Berin | Kupferstichkabinett: Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800. Bosporus Beats

Melchior Lorck, Sultan Süleyman I., Detail, um 1574, Holzschnitt auf Papier, 45,6 x 33.4 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
Werke weltberühmter Künstler wie Andrea Pollaiuolo, Albrecht Dürer, Coecke van Aelst, Rembrandt van Rijn, Jean-Etienne Liotard (1702–1789) oder Chodowiecki sowie seltene und kaum gezeigte Exponate belegen das große Interesse der Europäer an der osmanisch-türkischen Kultur durch die Jahrhunderte. Berlin zeichnet 2026 mit der Schau ein vielschichtiges und auch kontroverses Bild: Die einen reflektieren die Bedeutung von Kunst und Musik, zeugen von Neugier und Begeisterung und dokumentieren Pracht und Schönheit. Andere dienen propagandistischen Interessen und verbreiten Vorurteile.
Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800
Deutschland | Berin: Kupferstichkabinett
13.2. – 31.5.2026
- Melchior Lorck, Süleymaniye Moschee von Nordost gesehen, um 1570, Holzschnitt auf Papier, 19,4 x 53,5 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800
Perspektiven
Das Thema der Perspektive eröffnet und begleitet die Ausstellung. Hierfür stehen die Darstellungen Istanbuls von Antoine Ignace Melling (1763–1831). Der deutsch-französische Architekt lebte viele Jahre in der Metropole am Bosporus, in der er für Sultan Selim III. und dessen Halbschwester Hatice Sultan tätig war. Seine Bilder der Stadt wurden als Kupferstiche in Paris veröffentlicht. Den Ansichten vorangestellt ist eine topographische Karte von Istanbul, auf der Melling seinen Standpunkt und den Radius seines Sehfeldes markierte. Damit verlieh er den detailreich aber auch fantasievoll ausgestatteten Ansichten Glaubhaftigkeit. Heute lassen die Werke Fragen über das Verhältnis von Perspektive und Wirklichkeit zu. Orhan Pamuk bezeichnete die Kupferstiche Mellings als die schönsten Darstellungen seiner Heimatstadt, weil sich in ihnen Innen- und Außenperspektive durchdringen.
Für einen zeitgenössischen Zugang zu den Werken konnte der Politikwissenschaftler und Autor Ozan Zakariya Keskinkılıç gewonnen werden, während der Laufzeit der Ausstellung Miniaturen zu einzelnen Werken zu schreiben. Sie ergänzen die kunsthistorische Betrachtung um eine literarische Beziehung. Die neu geschaffenen Texte werden in einer Veranstaltung mit dem Literaturhaus Berlin gelesen.
- Jean-Baptiste Hilaire, Eine Frau in türkischer Tracht, 1778, Wasserfarben und Feder in Schwarz auf Papier, 43 x 32,9 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
- Melchior Lorck, Sultan Süleyman I., um 1574, Holzschnitt auf Papier, 45,6 x 33.4 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
Echoraum für Themen der Gegenwart
Die Ausstellung spannt einerseits einen großen zeitlichen Bogen von der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich im Jahr 1453 bis hin zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Preußen durch die erste osmanische Gesandtschaft in Berlin 1763. Andererseits fragen die einzelnen Teile der Ausstellung – „Berührung“, „Reisen“, „Krieg“, „Propaganda“ und „Orientalismus“ – jeweils nach der Perspektive von Künstler und Publikum. Zeitgenössische Positionen in der Ausstellung reflektieren Klischee und Bildmacht.
Künstlerinnen wie Nevin Aladağ (*1972), Işıl Eğrikavuk (*1980) und Esra Gülmen (*1986) – alle in Berlin lebend – befassen sich in ihren Werken insbesondere mit den Konzepten Heimat und Identität. Eine Kupferplatte von Aladağ stammt aus einer Performance über weibliches Empowerment und zeugt von der Möglichkeit, neue Spuren zu hinterlassen und Bilder neu zu prägen. Eğrikavuk befasst sich mit der Migration von Menschen und Pflanzen und den Möglichkeiten von Adaption und Isolation in sich verändernden Umgebungen. Gülmen widmet sich den Themen Sprache und der Macht von Vorurteilen. Im Zusammenspiel mit den historischen Kunstwerken entsteht so ein Reflektionsraum für Themen der Gegenwart.
Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Begleitprogramm u.a. in Kooperation mit dem TAM-Museum (Berlin), ergänzt, das kritische Fragen kreativ adressiert und von der aktiven Teilnahme der Ausstellungsbesucher:innen lebt: So werden interdisziplinär durchgeführte Workshops zu den Themen in der Ausstellung angeboten.
Bilder
- Melchior Lorck, Süleymaniye Moschee von Nordost gesehen, um 1570, Holzschnitt auf Papier, 19,4 x 53,5 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
- Albrecht Dürer, Knoten mit herzförmigem Schild, nach 1507, Holzschnitt auf Papier, 28 x 21,9 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
- Unbekannt, Kostümbuch der türkischen Gesandtschaft in Berlin 1763, nach 1763, Handschrift, Staatsbibliothek zu Berlin (Foto: Staatsbibliothek zu Berlin)
- Melchior Lorck, Riesenhafte Giraffe, 1559, Wasserfarben auf Papier, 31,5 x 20,6 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
- Antoine Ignace Melling, Voyage Pittoresque De Constantinople: Plan de la Ville de Constantinople, 1819, Kupferstich, 65,2 x 100,6 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek/Dietmar Katz)
- Esra Gülmen, Do Women have to Wear a Hijab in Turkey?, aus der Serie The brilliant questions I got asked because I’m Turkish, 2019, Tusche auf Papier, 56 x 42 cm (© Esra Gülmen)
- Nevin Aladağ, Stiletto/Wild World, 3:08 min (Performance „Raise the Roof”, Venice Biennale 2017, May 13th 2017, 12pm), 2017, mit High-Heels geprägte Kupferplatte, 100 x 100 x 5 cm (© Nevin Aladağ, mit freundlicher Unterstützung von Wentrup Gallery, Berlin)
- Melchior Lorck, Sultan Süleyman I., um 1574, Holzschnitt auf Papier, 45,6 x 33.4 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
- Antonio del Pollaiuolo (zugeschrieben), Der Großtürke Mehmed II „El Gran Turco“, um 1470/75, Kupferstich auf Papier, 27,8 x 19,9 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Jörg P. Anders)
- Jean-Baptiste Hilaire, Eine Frau in türkischer Tracht, 1778, Wasserfarben und Feder in Schwarz auf Papier, 43 x 32,9 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz)
- Antoine Ignace Melling, Voyage Pittoresque De Constantinople: Grand Place de l‘Hippodrome, 1819, Kupferstich auf Papier, 65,2 x 102 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek/Dietmar Katz)
- Antoine Ignace Melling, Voyage Pittoresque De Constantinople: Plan Indicatif, 1819, Kupferstich, 55,2 x 101,8 cm (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek/Dietmar Katz)
- Işıl Eğrikavuk, But You Don‘t, 2018, Pigmentdruck auf Papier, 85 x 127 cm ©



