjahrsausstellung von 1885 gab Vilhelm Hammershøi sein Ausstellungsdebüt mit seinem „ (1885), das bei der Vergabe des Neuhausen Preises eine Kontroverse auslöste. Die gedämpften Farben, die flirrende Unschärfe und der unruhige Pinselduktus erzürnte die Professoren. Der Verzicht auf anekdotische Details, das gedankenverlorene Schauen seiner 19-jährigen Schwester oder auch die unbestimmte Sitzhaltung mögen diese Reaktion hervorgerufen haben. Der naturalistische und anti-akademische Maler Peder Severin Krøyer verteidigte das junge Talent, indem er die Presse darauf aufmerksam machte. Für ihn machten gerade das Geheimnisvolle und Unbestimmte den Erfolg des Gemäldes seines talentiertesten, aber auch eigenwilligsten Studenten aus. Auf Initiative des Kunsthistorikers Emil Hannover unterzeichneten 41 Künstler und Kritiker einen Aufruf gegen die Entscheidung des Neuhausen-Jury. Anfang Mai 1885 erschien das Pamphlet in allen großen dänischen Tageszeitungen. Diese Debatte begründete den Ruf Hammershøis, auch wenn er den Preis schlussendlich nicht zugesprochen erhielt.
Nach seinem Abschluss trat der junge Maler mehrere Reisen an, nach Berlin und Dresden sowie 1887 in die Niederlande und nach Belgien. Dort befasste er sich vor allem mit der Malerei Jan Vermeers. In seinen eigenen Gemälden konzentrierte sich Hammershøi auf reduzierte, „leere“ Interieurs, nahezu monochrome Architekturansichten und Landschaften. Wie bei kaum einem anderen Maler überraschen Hammershøis Interieurs in ihrer völligen Reduktion. Die Bilder zeigen ein Zimmer meist aus seiner eigenen Wohnung in Kopenhagen. Meist sind sie sparsam mit wiederkehrenden Möbeln eingerichtet, aber die Bilder überraschen auch durch die eigenartige Statik der Kompositionen und der vorherrschenden Grautönen. Besonders eindrücklich ist das sanfte Licht und die einsamen, abgewandten Figuren.
1888 wurde der Zahnarzt Alfred Bramsen (1851–1932) Hammershøis wichtigster Sammler. Auf der Pariser Weltausstellung 1889 war Vilhelm Hammershøi mit vier Werken in der dänischen Ausstellung vertreten. Dennoch bliebe ihm der große Erfolg bei Kritikern in Dänemark verwehrt. Als Hammershøis Bild „Schlafzimmer“ von der Ausstellung der Kopenhagener Kunstakademie abgelehnt wurde, gründete der Künstler Johan Rohde mit Hammershøi „Den Frie Udstilling [Die Freie Ausstellung]“, eine Ausstellungsgemeinschaft, in der auch Hammershøis Werke ausgestellt wurden. Die Maler wollten, „dass Kunst eine Ahnung des Sublimen vermitteln sollte“, und boten der jungen Generation eine eigene Plattform. Vilhelm Hammershøi gehörte zwar zu den Gründungsmitgliedern, er war jedoch keine treibende Kraft.
Am 5. September 1891 heiratete Hammershøi Ida Illsted (1869–1949), mit der er noch am selben Tag nach Paris abreiste. Seine Frau war eine Schwester seines Studienfreundes Peter Ilsted (1861–1933). Nach Stationen in den Niederlanden und Belgien erreiche das Paar die französische Hauptstadt um den 26. September 1891. Hammershøi mietete eine Wohnung an der Avenue Kléber; er machte in Paris wichtige Bekanntschaften, unter anderem die des Kunsthändlers Paul Durand-Ruel, und begegnet erneut dem Kritiker Théodore Duret. Nach der Rückkehr nach Kopenhagen 1892 zog das Ehepaar in eine Wohnung in der Rahbeks-Allee im Stadtteil Frederiksberg.
Hammershøis Vater Christian starb am 27. April 1893. Im selben Jahr erhielt der Maler ein Stipendium der Akademie für einen Aufenthalt in Italien. Er weilte darauf in Florenz, Fiesole, Siena, Padua, Venedig und Verona. Im Frühling 1894 wurde sein Werk „Artemis“ auf der „Den frie Udstilling“ gezeigt. 1897 wechselte er erneut seine Wohnung und zog in ein neu gebautes Mehrfamilienhaus in Åhuset. Im selben Jahr erwarb Sergei Djagilew zwei heute verschollene Arbeiten Hammershøis. Ende 1897 und erneut von Januar bis Mai 1898 lebte Vilhelm Hammershøi in London. Den von ihm verehrten Maler James McNeill Whistler zu treffen, gelang ihm jedoch nicht, obwohl sich dieser zur selben Zeit in England aufhielt. Nach seiner Rückkehr bezog er im September die Wohnung im ersten Stock an der Strandgade 30, die er in zahlreichen Gemälden verewigen sollte.
Vilhelm Hammershøis Bilder zeichnen sich durch Stille und Melancholie aus. Die Interieur- und Landschaftsgemälde wirken kahl und puristisch, die Städte auf den in Kopenhagen, London und Rom entstandenen Architekturdarstellungen sind verlassen und düster. Die meist in gedeckten Grau-, Weiß-, Grün- und Blautönen gehaltenen Werke erinnern an die mittelalterliche Grisaille-Malerei. Auch sein Pastell „Selbstporträt“ aus der Zeit um 1890 (in Privatbesitz) wird durch die Grautöne bestimmt. Niels Vinding Dorph konstatierte bereits 1898 in „Pan“:
„Für die Welt, die wir alle kennen und über die wir im Klaren sind, setzt er eine ganz andere, eine selbstgeschaffene Welt, die gewiss Einiges mit der unsern gemein hat, Form und Farbe und Inhalt aber bestimmt er durchaus nach eigenem souveränen Willen. Für Hammershøi ist diese Welt seine Welt, die wahre, die wirkliche, alle anderen sind falsch und ohne tiefere Bedeutung.“3
Im Jahr 1902 entstanden zwei Arbeiten für das Rathaus von Kopenhagen. Danach verbrachte Hammershøi die Zeit von Oktober 1902 bis Februar 1903 in Rom, Neapel und Paestum. 1903 lernte Hammershøi den englischen Pianisten Leonard Borwick kennen, den er im selben Jahr, sowie auch 1904, in England besuchte. Durch seine Teilnahme an einer Ausstellung im Städtischen Kunstpalast in Düsseldorf wird der Dichter Rainer Maria Rilke 1904 auf Hammershøi aufmerksam und schrieb nach einem Besuch bei ihm in Kopenhagen:
„Gestern habe ich zum ersten Mal Hammershøi gesehen… ich bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt, dass er nur malt und nichts anderes kann oder will.“ (Rainer Maria Rilke)
1905 kaufte der einflussreiche Berliner Kunsthändler Paul Cassirer mehrere Bilder von Hammershøi und widmete dem Maler im Folgejahr eine Einzelausstellung in seiner Hamburger Galerie (1906). 1909 wechselt Hammershøi erneut die Wohnung, seine neue Adresse lautete Kvæsthusgade 6. 1909 wurde Hammershøi zum Mitglied der Generalversammlung und 1910 zum Ratsmitglied der Kunstakademie ernannt. Es folgten Auszeichnungen wie der erste Preis auf der „Esposizione Internazionale di Roma – Mostra di belle arti“ in Rom (1911). Ab 1910 war die Bredgade 25 seine Bleibe. Ein letztes Mal wechselt er 1913 in eine Wohnung der Asiatischen Handelskompanie an der Strandgade 25.
Das Ausstellungsdebüt und die erste Kontroverse (1885–1891)
Hammershøi reichte 1885 beim Jahressalon der Akademie (Charlottenborg) sein Porträt einer jungen Frau, „Porträt eines jungen Mädchens. Die Schwester des Künstlers, Anna Hammershøi“4, ein. Das Bild erfüllte formal alle Bedingungen des Neuhausen-Preises – ein weibliches Dreiviertelporträt in Lebensgröße –, traf aber auf den entschiedenen Widerstand der Jury: Die gedämpften Farben, die leicht unscharfe Pinselführung und das träumerische, abwesende Gesicht der 19-jährigen Schwester widersprachen dem Geschmack der Akademischen Maler. Der Maler Peder S. Krøyer verteidigte seinen Studenten öffentlich; 41 Künstler und Kritiker unterzeichneten einen Protest gegen die Jury-Entscheidung.5
Die Kontroverse wiederholte sich 1888, als „Junge Näherin“ (1887, Ordrupgaard, Kopenhagen) vom Salon ausgeschlossen wurde. Außerhalb Dänemarks erhielt dasselbe Werk auf der Pariser Weltausstellung 1889 eine Bronzemedaille und damit die erste internationale Anerkennung Hammershøis. Im selben Jahr erwarb Alfred Bramsen „Junge Näherin“ als erste von vielen Erwerbungen: Damit begann ein lebenslanges Mäzenatentum zwischen dem wohlhabenden Zahnarzt und dem Künstler.
1887 reist Hammershøi erstmals in die Niederlande und nach Belgien. Die Begegnung mit den holländischen Meistern des 17. Jahrhunderts – vor allem Jan Vermeer und Pieter de Hooch – hinterließ tiefe Spuren. Was Hammershøi von diesen Vorbildern jedoch bereits früh unterschied, ist die extremere Reduktion: kein Silbergeschirr, keine Orientteppiche, kein wärmendes Licht. Der Däne streicht die Behaglichkeit aus seinm Interieur heraus.
Ida – Muse, Partnerin, stille Präsenz (1891–1909)
Nach kurzer Verlobungszeit heiratete Vilhelm Hammershøi im September 1891 Ida Ilsted, die Schwester seines Freundes und Malerkollegeten Peter Ilsted. Es ist eine Verbindung auf Lebenszeit – künstlerisch wie persönlich. Ida wurde zur zentralen Figur in Hammershøis Œuvre: als Rückenfigur beim Lesen oder Nähen, als stumme Haushälterin in leeren Zimmern, als Portrait-Modell in seltenen, frontalen Darstellungen.
Die Flitterwochen verbrachten die beiden von Oktober 1891 bis März 1892 in Paris. Idas Briefe aus dieser Zeit geben Einblicke in das Alltagsleben: „[Vilhelm] denkt ständig über seine Kunst nach, und jetzt kann ich auch schon mit ihm darüber sprechen!“, schrieb sie an ihre Schwiegermutter Frederikke.6 In Paris malte Hammershøi ein Doppelporträt von sich und Ida, „Doppelporträt des Künstlers und seiner Frau“ (1892), das der Kunsthistoriker Robert Rosenblum als „spirituelle Vereinigung, ein gemeinsames Gebet“ gedeutet hat.7
Die Beziehung zu Ida ist kein leicht lesbares Verhältnis von einem Künstler und seinem Modell. Ida begleitete ihren Mann auf Reisen, half bei der Auswahl von Wohnungen und Bildmotiven, posierte täglich für ihn – dennoch blieb sie im Bild stets eine anonyme Gestalt, entpersönlicht durch den abgewandten Körper.8
Strandgade 30 – das Herz eines Werks (1898–1909)
Im September 1898 bezogen Vilhelm und Ida Hammershøi die Wohnung im ersten Stock des Hauses Strandgade 30 in Christianshavn, einem historischen Kopenhagener Stadtteil nahe den Kanälen. Diese Wohnung wurde zehn Jahre lang ihr Zuhause – und in über 60 Gemälden das Zentrum von Hammershøis Bildwelt. Kein anderer Ort prägte sein Schaffen so nachhaltig wie diese Wohnung.
Die Zimmer in der Strandgade wurden nicht dekoriert, sondern nach dem persönlichen Geschmack des Künstlers eingerichtet: wenige, sorgfältig ausgewählte Mahagonimöbel im Empirestil, einige Porzellanstücke, ein Piano. „In meiner Suche nach einer Wohnung zog ich historische Gebäude vor“, erklärte Hammershøi. Die Räume funktionierten stets auch als Atelier. Was Hammershøi in seiner Malerei aus ihnen machte, geht weit über die bloße Dokumentation hinaus: Er variierte dasselbe Zimmer in unzähligen Versionen – mit geöffneten, angelehnten oder geschlossenen Türen, mit oder ohne Figur, im Morgen- oder Nachmittagslicht.
Türen spielen dabei eine besondere, fast dramaturgische Rolle. Sie gliedern den Raum, steuern die Sichtbarkeit und erzeugen eine Spannung zwischen dem Gezeigten und dem Verborgenen. Das Kritiker-Wort des Jahres 1905 zu Offene Türen lautete:
„Wahrhaftig erwacht diese weiße Tür! Die Gesimse leuchten! Und die zweite Tür, die zurück ins Zimmer führt, sie wurde auch geöffnet – sie scheinen miteinander ein Gespräch zu führen, diese zwei offenen Türen!“9
Besondere Aufmerksamkeit verdient „Sonnenstrahlen (Sonnenstäubchen tanzen im Sonnenlicht), Strandgade 30“ aus dem Jahr 1900: Das Gemälde zeigt eine fensterlose Wand mit Tür aus einem ungewöhnlich tiefen Blickwinkel. Fotografien aus jener Zeit belegen, dass Hammershøi beim Malen saß. Das einfallende Licht, durch die Staubpartikel in der Luft körperlich sichtbar gemacht, ist die einzige „Figur“ im Bild. Erst 1918 erhielt das Werk seinen poetischen Untertitel von Alfred Bramsen.10
Das Musikzimmer der Strandgade, ein blaugetönter Salon mit hohen Fenstern zur Straße, verdichtete Hammershøis Bildwelt auf exemplarische Weise. In „Interior. Das Musikzimmer, Strandgade 30“ (1907, heute Art Institute of Chicago) versammeln sich die Instrumente der engen Freunde: das Piano, das Ida und ihre Schwägerin Anna spielten; die Violine von Fini Henriques; das Cello, das Vilhelm 1893 selbst zu erlernen versuchte. Instrumente, die warten – oder schweigen, nachdem sie erklungen waren, sind das Thema dieses Bildes.11 Das Gemälde wechselte 2023 bei Sotheby's für 9,1 Millionen US-Dollar den Besitzer – ein Auktionsrekord für den Künstler.
Reisen, internationale Vernetzung und der Blick nach London (1897–1907)
Hammershøi reist häufig, obwohl sein Werk diese Mobilität kaum erkennen lässt. 1887 besucht er die Niederlande und Belgien; 1889 Paris; 1891 erneut Paris (Flitterwochen); 1893 eine ausgedehnte Italienreise durch Verona, Venedig, Bologna, Florenz und Padua. 1897/98 verbrachte das Ehepaar einen Winter in London; 1902/03 folgte ein Romaufenthalt.
Die Stadt London faszinierte Hammershøi wie kein anderer Ort außerhalb Kopenhagens. Der Grund ist der Maler James McNeill Whistler, den er zutiefst verehrte. Trotz gleichzeitiger Anwesenheit in der Stadt begegneten sich die beiden jedoch nie. In London entstand ein zweites „Doppelporträt von Ida und Vilhelm“ (1898), von dem Hammershøi schrieb:
„Es ist eine Art Doppelporträt von Ida und mir, obwohl ich dem Betrachter fast vollständig den Rücken zukehre. Eigentlich sollen es keine Porträts im eigentlichen Sinne sein. Ich bin ziemlich zufrieden damit.“12
Seinen zweiten Londonaufenthalt 1906 nutzte Hammershøi, um zwei komplementäre Ansichten des British Museum zu malen. Er blickte dazu aus dem Fenster der Wohnung in der Bloomsbury Street, in der das Ehepaar Quartierbezog. Das Gemälde „British Museum. Winter“ widmete er seinem Freund und Pianisten Leonard Borwick mit einer handschriftlichen Inschrift: „LB from VH in memory of happy times in London 1906“.
1905 kaufte der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer mehrere Werke von Hammershøi; die Galerie Eduard Schulte widmete ihm eine Einzelausstellung, die anschließend nach Köln und Hamburg wanderte. Rainer Maria Rilke hatte bereits 1904 Arbeiten von Hammershøi auf der „Internationalen Kunstausstellung“ in Düsseldorf gesehen und reiste eigens nach Kopenhagen, um die Sammlung Bramsen zu studieren und den Maler kennenzulernen.
„Hammershøi ist nicht von denen, über die man rasch sprechen muss“13 (Rainter Maria Rilke)
Farbe, Linie und Schweigen
Hammershøi selbst hat sein Verfahren in einem vielzitierten Interview von 1907 auf den Punkt gebracht: „Was mich veranlasst, ein Motiv zu wählen, sind die Linien – was ich den architektonischen Gehalt eines Bildes nenne. Und dann ist da natürlich das Licht. Aber ich glaube, es sind die Linien, die für mich die größte Bedeutung haben.“14 Und an anderer Stelle: „Aus rein koloristischer Sicht bin ich fest davon überzeugt, dass ein Bild am besten wirkt, je weniger Farben man verwendet.“
Die Reaktion des Publikums auf diese Konsequenz war nicht immer bewundernd. Karl Madsen überlieferte den Kommentar einer Besucherin des Jahressalons 1886: Das Bild sehe aus, „als ob die Armen aus ihrer Wohnung geworfen worden wären und man ihnen alle Möbel weggenommen hätte, bis auf einen alten Stuhl oder eine Truhe“.15
Diese radikale Sparsamkeit wird von der neueren Kunstgeschichtsschreibung als vorausweisend gedeutet. Der amerikanische Kunsthistoriker Kirk Varnedoe bezeichnete Hammershøi bereits 1983 als „Promodernen“.16 Die Kunstwissenschaftlerin Martyna Łukasiewicz hat den Zusammenhang mit Wassily Kandinskys Farbtheorie herausgearbeitet: Kandinsky schreibt dem Weiß, einem Grundton der Hammershøi-Palette, jenes klingende Schweigen zu, das „nicht tot ist, sondern voller Möglichkeiten“.17 Die Verbindung zur Musik ist keine metaphorische Zuschreibung von außen, sondern in Hammershøis Leben tief verankert: Er versuchte 1893, Cello zu spielen und war Mitglied der Kopenhagener Kammermusikvereinigung. Pianisten, Geiger und Komponisten zählten zu seinem engsten Freundeskreis.
Porträts und Bildnisse: Das Netz der Freundschaften
Rund ein Viertel von Hammershøis Gesamtwerk bilden Porträts. Dies erlaubt, den inneren Kreis des Malers zu rekonstruieren. 1907 erklärte der Maler:
„Ich will Architektur malen und danach Porträts, solange es mir Freude macht, die Person zu malen. Ich würde hassen, Porträts im Sinne zu malen, dass ich Fremde male, die kommen und ihr Portrait in Auftrag geben.“18
Zu den Porträtierten zählen der Architekt Thorvald Bindesbøll, die Maler Karl Madsen, Kristian Zahrtmann und sein Bruder Svend sowie der Cellist Henry Bramsen. Sein größtes Gruppenporträt, „Fünf Porträts“ (1901, Thielska Galleriet, Stockholm), zeigt Bindesbøll, Carl Holsøe, Jens Ferdinand Willumsen, Svend und Karl Madsen – fünf Männer im Halbdunkel um einen Tisch, jeder für sich in Gedanken versunken, keiner im Dialog mit einem anderen. Die Galerie Dänemark verweigerte den Ankauf; das Bild wurde schließlich vom Schweden Gustav Thiel erworben.
Späte Anerkennung
Die letzten Lebensjahre brachten Hammershøi internationale Ehrungen: 1911 erhielt er den ersten Preis der Internationalen Kunstausstellung in Rom – gemeinsam ausgezeichnet mit Hermenegildo Anglada Camarasa, Ignacio Zuloaga und Gustav Klimt. Die Uffizien in Florenz luden ihn ein, ein Selbstporträt für ihre berühmte Sammlung zu stiften. 1912 zeigte die Wanderausstellung „Contemporary Scandinavian Art [Zeitgenössische skandinavische Kunst]“ elf seiner Werke in New York, Buffalo, Toledo, Chicago und Boston.
Im Jahr 1913 zog das Ehepaar in eine Wohnung im in den ersten Stock im historischen Gebäude der Asiatischen Handelskompanie, Strandgade 25 – erneut ein historisches Haus am Kanal, erneut ein Interieur, das Hammershøi zum Bildmotiv machte. Eines der letzten Gemälde Hammershøis, „Interior, Strandgade 25“ (1913), fasst das gesamte Bildprogramm in einer einzigen Komposition zusammen: das Piano mit geöffnetem Deckel und aufgeschlagener Partitur, Ida als stehende Figur daneben, eine weiße Tür, dahinter die Ahnung weiterer Zimmer. Das Ehepaar verbrachte nun einige Zeit in London.
1915 malte Hammershøi sein letztes Bild.
Bekannte Bilder von Hammershøi
- 1899, Interieur mit brieflesender Frau, Strandgade 30, Privatsammlung.
- 1900, Tanz der Staubkörnchen in den Sonnenstrahlen, Ordrupgaard Museum, Charlottenlund bei Kopenhagen.
- 1901, Interieur, Strandgade 30, Städel Museum, Frankfurt am Main.
- 1903, Gentofter See, Privatsammlung.
- 1903/1904, Interior, Strandgade 30, Randers Kunstmuseum.
- 1905, Weiße Türen/Offene Türen, Davids Sammlung, Kopenhagen.
Krankheit und Tod (1910–1916)
Ende 1912 erkrankte Hammershøis Mutter Frederikke schwer; sie starb 1914. Im selben Jahr wurde bei Hammershøi selbst ein Rachenkarzinom diagnostiziert. Er malte noch, wenn auch langsamer.
Am 13. Februar 1916 starb Vilhelm Hammershøi an Kehlkopfkrebs in seinem Kopenhagener Stadtkrankenhaus. Er wurde 51 Jahre alt. Im April 1916 veranstaltete die Kopenhagener Kunstforeningen eine posthume Gedächtnisausstellung mit 275 Werken. Seine Bibliothek und seine Gemälde wurden noch im selben Jahr versteigert.
Ida Hammershøi starb 1949.
Rezeption: Vergessen und Wiederentdeckung
Noch zu Lebzeiten war Hammershøi einer der am meisten gefeierten Künstler Europas. Zu seinen Bewunderern zählten unter anderem Rainer Maria Rilke, Emil Nolde, der Ballettimpresario Sergei Djagilew. Der Berliner Kaufmann und Sammler Paul Cassirer sicherte ihm eine Präsenz im deutschsprachigen Kunstmarkt.
Hammershøis Werk geriet nach seinem Tod zunehmend in Vergessenheit. Zu sehr widersprach die stille, puristische Malerei den Experimenten der Nachkriegsavantgarde. Gegen Ende des Jahres 1927 präsentierte die „Danish National Exhibition of Paintings, Sculpture, Arts, and Crafts“ (15.11.–19.12.1927) im Brooklyn Museum in New York Werke von Anna Ancher, Michael Ancher, P.S. Krøyer, Laurits Tuxen (1853–1927), Vilhelm Hammershøi und Joakim Skovgaard (1856–1933).
Ab den 1930er Jahren geriet Hammershøis Werk außerhalb Dänemarks jedoch fast vollständig in Vergessenheit. Erst die Wiederentdeckung und Neubewertung des Symbolismus in den 1970er Jahren ließ die melancholischen Werke Hammershøis wieder in den Fokus rücken. Die internationale Wiederentdeckung begann erst wieder in den 1980er Jahren mit Monografien des dänischen Kunsthistorikers Poul Vad und wurde durch Kirk Varnedoes einflussreichen Essay in „Art in America“ (1983) befördert. Dem auch als „dänischer Vermeer“ bezeichneten Maler wurden, seit seiner „Wiederentdeckung“ in den 1990er Jahren, Retrospektiven im Musée d’Orsay und im Solomon R. Guggenheim Museum gewidmet. Die entscheidenden Retrospektiven folgten 1997/98 im Musée d'Orsay in Paris und im Guggenheim Museum in New York; 2008 organisierte die Royal Academy of Arts in London die Ausstellung „Hammershøi: The Poetry of Silence“.
Im deutschsprachigen Raum war die Hamburger Kunsthalle 2003 Pionierin; 2012 widmete das Statens Museum for Kunst (SMK) Kopenhagen gemeinsam mit der Kunsthalle München eine große Schau dem Thema „Hammershøi und Europa“. Seit den 2020er Jahren nimmt das internationale Ausstellungsinteresse weiter zu: Museen in Poznan und Krakau (2021–2022), der Palazzo Roverella in Rovigo (2025) und aktuell das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid (17. Februar – 31. Mai 2026) sowie die Kunsthaus Zürich (3. Juli – 25. Oktober 2026) mit der Ausstellung „Hammershøi. El ojo que escucha / Das Auge, das lauscht“.19
Auf dem Auktionsmarkt spiegelt sich das gestiegene Renommee: „Interior. Das Musikzimmer, Strandgade 30“ erzielte 2023 bei Sotheby's in New York 9,1 Millionen US-Dollar. 2022 wechselte „Stue. Interior with an Oval Mirror“ aus der Sammlung Anne Bass bei Christie's für 6,3 Millionen Dollar den Besitzer.
Einordnung: Vorläufer der Moderne
Hammershøi hat keine Schule begründet und keinen Stil proklamiert. Dennoch sehen Kunsthistoriker:innen in seinem Werk Vorbildwirkung: zur Serialität und Selbstbeschränkung der amerikanischen Minimalisten (die Ausstellung Stillness: Hammershøi and American Minimalism bei Phillips New York, 2024, stellte ihn neben Anni Albers, Agnes Martin und Kenneth Noland); zu Edward Hoppers melancholischen Innenräumen; zu Georgia O'Keeffes abstrahierender Landschaftssicht; und – in der Reduktion des Bildraums auf reine Architektur – sogar zu Piet Mondrian.
Die neuere kuratorische und wissenschaftliche Praxis hebt vor allem die Spannung hervor, die Hammershøis Werk kennzeichnet: „zwischen seiner erhabenen Schönheit und formalen Ordnung auf der einen Seite und dem subtilen Gefühl der Beunruhigung auf der anderen – den Rissen und Brüchen, die eine zugrunde liegende Suche nach Zugehörigkeit enthüllen“, wie Peter Nørgaard Larsen in seinem Essay für den Katalog der Madrider Ausstellung schreibt.20
Werke in bedeutenden Sammlungen (Auswahl)
- Statens Museum for Kunst (SMK), Kopenhagen (größter Bestand)
- Ordrupgaard, Charlottenlund bei Kopenhagen
- The Hirschsprung Collection, Kopenhagen
- Thielska Galleriet, Stockholm
- Musée d'Orsay, Paris
- Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin
- Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
- Metropolitan Museum of Art, New York
- Art Institute of Chicago (Das Musikzimmer, Strandgade 30, erworben 2023)
- The National Gallery, London
Literatur zu Vilhelm Hammershøi
- HAMMERSHØI. El ojo que escucha, hg. v. Clara Marcellán u. a. (Ausst.-Kat. Museo Nacional Thyssen-Bornemisza; Kunsthaus Zürich 2026), Madrid / Zürich 2026.
- Richard Reschika, Vermeer und Hammershøi. Meister der Malerei im Licht der Philosophie, Neustadt an der Orla 2023.
- Annette Rosenvold Hvidt und Gertrud Oelsner, Vilhelm Hammershøi. Letters and Diaries, Kopenhagen 2018.
- Hammershøi und Europa. Ein dänischer Künstler um 1900, hg. v. Kasper Monrad (Ausst.-Kat. Statens Museum for Kunst, Kopenhagen; Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München) München 2012.
- Felix Krämer, Naoki Sato, Anne-Birgitte Fonsmark, Vilhelm Hammershøi, 2008.
- Vilhelm Hammershøi, hg. v. Ulrich Luckhardt und Felix Krämer (Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, 22.3.–29.6.2003) Hamburg 2003.
- Vilhelm Hammershøi (Ausst.-Kat. Göteborgs Konstmuseum; Nationalmuseum Stockholm) Göteborg 1999.
- Vilhelm Hammershøi 1864–1916. Danish Painter of Solitude and Light (Ausst.-Kat. Ordrupgaard, Kopenhagen; Musée d’Orsay, Paris; Solomon R. Guggenheim Museum, New York) New York 1998.
- Poul Vad, Vilhelm Hammershøi and Danish Art at the Turn of the Century, New Haven 1992.
