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Ernst Ludwig Kirchner. Erträumte Reisen Exotisches und Schweizer Volkskunst im Werk des Expressionisten

Ernst Ludwig Kirchner, Sitzendes Mädchen (Fränzi Fehrmann), Detail, 1910-1920, Öl-Lw, 80,6 x 91,1 cm (Minneapolis Institute of Arts)

Ernst Ludwig Kirchner, Sitzendes Mädchen (Fränzi Fehrmann), Detail, 1910-1920, Öl-Lw, 80,6 x 91,1 cm (Minneapolis Institute of Arts)

Ernst Ludwig Kirchner reiste nie viel und verbrachte den Großteil seines Lebens in Deutschland und der Schweiz. Dennoch zieht sich seine Suche nach dem Exotischen und Ursprünglichen, nach anderen Ländern und Kulturen wie ein roter Faden durch Leben und Werk des Mitbegründers der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“. Der berühmte Expressionist schuf farbenprächtige Bilder aus der Fantasie. Wenn er auch fremde Welten beschwor, so blieb er doch seiner Lebensrealität stets verhaftet.

Zu den wichtigsten Quellen von Kirchners Kunst gehörten außereuropäische Kulturen und Volkskunst (→ Ernst Ludwig Kirchner: Biografie). Da Kirchner und seine Künstlerfreunde einen Lebensstil fernab der etablierten, bürgerlichen Lebensform suchten, richteten sie sich ihre Wohnungen und Ateliers exotisch ein. Kirchner dekorierte die Wände mit Farbe und Textilien, ja, er schnitzte sogar seine eigenen Möbel (→ Picasso war ein Afrikaner!). Die meisten Alltagsgegenstände sind verloren, aber Fotografien, Skizzen und sogar Gemälde belegen Ernst Ludwigs Interesse am „Anderen“. Einige Möbelstücke, wie ein Stuhl aus Kamerun, der in seinem Atelier in Berlin stand, und ein Bett, dass er für seine Lebensgefährtin Erna Schilling schnitzte, werden ausgestellt. Letzteres verweist in seiner Motivik sowohl auf afrikanische wie Schweizer Volkskunst.

In Kirchners mittlerer und späten Phase, als er in den Schweizer Alpen lebte, wandte er sich der lokalen Volkskultur zu. Seine Begeisterung für die einfache Lebensweise, der Kontakt mit der Natur ließen ihn Sujets und Techniken der Schweizer Volkskunst in seine Gemälde und Skulpturen einbauen. Diese Auseinandersetzung mit dem Lokalen führte zu Kirchners selbst so betitelten „neuen Stil“ der späten 1920er Jahre.

Ernst Ludwig Kirchner in Bonn

Die retrospektive Ausstellung mit mehr als 180 Kunstwerken, davon 50 Gemälden, zeichnet Kirchners Lebensweg und Schaffen nach. Zu den Themenbereichen zählen Kirchners Ateliers in Dresden und Berlin (→ Ernst Ludwig Kirchner: Die Berliner Jahre), seinem Wunsch nach Lebensreform an den Moritzburger Teichen und der Insel Fehmarn; seine Dienstzeit als Soldat und Traumatisierung; Behandlung in verschiedenen Sanatorien und Rückkehr zum Porträt als Zeichen der eigenen Identitätskrise; Jahre in Davos. Sie veranschaulicht, wie er gesellschaftliche und künstlerische Einflüsse immer wieder neu verarbeitete und dabei auch persönlich und malerisch Neuland betrat. Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen, Schnitzereien, Textilien, Möbel und Fotografien kommen aus dem Bestand des Kirchner Museum Davos – und werden durch Leihgaben internationaler Museen ergänzt.

Kuratiert von Katharina Beisiegel (Art Centre Basel) und Thorsten Sadowsky (Kirchner Museum Davos) kuratiert und vom Art Centre Basel in Zusammenarbeit mit der Bundeskunsthalle organisiert.

Ernst Ludwig Kirchner. Erträumte Reisen: Bilder

  • Ernst Ludwig Kirchner, Sitzendes Mädchen (Fränzi Fehrmann), 1910/1920, Öl/Lw, 80,6 x 91,1 cm (Minneapolis Institute of Arts)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Bett für Erna Kirchner, 1919, Arven- und Lärchenholz, 110 x 96 x 276 cm (Kirchner Museum Davos © Kirchner Museum Davos, Stephan Bösch)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Alter bärtiger Älpler mit schwarzem Hut, Kaspar Cadiepolt, 1919, Holzschnitt auf Japanpapier, 58 x 34.3 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Zwei Ziegen, um 1919, Abdruck von einer von Kirchner geschnitzten Kaffeemühle auf Papier, 10.2 x 10.2 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos, Stephan Bösch)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Mandolinistin, 1921, Öl/Lw, 90 x 120 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Sertigtal im Herbst, 1925–1926, Öl/Lw, 136 x 200 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Die drei alten Frauen, 1925–1926, Öl/Lw, 110 x 130 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Akrobatenpaar. Plastik, 1932, Arvenholz, 56 x 30 x 18 cm (Kirchner Museum Davos © Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Akrobatenpaar. Zwei Akrobatinnen, 1932–1933, Öl/Lw, 85,5 x 72 cm (Kirchner Museum Davos © Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Drei Akte im Walde, 1933, Holzschnitt Abzug in Schwarz von der Zeichnungsplatte des Farbholzschnittes auf imitiertem Japanpapier, 35.3 x 49.7 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos)
  • Ernst Ludwig Kirchner, Balkonszene, 1935, Öl/Lw, 135 x 177 cm (© Kirchner Museum Davos, Foto: Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.