Ralph Goings

Wer war Ralph Goings?

Ralph Goings (Corning 9.5.1928–4.9.2016 Santa Cruz) war einer der wichtigsten Wegbereiter des Fotorealismus in den USA. Wie Richard Estes und Robert Bechtle fokussierte er motivisch die Alltagswelt des modernen Amerika, das er in zahlreichen Darstellungen mit feinmalerischer Bravour ins Bild setzte. Als Vorlage dienten dem Künstler dabei Fotografien, die er selbst anfertigte.

„In meinen Gemälden geht es um Licht, darum, wie Dinge in ihrer Umgebung aussehen, und insbesondere darum, wie Dinge gemalt aussehen. Form, Farbe und Raum unterliegen der Laune der Realität, ihre Entdeckung und Organisation ist die Aufgabe des realistischen Malers.“1 (Ralph Goings)

Kindheit & Ausbildung

Ralph Goings wurde am 9. Mai 1928 in Corning, Kalifornien, als Sohn von Sohn von Ralph L. Goings (1904–?) und Lucille Lorena Goings geboren. Er wuchs in Nordkalifornien auf und zog zwischen Corning, Willows und Roseville hin und her, während sein Vater nach der Weltwirtschaftskrise wirtschaftlich ums Überleben kämpfte.

Erste künstlerische Inspiration fand der junge Goings in der Kunst von Rembrandt van Rijn, als er Bücher in seiner örtlichen Bibliothek entdeckte. Seine Tante ermutigte ihn zum Zeichnen und kaufte ihm Bücher und Lehrmaterialien. Ralph Goings begann mit Farben aus dem örtlichen Baumarkt und alten Bettlaken zu malen, wenn keine Leinwand verfügbar war. Nach der High School trat Ralph der Armee bei und wurde kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Fort Ord bei Monterey stationiert.

Nach seiner Militärzeit schrieb sich Ralph Goings am Hartnell College ein, einem kleinen Community College im nahegelegenen Salinas. Dort lernte er den Aquarellmaler Leon Amyx, Leiter der Kunstabteilung, und seine später Ehefrau Shanna Powell kennen.

In der Folge besuchte Ralph Goings ab 1953 das California College of Arts and Crafts in Oakland und anschließend die Sacramento State University, wo er 1965 seinen Master of Fine Arts (MFA) erwarb. Zu seinen Kommilitonen am California College of the Arts gehörten Robert Bechtle und Richard McLean, mit denen er wenig später die fotorealistische Bewegung gründete, aber auch der expressionistische Maler Nathan Oliveira.

In den 1960er Jahren unterrichtete Ralph Goings in Crescent City, Kalifornien, und leitete die Kunstabteilung der La Sierra High School in der Nähe von Sacramento.

Werke

„1963 wollte ich wieder mit dem Malen anfangen, aber ich beschloss, keine abstrakten Bilder mehr zu malen. Mir kam der Gedanke, dass ich das genaue Gegenteil versuchen sollte. […] Mir wurde klar, dass es noch schockierender wäre, das Foto zu projizieren und abzuzeichnen, anstatt es freihändig zu kopieren. Ein Foto wörtlich zu kopieren, galt als verwerflich. Es widersprach meiner gesamten Kunstausbildung […] Manche Leute waren empört über das, was ich tat, und sagten: ‚Das ist keine Kunst, das kann unmöglich Kunst sein.‘ Das ermutigte mich auf perverse Weise, denn ich genoss es, etwas zu tun, das die Leute so sehr aufregte […] Es machte mir wahnsinnig viel Spaß.“2 (Ralph Goings über die Anfänge des Fotorealismus)

Ralph Goings malte bereits ab Mitte der 1960er Jahre realistische Bilder und fand schnell zum Fotorealismus, den er in den 1970ern zum Hyperrealismus umwandte. Als Reaktion auf den Abstrakten Expressionismus (→ Abstrakter Expressionismus | Informel), die Pop Art und den Minimalismus (→ Minimal Art | Minimalismus) wandte sich der Künstler der gegenständlichen Malerei zu und fand in Robert Bechtle, Richard Estes und Audrey Flack Gleichgesinnte. Anfang der 1960er Jahre kommentierte Ralph Goings eine Pop Art-Ausstellung im San Francisco Museum of Art:

„Von den Bildern war ich enttäuscht. Sie waren so schäbig. Sie waren so primitiv gemacht. […] und ich dachte: Mein Gott, diese Typen sind handwerklich kein Stück besser als die Abstrakten Expressionisten. Sie haben eine großartige Idee, setzen sie aber malerisch nicht richtig um. Ich will etwas Ähnliches machen, aber so elegant und prachtvoll wie nur irgend möglich.“ 3

Goings Thema war der US-amerikanische Alltag, wobei er selten Menschen malte, sondern vorwiegend Gegenstände und Straßenszenen. Er bediente sich dabei Fotografien, die er selbst aufnahm. Als wichtige Figur der fotorealistischen Bewegung ab den späten 1960er Jahren war er vor allem für seine Gemälde von Pick-ups, Diner-Interieurs, Ketchupflaschen und Salz- und Pfefferstreuern bekannt. Seine Bilder porträtierten Alltagsgegenstände mit bewusster Objektivität und brillantem Realismus. Die extreme Detailgenauigkeit und der Realismus seiner Gemälde sind verblüffend, wodurch die Gemälde anfangs wie Fotografien wirken.

Aber auch auf die so wiedergegebenen Gegenstände wirkt sich die Motivwahl aus. Was zunächst als gewöhnlicher Gegenstand und somit wie ein Stück Wirklichkeit erscheint, bekommt durch die übernatürlich scharfe Wiedergabe etwas beinahe Halluzinatorisches. Ralph Goings selbst erklärte:

„Bei allem, was ich male, gilt mein Interesse der visuellen Aura des jeweiligen Gegenstandes, und wenn ich das Bild in Farbe übersetze, die auf die Leinwand aufgetragen wird, steigere ich diese Aura mit bestimmten Mitteln.“4

Obschon diese Werke wie „einfache“ Kopien von Fotografien wirken, strotzen sie vor Symbolen und Bedeutung. Ralph Goings’ „McDonald’s Pickup“ von 1970 etwa eine amerikanische Flagge, die Kreuzform eines Telefonmastes, rot-weiß-blaue Farbakkorde (kennzeichnend nicht nur für den amerikanischen Patriotismus, sondern auch für die von Piet Mondrian und anderen De-Stijl-Künstlern bevorzugte Primärfarbenpalette) und das Kragdach (moderne Architektur). Besonders markant sind die beiden goldenen Bogen, die Bezüge herstellen zum Klassizismus (römischer Bogen), zur Moderne (der berühmte Gateway Arch in St. Louis, Missouri), zur Alchemie (Verwandlung von Hamburgern in Profitgold) und zur Raumfahrt (parabolische Flugbahnen). Der Titel „Pickup“ bezieht sich doppeldeutig nicht nur auf das vor dem Lokal geparkte Auto, sondern auch auf die Ladentheke und die sich rasant verändernde Konsumkultur (weg vom Diner, hin zum Drive-in, incl. Massensterben der Restaurants).

Ralph Goings behauptete, die Pick-ups in seinen Gemälden seien „so etwas wie das letzte Relikt, das an den Mann des Westens erinnert, aber sie werden zu keinem anderen Zweck benutzt als zum Angeben“.5

 

Ateliers

Mitte der 1970er Jahre reizte ihn die Aussicht auf eine Künstlerkarriere, und er zog mit seiner Familie von Sacramento in den Norden des Bundesstaates New York. Ralph Goings wollte zwar in der Nähe der New Yorker Kunstszene sein, aber nicht in der Großstadt leben. Der Norden des Bundesstaates New York mit seinen sanften Hügeln und friedlichen Feldern schien die ideale Wahl. Er und Shanna kauften ein Anwesen mit einem Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert, ein ehemaliger Milchviehbetrieb. Ralph baute eine der Scheunen zu seinem Atelier um, wo im Laufe seiner Karriere der Großteil seines umfangreichen Werkes entstand. Da die Familie Goings seit Mitte der 1980er Jahre einen Zweitwohnsitz in Santa Cruz, Kalifornien, besaß, entschied sie im Jahr 2006 ihr Bauernhaus im Bundesstaat New York zu verkaufen und sich dauerhaft in Santa Cruz niederzulassen.

Ralph Goings pflegte eine langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit mit der O.K. Harris Gallery in New York City.

 

Ausstellungen

Goings Bilder wurden weltweit ausgestellt und sind in zahlreichen Sammlungen vertreten. 1972 war Goings Teilnehmer der „documenta 5“ in Kassel in der Abteilung für Realismus. Einer seiner größten Förderer war der New Yorker Galerist Louis K. Meisel.