London | Royal Academy of Arts: Michaelina Wautier

Michaelina Woutier, Bacchanal, vor 1659, Öl/Leinwand, 270 × 354 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv. Nr. Gemäldegalerie, 3548)
Michaelina Wautier, auch Michaelina Woutier geeschrieben (1614–1689), war eine flämische Malerin, die Mitte des 17. Jahrhunderts in Brüssel tätig war. Indem sie sich mit einem ungewöhnlich vielfältigen Themenspektrum beschäftigte, sprengte Wautier die Grenzen, die Künstlerinnen im Barock gesetzt wurden: Sie schuf Blumenstillleben und Porträts bis hin zu großen Historiengemälden mit Aktdarstellungen – ein Format und ein Thema, das normalerweise ihren männlichen Kollegen vorbehalten war: Am Ende der Londoner Ausstellung hängt Wautiers monumentalstes Werk, der „Triumph des Bacchus“ (KHM, Wien). Das Gemälde zeugt von einer begabten, ehrgeizigen und selbstbewussten Künstlerin, denn darin schildert eine selbstbewusste Künstlerin eine Szene heidnischer Ausschweifung. Dsa Bild ist nicht mit ihrem Namen „signiert“, sondern indem sie sich kühn selbst als Bacchantin darstellte – als einzige Figur, die dem Betrachter direkt in die Augen schaut.
Michaelina Wautier
Großbriannien | London: Royal Academy of Arts
The Jillian and Arthur M. Sackler Wing of Galleries | Burlington House
27.3. – 21.6.2026
- Michaelina Woutier, Kommandant der spanischen Armee, 1653, Öl auf Leinwand, 83,2 x 71 cm (Königliches Museum der schönen Künste Antwerpen)
- Michaelina Woutier, Selbstporträt vor Staffelei, 1640er (Privatsammlung)
Michaelina Wautier in London
Obwohl Michaelina Wautier zu ihrer Zeit äußerst erfolgreich war, gingen ihre atemberaubenden Gemälde und ihr Platz in der Kunstgeschichtsschreibung im 18. Jahrhundert beinahe verloren. Diese Ausstellung würdigt Wautier wieder als eine der bedeutendsten Künstlerinnen Europas (→ Berühmte Künstlerinnen). Über ihr Leben ist trotz intensiver Recherche seit mehreren Jahren nur wenig bekannt. Auch ihr signiertes und zugeschriebenes Werk ist noch immer Gegenstand intensiver Debatten und Neuentdeckungen. Die Royal Accademy, die bereits seit dem späten 19. Jahrhundert Alte Meister ausstellt, widmet der Flamin eine konzentrierte Schau in drei Räumen.
Wer war Michaelina Wautier?
Michaelina Wautier wurde in Mons in den Spanischen Niederlanden (heute Belgien) geboren und lebte in einer Zeit politischer und religiöser Umbrüche und Kriege. Künstlerinnen standen damals vor großen Herausforderungen: Ohne die Unterstützung eines Künstlers in der Familie – eines Vaters oder Bruders – waren ihre Ausbildungsmöglichkeiten und ihr Zugang zu Künstlerkreisen äußerst begrenzt. Michaelina Wautiers älterer Bruder Charles (1609–1703) war ebenfalls Maler und dürfte maßgeblich zu ihrer künstlerischen Ausbildung beigetragen haben.
Michaelina Wautiers „Studie der Medici-Ganymed-Büste“1 (um 1640–1650, Privat) zeigt, dass sich die Malerin an klassischen Skulpturen orientierte. Die akademische Ausbildung war männlichen Künstlern vorbehalten, und Wautier widersetzte sich offensichtlich den Konventionen. Diese Studie ist Michaelinas einzige bekannte Zeichnung. Sie zeigt den Kopf einer antiken römischen Skulptur, die sich zu jener Zeit in Rom befand. Da Gipsabgüsse des Werkes erst später nach Nordeuropa gelangten, lässt Wautiers Zeichnung vermuten, dass sie nach Italien gereist sein könnte, wo sie das Original (oder eine Kopie davon) gesehen haben könnte. Durch ihre Signatur auf dem Blatt demonstrierte sie ihre Meisterschaft in der Darstellung von Objekten. Nach der Perfektionierung dieser Fertigkeit gingen die Studierenden normalerweise dazu über, nach dem Leben zu zeichnen. Diese Zeichnung bietet einen seltenen Einblick in ihre künstlerische Ausbildung.
Das Geschwisterpaar Wautier lebte gemeinsam in Brüssel, in der Nähe des Königshofs, wo sie vermutlich auch ein gemeinsames Atelier nutzten. Michaelina Wautier blieb unverheiratet, was ihr sicherlich ein gewisses Maß an Freiheit ermöglichte. Bisher sind keine persönlichen Briefe oder andere Dokumente von ihr bekannt, und nur wenige Archivquellen sind erhalten geblieben. Tatsächlich ist so wenig vorhanden, dass ihre Werke selbst die wichtigsten Quellen für die Rekonstruktion ihres Lebens und ihrer Arbeitsweise darstellen.
- Michaelina Woutier, Blumengirlande mit Prachtlibelle, 1652 (Privatsammlung)
Wen und wie malte Wautier?
Die reduzierte Farbpalette in Michaelina Wautiers Selbstporträt - einem gewaltigen, weil außergewöhnlichen Werk für eine Künstlerin - gewährt Einblick in ihre Malweise und zeugt von ihrem künstlerischen Ehrgeiz. Malerinnen waren die ersten Künstlerinnen, die sich selbst bei der Arbeit darstellten. Der sparsame Einsatz von Farben galt als Zeichen künstlerischer Überlegenheit; nicht die Materialien selbst, sondern deren gekonnte Anwendung zeichnete ein Werk aus.
Wautier porträtiert sich selbstbewusst an einer Staffelei sitzend, umgeben von ihren Arbeitsutensilien, und malt dabei, was wie der Kopf eines Heiligen aussieht. Das Werk ist bewusst selbstreferenziell: Die Farben der Palette sind dieselben, die sie für das Porträt selbst und tatsächlich für die meisten hier ausgestellten Porträts verwendete, während die unbemalte Leinwand auf der Staffelei die tatsächliche, unbemalte Oberfläche des Gewebes darstellt. Dennoch trägt Wautier Kleidung, die eher für ein Modell als für das Malen geeignet ist. Sie ist mit Perlen geschmückt, trägt ein kostbares weißes Seidenkleid und ist in einen weiten, schwarzen Samtmantel gehüllt. Soweit bekannt, ist dieses Werk Michaelina Wautiers einziges formales Porträt einer Frau.
Die Porträts in der North Gallery, gemalt von Michaelina und Charles, belegen die Verbindungen der Geschwister am Hof und darüber hinaus. Zu den Porträtierten zählen hochrangige Offiziere der spanischen Armee, Adlige und Martino Martini, ein Jesuitenmissionar aus China, der Michaelina Wautiers wichtigstem Gönner, Erzherzog Leopold Wilhelm, dem Statthalter der Spanischen Niederlande, nahestand. Der Erzherzog war ein bedeutender Kunstsammler und Michaelina Wautiers wichtigster Förderer. Seine Sammlung gelangte später in den Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien, wo vier ihrer Werke wiederentdeckt wurden.
Neben Mitgliedern der adeligen Elite dürfte Michaelina Wautier auch einen ihrer Brüder porträtiert haben: Das „Porträt eines Militärkommandanten (Pierre Wautier?)“ (um 1660, Privatsammlung), vermutlich das letzte bekannte Porträt von Michaelina Wautier, zeigt wahrscheinlich ihren Bruder Pierre, der ab 1654 als Kavalleriehauptmann in der spanischen Armee diente. Die Unmittelbarkeit, die durch die gewandte Pose des Dargestellten, sein dramatisch beleuchtetes Gesicht und den engen Bildausschnitt vermittelt wird, verleiht dem Porträt einen ungezwungeneren Charakter als für Darstellungen hochrangiger Offiziere üblich. Pierre lebte wahrscheinlich seit den 1630er Jahren in Brüssel und spielte möglicherweise eine entscheidende Rolle bei der Einführung von Charles und Michaelina in die gesellschaftlichen Kreise der Stadt.
- Selbstporträt Michaelina Woutiers in ihrem Bacchanal, vor 1659, Öl/Leinwand, 270 × 354 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv. Nr. Gemäldegalerie, 3548)
- Michaelina Woutier, Verkündigung, 1659 (Musée-promenade de Marly-le-Roi, INv.-Nr. 77.30.1)
Altarbilder
Michaelina Wautier widersetzte sich den Konventionen des 17. Jahrhunderts für Künstlerinnen, die fast ausschließlich auf Porträt- und Blumenmalerei beschränkt waren. Im Gegensatz zu diesen Genres, die als einfache Wiedergabe der Realität betrachtet wurden, galt die Darstellung mythologischer und religiöser Szenen als Domäne männlicher Maler und erforderte Fantasie und Intellekt.
Die meisten religiösen Gemälde Wautiers, die zwischen 1649 und 1659 entstanden sind, zeichnen sich durch eine reiche Farbpalette aus – darunter beispielsweise das kostbare blaue Pigment Ultramarin. Die Arbeit an großformatigen, prestigeträchtigen Aufträgen erforderte zwangsläufig die Zusammenarbeit in einem gut organisierten Atelier.
Es ist nicht bekannt, inwieweit Michaelina mit ihrem Bruder Charles zusammenarbeitete, das sie vermutlich in Brüssel gemeinsam nutzten. Es ist jedoch möglich, dass sie einige der Werke in der West Gallery zusammen malten, eine damals gängige Praxis. Die genaue Betrachtung zweier Gemälde von Charles Wautier hat ergeben, dass sie Spuren von Michaelinas Handschrift tragen könnten. Das volle Ausmaß ihrer Zusammenarbeit bleibt jedoch eine offene Frage, zu deren Klärung die eingehende Untersuchung der in diesem Raum wiedervereinigten Werke beitragen könnte.
Michaelina Wautier muss sich bewusst gewesen sein, dass sie diese Grenzen überwand, als sie die Signaturen zweier ihrer religiösen Bilder mit „invenit et fecit [erfunden und gemacht]“ versah. Damit bekräftigte sie ihr Können als Erfinderin und Malerin und widerlegte das weit verbreitete Vorurteil, Frauen fehle es an Fantasie und Geschick.
- Michaelina Woutier, Bacchanal, vor 1659, Öl/Leinwand, 270 × 354 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv. Nr. Gemäldegalerie, 3548)
Triumph des Bacchus
Jahrhundertelang blieb Michaelina Wautiers Urheberschaft am „Triumph des Bacchus“ (um 1655-1659, KHM) unerkannt. Sein ambitioniertes Format, die klassische Thematik und die Darstellung männlicher Akte schienen unvereinbar mit den Beschränkungen, denen Künstlerinnen unterworfen waren, da die Anfertigung eines solchen Werkes eindeutig die Beherrschung der Aktzeichnung nach dem Leben voraussetzte. Noch 1903 erklärte Gustav Gluck, der erste Kurator des Kunsthistorischen Museums in Wien, wo die von Erzherzog Leopold Wilhelm in Brüssel zusammengetragene Sammlung heute aufbewahrt wird:
„Selbst in unserem Zeitalter der Frauenemanzipation würde man dieses Bild, das eine äußerst kraftvolle, fast grobe Konzeption aufweist, kaum einer Frau zuschreiben wollen.“
Dennoch ist es bezeichnend für Wautiers Stil, indem es die reduzierte Farbpalette ihrer Porträts und Genrebilder mit den für ihre religiösen Gemälde typischen, farbenprächtigen Passagen verbindet.
Die South Gallery versammelt Michaelina Wautiers markanteste Werke. Die kürzlich wiederentdeckte Serie „Die fünf Sinne“ zeigt, wie sie dieses bekannte Motiv der Sinne in humorvollen und einfühlsamen Kindheitsszenen neu interpretierte. Während der „Geruch“ üblicherweise durch eine idealisierte Frau dargestellt wird, die an einer Blume riecht, zeigt Wautier einen Jungen, der vor dem Gestank eines faulen Eis zurückschreckt. Ihre in der Porträtmalerei entwickelte Beobachtungsgabe wird in der Sensibilität deutlich, mit der sie die Kinder in ihren „Fünf Sinnen“ darstellte.
Die Werke in der Royal Academy offenbaren Wautiers Humor und Verspieltheit, ihre Wahrnehmungsgabe, die es ihr ermöglichte, die Menschen, denen sie begegnete, auf Leinwand festzuhalten, und ihren Mut, mit Traditionen zu brechen.
Die Ausstellung wird organisiert in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum, Wien (→ Wien | KHM: Michaelina Wautier).












