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Ernst Ludwig Kirchner: Biografie Lebenslauf des deutschen Malers und Mitbegründers der „Brücke“

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstporträt in der Atelierwohnung in Berlin-Friedenau, 1913/1915, Glasnegativ, 13 × 18 cm (Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 2001)

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstporträt in der Atelierwohnung in Berlin-Friedenau, 1913/1915, Glasnegativ, 13 × 18 cm (Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 2001)

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) war ein Mitbegründer der Künstlergruppe „Die Brücke“ in Dresden und ein bedeutender Vertreter des deutschen Expressionismus. Gemeinsam mit Erich HeckelKarl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein entwickelte er den Brücke-Stil, in dem Einflüsse des Postimpressionismus, der afrikanischen Kunst und des Futurismus verarbeitet wurden. 1912 nach Berlin übersiedelt, meldete sich Kirchner „unfreiwillig freiwillig“ zum Einsatz im Ersten Weltkrieg.  übersiedelte er nach Davon in die Schweiz, wo er sich in den 1920er Jahren der Alpenlandschaft zuwandte. Nach dem „Anschluss“ Österreichs durch die NS-Truppen entwickelte der als „entartet“ diffamierte, international erfolgreiche Künstler die Vorstellung, dass als nächstes Land die Schweiz überfallen werden würden. Wohl aus diesem Grund erschoss sich Ernst Ludwig Kirchner am 15. Juni 1938.

 

Ausbildung

Der am 6. Mai 1880 in Aschaffenburg als ältester von drei Söhnen von Ernst Kirchner (1847–1921) und Maria Elise Franke (1851–1928) geborene Künstler besuchte bis 1901 das Gymnasium in Chemnitz. Auf Wunsch des Vaters immatrikulierte er sich an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden, wo er Architektur studierte. Schon im folgenden Jahr entstanden erste eigenständige Gemälde.

Nachdem er das Vordiplom erworben hatte, studierte Ernst Ludwig Kirchner ein Semester Kunst in München bei den Professoren Wilhelm von Debschitz (1871–1948) und Hermann Obrist (1862–1927). Hier besuchte er die 8. Ausstellung der Münchner Künstlergruppe Phalanx, wo er Werke von Wassily Kandinsky, Seurat (→ Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus), Paul Signac und Cross (→ Henri-Edmond Cross: Farbe und Licht) sah. Um die Originaldruckstöcke von Albrecht Dürer besichtigen zu können, reiste er in die Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg.

Zurück in Dresden unternahm Ernst Ludwig Kirchner erste malerische Versuche, die noch ganz dem Jugendstil verpflichtet waren. Im Sommer unternahm er gemeinsam mit seinem Studienkollegen Fritz Bleyl (1880–1966) erste Ausflüge zur Seenlandschaft um das Barockschloss Moritzburg bei Dresden. 1903 lernte er auch Erich Heckel (1883–1970) kennen.

 

Ernst Ludwig Kirchner und „Die Brücke“

Kurz vor Abschluss des Studiums als Diplomingenieur gründete Ernst Ludwig Kirchner am 7. Juni 1905 gemeinsam mit Heckel, Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) und Fritz Bleyl die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“. Ihre künstlerische Tätigkeit begann mit dem „Viertelstundenakt“. Dafür zeichneten sie schnell Akte im Atelier oder in der Natur. In Anlehnung an den Farbholzschnitt des Jugendstils wandte sich Kirchner dem Holzschnitt zu. Im November 1905 stellten die jungen „Brücke“-Künstler erstmals in der Kunsthandlung P. H. Beyer und Sohn in Leipzig aus. Ernst Ludwig Kirchners malerischer Stil war in dieser Phase noch ganz dem Postimpressionismus verpflichtet. Einen großen Eindruck hinterließen die Werke von Vincent van Gogh, die er in einer Einzelausstellung in der Galerie Arnold in Dresden erstmals im Original studieren konnte; eine weitere Ausstellung sah er 1908 im Kunstsalon Richter.

Im Jahr 1906 formulierte die „Brücke“ ihr Programm, das sowohl als typografische Anzeige wie auch als Holzschnitt Kirchners veröffentlicht wurde. Eine erste Wanderausstellung der „Brücke“ präsentierte vor allem Zeichnungen, Aquarelle und Holzschnitte. Die ebenfalls in diesem Jahr erfolgte Öffnung der „Brücke“ für passive Mitglieder, die gegen einen Jahresbeitrag Künstlereditionen in Form von gestalteten Mitgliedskarten, Jahresberichten und gegen Ende des jeweiligen Jahres eine Mappe mit grafischen Arbeiten erhielten. Als aktive Mitglieder der „Brücke“ konnten der Schweizer Maler Cuno Amiet (1868–1961) und der wesentlich ältere Emil Nolde (1867–1956) sowie Max Pechstein (1881–1955) gewonnen werden. Ernst Ludwig Kirchner schnitt das erste Mitgliederverzeichnis der Brücke in Holz (1907). Im Sommer 1906 arbeitete Ernst Ludwig Kirchner an den Moritzburger Seen. Zudem schuf er erste Radierungen, Lithografien und plastische Arbeiten, meist kleinformatige Steinskulpturen. Nach dem Besuch einer Ausstellung mit Werken von Edvard Munch in der Galerie Arnold lässt sich die Auseinandersetzung mit dem frühexpressionistischen Werk des Norwegers feststellen.

Ernst Ludwig Kirchners erster Aufenthalt auf Fehmarn 1908 fand in Begleitung seiner Jugendfreundin Emmi Frisch (1884–1975) statt, der späteren Ehefrau von Karl Schmidt-Rottluff. Hier erlernte Kirchner das Fotografieren. Er erweiterte sein malerisches Werk, das bis zu diesem Zeitpunkt von der Landschaft geprägt war, durch erste Zirkus- und Varietébilder, darunter der „Schimmeldressurakt“.

Zwischen 1909 und 1910 besucht Kirchner zahlreiche sogenannte zoologische bzw. anthropologische Ausstellungen, u. a. die von Carl Marquardt organisierten Schauen „Das Afrikanische Dorf“, „Das Sudanesendorf“ und die von Karl Hagenbeck organisierten Völkerschauen im Zoologischen Garten in Dresden. Diese Auseinandersetzung mit der Kultur und Kunst aus Subsahara-Afrika hinterließ bei Kirchner und seinen Künstlerkollegen einen tiefen Eindruck (→ Picasso war ein Afrikaner!). Seine Suche nach Ursprünglichkeit führte Ernst Ludwig Kirchner nicht nur ins Museum sondern immer wieder an die Moritzburger Teiche, wo er gemeinsam mit den „Brücke“-Künstlern und den beiden Mädchen Fränzi und Marzella Albertine Sprentzel den Akt im Sonnenlicht studierte. Zudem begann er Holzskulpturen zu hauen. Der zunehmend kantige Stil von Ernst Ludwig Kirchner geht auf die Kenntnis der Kunst des Futurismus zurück, den er in der zweiten Jahreshälfte 1910 kennenlernen konnte.

 

Ernst Ludwig Kirchner in Berlin

Ernst Ludwig Kirchner: Die Berliner Jahre
Der zunehmende Erfolg der Expressionisten der „Brücke“ veranlasste sie, Dresden zu verlassen und nach Berlin zu übersieden. Die Jahre zwischen Oktober 1911 und 1917 lebte Ernst Ludwig Kirchner in der Zweimillionen-Metropole Berlin, die Sommermonate verbrachte er auf der Ostseeinsel Fehmarn. Wenn der Mitbegründer der Künstlergruppe „Brücke“ thematisch bereits etablierte Wege ging – Straßenszenen, Porträts, Zirkus, Tanz, Varieté, Akte im Atelier und in der Natur waren in der Dresdner Zeit bereits ausgeprägt – so änderte er in Berlin und Fehmarn seinen Malstil. Zwischen 1912 und 1917 verwendete Kirchner gedeckte Farbtöne und spitze Formen. Vom Fenster seines neuen Berliner Ateliers in der Körnerstraße 45, Berlin-Friedenau, aus malte Kirchner die urbane Landschaft, deren Arterien die Eisenbahntrassen und -brücken darstellen. Das Mobiliar dieses Ateliers gestaltete Kirchner teilweise selbst. Erna fertigte nach den Entwürfen Kirchners Stickereien. In Berlin beobachtete er das frenetisch-nervöse Großstadtleben, in Fehmarn die Erholung in ländlicher Abgeschiedenheit; hier die Misere und Entfremdung des Großstädters, da das harmonische Leben in Einheit mit der Natur.

Ernst Ludwig Kirchner begann sich 1910 vom „Brücke“-Stil zu lösen. Nach Max Pechsteins Teilnahme an der Secessions-Ausstellung 1912 ohne die Zustimmung der anderen Mitglieder wurde der Maler aus der „Brücke“ ausgeschlossen. Gleichzeitig begann die „Brücke“ einen intensiven Austausch mit der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“. Als Ernst Ludwig Kirchner 1913die Chronik der Brücke verfasste, löste sie sich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über den Text am 27. Mai 1913 auf. Kurz danach eröffnete Ernst Ludwig Kirchner seine erste bedeutende Einzelausstellung im Kunstverein Jena (Februar bis März 1914).

 

Erster Weltkrieg und Drogenabhängigkeit

Die wichtigen Selbstbildnisse von Ernst Ludwig Kirchner 1914 belegen die zunehmenden Ängste, die Kirchner angesichts des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges und seiner drohenden Einberufung plagten. Diese versuchte er durch starken Konsum von Absinth zu betäuben. Er verbrachte zusammen mit Erna bis zum Kriegsausbruch einen letzten Sommer auf Fehmarn, das zur strategisch wichtigen Zone erklärt wurde.

Der inzwischen erfolgreiche Maler meldete sich 1915 „unfreiwillig freiwillig“ zum Militär. Dadurch glaubte er, die Waffengattung wählen zu können. Kirchner wurde zur Mansfelder Feldartillerie in Halle an der Saale einberufen. Im September ermöglichte ihm eine Intervention seines Reitlehrers, Prof. Hans Fehr (1874–1961), wegen einer psychischen Erkrankung vorläufig aus dem Dienst entlassen zu werden. Anfang November wurde der Maler bis zu einer möglichen Genesung dienstuntauglich geschrieben. Nach dem 15. Dezember reiste er in das Sanatorium Dr. Kohnstamm, Königstein im Taunus. In den Selbstbildnissen dieser Jahre, darunter „Der Trinker“ und „Selbstbildnis als Soldat“, die zu den bekanntesten Künstlerselbstbildnissen der Klassischen Moderne zählen, spiegelt sich die existenzielle Verzweiflung des Künstlers. Trotz der Behinderung durch Kriegsdienst und Krankheit begann Kirchner mit großformatigen Gemälden, darunter das Triptychon der „Badenden Frauen“ (um 1925 überarbeitet).

Das Jahr 1916 verbrachte Ernst Ludwig Kirchner in verschiedenen Sanatorien in Berlin und in Königstein, wo eine Abhängigkeit von Veronal, einem Schlafmittel, in Kombination mit Alkoholsucht und einer vorerst leichten Morphium-Abhängigkeit diagnostiziert wurde. In Königstein Wandmalereien im Brunnenturm des Sanatoriums. Keine Besserung des Gesundheitszustandes. Die Landschaftsbilder und Porträts jenes Jahres gehören, gerade aufgrund der nervösen Handschrift, zu den Höhepunkten im Schaffen Kirchners: „Bildnis Dr. Kohnstamm“ und „Königstein mit roter Kirche“.

Auch das folgende Jahr war von gesundheitlichen Problemen und der Angst vor dem Krieg geprägt. Ernst Ludwig Kirchner hielt sich 1917 zum ersten Mal in Davos auf. Da der Künstler an Lähmungen seiner Gliedmaßen und Bewusstseinsstörungen litt, schuf er vor allem druckgrafische Blätter und Zeichnungen. Ab dem 20. September 1918 bewohnte er ein Haus der Hofgruppe „In den Lärchen“ in Davos Frauenkirch. Am 13. Oktober erhielt er die Niederlassungsbewilligung in Davos. Kirchner begann mit der skulpturalen Ausstattung des Hauses. Er malte eine Reihe von Alpenlandschaften, die in ihrer ekstatischen Farbigkeit zu den Hauptwerken dieser Jahre gehören. Im Herbst 1918 schrieb er das „Glaubensbekenntnis eines Malers“.

 

Kirchner in der Schweiz

1919 entschied sich Ernst Ludwig Kirchner in der Schweiz sesshaft zu werden. Im Januar sandte ihm Erna die Druckerpresse und einige Teppiche aus Berlin. Gemälde, Druckgrafiken und Zeichnungen, um das Berliner Atelier zu räumen. Kirchner begann mit der teilweisen Restaurierung, aber auch Übermalung seiner frühen Bilder. Gleichzeitig malte er visionäre Landschaften wie „Tinzenhorn – Zügenschlucht bei Monstein“, in denen er den für ihn neuen und überwältigenden Eindruck der Alpenlandschaft in symbolhaltige Formen und Farben übersetze. Neben seiner malerischen und zeichnerischen Arbeit fertigte Kirchner wieder Möbel, Relieftüren und freie plastische Arbeiten.

Unter dem Pseudonym Louis de Marsalle 1920 veröffentlichte Ernst Ludwig Kirchner seinen ersten Artikel über sein eigenes Werk. Das kunstschriftstellernde Alter Ego diente ihm der „objektiven“ Darstellung der künstlerischen Entwicklung Kirchners. Im Tagebuch finden sich Kirchners ausführliche Notizen zur eigenen Rolle in der Geschichte der modernen Kunst. In dieser Zeit arbeitete er bis 1925 weiter an den Schweizer Panoramalandschaften. Das letzte große Panoramabild der Davoser Landschaft ist „Sertigtal im Herbst“.

Erna Schilling übersiedelte erst 1921 dauerhaft nach Davos; ab 1923 wohnten sie gemeinsam im Haus auf dem „Wildboden“ in Davos Frauenkirch. Im folgenden Jahr begann Kirchner mit der Arbeit an den „Alpsonntagen“, großformatigen „Wandmalereien auf Leinwand“. Monumentale Figuren erhielten eine größere Bedeutung. In den 1920er Jahren hatte der Maler zunehmenden Erfolg: Für das Gemälde „Junkerboden“ (1919) erhielt Kirchner während der Frühjahrsausstellung 1925 in der Preußischen Akademie in Berlin den Preis der Republik. Im Januar/Februar 1926 fand die bislang größte Einzelausstellung des Werks von Ernst Ludwig Kirchner im Kölnischen Kunstverein statt; gezeigt wurden Gemälde von 1907 bis 1925. Daraufhin überlegte Ernst Ludwig Kirchner, ob er wieder nach Deutschland ziehen wollte. So schlug Karl Schmidt-Rottluff 1926 vor, eine neue Künstlervereinigung zu gründen. Kirchner lehnte allerdings ab.

Im Werk Kirchners wurde ab 1927 abstrahierende Formreduktionen und flächenbezogene Farbsetzung immer dominanter. Der Künstler beschäftigte sich zunehmend mit zeitgenössischen Maltheorien, deren Ergebnisse er in den „Neuen Stil“, wie er die Veränderung seiner Malweise selbst nannte, einfließen ließ. Diese Änderung verankerten seine Kunst im internationalen Kontext, was Ende der 1920er Jahre eine gesteigerte Rezeption in Frankreich, Belgien und den USA zur Folge hatte. 1931 wurde er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste berufen.

 

Ernst Ludwig Kirchner im Nationalsozialismus

Die Situation auf dem für Kirchner lebensnotwendigen Kunstmarktes in Deutschland wurde ab 1932 immer ungewisser. Im März besuchte ihn Alfred Döblin, der sich auf einer Vortragsreise durch Deutschland und durch die Schweiz befand. Seine Berichte lösten bei Kirchner starke Unruhe über die politischen Verhältnisse in Deutschland aus. Im Juli drängte Kirchner Frédéric Bauer, ihm einmal mehr morphiumhaltige Medikamente zu verschreiben. Künstlerisch äußerte sich das in der Hinwendung zum Farbholzschnitt, während er das plastische Arbeiten aufgab.

Auf den Wahlerfolg der Nationalsozialisten 1933 reagierte der Maler mit zunehmender Irritation über die deutsche Kulturpolitik. Aber noch immer wurden auch von der öffentlichen Hand Werke Kirchners angekauft. Bald schon wurde er jedoch aufgefordert, auf seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie zu verzichten. Im Jahr 1936 verschärfte sich die Situation; Kirchner erfuhr von der Auflösung des Deutschen Künstlerbundes. Ernst Ludwig Kirchner klagte über quälende Darmprobleme; als Schmerzmittel nahm er ein morphiumhaltiges Medikament. Vier düstere Landschaftsbilder bilden die wichtigste Gemäldegruppe dieses Jahres.

Ab 30. Juni 1937 wurde in Deutschland die diffamierte „Entartete Kunst“ in Museen beschlagnahmt und auf einer Ausstellung, die bis 1941 durch verschiedene Städte des Reiches wanderte, vorgeführt. Von Ernst Ludwig Kirchner wurden 639 Werke aus den Museen entfernt und später teilweise ins Ausland verkauft oder zerstört. Ende Juli wurde Ernst Ludwig Kirchner aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen. Er überlegte, die schweizerische Staatsbürgerschaft zu beantragen.

 

Tod

Der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland am 13. März 1938 förderte bei Kirchner die Angst, die Deutschen könnten über die österreichische Grenze in Graubünden einmarschieren. Er zerstörte teilweise seine Druckstöcke und einige der Skulpturen, die sein Haus umgaben. Zu Kirchners 58. Geburtstag am 6. Mai traf keine Gratulation aus Deutschland ein. Am 10. Mai beantragte er bei der Gemeinde Davos das Aufgebot für die Eheschließung mit Erna; am 12. Juni zog er diesen Antrag wieder zurück.

Am 15. Juni 1938 erschoss sich Ernst Ludwig Kirchner. Als letztes Bild stand das melancholische Gemälde „Schafherde“ auf seiner Staffelei. Drei Tage später wurde er auf dem Waldfriedhof in Davos beerdigt, in unmittelbarer Umgebung seines letzten Wohnortes. Erna Schilling, die amtlich den Namen Kirchner führen durfte, lebte noch bis zu ihrem Tod am 4. Oktober 1945 im Haus auf dem „Wildboden“.

 

Weitere Beiträge zu Ernst Ludwig Kirchner

 

Biografie von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938)

Diese Biografie basiert auf folgenden Büchern und Ausstellungskatalogen:

  • Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner. Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München 1968.
  • Roman Norbert Ketterer (Hg.), unter Mitarbeit von Wolfgang Henze, Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen und Pastelle, Stuttgart 1979.
  • Magdalena M. Moeller und Roland Scotti (Hg.), Ernst Ludwig Kirchner (Ausst.-Kat. Kunstforum Wien, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung) München 1998.
  • Eberhard W. Kornfeld, Textilarbeiten nach Entwürfen von E. L. Kirchner der Davoser Jahre. Werkverzeichnis (Ausst.-Kat. Kirchner Museum Davos), Bern 1999.
  • Ernst Ludwig Kirchner. Bergleben. Die frühen Davoser Jahre 1917–1926 (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Basel) Ostfildern-Ruit 2003.
  • Hyun Ae Lee, „Aber ich stelle doch nochmals einen neuen Kirchner auf“. Ernst Ludwig Kirchners Davoser Spätwerk (Ph. Diss. 2007/08), Münster u. a. 2008.
  • Ernst Ludwig Kirchner (Ausst.-Kat. Museum der Moderne Salzburg) Köln 2009.
  • Hans Delfs, Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel, 4 Bde., Zürich 2010.
  • Großstadtrausch / Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 10.2.–7.5.2017), München 2017.
  • Stiftung Frieder Burda, Magdalena M. Moeller (Hg.), Die Brücke 1905‒14 (Ausst.-Kat. Museum Frieder Burda, Baden-Baden, 17.11. 2018–24.3.2019), München 2018.
  • 6. Mai 1880

    Ernst Ludwig Kirchner wurde am 6. Mai 1880 in Aschaffenburg als ältester von drei Söhnen von Ernst Kirchner (1847–1921) und Maria Elise Franke (1851–1928) geboren. Sein Vater Ernst war Zivilingenieur, Konstrukteur und Erfinder auf dem Gebiet der Papierherstellung; seine Mutter Maria Elise geb. Franke(1852–1928) entstammte einer Kaufmannsfamilie.
  • 1886

    Umzug der Familie nach Frankfurt am Main 1887 Umzug der Familie Kirchner nach Perlen bei Luzern. 1890 nach Chemnitz, das Kirchners Vater zum Direktor der Papiermaschinenfabrik C. D. Haubold bestellt worden war. Zwei Jahre später übernahm er einen Lehrauftrag für Papierfabrikation u. a. an den Technischen Staatslehranstalten bis 1914.
  • 1901–1903

    Kirchner bestand am 29. März 1901 die Reifeprüfung in Chemnitz. Auf Wunsch des Vaters nahm er zunächst ein Architekturstudium an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden auf. Eigentlich wollte Ernst Ludwig Kirchner schon zu diesem Zeitpunkt Künstler werden; 1902/03 entstanden erste eigenständige Gemälde.
  • 1903

    Nach Erwerb des Vordiploms im April 1903 studierte Ernst Ludwig Kirchner im Wintersemester Semester 1903/04 an der Königlich Bayerischen Technischen Hochschule in München. Hier besuchte er den Unterricht in Kompositionslehre und Aktzeichnen bei den Professoren Wilhelm von Debschitz (1871–1948) und Hermann Obrist (1862–1927) sowie die von Hugo Steiner-Prag (1880–1945) geführte Fachklasse für grafische Künste an der sogenannten Debschitz-Schule, offiziell Lehr- und Versuchs-Atelier für angewandte und freie Kunst. Studienreise nach Nürnberg, wo er im Germanischen Nationalmuseum die Originaldruckstöcke Albrecht Dürers (1471–1528) bewunderte (Oktober). Im November Besuch der 8. Ausstellung der Münchner Künstlergruppe Phalanx; dort sah er Werke unter anderem von Wassily Kandinsky (1866–1944), Georges Seurat (1859–1891), Paul Signac (1863–1935) und Henri Edmond Cross (1856–1910).
  • 1904

    Besuch der X. „Phalanx“-Ausstellung in München u. a. mit Werken von Signac, van Rysselberghe, Vuillard und Vallotton (Ende März bis Anfang Mai). Rückkehr nach Dresden. Erste malerische Versuche, die noch dem Jugendstil verpflichtet waren. Im Sommer machte Ernst Ludwig Kirchner zusammen mit seinem Kommilitonen Fritz Bleyl (1880–1966) erste Ausflüge zur Seenlandschaft um das Barockschloss Moritzburg bei Dresden. Bekanntschaft mit Erich Heckel (1883–1970). Erste Holzschnitte entstanden.
  • 7. Juni 1905

    Noch vor Abschluss des Studiums als Diplomingenieur am 1. Juli gründete Kirchner gemeinsam mit Heckel, Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) und Fritz Bleyl am 7. Juni 1905 die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“. Sie begannen die „Viertelstundenakte“, das waren Akt-Zeichnungen im Atelier oder in der Natur. Kirchner übernahm im September das Atelier Heckels in der Berliner Straße 60. Im November erste Ausstellung der „Brücke“-Künstler in der Kunsthandlung P. H. Beyer und Sohn in Leipzig. Freundete sich mit der Varietétänzerin Line an, der „ersten Frau“ Kirchners. Ernst Ludwig Kirchners malerischer Stil ist noch dem Postimpressionismus verpflichtet. Großen Eindruck hinterließen die Werke von Vincent van Gogh, die er in einer Einzelausstellung in der Galerie Arnold in Dresden erstmals im Original studieren konnte.
  • 1906

    „Die Brücke“ formulierte ihr Programm, das sowohl als typografische Anzeige wie auch als Holzschnitt Kirchners veröffentlicht wurde. Wanderausstellung der „Brücke“, vor allem mit Zeichnungen, Aquarellen und Holzschnitten. Im Oktober große Ausstellung von Gemälden in der Lampenfabrik von Karl-Max Seifert in Dresden-Löbtau. Öffnung der „Brücke“ für passive Mitglieder, die gegen einen Jahresbeitrag die von den Künstlern gestalteten Mitgliedskarten, Jahresberichte und gegen Ende des jeweiligen Jahres eine Mappe mit grafischen Arbeiten erhielten. Der Schweizer Maler Cuno Amiet (1868–1961) und der wesentlich ältere Emil Nolde (1867–1956) sowie Max Pechstein (1881–1955) wurden aktive Mitglieder. Kirchner arbeitete an den Moritzburger Seen. Er arbeitete an ersten Radierungen und Lithografien. Die ersten plastischen Arbeiten, meist kleinformatige Steinskulpturen, entstanden ebenfalls 1906. Besuch einer Ausstellung mit Werken von Edvard Munch in der Galerie Arnold.
  • 1907

    Ernst Ludwig Kirchner schnitt das erste Mitgliederverzeichnis der Brücke in Holz. Das erste gemalte „Selbstbildnis mit Pfeife“ entstand. Ausstellung der „Brücke“ im Kunstsalon Emil Richter in Dresden (1.–21.9.).
  • 1908

    Im Januar Ausstellung zusammen mit Karl Schmidt-Rottluff im Kunstsalon August Dörbrandt in Braunschweig. Im Mai Besuch der Van-Gogh-Ausstellung mit über einhundert Gemälden im Kunstsalon Richter. Erster Aufenthalt auf Fehmarn, in Begleitung seiner Jugendfreundin Emmi Frisch (1884–1975), der späteren Ehefrau von Karl Schmidt-Rottluff, von der Kirchner das Fotografieren erlernte. Der holländische Maler Kees van Dongen (1877–1968) wurde Mitglied der Brücke. Ausstellung der Brücke im Kunstsalon Richter (1.–23.9.). Erste Zirkus und Varietébilder entstanden, darunter der „Schimmeldressurakt“.
  • 1909

    Im Januar Besuch der Ausstellung mit Bildern von Henri Matisse in der Galerie von Paul Cassirer (1871–1926) in Berlin. Am 12. Juni 1909 Eröffnung der großen Brücke-Ausstellung im Kunstsalon Richter in Dresden. Doris Große, genannt Dodo (1884–nach 1936), Modistin aus Dresden, wurde Kirchners Modell und Geliebte. Erster längerer Aufenthalt an den Moritzburger Seen bei Dresden. Die „Brücke“-Künstler wählten Lina Franziska „Fränzi“ Fehrmann (1900–1950) zu ihrem bedeutendsten Modell. Zahlreiche Akt- und Tanzbilder entstanden. Im November Besuch einer umfangreichen Ausstellung mit Werken von Paul Cézanne in der Galerie Paul Cassirer in Berlin. Zwischen 1909 und 1910 besucht Kirchner zahlreiche sogenannte zoologische bzw. anthropologische Ausstellungen, u. a. die von Carl Marquardt organisierten Schauen „Das Afrikanische Dorf“, „Das Sudanesendorf“ und die von Karl Hagenbeck organisierten Völkerschauen im Zoologischen Garten in Dresden. Diese Auseinandersetzung mit der Kultur und Kunst aus Subsahara-Afrika hinterließ bei Kirchner und seinen Künstlerkollegen einen tiefen Eindruck.
  • 1910

    Besuch der Ausstellung mit Werken von Paul Gauguin in der Galerie Arnold in Dresden. Kirchner trat der Neuen Secession in Berlin bei; Max Pechstein war aktuell Präsident dieser Künstlervereinigung. Im Mai lernte Kirchner den Maler Otto Mueller (1874–1930) kennen, der Mitglied der „Brücke“ wurde. Im Sommer hielt sich Ernst Ludwig Kirchner an den Moritzburger Seen auf, zusammen mit Heckel und Pechstein und den beiden Mädchen Fränzi und Marzella Albertine Sprentzel. Zwei Gemälde leiteten die Werkreihe „Maler und Modell“ ein.
  • September–Dezember 1910

    Im September Eröffnung der Ausstellung „Künstlergruppe Brücke“ in der Galerie Arnold in Dresden. Dazu erschien ein mit 20 Holzschnitten illustrierter Katalog. Im Oktober Besuch bei dem Landgerichtsdirektor und Kunstsammler Gustav Schiefler (1857–1935) und der mit Karl Schmidt-Rottluff befreundeten Kunsthistorikerin Rosa Schapire (1874–1954) in Hamburg. Beginn der Korrespondenz mit Karl-Ernst Osthaus (1874–1921), dem Begründer des Museums Folkwang in Hagen. Unter dem Eindruck des italienischen Futurismus veränderte sich der Malstil der „Brücke“: Er wurde „härter“ und kantiger. Angeregt von seinen Besuchen im Dresdner Völkerkundemuseum im März arbeitete Kirchner an Holzskulpturen. Ab 1910 folgten mehrere Besuche des Zoologischen und Anthropologisch-Ethnographischen Museums in Dresden.
  • 1911

    Große „Brücke“-Ausstellung im Kunstverein Jena (Februar–März). Letzter Aufenthalt an den Moritzburger Seen. Im Gefolge von Erich Heckel und Max Pechstein übersiedelte Ernst Ludwig Kirchner im Oktober nach Berlin (Atelier und Wohnung: Durlacher Straße 14, Berlin-Wilmersdorf). Gründung des erfolglosen MUIM-Instituts (Moderner Unterricht in Malerei) zusammen mit Pechstein. Einzige Schüler waren Hans Gewecke und Werner Gothein (1890–1968). Die Zeitschrift „Der Sturm“, herausgegeben von Herwarth Walden (1878–1941), veröffentlichte vom Juli 1911 bis März 1912 zehn Holzschnitte Kirchners. Bekanntschaft mit Wilhelm Simon Guttmann (1891–1990), einem Schriftsteller und Begründer der Literaturzeitschrift „Neue Weltbühne“ (1910). Kirchner löste sich vom gemeinsamen „Brücke“-Stil: Er wählte einen differenzierten Farbauftrag, die Palette konzentrierte sich auf gebrochene Farbtöne.
  • 1912

    Ernst Ludwig Kirchner fand in Gerda Schilling (1893–1923) eine neue Freundin. Nach Pechsteins Teilnahme an der Secessions-Ausstellung ohne die Zustimmung der anderen Mitglieder wurde er aus der „Brücke“ ausgeschlossen. Intensiver Austausch zwischen den Künstlergruppen „Der Blaue Reiter“ und „Brücke“; im Februar Beteiligung an der Ausstellung „Blauer Reiter“ in der Galerie Hans Goltz in München. Im April fand eine große „Brücke“-Ausstellung in der Berliner Galerie Fritz Gurlitt statt; im August/September wurde diese Ausstellung in der Galerie Commeter in Hamburg gezeigt. Im Rahmen der Sonderbund-Ausstellung in Köln malten Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel die dortige Kapelle aus. Sah auf der Sonderbund-Ausstellung die Plastiken Wilhelm Lehmbrucks (1881–1919), die sein Menschenbild beeinflussten. Im Sommer wurde Erna Schilling (1884–1945), die Schwester Gerdas, Kirchners Lebenspartnerin. Zweiter Sommeraufenthalt auf der Insel Fehmarn, in Begleitung von Erna, dort Besuch von Erich Heckel und dessen Freundin Sidi Riha (mit bürgerlichem Namen Milda Georgi, 1891–1982). Der Dichter und praktizierende Psychiater Alfred Döblin (1878–1957) besuchte Kirchner um die Jahreswende in seinem Berliner Atelier. Die Stadtansichten aus der Metropole Berlin nahm einen breiten Raum im Werk Kirchners ein, darunter „Nollendorfplatz“.
  • 1913

    Ernst Ludwig Kirchner verfasste die Chronik der Brücke. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über diesen Text löste sich die Gruppe am 27. Mai 1913 auf. Es folgte eine Einzelausstellung von Ernst Ludwig Kirchner im Museum Folkwang in Hagen, die von Karl-Ernst Osthaus vermittelt wurde. Nach einem Aufenthalt auf Fehmarn, in Begleitung von Hans Gewecke, Werner Gothein und Erna Schilling, malte Kirchner das erste Selbstbildnis mit Erna, das „Turmzimmer“. Besuch des Malers Otto Mueller und dessen Frau Maschka auf Fehmarn. In Berlin entstanden wichtige Straßenbilder. Kirchner illustrierte Alfred Döblins Novelle „Das Stiftsfräulein und der Tod“, die 1913 in Berlin publiziert wurde. Ende des Jahres hatte er eine Einzelausstellung in der Galerie Gurlitt in Berlin.
  • 1914

    Von Februar bis März bedeutende Einzelausstellung Kirchners im Kunstverein Jena. Freundschaft mit dem Archäologen Botho Graef (1857–1917), dessen Lebensgefährten Hugo Biallowons (1879–1916) und dem Philosophen Eberhard Grisebach (1880–1945). Kirchner gestaltete für den Kölner Tabakhändler Feinhals dessen Stand auf der Werkbund-Ausstellung in Köln. Bekanntschaft mit Henry van de Velde (1863–1957), dem Leiter der Weimarer Kunstgewerbeschule. Vom Fenster seines neuen Berliner Ateliers (Körnerstraße 45, Berlin-Friedenau) aus malte Kirchner die urbane Landschaft, deren Arterien die Eisenbahntrassen und -brücken darstellen. Das Mobiliar dieses Ateliers gestaltete Kirchner teilweise selbst. Erna fertigte nach den Entwürfen Kirchners Stickereien. Die wichtigen Selbstbildnisse jenes Jahres belegen die zunehmenden Ängste, die Kirchner angesichts des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges und seiner drohenden Einberufung plagten. Er verbrachte zusammen mit Erna bis zum Kriegsausbruch einen letzten Sommer auf Fehmarn, das zur strategisch wichtigen Zone erklärt wurde. Starker Konsum von Absinth.
  • 1915

    Kirchner meldete sich „unfreiwillig freiwillig“ – das heißt, in der Hoffnung, die Waffengattung wählen zu können – zum Militär. Einberufung zur Mansfelder Feldartillerie in Halle an der Saale. Im September wurde Ernst Ludwig Kirchner durch Intervention seines Reitlehrers, Prof. Hans Fehr (1874–1961), wegen einer psychischen Erkrankung vorläufig aus dem Dienst entlassen. Anfang November wurde der Maler bis zu einer möglichen Genesung dienstuntauglich geschrieben. Nach dem 15. Dezember Abreise in das Sanatorium Dr. Kohnstamm, Königstein im Taunus. In den Selbstbildnissen dieser Jahre, darunter „Der Trinker“ und „Selbstbildnis als Soldat“, die zu den bekanntesten Künstlerselbstbildnissen der Klassischen Moderne zählen, spiegelt sich die existenzielle Verzweiflung des Künstlers. Carl Hagemann (1867–1940), Chemiker und später Direktor der I. G. Farben, wurde zu einem der wichtigsten Sammler Kirchners. Trotz der Behinderung durch Kriegsdienst und Krankheit begann Kirchner mit großformatigen Gemälden, darunter das Triptychon der „Badenden Frauen“ (um 1925 überarbeitet).
  • 1916

    Aufenthalt in verschiedenen Sanatorien in Berlin und in Königstein. In Königstein Wandmalereien im Brunnenturm des Sanatoriums. Keine Besserung des Gesundheitszustandes. Diagnose von Oskar Kohnstamm (1871–1917), dem Leiter des Sanatoriums: Abhängigkeit von Veronal, einem Schlafmittel, in Kombination mit Alkoholsucht und einer vorerst leichten Morphium-Abhängigkeit. In Königstein Bekanntschaft mit dem Komponisten Otto Klemperer (1885–1973) und dem Schriftsteller Carl Sternheim (1878–1942). Die Landschaftsbilder und Porträts jenes Jahres gehören, gerade aufgrund der nervösen Handschrift, zu den Höhepunkten im Schaffen Kirchners: „Bildnis Dr. Kohnstamm“ und „Königstein mit roter Kirche“. In den Skizzenbüchern der Jahre 1915/16 finden sich sehr viele Studien nach Alten Meistern.
  • 1917

    Erster Aufenthalt in Davos durch Vermittlung von Eberhard Grisebach (19.1.–4.2.). Bekanntschaft mit der Arztfamilie Spengler, deren Tochter Lotte die Ehefrau von Grisebach war. Nach überhasteter Abreise kehrte Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin zurück. Ende Februar Eröffnung einer Kirchner-Ausstellung im Kunstverein Jena. Tod von Botho Graef an einem Herzschlag (9.4.). Henry van de Velde, der in Deutschland als „feindlicher Ausländer“ galt, ließ Kirchner wissen, dass er in der Schweiz (in Uttwil) die Neugründung einer Gewerbeschule plante. Am 6. Mai zweite Reise nach Davos. Im Sommer zusammen mit der Pflegeschwester Hedwig Einzug in die Rüeschhütte auf der Stafelalp. Ende August besuchte van de Velde ihn dort. Ab 15. September hielt sich Kirchner auf Anraten Henry van de Veldes im Sanatorium Bellevue bei Ludwig Binswanger (1881–1966) in Kreuzlingen auf. Erna Schilling blieb in Berlin und kümmerte sich um die geschäftlichen und persönlichen Kontakte. Der Künstler, der an Lähmungen seiner Gliedmaßen und Bewusstseinsstörungen litt, schuf vor allem druckgrafische Blätter und Zeichnungen.
  • 1918

    In Kreuzlingen Bekanntschaft mit Nele van de Velde (1897–1965), der Tochter Henry van de Veldes. Teilnahme an einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich (März/April). Im Mai begründete Ernst Ludwig Kirchner im Andenken an Botho Graef für den Jenaer Kunstverein die Botho-Graef-Stiftung, eine Schenkung von über 250 Blatt Druckgrafik und Zeichnungen. Ab 15. Juli wieder in Davos, in Begleitung des Pflegers Emil Brüllmann (1893–1937). Besuche von Grisebach und van de Velde. Kirchner bewohnte ab dem 20. September ein Haus der Hofgruppe „In den Lärchen“ in Davos Frauenkirch. Am 13. Oktober erhielt er die Niederlassungsbewilligung in Davos. Kirchner begann mit der skulpturalen Ausstattung des Hauses. Er malte eine Reihe von Alpenlandschaften, die in ihrer ekstatischen Farbigkeit zu den Hauptwerken dieser Jahre gehören. Im Herbst 1918 schrieb er das „Glaubensbekenntnis eines Malers“.
  • 1919

    Weiterführung der Kontakte zu deutschen Sammlern und Galeristen. Im Januar erste Sendungen aus Berlin, darunter die Druckerpresse und einige Teppiche. Entwürfe für Stickereien für Erna und Helene Spengler, ab 1921 auch für Lise und Gret Gujer. Ab dem 5. Juli führte Ernst Ludwig Kirchner ein Tagebuch. Den Sommer verbracht er auf der Stafelalp. Der Maler Karl Stirner (1882–1943) besuchte Kirchner dort. Erna sandte aus Berlin Gemälde, Druckgrafiken und Zeichnungen, um das Berliner Atelier zu räumen. Kirchner begann mit der teilweisen Restaurierung, aber auch Übermalung seiner frühen Bilder. Gleichzeitig malte er visionäre Landschaften wie „Tinzenhorn – Zügenschlucht bei Monstein“, in denen er den für ihn neuen und überwältigenden Eindruck der Alpenlandschaft in symbolhaltige Formen und Farben übersetze. Neben seiner malerischen und zeichnerischen Arbeit fertigte Kirchner wieder Möbel, Relieftüren und freie plastische Arbeiten.
  • 1920

    Einzelausstellung im Kunstsalon Schames in Frankfurt am Main (Januar/Februar). Erster Artikel Kirchners über das eigene Werk, veröffentlicht unter dem Pseudonym Louis de Marsalle. Das kunstschriftstellernde Alter Ego diente der „objektiven“ Darstellung der künstlerischen Entwicklung Kirchners. Im Tagebuch finden sich Kirchners ausführliche Notizen zur eigenen Rolle in der Geschichte der modernen Kunst. Kirchner, der ein Grammophon besaß, veranstaltet in seinem Haus Tanzabende für seine Nachbarschaft. Erste Kontakte zu anderen in der Schweiz lebenden Künstlern wie Philipp Bauknecht (1884–1933). Kulissenmalereien für ein Laientheater in Davos. Im Sommer kurzer Aufenthalt auf der Stafelalp. In grafischen Blättern und Gemälden stellte Kirchner den Alltag seiner neuen Umgebung dar. Im Dezember Einzelausstellung im Hotel Belvédère in Davos. Der niederländische Maler Jan Wiegers (1893–1959), der aus Gesundheitsgründen zeitweise in Davos lebte, wurde Kirchners erster Schüler in der Schweiz. Im Oktober kam Nele van de Velde in Begleitung ihrer Mutter Maria Sèthe für mehrere Wochen zu Besuch. Danach schnitt sie eine elfteilige Holzschnittfolge, die unter dem Titel „Ein Tag bei Kirchner auf der Staffelalp“ in der Zeitschrift „Genius“ (Bd. 2, Berlin 1921) veröffentlicht wurde. Kirchner widmete sich neben seiner künstlerischen Arbeit der intensiven Lektüre von kunsthistorischen und kunstkritischen Schriften. Hauptwerke: „Mädchen im Föhn“ und „Selbstporträt mit Katze“.
  • 1921

    Ausstellung im Kronprinzenpalais in Berlin mit 50 Werken. Tod von Kirchners Vater (14.2.). Auf einer Reise Anfang Mai nach Zürich Bekanntschaft mit der Tänzerin Nina Hard (Engelhardt; 1899–1971), die im Sommer bei Kirchner wohnte und für zahlreiche Bilder Modell stand. Nach einer Tanzaufführung Ende September, im Vestibül der Zürcher Heilstätte in Clavadel, für die Kirchner den Vorhang schuf, reiste Nina Hard ab. Kirchner lernte den Dichter Jakob Bosshart (1862–1924) und die Weberin Lise Gujer (1893–1967) kennen. Erna Schilling blieb ab 1921 dauerhaft in Davos. Vorher hatte sie in einem Briefwechsel mit Edwin Redslob (1884–1973), seit 1920 Reichskunstwart, darum gebeten, für das Berliner Atelier Kirchners eine Finanzierung von dritter Seite zu ermöglichen. Diesem Gesuch wurde von der Berliner Atelierkommission nicht entsprochen. Kirchner arbeitete weiter an den Panoramalandschaften.
  • 1922

    Im Januar Ausstellung im Kunstsalon Schames: „Schweizer Arbeit von E. L. Kirchner“. Auflösung der Wohnung und des Ateliers in Berlin. Tod des Frankfurter Kunsthändlers Ludwig Schames, einer der wichtigsten Förderer Kirchners (3.7.). Erste Kontakte mit dem Davoser Sanatoriumsarzt Frédéric Bauer (1883–1957), der in den Folgejahren zu einem der wichtigsten Sammler und Mäzene Kirchners wurde. Vertiefung der Bekanntschaft zu Lise Gujer, die ab 1922/23 Textilarbeiten nach Entwürfen und Bildern Ernst Ludwig Kirchners fertigte. Kirchner illustrierte Jakob Bossharts Novellenzyklus „Neben der Heerstraße“, der Ende 1923 in Leipzig und Zürich publiziert wurde. Er begann mit der Arbeit an den „Alpsonntagen“, großformatigen „Wandmalereien auf Leinwand“.
  • 1923

    Nach Auseinandersetzungen mit seinem Vermieter und dem Bruch mit den Familien Spengler und Grisebach mietete Ernst Ludwig Kirchner das Haus auf dem „Wildboden“ in Davos Frauenkirch. Frédéric Bauer übernahm die ärztliche Betreuung Kirchners. Im Juni Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel. Das Ehepaar Schiefler besuchte Kirchner für sechs Wochen, da Gustav Schiefler das erste Werkverzeichnis der druckgrafischen Arbeiten Kirchners erstellte. Der Maler und Plastiker Hermann Scherer (1893–1927) besuchte Kirchner erstmals im August. Im Werk Kirchners finden sich nun ideale und literarische Szenen gleichberechtigt neben Naturbeobachtungen. Die monumental gesehene Figur wurde wichtiger.
  • 1924

    Ab Januar brieflicher Kontakt mit dem Basler Maler Albert Müller (1897–1926). Im Juni/Juli große Einzelausstellung im Kunstverein Winterthur, die in der Bevölkerung als Skandal angesehen wurde. Im Juli erschien die von Kirchner illustrierte Gedichtsammlung des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912): „Umbra vitae“. Der Dresdner Kunstkritiker Will Grohmann (1887–1968) besuchte mit seiner Frau den Künstler, um eine Monografie über Kirchners Zeichnungen vorzubereiten. Kirchner empfing im Haus auf dem „Wildboden“ zahlreiche Besucher aus Deutschland und der Schweiz, die ihn und seine Kunst kennenlernen wollten. In der Silvesternacht 1924/25 wurde von den drei Basler „Schülern“ Kirchners, Paul Camenisch (1893–1970), Albert Müller und Hermann Scherer, die Künstlergruppe „Rot-Blau“ gegründet. Der Künstler entfaltete im malerischen Werk eine thematische und formale Vielfalt, die ihm vorher nicht wichtig war. Hauptwerke: „Schwarzer Kater“, „Vor Sonnenaufgang“ oder „Die Freunde“.
  • 1925

    Kirchner verfasste in seinem Tagebuch einen Essay, betitelt „Das Werk“, in dem er seinen künstlerischen Werdegang skizzierte. Im April/Mai wurden unter anderem die Basler Künstler, die sich auf Kirchner als Vaterfigur berufen, in der dortigen Kunsthalle unter dem Titel „Jüngere Basler“ vorgestellt. Für das Gemälde „Junkerboden“ (1919) erhielt Kirchner während der Frühjahrsausstellung in der Preußischen Akademie in Berlin den Preis der Republik. Im Juni/Juli arbeiteten Kirchner und Müller eng zusammen. Der Berner Maler Fritz Pauli (1891–1968) malte auf dem „Wildboden“. Im August Besuch von Carl Hagemann und Manfred Schames (1885–1955), dem Neffen von Ludwig Schames. Erste Treffen mit Julius Hembus (1903–1983) und dessen späterer Ehefrau Elisabeth, die ab 1930 für einige Bilder Modell standen. Im September Reise mit Müller zur Internationalen Kunstausstellung in Zürich. Im Oktober traf Kirchner mit Frédéric Bauer die Verabredung, eine umfangreiche Sammlung der eigenen Werke für den Förderer aufzubauen. Die anhaltende Beschäftigung mit den internationalen Tendenzen in der Kunst, vertreten von Pablo Picasso (1881–1973), den Bauhaus-Künstlern, Le Corbusier (1887–1965) und anderen, hinterließ Spuren im Werk Kirchners. Das letzte große Panoramabild der Davoser Landschaft ist „Sertigtal im Herbst“.
  • Dezember 1925–März 1926

    Ernst Ludwig Kirchner reiste erstmals wieder nach Deutschland. Überlegungen, ob ein Umzug nach Deutschland sinnvoll wäre, schlossen sich der Reise an. Er besuchte in Frankfurt, Chemnitz, Dresden und Berlin Freunde, Galeristen und seine Mutter. In Chemnitz nahm er an einer Abendgesellschaft des dortigen Direktors der Städtischen Kunstsammlungen, Friedrich Schreiber-Weigand (1897–1953) teil; bei dieser Gelegenheit traf er Karl Schmidt-Rottluff. In Dresden traf er die Tänzerinnen Mary Wigman (1886–1973) und Gret Palucca (1902–1993). Karl Schmidt-Rottluff, dem er in Berlin noch einmal begegnete, wollte eine neue Künstlervereinigung gründen. Kirchner lehnte ab. In Berlin besuchte er auch Max Liebermann (1847–1935), dessen Porträt er später aus dem Gedächtnis malte. Im Januar/Februar große Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein; gezeigt wurden Gemälde von 1907 bis 1925. Erste Hoffnungen auf einen Kontakt zum amerikanischen Kunsthandel.
  • 1926

    Im Juni reiste Ernst Ludwig Kirchner zusammen mit Albert Müller erneut nach Dresden, um dort die „Internationale Kunstausstellung“ zu sehen. Für die Zeitschrift „Das Kunstblatt“ (hg. von Paul Westheim; 1886–1963) verfasste Kirchner einen Artikel unter dem Titel „Die neue Kunst in Basel“. Will Grohmanns Monografie „Das Werk Ernst Ludwig Kirchners“ erschien in München. Gustav Schieflers erster Band des Werkverzeichnisses „Die Graphik Ernst Ludwig Kirchners“ wurde in Berlin publiziert. Tod von Albert Müller und dessen Ehefrau an Typhus (14.12./7.1.1927). Sie hinterließen zwei Kinder, deren Adoption Kirchner kurzzeitig in Erwägung zog. Hauptwerke: „Rothaarige nackte Frau“, „Bildnis Anna Müller“ und die beiden Porträts „Der Geiger Häusermann I“ und „Der Geiger Häusermann II“.
  • 1927

    Über den Jahreswechsel 1926/27 konnte Kirchner durch die Vermittlung des Davoser Landammanns Eberhard Branger (1881–1958) und des Architekten Rudolf Gaberel (1882–1963) im Schulhaus eine Ausstellung unter dem Titel „Kirchner. 10 Jahre in Davos“ zeigen. Tod von Hermann Scherer (13.5.). Zwei Einzelausstellungen Kirchners in Deutschland: im Kunstverein Wiesbaden und im Kunstsalon Fides in Dresden. Juni bis Juli große Einzelausstellung der grafischen Arbeiten in der Galerie Aktuaryus in Zürich. Besuch der Ausstellung mit dem Werk von Arnold-Böcklin in der Kunsthalle Basel. Im Tagebuch notierte Kirchner zwei programmatische Aufsätze zu Farbproblemen in der Malerei und zur akademischen Ausbildung. Besuch von Gustav Hartlaub (1884–1963), Frau Grohmann (wahrscheinlich Gret Palucca; 1902–1993) und Gustav Schiefler. Bekanntschaft mit dem deutschen Ehepaar Hansgeorg (1899–1982) und Elfriede (1901–1937) Knoblauch, mit dem Kirchner von 1927 bis 1938 einen intensiven Briefwechsel unterhielt. Ab September bereitete Kirchner die Gedächtnisausstellung für Albert Müller vor, die vom 9. Oktober bis zum 6. November in Basel gezeigt wurde. Mit dem Direktor des neu erbauten Museums Folkwang in Essen, Ernst Gosebruch (1872–1953), erörterte Kirchner – auf Veranlassung seines Frankfurter Sammlers Carl Hagemann – die Möglichkeit, die Wandmalereien für den Festsaal des Museums zu gestalten. Für Hagemann entwarf Kirchner einen großen Bildteppich, betitelt „Das Leben“. Im Werk Kirchners wurden die abstrahierenden Formreduktionen und die flächenbezogene Farbsetzung immer dominanter. Der Künstler beschäftigte sich zunehmend mit zeitgenössischen Maltheorien, deren Ergebnisse er in den „Neuen Stil“, wie er die Veränderung seiner Malweise selbst nannte, einfließen ließ. In den ersten großformatigen Entwürfen für den Festsaal zeigte sich Kirchners retrospektive Lebenseinstellung; beispielsweise „Die Vergangenheit / Die Erinnerung“. Aber auch die symbolhaften Gemälde „Mutter und Sohn“ und „Vor Sonnenaufgang – Paar auf dem Balkon“ sind Zeugnisse einer Selbstreflexion.
  • 1928

    Kirchner arbeitete vornehmlich an den Entwürfen für das Museum Folkwang. Beteiligung an einer Ausstellung der Neuen Secession in München. Mit sieben druckgrafischen Selbstbildnissen war er auf der Ausstellung „Künstler-Selbstbildnisse in unserer“ Zeit in der Galerie Franke in München vertreten. Er organisierte in Basel die Gedächtnisausstellung für Hermann Scherer. Auf der Biennale in Venedig wurde im deutschen Pavillon Kirchners Gemälde „Schlittenfahrt“ ausgestellt. Die Nationalgalerie Berlin erwarb das Gemälde „Eine Künstlergruppe: Die Brücke“ (1926/27). Erna reiste für die Monate Mai und Juni nach Deutschland. Im Oktober Besuch des Berliner Kunsthändlers Ferdinand Möller (1882–1956). Tod von Kirchners Mutter (23.12.). Die Malerei jenes Jahres stand ganz im Zeichen der Vorarbeiten für Essen. Neben vielen „Versuchen“ stehen Hauptwerke wie „Nackte Frauen auf Waldwiese“ und „Frau geht über nächtliche Straße / Nachtfrau“.
  • 1929

    Kontakte zur Pariser Galerie Jeanne Bucher. Erna Schilling fuhr im Frühjahr nach Deutschland; ab diesem Jahr hielt sie sich öfter, hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen, in Berlin auf. Im April/Mai Beginn des Briefwechsels mit dem deutschen Maler und Bauhaus-Schüler Fritz Winter (1905–1976). Am 10. Juni überarbeitete Kirchner sein aus dem Jahre 1923 stammendes Testament. Möglicherweise Besuch der Ausstellung „bauhaus dessau“ in der Kunsthalle Basel (April/Mai). Im Juni reiste Ernst Ludwig Kirchner über Zürich nach Deutschland. In Berlin und Essen besuchte er Ferdinand Möller und Ernst Gosebruch. Im Sommer erhielt er einen Besuch von Fritz Winter. Im Herbst Wiederaufnahme der Korrespondenz mit Emil Nolde. Im Oktober Besuch des Münchner Kunsthändlers Franke in Davos. Akte im Freien wurden zum beherrschenden Bildmotiv Kirchners in diesem Jahr. Hauptwerke: „Akt in Orange und Gelb“. Im Kunstblatt erschien der bereits 1927 von Kirchner in Auftrag gegebene Aufsatz Gustav Schieflers 2E. L. Kirchners Entwürfe für Wandgestaltung in einem Festsaal des Folkwang-Museums; Wandmalerei und Miniatur im Werk E. L. Kirchners“.
  • 1930

    Bekanntschaft mit dem Davoser Verkehrsdirektor Walter Kern (1898–1966), der Kirchner fortan publizistisch unterstützte. Tanzabende von Gret Palucca in Davos; Besuche der Tänzerin auf dem „Wildboden“. Tod der zwölfjährigen Katze Bobby, die auf vielen Bildern Kirchners dargestellt ist. Wenig Gemälde entstanden, darunter „Trabergespann“, „Liebespaar – Der Kuss“ und das programmatische Bild „Farbentanz I“.
  • 1931

    Kleine Einzelausstellung in der Galerie Franke in München. Teilnahme an der Ausstellung „German Paintings and Sculpture“ im Museum of Modern Art in New York und an der Ausstellung „L’Art vivant en Europe“ in Brüssel. Nachfolgerin von Bobby wurde die Katze Schacky. Für eine Aufführung des gemischten Chors von Frauenkirch fertigte Kirchner wieder Kulissen und Vorhänge. Mitte Juni reiste er nach Frankfurt zu seinem Kunsthändler Manfred Schames; danach nach Berlin. Er wurde zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste berufen. Erste Kontakte mit Max Huggler (1903–1994), dem Leiter der Kunsthalle Bern. Der zweite Band von Gustav Schieflers „Die Graphik Ernst Ludwig Kirchners“ erschien in Berlin. Erna wurde in Berlin operiert.
  • 1932

    Am 1. Januar fuhr Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin, um mit Erna am 8. Januar auf den „Wildboden“ zurückzukehren. Die Situation auf dem für Kirchner lebensnotwendigen Kunstmarktes in Deutschland wurde immer ungewisser. Im März besuchte ihn Alfred Döblin, der sich auf einer Vortragsreise durch Deutschland und durch die Schweiz befand. Beunruhigung über die politischen Verhältnisse in Deutschland. Im Juli drängte Kirchner Frédéric Bauer, ihm morphiumhaltige Medikamente zu verschreiben. Der Architekt Rudolf Gaberel, Präsident der Davoser Kunstgesellschaft, regte an, ein wichtiges Werk Kirchners für die Gemeinde zu kaufen. Beginn der Vorarbeiten für die bedeutende Retrospektive, die 1933 in der Kunsthalle Bern gezeigt werden sollte. Letzte plastische Arbeiten entstanden. Hauptwerke: „Springende Tänzerin – Gret Palucca“, „Blonde Frau im roten Kleid – Bildnis Elisabeth Hembus“. Daneben begann er die Arbeit an Farbholzschnitten.
  • 1933

    Einzelausstellung in der Kunsthalle Bern. Im Katalog zur Ausstellung erschien Ernst Ludwig Kirchners letzte Aufsatz unter dem Pseudonym Louis de Marsalle, den Kirchner im Anschluss für tot erklärte. Bekanntschaft mit dem französischen Dichter und Surrealisten René Crevel (1900–1935), der sich aus gesundheitlichen Gründen in Davos aufhielt. Kirchner beschäftigte sich ausgiebig mit dem Bogenschießen. Nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten zunehmende Irritation über die deutsche Kulturpolitik. Aber noch immer wurden auch von der öffentlichen Hand Werke Kirchners angekauft. Kirchner wurde aufgefordert, auf seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie zu verzichten. Er arbeitete hauptsächlich an Farbholzschnitten. In Briefen an seine Freunde beklagte sich Kirchner über die Platzverhältnisse im Haus auf dem „Wildboden“, die ihm nicht erlaubten, große Formate zu realisieren.
  • 1934 Ernst Gosebruch wurde als Direktor des Museums Folkwang entlassen. Damit zerschlugen sich die Hoffnungen auf eine Realisierung der Entwürfe für den Festsaal. Der Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer (1888–1934), den Kirchner seit 1914 kannte, besuchte ihn in Davos. Im Mai Holzschnitt-Ausstellung in der Galerie Commeter in Hamburg. Ende Mai/Anfang Juni Besuch der Ausstellung des Schweizer Malers Otto Meyer-Amden (1885–1933) in Bern. Dort lernte Kirchner Paul Klee (1879–1940) kennen. Im September Besuche von Carl Hagemann und dem neuen Sammler Wolfgang Budczies (1903–1971). Es entstanden wenige Gemälde, darunter „Akte im Wald“.
  • 1935

    In Bern Besuch einer Ausstellung mit Werken von Paul Klee. Am 20. Februar schrieb Kirchner aus Bern an Erna: „Ach, ich will malen, wenn ich zurückkomme, große Bilder, ich bin Wandmaler.“ Präsentation von Aquarellen und Zeichnungen Kirchners im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel (12.5.–23.6). Bekanntschaft mit Christian Anton Laely (1913–1992), dem letzten „Schüler“ Kirchners. Der Frankfurter Beckmann-Schüler Karl Tratt (1900–1937) besuchte Kirchner anlässlich seines Kuraufenthaltes in Davos. Der Basler Chemiker Jacob Bosshart begann, Werke von Kirchner zu sammeln. Die deutsche Kolonie in Davos, zu welcher der Künstler kaum Kontakt pflegte, bekannte sich mehr und mehr zu den nationalsozialistischen Parolen. Kirchner beschäftigte sich kurzfristig mit dem Plan, die Kirche in Frauenkirch auszumalen; geplant waren u.a. Szenen aus der Apokalypse. Er malte wieder mehr, vor allem Stadtansichten, Sportszenen und Interieurs. Programmatisches Hauptwerk dieses Jahres ist die „Balkonszene“.
  • 1936

    Kirchner erfuhr von der Auflösung des Deutschen Künstlerbundes. Der Kunsthändler Curt Valentin (1902–1954) besuchte noch vor seiner Emigration in die USA Kirchner in Davos. Der Direktor des Detroit Institute of Arts, Wilhelm R. Valentiner (1880–1958), bot dem Künstler eine erste Einzelausstellung in den USA an. Das Kunsthaus Zürich fragte bei ihm wegen einer Einzelausstellung grafischer Arbeiten an. Kirchner klagte über quälende Darmprobleme; als Schmerzmittel nahm er ein morphiumhaltiges Medikament. Vier düstere Landschaftsbilder bilden die wichtigste Gemäldegruppe dieses Jahres. Im Sommer schnitzte er für das Portal des neuen Schulhauses in Davos Frauenkirch, das am 18. Oktober eingeweiht wurde, ein fünffiguriges Relief. Der Sammler Hagemann besuchte ihn im September. Im Dezember meldete sich Lucas Lichtenhan (1898–1969), der Konservator der Basler Kunsthalle, bei Kirchner, um eine Ausstellung für den Sommer 1937 vorzubereiten.
  • 1937

    Ausstellung im Detroit Institute of Arts. Im Herbst Ausstellung in der Buchholz Gallery Curt Valentin in New York. Alfred Barr vom Museum of Modern Art meldete sich bei Kirchner. Ausstellung in der Kunsthalle Basel (30.10.–27.11.). Ab 30. Juni wurde in Deutschland die diffamierte „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und auf einer Ausstellung, die bis 1941 durch verschiedene Städte des Reiches wanderte, vorgeführt. Von Kirchner wurden 639 Werke aus den Museen entfernt und später teilweise ins Ausland verkauft oder zerstört. Ende Juli wurde Ernst Ludwig Kirchner aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen. Er überlegte, die schweizerische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Als Hauptwerke dieses Jahres gelten die beiden Interieurs, die das Haus auf dem „Wildboden“ zeigen, und das Abschiedsbild „Hirten am Abend“.
  • 15.6.1938

    Der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland am 13. März 1938 förderte bei Kirchner die Angst, die Deutschen könnten über die österreichische Grenze in Graubünden einmarschieren. Er zerstörte teilweise seine Druckstöcke und einige der Skulpturen, die sein Haus umgaben. Zu Kirchners 58. Geburtstag am 6. Mai traf keine Gratulation aus Deutschland ein. Am 10. Mai beantragte er bei der Gemeinde Davos das Aufgebot für die Eheschließung mit Erna. Am 12. Juni zog er diesen Antrag wieder zurück. Am 15. Juni erschoss sich Ernst Ludwig Kirchner. Als letztes Bild stand das melancholische Gemälde „Schafherde“ auf seiner Staffelei. Am 18. Juni wurde er auf dem Waldfriedhof in Davos, in unmittelbarer Umgebung seines letzten Wohnortes, beerdigt. Erna Schilling, die amtlich den Namen Kirchner führen durfte, lebte noch bis zu ihrem Tod am 4. Oktober 1945 im Haus auf dem „Wildboden“.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.