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Klimts Dekoration im Kunsthistorischen Museum: Stairway zu Klimt Klimtbrücke und Präsentation der „Nuda Veritas“

Gustav Klimt, Athena im KHM, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Gustav Klimt, Athena im KHM, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Zum 100. Todestag von Gustav Klimt (1862–1918) können Besucherinnen und Besucher im Kunsthistorischen Museum dessen Dekorationen, die in einer Höhe von 12 Metern über der Eingangshalle in die Säulen- und Arkadenarchitektur des Stiegenhauses eingebettet sind, aus nächster Nähe betrachten. Dazu wird – wie bereits im Jahr 2012 – eine gewaltige 4 Tonnen schwere Brücke über das Stiegenhaus gespannt, die den Aufstieg zu dem prächtigen Bilderzyklus ermöglicht.

Der von Gustav Klimt gemeinsam mit seinem Bruder Ernst Klimt und Franz Matsch geschaffene Zyklus entstand im Auftrag Kaiser Franz Josephs I. und stellt die bedeutenden Stilepochen der Kunst in Form von Allegorien dar. Viele Frühwerke von Gustav Klimt sind in den Theaterbauten in Fiume, Karlsbad, Bukarest sowie dem Wiener Burgtheater und dem Kunsthistorischen Museum noch in situ erhalten. Auch in der ehemaligen Residenz des rumänischen Königs in Sinaia wie im Schlafzimmer der Hermesvilla wurden die Brüder Klimt und ihr Studienkollege Franz Matsch, mit dem sie 1883 gemeinsam die Künstler-Compagnie gründeten, tätig. Die in den letzten Kriegstagen 1945 verbrannten Fakultätsbilder, führten mit ihrem geheimnisvoll-symbolistischen Allegorien der Fakultäten bereits in die Moderne. Höhepunkt der Phase zwischen Historismus und beginnendem Jugendstil ist die Ausstattung des Stiegenhauses des Kunsthistorischen Museums 1890/91.

Auf dem Weg zum Parnass

Im Jahr 1881 wurde dem aus Salzburg stammenden Hans Makart (1840–1884) die ehrenvolle Aufgabe überantwortet, das Stiegenhaus des k.k. Hofmuseums (heute: Kunsthistorisches Museum) auszustatten. Bereits 1884 verstarb der Maler im Alter von 44 Jahren in Wien. Er hatte noch eine Ölskizze für das zentrale Deckengemälde – den „Sieg des Lichtes über die Finsternis“ – entworfen und die Lünetten mit Porträts der berühmtesten Künstler ausgeführt. Von den insgesamt 40 Zwickelbildern hatte der renommierte Ringstraßenmaler erst 16 Lünetten und einen Entwurf für das Deckengemälde hinterlassen. Der frühe Tod Makarts machte die ehrenvolle Aufgabe der Ausstattung des Stiegenhauses im Kunsthistorischen Museum vakant.

Auf Wunsch von Fürstin Hohenlohe, wie Franz Matsch in seiner Autobiografie erinnerte, hätte Michael Munkácy den Auftrag zur Ausführung des großformatigen Leinwandbildes mit dem „Sieg des Lichtes über die Finsternis“ erhalten. Daher wurde die Künstler-Compagnie mit der Gestaltung der 40 weniger dankbaren Zwickel- und Interkolumnienbilder im untersten Bereich des „Kunsthimmels“ übertragen. Sie sollten darin die Exponate, Artefakte und bedeutenden Kunstwerke aus allen Epochen der Kunst- und Kulturgeschichte malerisch umsetzen. Das Programm wurde von Albert Ilg, Direktor der kunstgewerblichen Sammlungen, ausgearbeitet.

„Bei der Durchführung des Programms wurde nun aber nicht etwa ein gemalter Lehrgang der chronologischen Entwicklung […] angestrebt, sondern bloß auf ganz freie künstlerische Weise Einzelnes, hauptsächlich Bezeichnendes, hervorgehoben, wie es den Künstler in seiner Art zu bedeutenden Gebilde anregen kann, die sich zugleich aber zu einem glänzenden Schmucke eines so reich gezierten Raumes eignen.“ (Albert Ilg)

Jeder der drei Maler widmete sich einer ganzen Wand, die vierte teilten sie untereinander paritätisch auf. In der kurzen Zeit von nur fünf Monaten (!) sollten die drei unter 30-jährigen Maler bis Juli 1890 den Auftrag abgeschlossen haben. Da die Bilder erst im April 1891 montiert wurden, darf davon ausgegangen werden, dass diese Zeitspanne für die mit Kasein/Öl/farben auf Leinwand ausgeführten Gemälde zu knapp bemessen gewesen war.

Klimts Allegorien der Antike, Spätgotik und Renaissance im KHM

Gustav Klimt war für dreizehn Darstellungen an der West- und der Nordseite des Treppenhauses verantwortlich. Die Bedeutung dieser Gemälde erschließt sich aus der Hinwendung des Künstlers zur Flächigkeit und zum Ornamentieren, das die ab 1899 einsetzende Goldene Phase charakterisiert. Zum einen orientierte sich Klimt an Exponaten internationaler Sammlungen, die er neben die Allegorien verschiedener Kunstepochen platzierte, zum anderen entschied er sich - vor allem in der Figur der Nechbet - für die Schönlingkeit des Jugendstils. Vor allem der Vergleich mit den deutlich malerischen Werken seiner beiden Kollaboranten zeigt, wie sehr sich Matsch und Ernst Klimt stilistisch beispielsweise am flämischen Barock des späten Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck orientierten.

Gustav Klimt im KHM: Bilder

  • Florentinisches Cinquecento: Haupt des Goliath / Interkolumnium, Westseite
  • Florentinisches Cinquecento: David / Zwickelbild, Westseite
  • Florentinisches Quattrocento: Venus / Zwickelbild, Westseite

  • Römisches Quattrocento: Taufbecken / Interkolumnium, Nordseite
  • Römisches Quattrocento: Ecclesia / Zwickelbild, Nordseite
  • Venezianisches Quattrocento: Doge / Zwickelbild, Nordseite

  • Griechische Antike: Mädchen aus Tanagra / Interkolumnium, Nordseite
  • Griechische Antike: Athena / Zwickelbild, Nordseite: goldener Schuppenpanzer, Medailllon mit dem Haupt der Gorgo Medusa, mit Speer in ihrer Rechten und Nike in der Linken ausgestattet.
  • Ägyptische Kunst: Nechbet / Zwickelbild, Nordseite
  • Ägyptische Kunst: Sarkophag und Isisstatue / Interkolumnium, Nordseite

  • Altitalienische Kunst: Gelehrter in Renaissancetracht / Zwickelbild, Nordseite: Die Inspiration für diese Figur samt Kleidung könnte von Marco Palmezzanos „Porträt eines jungen Mannes“ (1470er Jahre, Geschenk des Fürsten Liechtenstein 1882) aus der Gemäldegalerie der bildenden Künste in Wien stammen.
  • Altitalienische Kunst: Heilige mit Cherubim / Zwickelbild, Nordseite: Das Muster ihres Kleides ist von der „Marienkrönung“ von Antonio da Fabriano (1452) ebenfalls in der Gemäldegalerie der Akademie beeinflusst. Das goldene Blütenmotiv, das Farbiano gänzlich plan auf den Fußboden legte, wird von Gustav Klimt als Stoffmuster eingesetzt. Dabei betont er ebenfalls die Flächigkeit, wenn auch einige Falten vor allem die Körpermitte umspielen. Der goldene Hintergrund der spätgotischen Tafel könnte Klimt angeregt haben, sich in der Goldenen Periode mit dem Gestaltungsprinzip der Vorrenaissance auseinanderzusetzen.
  • Altitalienische Kunst: Engel mit Dantebüste / Interkolumnium, Nordseite

Interessanterweise wählten Gustav Klimt und seine Mitstreiter der Wiener Secession die Darstellungen der venezianischen Renaissance und der „Ecclesia“ sowie der ganz rechts außen befindlichen „Heiligen mit Cherubim“ sowie „Engel mit Dantebüste“ 1898 aus und reproduzierten sie (ohne Säulen) auf der Doppelsete 14/15 im „VER SACRUM“. Dies wird gewertet als Bewusstsein Klimts für die Bedeutung dieser Dekorationsgemälde für die Entwicklung seines Stils von der akademischen Malerei des Historismus zur Flächigkeit des Jugendstils.

Nuda Veritas

Gleichzeitig mit der Klimtbrücke wird im Kunsthistorischen Museum ein Hauptwerk Gustav Klimts ausgestellt: sein berühmtes Gemälde „Nuda Veritas“ (1899). Das Bild stammt aus dem Nachlass der Kritikers Hermann Bahr, eines engagierten publizistischen Begleiters der Wiener Secessionisten. Der programmatische Anspruch des Werks drückt sich in der groß im Bild zitierte Sentenz Friedrich Schillers aus: „KANNST DU NICHT ALLEN GEFALLEN DURCH DEINE THAT UND DEIN KUNSTWERK – MACH ES WENIGEN RECHT. VIELEN GEFALLEN IST SCHLIMM“. In ungeschützter Frontalität steht die weibliche Aktfigur für kompromisslose künstlerische Wahrhaftigkeit. Die erstmalige Präsentation des Werkes in der Antikensammlung, im Saal des Doryphoros des Polyklet, schafft einen neuartigen und spannungsgeladenen ästhetischen Erfahrungsraum. Wieviel Antike steckt im Werk von Klimt? Frontalität, Standmotiv, hängender linker Arm mit leicht geballter Faust, Flächigkeit - all diese formalen Kriterien lassen sich in der ägyptischen und klassisch-griechischen Statuarik ebenso finden. Der wichtigste Unterschied ist allerdings die weibliche Nacktheit, die weder im Alten Ägypten noch im Klassischen Griechenland mit einem Fraunekörper verbunden wurde. Die postimpressionistische Malweise und Farbigkeit tun ihres, um das Werk im Kunstdiskurs seiner Entstehugnszeit zu verorten.

Klimt im KHM: Bilder

  • Klimtbrücke im Stiegenhaus des Kunsthistorischen Museums Wien (Nordseite) (© KHM-Museumsverband)
  • Hans Makart und Gustav Klimt im Kunsthistorischen Museum, Foto: © Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Gustav Klimt, Athena im KHM, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS
  • Gustav Klimt, Venezianische Renaissance, Tanagra-Mädchen, Athena im Kunsthistorischen Museum, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS
  • Gustav Klimt, Griechische Antike (Mädchen aus Tanagra), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Florentinisches Cinquecento (David), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Florentinisches Cinquecento (Goliath), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Ägypten I (Nechbet), Kunsthistorisches Museum
  • Gustav Klimt, Ägyptische Kunst (Sarkophag und Isis), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Römisches Quattrocento (Taufbecken), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Römisches Quattrocento (Ecclesia), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Ägypten und Renaissance, Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus, Foto: ARTinWORDS, Alexandra Matzner
  • Gustav Klimt, Römisches Quattrocento: Taufbecken und Ecclesia, Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS
  • Gustav Klimt, Venezianisches Quattrocento (Doge), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Florentinisches Quattrocento (Venus), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Altitalienische Kunst im Kunsthistorischen Muserum, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS
  • Gustav Klimt, Altitalienische Kunst (Heilige mit Cherubim), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Gustav Klimt, Altitalienische Kunst (Engel mit Dante), Kunsthistorisches Museum, Stiegenhaus
  • Torso des Speerträgers (Doryphoros), römisch, 2. Jh. n. Chr., nach griechischem Original des Polyklet um 440 v. Chr., Kalzit-Marmor, H. 126 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, I 166, © KHM-Museumsverband)
  • Gustav Klimt, Nuda Veritas, 1899 (© Österreichisches Theatermuseum, KHM-Museumsverband)
  • Gustav Klimt, Nuda Veritas, Schlange und Titel, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS
  • Gustav Klimt, Nuda Veritas, Signatur, Foto © Alexandra Matzner, ARTinWORDS

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.