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Augusto Giacometti Die Farbe und ich

Augusto Giacometti, Fantasia coloristica, 1913, Öl auf Leinwand, 142 x 142 cm, Kunstmuseum St. Gallen, Ernst-Schürpf-Stiftung © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.

Augusto Giacometti, Fantasia coloristica, 1913, Öl auf Leinwand, 142 x 142 cm, Kunstmuseum St. Gallen, Ernst-Schürpf-Stiftung © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.

August Giacometti (1877–1947) war ein Verwandter von Giovanni und Alberto Giacometti. Der schweizer Maler entwickelte sich vom Jugendstil über den Symbolismus zur Abstraktion und abstrahierten Figuration (→ Abstrakte Kunst). Zwischen 1920 und 1943 war er einer der anerkanntesten Künstler der Eidgenossenschaft. Gleichzeitig gilt Giacometti in der Schweiz als Erneuerer der Glasmalerei, bedeutender Wandmaler und Plakatgestalter.

Daniel Spanke und Beat Stutzer kuratierten für das Kunstmuseum Bern eine umfassende Retrospektive über den Schweizer Maler Augusto Giacometti, deren Titel „Die Farbe und ich“ auf einen Radiovortrag des Künstlers verweist. In diesem 1933 publizierten Text legt der Künstler sein Verhältnis zur Farbe als Ausgangspunkt seines Schaffens dar und reproduziert das handschriftliche Manuskript. Ziel von Katalog und Schau ist eine Neubewertung Giacomettis, die ihn in den letzten Jahren von einem „Dekorationsmaler“ zu einem Pionier der Abstraktion gemacht hat. Ein schnelles Durchblättern des Tafelteils zeigt einen vielseitigen Maler und Entwerfer von Glasfenstern, der Weiß und Schwarz gedämpft, Rot glühend, Blau funkelnd und grün geheimnisvoll leuchtend verwendete. Der aber auch präzise Schmetterlingsstudien, symbolistische Jugendstil-Dekorationen und atmosphärische Ansichten von Kairo hinterließ.

 

Unbekannter Pionier der Abstraktion

Beat Stutzer ist mit seinen Publikationen aus den Jahren 1991 und 2003 mitverantwortlich für den Rezeptionswandel. In der Schau "Inventing Abstraction" wurde seine Sicht 2012/13 vom Museum of Modern Art aufgenommen und Giacometti neben František Kupka (→ František Kupka. Pionier der Abstraktion), Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee als einer der Künstler präsentiert. Ohne voneinander zu wissen, stießen sie kurz nach 1900 in die Abstraktion vor. In der Berner Ausstellung1 und dem Katalog stellen die Kuratoren dem Werk Giacomettis je eine Arbeit von Eugène Delacroix (→ Delacroix und die Malerei der Moderne), Paul Cézanne, Adolf Hölzel, Johannes Itten, Paul Klee, Josef Albers, Richard Paul Lohse, Ernst Wilhelm Nay, Jerry Zeniuk und Raimer Jochims gegenüber.

 

 

Augusto Giacometti nahm nicht nur in der Schweiz eine zentrale Außenseiterposition ein. Während Cuno Amiet (1868–1961) und Giovanni Giacometti (1868–1933) Mitglieder der Dresdner Künstlervereinigung Die Brücke waren (→ Farbenrausch. Meisterwerke des deutschen Expressionismus), schloss sich Giacometti keiner Gruppierung an. Er entwickelte ein individuelles Farb-Form-System, das an ein Kaleidoskop oder ein Mosaik erinnert. Giacometti setzte die Farbflecke sowohl für Abstraktionen wie auch Landschaften, Stillleben und Porträts ein. Wenn er auch damit die Fläche der Leinwände betonte, so ließ sich „seine Abstraktion ohne Alphabet nicht aufschlüsseln – weder in eine Erzählung noch in ein philosophisch-theosophisches System“, fasst Spanke Giacomettis Prinzip schlüssig zusammen (S. 11). Einer dogmatischen Unterscheidung zwischen Abstraktion und Figuration, wie sie die Zeitgenossen von Augusto Giacometti einführten und deren Fehlen sie ihm zum Vorwurf machten, halten Daniel Spanke und Beat Stutzer das „postmoderne“ Konzept einer gleichzeitigen Verfügbarkeit der Mittel entgegen. Wenn auch die beiden Kuratoren Augusto Giacometti im Katalog mit Wassily Kandinsky in München, Adolf Hölzel in Stuttgart, Piet Mondrian in den Niederlanden oder Kasimir Malewitsch in der Sowjetunion vergleichen (→ Von Chagall bis Malewitsch. Die russischen Avantgarden), so wurde Giacometti deutlich weniger international wahrgenommen. Er hatte keine „Schule“ ausgebildet wie beispielsweise Hölzel in der Künstlerkolonie Dachau und ab 1905 an der Kunstakademie in Stuttgart und dadurch weniger Einfluss auf die folgende Generation. So ist der zwischen den 1920er und 1940er Jahren wichtigste Maler der Schweiz immer ein Einzelgänger geblieben.

 

Der Maler aus dem Bergell

Der Name Giacometti ist international hauptsächlich durch den Bildhauer-Maler Alberto Giacometti bekannt. Mit Giovanni, dessen Vater, und Alberto war Augusto Giacometti weitschichtig verwandt und kam auch aus demselben Heimatdorf Stampa. Obwohl Augusto Giacometti nahezu jedes Jahr den Sommer im Bergell verbrachte, verkehrten sie praktisch nicht miteinander und äußerten sich eigentlich ihr gesamtes Leben lang nur abschätzig übereinander. Dem Dorf Stampa kam im Werk Augusto Giacomettis eine überragende Rolle in seiner Kunst zu, während dagegen Zürich als Motiv nur selten vorkommt.

Die künstlerische Entwicklung von Augusto Giacometti lässt sich in aller Kürze wie folgt zusammenfassen: vom Jugendstil über den Symbolismus zur Abstraktion und abstrahierten Figuration. Zwischen 1920 und 1943 war er einer der anerkanntesten Künstler der Eidgenossenschaft. Gleichzeitig gilt Giacometti in der Schweiz als Erneuerer der Glasmalerei, bedeutender Wandmaler und Plakatgestalter. In Ausstellung und Katalog konzentrierten sich die Kuratoren auf den Maler und Glasentwerfer. Getreu seinem Motto, in den Bildern eine Welt für sich entstehen zu lassen, und, wie sein Werkinterpret Erwin Peoschel formulierte, „über den Trübungen des Alltags eine andere, strahlende Welt des schönen Scheines aufzurichten“, verband Augusto Giacometti die Suche nach einer besseren Wirklichkeit mit der Schönheit der Farben.

 

 

Seiner Ausbildung bei Eugéne Grasset entsprechend, ist der frühe Giacometti dem Jugendstil und dem Symbolismus zuzurechnen. Weich fließende Linien, Stilisierung, Flächigkeit, ornamentale Reduktion prägen die frühesten, eigenständigen Werke. In der weiteren Entwicklung zeigt sich, wie die Reduktion zu einer Abstrahierung der Formen zugunsten der Farbwerte bis zu einem extremen Punkt getrieben wurde. Eine Quelle der Abstraktion, so lässt sich schlussfolgern, ist die Ornamentalisierung, Flächigkeit und Stilisierung des Jugendstils. Enge Bildausschnitte wie auch die Nahsicht verstärken diese Eigenschaften. Die in der Florentiner Zeit des Künstlers entstandenen Werke werden zunehmend aus einzelnen, pastosen Farbflecken mit mosaikhafter Wirkung aufgebaut. Ab 1910 verwendete er dazu auch die Spachtel. Als sich Augusto Giacometti von den mystisch-symbolistischen Themen seiner Frühzeit abwandte, nutzte er weiterhin seine spezielle Malweise. Mit seinen „koloristischen Fantasien“ machte er den Schritt in die Ungegenständlichkeit, die er 1921 in der Zürcher Galerie Wolfsberg erstmals dem Publikum präsentierte. An dieser Stelle wäre es interessant gewesen, die Reaktion des Publikums (der Kritik) zusammenzufassen.

 

Meister der Farben

Ab dem Sommer 1899 schuf Augusto Giacometti erste abstrakte Pastelle und Ölstudien, die er immer parallel zu seinem Werk entwickelte, um sich Farbkombinationen und -wirkungen zu vergewissern. Jahrzehnte später erinnerte sich der Maler an seine ersten abstrakten (oder besser abstrahierten) Farbexperimente im zoologischen Museum im Jardin des Plantes. Er fertigte Studien nach Schmetterlingen an und quadrierte die farbigen Flügel, um so abzulesen, „wieviel Quadrate Schwarz, wieviel Quadrate Dunkelgrün und wieviel Quadrate Rot der Schmetterlingsflügel enthielt. Diese Quadrate zeichnete ich dann grösser, füllte sie mit der betreffenden Farbe aus und ließ den Umriss des Schmetterlingsflügels weg; so hatte ich tatsächlich eine farbige Abstraktion ohne Gegenstand“.2 Seine Kunst wollte er parallel zu den Gesetzen der Natur entwickeln. Doch nicht nur die „äußere Welt“, sondern auch historische Kunstwerke wie die mittelalterlichen Glasscheiben im Musée de Cluny oder ab dem Winter 1897/98 die Tafeln von Giotto di Bondone und Fra Angelicos „Marienkrönung“ im Louvre inspirierten Augusto Giacometti zu Reduktionen, die von ihm als „Versuche über abstrakte Farbenwirkungen und Farbentranspositionen“ bezeichnet wurden. Ausgehend von verschiedenen Vorlagen (Modellen) untersuchte er damit die quantitative Verteilung der Farben. In ihnen ist die Farbe der einzige Ausdrucksträger, völlig losgelöst von figurativen oder erzählerischen Inhalten. Damit löste sich Giacometti von abstrahierenden Tendenzen des Jugendstils (vgl. August Endell, Hermann Obrist und Hans Schmithals, Henry van de Velde) und knüpfte an die Versuche der Romantiker an (vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Philipp Otto Runge, William Turner) (S. 33).

 

 

In frühen Ausstellungen zeigte Augusto Giacometti diese Farbexperimente nicht, da er sich – wie Beat Stutzer vermutet – ihrer Kühnheit bewusst gewesen ist. Unterstützt wird diese Einschätzung durch die frühen Publikationen von Erwin Poeschel, der die Abstraktionen als „die Zellen seines [Giacomettis] Schaffens, aus denen sich die großen Wirkungen aufbauen“ bezeichnete (S. 33).

 

Abstrakt, aber wie?

„So reduzierte ich die Zahl der Quadrate auf neun, überzeugt, dass man mit neun Quadraten auch die reichste und vollste Farbenharmonie einfangen könne. Die letzten Farbabstraktionen stammen aus diesem Jahr aus Torcello [1933). Ich habe versucht, etwas vom Klang der alten Mosaike mit nach Hause zu nehmen.“3

 

Daniel Spanke macht sich in seinem Katalogbeitrag auf die Suche nach den konkreten Vorbildern, die Augusto Giacometti in einigen seiner „Abstraktion nach einem Bild von …“ nannte – und kann keine finden! Demnach handelt es sich nicht einfach um auf Farbwerte reduzierte Abstraktionen von Kunstwerken, sondern um Erinnerungen und Experimente. Spanke definiert ihre Besonderheiten als „Farbnuancenreichtum und die Strukturierung ihrer Felder aus als auch durch deren gewellte Kontur“ (S. 49), wobei das betonte Arbeiten in der Fläche eine Basis der Abstraktion bildet. Von diesem Arbeiten in Zellen leiten Spanke und Beat Stutzer auch das Interesse Giacomettis an bunten Glasfenstern und der Mosaikkunst ab. Zu sehen waren die abstrakten Experimente in der Öffentlichkeit jedoch kaum vor 1924.

Daniel Spanke geht von einem intuitiven Vorgehen des Künstlers aus, da sich in seinem (gut sortierten) schriftlichen Nachlass keine Notizen über eine präzise Vorgangsweise zur Abstraktion (zum Abstrahieren) finden lassen. Vielleicht fühlte sich Augusto Giacometti durch eine solche auch zu sehr eingeengt, ging es ihm doch bei den Abstraktionen darum, diese „aus Bildern, Mosaiken, Meer, Glasfenstern (herauszuziehen). In Zürich dann eventuell die Sachen oder einzelnes durch den Farbenkreis transponieren, um zu neuen Resultaten zu gelangen.“4 Dass Augusto Giacometti seine Farbenphilosophie sogar auf die Natur übertrug, belegt, wie Daniel Spanke ausführt, das Gemälde „Regenbogen“. Dessen Spektralfarben (Newton‘sche Farblehre) durchziehen einen neutralgrauen Himmel. Darüber hinaus belebte er seine Kompositionen durch Modulationen der Farbtöne und Farbverläufe.

 

 

„Die Farbe und ich“ – Augusto Giacomettis Farbverständnis

Nach der Lektüre von Julia Burckhardts Beitrag „Der „Faden einer Wahrheit“. Augusto Giacomettis Vortrag Die Farbe und ich“ lässt sich begründen, warum die Position des Schweizer Malers so lange als die eines „Dekorationsmalers“ beschrieben wurde. Es muss konstatiert werden, dass offenbar seine Gemälde und Glasfenster lange vor seinem 1933 gehaltenen Radiovortrag Tendenzen zur Abstraktion aufweisen und der Text nicht jenen Grad an theoretischer Durchdringung verrät, der in der Nachfolge der Texte Kandinskys vorausgesetzt wurde. Giacometti nahm erst deutlich verspätet am kunsttheoretischen Diskurs über Farbenlehre (vgl. Hölzel) teil. Für ihn waren Michel Eugène Chevreul (1786–1889), Eugène Delacroix (1798–1863), Wilhelm Ostwald (1853–1932), Paul Signac (1863–1935), Wassily Kandinsky (1866–1944), Wilhelm Ostwald (1859–1932) und Hans Adolf Bühler (1877–1951) die wichtigsten Vorläufer. Giacomettis Ansicht, dass die Natur nach einem zu entschlüsselnden Farbgesetzt gefärbt wäre, wurde von den meisten Rezensenten dann auch als mystisch und unwissenschaftlich zurückgewiesen. Giacomettis Abstraktion ist weder eine gänglich auf Theorie fußende (konkrete) noch von der Welt abgewandte, nur sich selbst verpflichtete, sondern eine der Natur und der Kunstgeschichte abgeschaute.

 

Warum Augusto Giacometti in Bern?

Dass sich gerade das Kunstmuseum Bern für Augusto Giacometti interessiert, während der Maler hauptsächlich in Zürich wirkte, hat einerseits mit dem Sammlungsbestand des Kunstmuseums und andererseits mit drei heute wenig bekannten Glasmalerei-Projekten in der Schweizer Hauptstadt zu tun:

  • 1931 schuf er Glasfenster für die Garderobe des Ständeratssaales im Schweizer Bundeshaus in Bern zum Thema „Die Arbeit auf dem Lande“, die jedoch bereits im Folgejahr wieder ausgebaut wurden, da sie als zu dunkel empfunden worden waren.
  • 1936/1938 entwarf er Glasfenster im Chor der reformierten Kirche von Adelboden.
  • 1943 entstanden in einer ähnlichen Vorzimmersituation wie im Ständeratssaal die vier Glasgemälde zu den „Tageszeiten“ im Berner Rathaus, die sich noch immer vor Ort befinden.

 

Biografie von Augusto Giacometti (1877–1947)

Am 16. August 1877 wurde Antonio Augusto Giacometti als ältester Sohn von Giacomo Giacometti (1853–1918) und seiner Frau Marta Stampa (1859–1928) im Bergeller Dorf Stampa geboren. Entfernt ist er mit dem anderen künstlerisch bedeutenden Zweig der Giacomettis aus Stampa verwandt, mit Giovanni (1868–1933) und dessen Sohn Alberto (1901–1966).
1881 Geburt seines Bruders Fernando (Selbstmord 1904).
1889–1891 Besuch der Sekundarschule in Zürich, bei Tante Marietta Torriani und deren Mann in der Bahnhofstraße 76 wohnhaft.
1891–1894 kurzzeitig Besuch der Realschule in Stampa, im Herbst Wechsel an die Bündner Kantonsschule in Chur, wo sein Zeichentalent gefördert wird.
1894–1897 Besuch der Kunstgewerbeschule in Zürich, wo er in Figur-, Porträt- und Aktzeichnen, perspektivisches Freihandzeichnen, darstellende Geometrie, Blumen- und Ornamentzeichnen sowie Modellieren, Stillehre und Anatomie unterrichtet wurde. Während dieser drei Jahre wohnte Giacometti wieder bei seiner Tante Marietta Torriani in der Bahnhofstrasse. Bewunderung für Ferdinand Hodler (1853–1918) und dessen Wettbewerbsentwürfe für die Wandbilder im Zürcher Landesmuseum, die einen erbitterten Kunstkampf auslösten. Da er in der Bibliothek der Kunstgewerbeschule Eugéne Grassets Buch „La plante et ses applications ornementales“ (1896) entdeckt hatte, wollte er nach Paris übersiedeln. Weitere Bewunderung für die Jugendstilzeitschriften „Die Jugend“ und „Pan“ sowie den englischen Künstler Walter Crane. Abschluss der Schule mit dem Zeichenlehrerdiplom („Zeichenlehrer auf der Stufe der Sekundar- und Mittelschulen sowie der gewerblichen Fortbildungsschulen“).
1897 Im Frühsommer übersiedelte Giacometti nach Paris. Er belegte Kurse an der École Nationale des Arts Décoratifs und besucht abends die Académie Colarossi. Besuch der Museen, Bewunderung für die italienischen Meister der Frührenaissance, vor allem Fra Angelico, und Pierre Puvis de Chavannes (1824–1898). Da Augusto Giacometti die Lehrmethoden des École Nationale des Arts Décoratifs als veraltet empfand, wechselte er im Herbst 1897 an die École normale d’enseignement du dessin. Hier unterrichtete Eugène Grasset, und Augusto Giacometti konnte sich rasch das Vokabular des Jugendstils aneignen: „Man war wie eine Art Gott und konnte in analoger Weise wie der liebe Gott mit der Natur verfahren und vorgehen. [I, S. 48/49]“
1898 Im Sommer absolvierte Giacometti in Chur die Rekrutenschule. Zum zweiten Band (2ème édition) von Eugène Grassets Publikation „La plante et ses applications ornementales“ (1899) steuert Giacometti mehrere Tafeln sowie das Titelblatt bei.
1900 Auf der Weltausstellung gewann Giacometti mit seinen kunstgewerblichen Entwürfen eine Silbermedaille.
1901 Erkrankung der Lunge und Kuraufenthalt in einem Sanatorium in der Gemeinde Wald im Zürcher Oberland.
1902–1915 Mitte Januar reiste Augusto Giacometti nach Florenz, wo er dreizehn Jahre lang lebte. Seine Bewunderung für den Italienersaal im Louvre und Fra Angelico im Besonderen hatten ihn dazu ermuntert. Ab Mitte Mai verbrachte Giacometti alljährlich die Frühjahrs- und Sommermonate im heimatlichen Stampa im Bergell.
Giacometti beteiligt sich am öffentlichen Wettbewerb für das Mosaik „Die Heimkehr der Sieger von Sempach“ an der Hoffassade des Schweizer Landesmuseums in Zürich und erringt zusammen mit Albert Bosshard (1870–1948) und Werner Büchli (1871–1942) den zweiten Preis (ein erster Preis wird nicht vergeben); die drei Preisträger werden zu einem engeren Wettbewerb eingeladen.
1904 Zerwürfnis der Eltern eskaliert im Selbstmordversuch der Mutter. Trennung der Eltern, die Mutter zog von Stampa zu ihrem Sohn Fernando nach Bern. Fernando brachte sich um. Freundschaft mit dem Schweizer Maler Wilhelm Balmer (1865–1922). Im Herbst Umzug nach Rom, der nach zwei Wochen wieder abgeblasen wurde.
1907–1913 Giacomettis Atelier in Florenz war an der Via degli Artisti 8. Er erhielt einen Lehrauftrag für Aktzeichnen an der privaten Accademia Internazionale di Belle Arti, die von seinem Landsmann Joseph Zbinden (1873 – 1924) gegründet worden war. Giacometti kam in Kontakt mit der italienischen Avantgarde und den Futuristen.
1910 Erste Ausstellung in der Galerie Mietke in Wien
1913 Erste Ausstellungen in der Schweiz: In der Kunsthalle Basel und im Rätischen Volkshaussaal in Chur. Für das Privathaus des Schweizer Psychiaters Franz Riklin in Küsnacht am Zürichsee fertigt Giacometti das Mosaik „Heiliger Franziskus von Assisi“.
1914 Wandbild „Am Morgen der Auferstehung“ in der Kirche San Pietro in Stampa. Erster öffentlicher Auftrag: Mosaik „Werden“ für den Wandelgang in der Universität Zürich.
1915 Rückkehr in die neutrale Schweiz, da mit Kriegseintritt Italiens die Akademie, an der Giacometti unterrichtete, geschlossen wurde. Verbrachte den Sommer in Stampa, entschied sich aber sich in Zürich niederlassen. Mitte September bezog Giacometti ein Atelier in der Zürcher Rämistrasse 5, nahe des Bellevue–Platzes und des Café Odeon, in dem er bis zu seinem Tod arbeitete.
1916 Die Dadaisten Hans Arp (1886–1966), Hugo Ball (1886–1927), Marcel Janco (1895–1984), Sophie Taeuber–Arp (1889–1943) und Tristan Tzara (1896–1963) gründeten das Cabaret Voltaire als literarischen Zirkel, Kleinbühne und Ausstellungslokal. Augusto Giacometti pflegte den Kontakt mit ihnen.
1917 Direktauftrag für ein Wandbild, eine monumentale Lünette, im Krematorium in Davos. Bekanntschaft mit dem Kunsthistoriker Erwin Poeschel (1884–1965), der Augusto Giacomettis erster Biograf wurde. Erste Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich.
1918–1920 Mitgliedschaft bei der spätexpressionistischen Künstlergruppe Das Neue Leben. Ziel der Gruppe war es, die Aufhebung der Grenzen zwischen Hochkunst und Dekoration und damit eine Aufwertung des Kunstgewerbes durchzusetzen. Erste Glasfenster für das Langhaus der Kirche St. Martin in Chur.
1919 Am 9. April Teilnahme an der 8. Dada-Soirée. Schuf für eine Privatkapelle in Basel erste Glasfenster „Das Licht“ und drei Fenster im südlichen Hauptschiff der spätgotischen Kirche St. Martin in Chur.
1920 Vertrat die Schweiz auf der Biennale von Venedig. Nicht ausgeführte Entwürfe für Chorfenster in der Kirche St. Martin in Chur.
1921 Giacometti hielt sich fortan während der Sommerzeit oft in Stampa auf und reiste fast jährlich für kurze Aufenthalte nach Paris. Italienreise: Venedig, Mailand, Turin und Neapel, außerdem reist er nach Marseille.
1922 Reise nach Italien. Im Rascher Verlag in Zürich erschien die erste monografische Publikation von Erwin Poeschel über Giacometti. Einzelausstellung im Kunsthaus Chur.
1924 Ausstellung in der Kunsthalle Bern.
1925 Erster Preis beim Wettbewerb für die Ausmalung der Eingangshalle im Amtshaus I in Zürich (Ausführung 1925/26). Reise durch Norddeutschland, Dänemark und Schweden. Augusto Giacometti fühlte sich nicht inspiriert und war nur vom Thorvaldsen Museum in Kopenhagen begeistert.
1927 Zum 50. Geburtstag veranstaltete das Kunsthaus Zürich eine Ausstellung mit Werken von Wassily Kandinsky (1866–1944), Alexander Soldenhoff (1882–1951), Pierre–Eugène Vibert (1875–1937) und Augusto Giacometti, der mit über hundert Arbeiten vertreten war.
1928 Auf einer Reise nach London ist Giacometti von der Malerei William Turners (1775–1851) tief beeindruckt. In der Tate Gallery begeisterte er sich für die Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti (1828–1882) und Edward Burne-Jones (1833–1898). Zweite monografische Publikation von Poeschl mit einem Werkverzeichnis für die Jahre 1892 bis 1927 erschien; erste italienische Monografie von Arnaldo M. Zendralli.
1930 Ausstellung in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune und im Kunstmuseum Luzern; französischsprachige Monografie von Maximilien Gauthier.
1931 Glasfenster für die Garderobe des Ständeratssaales im Schweizer Bundeshaus in Bern zum Thema „Die Arbeit auf dem Lande“ (1932 wieder abgenommen) und Wandbild in der Zürcher Börse. Im Winter Reise nach Tunesien mit Besuch von Tunis und Kairouan.
1932 Ende März Weiterreise nach Algerien: Algier, Constantine, El Kantara, Biskra und Touggourt. Die Galerie Aktuaryus in Zürich zeigt unter dem Titel „Meine Reise in Afrika/Il mio viaggio in Africa“ Giacomettis Werke, die von Nordafrika inspiriert sind. Giacometti vertrat die Schweiz auf der XVII. Biennale von Venedig.
1933 Zweite Einzelausstellung in der Galerie Bernheim-Jeune in Paris. Das Museum du Jeu de Paume erwirbt das Gemälde „Algier“ (1932). Am 7. Mai Weihe der drei Chorfenster im Großmünster in Zürich mit der Darstellung der „Anbetung der Könige“ (Entwürfe vom Oktober 1928). Im September reiste Giacometti für zwei Wochen nach Venedig und hielt am 14. November im Studio Fluntern in Zürich den Rundfunkvortrag „Die Farbe und ich“.
1934 Veröffentlichung von Augusto Giacomettis Buch „Die Farbe und ich“ (Verlag Oprecht & Helbling, Zürich), das auf einem Radiobeitrag des Künstlers im Zürcher Studio Fluntern vom November 1933 basiert. Einzelausstellung mit Gemälden Kunsthaus Chur. Wahl zum Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission unter dem Präsidenten Daniel Baud-Bovy.
1936/1938 Entwurf der Glasfenster im Chor der reformierten Kirche von Adelboden.
1937 Zum 60. Geburtstag widmete das Kunsthaus Zürich Augusto Giacometti eine große Ausstellung. Glasfenster der Dorfkirche in Adelboden.
1939 Im Januar Wahl Augusto Giacomettis zum Präsidenten der Eidgenössischen Kunstkommission, der er bis zu seinem Tod vorstand. Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel mit 77 Gemälden aus allen Schaffensphasen.
1942 Giacometti erlitt Anfang des Jahres einen Erstickungsanfall und eine Herzattacke. Anstatt der Reise nach Venedig, wo er als Mitglied der internationalen Jury für die Biennale mitwirken sollte, war er zu einem Aufenthalt in der Klinik Hirslanden in Zürich gezwungen. Im Herbst erlitt er eine weitere Attacke.
1943 Vier Glasgemälde zu den „Tageszeiten“ im Berner Rathaus Der erste Band von Giacomettis Lebenserinnerungen erschien unter dem Titel „Von Stampa bis Florenz“ im Rascher Verlag, Zürich. Der zweite Teil, „Von Florenz bis Zürich“, wurde erst 1948, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, ediert. Arnaldo M. Zendralli publizierte einen Band mit verschiedenen Texten und Schriften über Giacometti und ergänzte das Werkverzeichnis um die Jahre 1936 bis 1942.
1947 Augusto Giacometti erkrankte am 28. Mai schwer und wurde abermals in die Klinik Hirslanden eingeliefert, wo er am 9. Juni im Alter von 70 Jahren starb. Am Begräbnis auf dem Friedhof von San Giorgio in Borgonovo bei Stampa nehmen die Dorfbevölkerung, viele Freunde und offizielle Vertreter von Kantonen und Bund teil. Cuno Amiet, Erwin Poeschel und Arnaldo M. Zendralli sprechen am Grab. Auf dem Epitaph von Augusto Giacometti ist eingemeißelt: «QUI RIPOSA IL MAESTRO DEI COLORI» (dt.: Hier ruht der Meister der Farben)

 

Augusto Giacometti: Bilder

  • Augusto Giacometti, Selbstbildnis, 1910, Öl auf Leinwand, 41 x 31 cm © Bündner Kunstmuseum Chur © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Abstraktion nach einem Bild von Giotto, 1903, Pastell und Gold auf Papier,24,5 x 24 cm © Bündner Kunstmuseum Chur © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Landschaft (Baum), 1911, Öl auf Leinwand, 70 x 69 cm, Privatbesitz © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Fantasia coloristica, 1913, Öl auf Leinwand, 142 x 142 cm, Kunstmuseum St. Gallen, Ernst-Schürpf-Stiftung © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Stampa, 1915, Aquarell auf Papier, 27,8 x 37,1 cm © Bündner Kunstmuseum Chur © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti
  • Augusto Giacometti, Regenbogen, 1916, Öl auf Leinwand, 132 x 150 cm, Kunstmuseum Bern, Geschenk dreier Kunstfreunde © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Sommernacht, 1917, Öl auf Leinwand, 67,2 x 65 cm, The Museum of Modern Art, New York, Louise Reinhardt Smith Fund, 1967 © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Bildnis Felix Moeschlin, 1919, Pastell auf Papier, 68 x 66 cm, Kunstmuseum Bern, Schenkung zweier Berner Firmen und zweier Kunstfreunde © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti
  • Augusto Giacometti, Glaspolyeder, 1919, Öl auf Leinwand, ø 116 cm, Privatbesitz © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.
  • Augusto Giacometti, Selbstbildnis, 1922, Öl auf Leinwand, 41,5 x 35,7 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti
  • Augusto Giacometti, Die Bar Olympia, 1928, Öl auf Leinwand, 170 x 222,5 cm, Legat des Künstlers © Bündner Kunstmuseum Chur © Erbengemeinschaft Nachlass Augusto Giacometti.

 

 

Augusto Giacometti: Ausstellungskatalog

Kunstmuseum Bern, M. Frehner, D. Spanke, B. Stutzer (Hg.)
Mit Beiträgen von M. Frehner, B. Stutzer, D. Spanke, J. Burckhardt, D. Favre, H. Rocchi
264 Seiten, ca. 90 farbige Abb.
Deutsch und Französisch
ISBN 978–3–86832–221–7
Wienand Verlag, Köln

  1. Themen der acht Ausstellungsräume in Bern: Symbolismus 1903–1910, Aquarelle 1908–1915, Mein Heimatdorf 1910–1914, Abstraktion und Farbenpracht 1912–1927, Glühende Bilder 1917–1945, Augusto Giacometti und die Farbmalerei Europas, Selbstbildnisse 1910–1947, Wände aus farbigem Glas.
  2. Zitiert nach Beat Stutzer: Farbvisionen, in: Kunstmuseum Bern, Daniel Spanke, Beat Stutzer (Hg.), Augusto Giacometti. Die Farbe und ich (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, 19.9.2014-8.2.2015), Köln 2014, S. 30–43, hier S. 32.
  3. Zitiert nach Daniel Spanke: „Mit einem Farbenkreis manipulieren“ Augusto Giacomettis Abstraktion, in: Kunstmuseum Bern, Daniel Spanke, Beat Stutzer (Hrsg.): Augusto Giacometti. Die Farbe und ich (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern 19.9.2014-8.2.2015), Köln 2014, S. 44–61, hier S. 48–49.
  4. Zitiert nach ebenda, S. 57.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.