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Michelangelo: Sterbender Sklave und Rebellischer Sklave im Louvre

Veröffentlicht von Alexandra Matzner von 27. April 2026
Michelangelo Buonarroti, Sterbender Sklave, Detail (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)

Michelangelo Buonarroti, Sterbender Sklave, Detail (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)

Das non-finito als Programm – zwei Meisterwerke aus dem Julius-Grabmal

Im Erdgeschoss des Louvre, in der Galerie Denon, begegnet man zwei der eindrucksvollsten Skulpturen der westlichen Kunstgeschichte: dem "Sterbenden Sklaven [L'Esclave mourant]" und dem "Rebellischen Sklaven [L'Esclave rebelle]" von Michelangelo Buonarroti. Die Marmorfiguren, beide überlebensgroß und beide zwischen 1513 und 1516 entstanden, sind die einzigen Marmorskulpturen Michelangelos in Frankreich. Ursprünglich waren sie nicht für Frankreich bestellt worden, sondern gelangten auf einem langen, abenteuerlichen Umweg durch Kriege, Schenkungen und Revolutionsbeschlagnahmungen in der Louvre.

Entstanden für das monumentale Grabmal Papst Julius' II., gehören die Sklaven heute zu den Hauptwerken des Louvre. 2026 stehen sie im Mittelpunkt der Sonderausstellung Michel-Ange / Rodin. Corps vivants (15. April – 20. Juli 2026), die erstmals den direkten Dialog zwischen Michelangelo und Auguste Rodin sichtbar macht1: Paris | Louvre: Michelangelo / Rodin

Steckbrief

Künstler: Michelangelo Buonarroti (1475–1564)
Werktitel: Sterbender Sklave / Rebellischer Sklave
Entstehung: 1513–1516
Material: Marmor (Carrara)
Maße: Sterbender Sklave: H. 2,77 m | Rebellischer Sklave: H. 2,18 m
Auftraggeber: Julius-Grabmal (Papst Julius II. / seine Erben)
Standort: Musée du Louvre, Paris (Inv. MR 1590 und MR 1589)
Provenienz: Atelier Michelangelos → Roberto Strozzi → Heinrich II. (Frankreich) → Connétable de Montmorency → Kardinal Richelieu → Louvre (ab 1794)
Gattung: Skulptur
Epoche: Hochrenaissance / Frühmanierismus

Hier findest du eine genaue Biografie von Michelangelo Buonarotti → Michelangelo Buonarroti: Leben

Michelangelo Buonarroti, Sterbender Sklave (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)
Michelangelo Buonarroti, Sterbender Sklave (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)
Michelangelo Buonarroti, Rebellierender Sklave (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)
Michelangelo Buonarroti, Rebellierender Sklave (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)

Das Julius-Grabmal: Tragödie eines Jahrhundertprojekts

Die Geschichte der Sklaven ist nicht von der Geschichte des Julius-Grabmals zu trennen. Dabei handelt es sich um eines der ambitioniertesten und zugleich unglücklichsten Kunstprojekte der Renaissance.

Im März 1505 beauftragte Papst Julius II. Michelangelo mit einem freistehenden Mausoleum von gewaltigen Ausmaßen: über 40 überlebensgroße Figuren, drei Stockwerke hoch, in der Größe von 10,5 mal 7 Meter. Dieses Monument sollte alle bis dahin errichteten päpstlichen Grabdenkmäler in den Schatten stellen.[note9Charles de Tolnay, Michelangelo: The Tomb of Julius II, Princeton 1960 [1954], S. 37–43.[/note] Michelangelo reiste persönlich in die Marmorbrüche von Carrara, wählte die Blöcke aus, überwachte den Transport nach Rom.

Trotz dieser Anstrengungen verlor Julius II. das Interesse an dem Projekt, ließ Michelangelo monatelang nicht vor und finanzierte mit dem Geld stattdessen den Neubau von St. Peter unter Donato Bramante. So kehrte der Bildhauer im Mai 1506 enttäuscht nach Florenz zurück. Einen Tag später, am 18. April 1506, wurde der Grundstein von Neu-St. Peter gelegt. Michelangelo fühlte sich zutiefst verletzt, schrieb bittere Briefe und floh zeitweise aus Rom. Der Künstler kommentierte die Situation lakonisch

„Wäre ich noch länger in Rom geblieben, hätte man mein Grabmal vor dem des Papstes bauen müssen." (Michelangelo, nach Condivi)

Mit dem Tod Julius' II. am 21. Februar 1513 begannen die zermürbenden Verhandlungen mit dessen Erben. In einem zweiten Vertrag wurde das Grabmal deutlich verkleinert und sollte nun an eine Wand gestellt werden. In dieser zweiten Phase – zwischen 1513 und 1516 – entstanden die beiden Sklaven im Louvre sowie die Moses-Statue, die  in San Pietro in Vincoli, Rom, aufgestellt ist.

Doch das Projekt schrumpfte weiter: In den Jahren 1516, 1526, 1532 reduzierten die Julius-Erben die Größe in einem neuen Vertrag. 1542 wurden die beiden Sklaven aus dem finalen Entwurf gestrichen; an ihrer Stelle traten die Allegorien „Vita activa“ und „Vita contemplativa“. Nach 40 Jahren endete das „Julius-Drama" 1545 mit einem Wandgrab in San Pietro in Vincoli, das nur mehr einen Bruchteil des ursprünglichen Plans darstellt. Michelangelo nannte das Grabmal bitter eine „Tragödie":

„Besser wäre es mir in meinen frühen Jahren ergangen, hätte ich mich darauf verlegt, Schwefelhölzer herzustellen, dann müsste ich jetzt nicht solche Qualen leiden." (Michelangelo, Brief an seinen Assistenten Pietro Urbano, um 1520)

Edmonia Lewis, Moses (nach Michelangelo), 1875, Marmor, 68 x 29.2 x 34.6 cm (Smithsonian American Art Museum, Gift of Mr. and Mrs. Alfred T. Morris, Jr., 1984.149.1)
Edmonia Lewis, Moses (nach Michelangelo), 1875, Marmor, 68 x 29.2 x 34.6 cm (Smithsonian American Art Museum, Gift of Mr. and Mrs. Alfred T. Morris, Jr., 1984.149.1)
Michelangelo, Entwurf für das Grabmal von Julius II della Rovere, 1505/06, Feder und braune Tinte, Pinsel und braune Lavierung, über Stylus Linien und Bleistift, 51 x 31.9 cm (Metropolitan Museum of Art, New York, Rogers Fund, 1962 62.93.1)
Michelangelo, Entwurf für das Grabmal von Julius II della Rovere, 1505/06, Feder und braune Tinte, Pinsel und braune Lavierung, über Stylus Linien und Bleistift, 51 x 31.9 cm (Metropolitan Museum of Art, New York, Rogers Fund, 1962 62.93.1)

Die Sklaven: Beschreibung

Sterbender Sklave (L'Esclave mourant), 1513–1515

Der „Sterbende Sklave“ mit einer Höhe von 2,77 m ist die poetischere der beiden Figuren. Mit geschlossenen Augen, entspanntem Mund und leicht zur Seite geneigtem Kopf wirkt die Figur nicht wie im Todeskampf, sondern wie im Einschlafen. Häufig wird diese Haltung mit geradezu sinnlicher Entspannung gedeutet. Der linke Arm ist über den Kopf gehoben, der rechte liegt weich an der Brust. Ein Affenkopf taucht schemenhaft aus dem unfertig gelassenen Marmorblock hinter der rechten Schulter auf. Möglicherweise handlt es sich hierbei um einen Hinweis auf die Nachahmung (imitatio), die Skulptur als Abbild des Lebens.

Giorgio Vasari schwärmte, der „Sterbende Sklaver zeige „alle Vermögen und die Macht der Skulptur" und meinte damit genau die haptische Qualität von Michelangelos Figur und seine technische Brillanz: Der Bildhauer konnten den Marmor so ehauen, dass er sich anfühlt wie lebendiges Fleisch, ein Körper, der noch atmet. Der Louvre-Katalog von 2026 beschreibt diesen Effekt mit dem Begriff „corps vivants“, als „lebendige Körper“. Michelangelo verleiht dem toten Material selbst Lebendigkeit. In keiner anderen seiner Skulpturen ist die Marmoroberfläche so glatt poliert, das Fleisch so körperlich überzeugend dargestellt.2

Sigmund Freud, der den „Moses“ in San Pietro in Vincoli über Wochen studiert hatte, beschrieb den „Sterbenden Sklaven“ als Inbegriff eines Körpers, der zwischen Erschlaffung und Anspannung schwebt. Diese Lesart des Wiener Psychoanalytikers prägt bis heute die kunstpsychologische Deutung.3

Rebellischer Sklave (L'Esclave rebelle), 1513–1515/1516

Der „Rebellische Sklave“ hat eine Höhe von 2,18 m und ist als Gegenstück zum „Sterbenden Sklaven“ konzipiert: Hier bäumt sich der Körper auf. Der Kopf ist energisch zur Seite gewendet, der muskulöse Rücken dreht sich im Raum, ein Bein schiebt sich nach vorn. Ein Band – kaum noch erkennbar – liegt locker um die Brust, ohne wirklich zu fesseln: Das Thema der Gefangenschaft erscheint aufgehoben im Aufbegehren des Körpers.

Die Figur ist deutlich weniger poliert als der „Sterbende Sklave“: Der Rücken ist unfertig, einzelne Körperpartien noch blockhaft, Meißelspuren bleiben sichtbar. Genau diese Qualität macht den „Rebellischen Sklaven“ zum sprechendesten Beispiel für Michelangelos non-finito als bewusstem Stilmittel: Was nicht vollendet ist, wirkt mächtiger als jedes glatte Finish. Der Körper scheint sich förmlich aus dem Stein zu ringen.

Die figura serpentinata, darunter versteht man eine spiralförmige, um die eigene Körperachse gedrehte Figur, nimmt hier Formen an, die den Manierismus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorwegnehmen. Giambologna lernte diese Drehbewegung direkt von Michelangelo, wie seine Gruppe „Raub der Sabinerinnen“ (1582) eindrucksvoll belegt.

Michelangelo Buonarroti, Sterbender Sklave, Detail (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)
Michelangelo Buonarroti, Sterbender Sklave, Detail (Paris, Musée du Louvre department des Sculptures Musee du Louvre Musee du Louvre, dist RMN Grand Palais Raphael Chipault)

Was bedeutet „Sklave"? – Zur Ikonografie

Die Bezeichnung „Sklaven" ist nicht von Michelangelo selbst überliefert. Seit Jacob Burckhardt (Der Cicerone, Basel 1855) und Hermann Grimm (Leben Michelangelos, Hannover 1863) bürgerte sich im deutschsprachigen Raum der Begriff „Sklave" für die Figuren ein, die Michelangelo selbst prigioni nannte. Michelangelo erwähnte in einem Brief von 1518 eine „vier Ellen hohe Marmorfigur mit auf dem Rücken gefesselten Händen"; diese Beschreibung könnte auf den „Rebellischen Sklaven" passen.4

Die kunsthistorische Forschung diskutiert bis heute, was die Figuren allegorisch bedeuten. Drei Interpretationen stehen im Raum:

Allegorien der unterworfenen Provinzen und Länder

Julius II. hatte als kriegerischer Papst weite Teile Italiens unterworfen. Die gefesselten Körper wären dann Personifikationen dieser Gebiete. Das aus der Antike bekannte Motiv (vgl. Trajansäule, Triumphbögen) übersetzte Michelangelo in ein neues Bildprogramm.

Allegorie der Künste im Zustand der Trauer

Giorgio Vasari überliefert die Version, dass die Sklaven die Freien Künste darstellen, die nach dem Tod des großen Mäzens Julius II. in Trauer und Unfreiheit versunken sind.

Neuplatonische Lesart

Im Sinne des Florentiner Neuplatonismus (Ficino, Poliziano) wären die Figuren Allegorien der menschlichen Seele, die im Körper gefangen ist – das Fleisch als Kerker des Geistes. Diese Interpretation passt besonders gut zum Sterbenden Sklaven, der aus dem Material in die Freiheit des Todes entgleitet.

Keine dieser Lesarten schließt die anderen aus. Michelangelo selbst war in diesem philosophischen Denken tief verwurzelt – seine poetischen Reflexionen über den Stein, aus dem er die Figuren „befreit", klingen neuplatonisch:

„Die beste Kunst birgt sich versteckt in dem Marmorblock: sie kommen nur zum Vorschein durch die Hand des Bildhauers, der ihr gehorcht." (Michelangelo, Sonett, um 1538–1544)

Non-finito: Das Unvollendete als Konzept

Die Sklaven sind das wichtigste frühe Zeugnis für eines der radikalsten Konzepte Michelangelos: das non-finito, das bewusst Unvollendete. Seit dem Quattrocento gab es unfertig gebliebene Skulpturen in der Werkstatt, die aus äußeren Gründen abgebrochen worden waren. Michelangelo war jedoch der erste Bildhauer der Neuzeit, der das Unvollendete zur künstlerischen Aussage erhob.

Der Kunsthistoriker Baptiste Tochon-Danguy hat in seiner Studie „Furore et non finito" (2021–2022) gezeigt, dass das non-finito bei Michelangelo mit dem neuplatonischen Begriff des furore – der schöpferischen Raserei – zusammenhängt: Das fertige Kunstwerk wäre eine Einschränkung des Gedankens; das Unvollendete lässt die concetto, die bildnerische Idee, offen und damit mächtiger.5

Am „Rebellischen Sklaven“ ist zu sehen, wie Michelangelo von der groben Bearbeitung (subbia und Spitzmeißel) zu feiner werdenden Strichlagen der Gradine übergeht – und dann an bestimmten Stellen einfach stehen bleibt. Die unterschiedlichen Bearbeitungsstufen auf einer einzigen Figur sind kein Mangel, sondern eine Aussage über den Prozess des Schaffens selbst.

Die vier sogenannten Boboli-Sklaven (Galleria dell'Accademia, Florenz), die für den vierten Entwurf des Julius-Grabmals von 1526 geplant waren und ebenfalls nicht vollendet wurden, radikalisieren das Konzept weiter: Hier kämpfen sich die Figuren nur zur Hälfte aus dem Block heraus – Material und Figur existieren gleichzeitig und untrennbar miteinander verbunden. Diese Werke sind das eindringlichste Zeugnis für Michelangelos Überzeugung, dass die Figur bereits im Stein steckt und er sie nur freilegen müsse.

Wie die Sklaven nach Paris kamen: Eine abenteuerliche Provenienz

1542 schenkte Michelangelo die beiden nicht mehr benötigten Skulpturen seinem Florentiner Freund und Gönner Roberto Strozzi (verheiratet mit Magdalena de' Medici), der sich in Rom aufhielt. Strozzi hatte sich durch seinen Widerstand gegen Cosimo I. de' Medici (den Großherzog der Toskana) Feinde gemacht und wurde mit seinem Besitz nach Lyon ins Exil verbannt, wohin er auch Michelangelos Kunstwerke mitnahm.6

In Lyon schenkte Strozzi die Sklaven dem französischen König Heinrich II., der sie an den Connétable Anne de Montmorency weitergab. Die Figuren wurden an der Fassade des Schlosses Écouen aufgestellt. Damit standen sie im Freien und waren dem Wetter ausgesetzt.

Nach der Hinrichtung Montmorencys 1632 gelangten sie an Kardinal Richelieu, der sie auf die Fassade seines Schlosses im Poitou setzen ließ, wo sie bis etwa 1741 verblieben.

Nach mehreren weiteren Stationen wurden die Skulpturen schließlich 1793 – während der Französischen Revolution – als „Biens d'émigrés [Emigrantengüter]" beschlagnahmt. Der Konservator und Denkmalschützer Alexandre Lenoir intervenierte bei der Zwangsversteigerung am 28. Januar 1793 und sicherte die Figuren für die Nation. Seit dem 28. August 1794 befinden sie sich im Louvre.7

Diese über Jahrzehnte im Freien verbrachten Dekaden haben die Oberfläche der Skulpturen dauerhaft verändert. Der „Rebellische Sklave“ zeigt eine verwitterte Patina, die sich heute von der cremefarbenen Politur des „Sterbenden Sklaven“ deutlich abhebt und oft fälschlicherweise als schlechtere Erhaltung interpretiert wird.

Warum die Sklaven zu den wichtigsten Skulpturen der Renaissance gehören

Der „Sterbende Sklave“ und der „Rebellische Sklave“ sind mehr als zwei unvollendete Werkstattstücke, die zufällig im Louvre gelandet sind. Sie sind Zeugen dreier künstlerischer Revolutionen in einem:

1. Corps vivants: Michelangelo macht Marmor lebendig – nicht durch täuschende Ähnlichkeit mit dem Körper, sondern durch die Energie und Bewegung, die er aus dem Material heraus befreit.

2. Non-finito als Aussage: Das Unvollendete ist kein Mangel, sondern eine Entscheidung. Kein Bildhauer vor Michelangelo hat den Prozess des Erschaffens selbst so sichtbar gemacht.

3. Julius-Drama als Kunstgeschichte: Das Scheitern des großen Grabmalsprojekts hat die Kunstgeschichte paradoxerweise reicher gemacht: Werke, die für ein Monument gedacht waren und dort nie auftauchten, haben als eigenständige Skulpturen den Lauf der Bildhauerkunst verändert.

Dass gerade Auguste Rodin, einer der wichtigste Bildhauer des 19. Jahrhunderts, in diesen beiden Figuren seinen stärksten Vorläufer erkannte, ist kein Zufall. Die Sklaven sind die Brücke zwischen der Renaissance und der Moderne.

Michelangelo / Rodin - Ausstellung im Louvre 2026

Die Ausstellung „Michelangelo / Rodin. Corps vivants“ im Musée du Louvre und Musée Rodin, Paris, die vom 15. April bis zum 20. Juli 2026 zu sehen ist, bringt zum ersten Mal über 100 Werke beider Künstler in einen direkten Dialog. Neben den Sklaven aus den ständigen Sammlungen des Louvre sind Zeichnungen, Tonmodelle und Bronzen zu sehen, die Michelangelos Einfluss auf Rodin dokumentieren.

Der Ausstellungskatalog – herausgegeben von Chloé Ariot und Marc Bormand, erschienen im Verlag Gallimard/Louvre Éditions – ist die aktuell umfassendste Publikation zu diesem Thema und enthält neue Forschungen zur Technik, Ikonografie und Rezeptionsgeschichte beider Bildhauer.

Michelangelo und Rodin: Die Sklaven als Brücke

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Michelangelos non-finito noch äußerst kritisch gesehen. So formulierte Jacob Burckhardt in „Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens“:

„Ganze große Sphären des Daseins, welche der höchsten künstlerischen Verklärung fähig sind, bleiben dem Michelangelo verschlossen. Alle die schönsten Regungen der Seele (statt sie aufzuzählen, genügt ein Hinweis auf Raffael) hat er beiseite gelassen; von all dem, was uns das Leben teuer macht, kommt in seinen Werken wenig vor.“8

Diese Haltung änderte sich unter Burckhardte Schülern, darunter Heinrich Wölfflin, und durch Künstler wie Auguste Rodin. Die Louvre-Ausstellung 2026 stellt die beiden Sklaven-Figuren Michelangelos deshalb in einen direkten Dialog mit den Skulpturen Rodins. Rodin besuchte den Louvre regelmäßig, studierte die Sklaven intensiv und ließ sich von ihnen für einige seiner wichtigsten Werke inspirieren. Paul Gsell, der 1911 ein Interviewbuch mit Rodin veröffentlichte, überliefert dessen Auseinandersetzung mit Michelangelo in einem eigenen Kapitel:

„Wenn ein guter Bildhauer einen menschlichen Torso formt, stellt er nicht nur Muskeln dar – es ist das Leben, das sie belebt … mehr als das Leben … die Kraft, die sie formte und ihnen vermittelte: sei es Anmut, sei es Energie, sei es liebenden Zauber oder unbändige Leidenschaft. Michelangelo lässt die schöpferische Kraft in allem lebenden Fleisch donnern."9 (Auguste Rodin, nach Paul Gsell, 1907.)

Konkret lassen sich folgende Verbindungen zwischen den Sklaven und Rodins Werk ziehen:

„Der Rebellische Sklave“ → „Adam“ (1880) und „L'Ombre“ (1881): Rodin übernimmt die in sich gedrehte Körperhaltung, die nach vorn gedrückte Schulter und die Schwere des gesenkten Kopfes. Der Louvre-Katalog 2026 beschreibt diese spiralige Drehung als „Konsolen-Form" – eine typische Michelangelo-Geste, die Rodin in seinen frühen Figuren für das Höllentor aufgreift.

„Der Sterbende Sklave“ → „Die Danaïde“ (1885) und „Galatée“ (1889): Das non-finito taucht bei Rodin ab 1888/89 in seinen Marmorstauten auf, als er Figuren aus noch rauem Steinblock herauswachsen lässt. Der Louvre-Katalog datiert Rodins erste signifikante non-finito-Verwendung auf die Ausstellung „Monet-Rodin“ von 1889 – eine bewusste Hommage an Michelangelo.

Körperlichkeit und corps vivants: Was Michelangelo mit dem „Sterbenden Sklaven“ erreicht – eine Marmoroberfläche, die wie lebendiges Fleisch wirkt –, ist auch Rodins ästhetisches Programm. Rodins Bronzen vermitteln dasselbe Paradox: totes Metall, das atmet. Der Louvre-Katalog 2026 belegt diese Verbindung auch durch direkte Gegenüberstellungen: Rodins „Jean d'Aire nu“ (1886–1889, Musée Rodin) steht dem „Sterbenden Sklaven“ direkt gegenüber; „L'Âge d'airain“ (1875–1877) nimmt das Contrapposto des „Rebellischen Sklaven“ auf.10

Weiterführende Literatur

  • Michel-Ange / Rodin. Corps vivants, hg. v. Chloé Ariot und Marc Bormand (Ausst.-Kat. Musée du Louvre / Musée Rodin, Paris 15.4.–20.7.2026), Paris: Gallimard/Louvre Éditions 2026.
  • Jean-René Gaborit, Les Sculptures de Michel-Ange. Le vrai, l'incertain et le faux. Dijon: Éditions Faton 2025, Nr. I.17 und I.18, S. 91–107.
  • Jean-René Gaborit, Michel-Ange. Les Esclaves. Neuaufl. Paris-Madrid: Louvre Éditions-El Viso (Solo, Bd. 30) 2020.
  • Charles de Tolnay, Michelangelo: The Tomb of Julius II. Princeton: Princeton University Press 1960 [1954], S. 37–43.
  • Baptiste Tochon-Danguy, „Furore et non finito: l'esthétique de l'indéterminé chez Donatello, Ficin, Michel-Ange et Vasari", in: Studiolo, Nr. 18, 2021–2022, S. 68–89.
  • Émile Schaub-Koch, Les Esclaves du Louvre et la technique de Michel-Ange, Paris 1934.
  • Ascanio Condivi, Über das Leben Michelangelo Buonarroti. Neu übersetzt und kommentiert von Ingeborg Walter, Berlin 2018, S. 99–102.
  • Sigmund Freud, „Der Moses des Michelangelo", in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, Bd. III, 1914, S. 15–36.

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    31. Dezember 2025
  • Trude Fleischmann, Gertrud Falke, um 1927 © Leopold Museum, Wien | Foto: Leopold Museum, Wien
    Wien | Leopold Museum: Fotografie der 1920er und 1930 Jahre
    26. Dezember 2025
  • Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, Detail, 1920 (© Leopold Museum, Wien)
    Wien | Leopold Museum: Boeckl & Josephsohn
    22. Dezember 2025
  • Amsterdam | Rijksmuseum: Willem de Kooning
    17. Dezember 2025
  • Oskar Kokoschka, Olda Palkovskà, Detail, 1937, Öl auf Leinwand, 90 × 67 cm (Fondation Oskar Kokoschka, Vevey, Inv.-Nr. 70) © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien 2026
    Salzburg | Museum der Moderne Altstadt (Rupertinum): Kokoschkas Hintergründe
    17. Dezember 2025
  • MuseumsQuartier Wien © MuseumsQuartier Wien, Foto: Roland Töffel
    Wien | MQ Freiraum: Vision und Wiederstand – Wie das MQ die Stadt Wien veränderte
    16. Dezember 2025
  • Jiří Kolář, Das ausruhende Nationaltheater, 1960 (Lentos Kunstmuseum Linz, Bildrecht, Wien 2026)
    Linz | LENTOS: 200 Jahre Fotografie
    16. Dezember 2025
  • Marina Abramović, Pietà (Anima Mundi), Detail, 1983–2002, C-print, 183 × 183 × 5.5 cm
    Venedig | Gallerie dell’Accademia: Marina Abramović
    15. Dezember 2025
  • André Derain, Brücke über den Riou, 1906 (MoMA)
    Paris | Musée Bourdelle: André Derain
    13. Dezember 2025
  • Kurt Schwitters, Ausgerenkte Kräfte, 1920/möglicherweise 1938, Detail, Collage und Assemblage mit Fragmenten aus Stoff, Druckerzeugnissen, Pappe, Holz und Metall sowie Öl auf Karton in eigenhändigem Holzrahmen 105,5 x 86,7 x 9 cm (mit Kasten) (Kunstmuseum Bern, Schenkung Professor Dr. Max Huggler, 1966 © Kunstmuseum Bern)
    Paris | Musée Picasso: Kurt Schwitters
    10. Dezember 2025
  • Winfred Gaul, Autobahn II,1965 (Stiftung Sammlung Kemp, Kunstpalast, Düsseldorf © VG Bild-Kunst, Bonn; Foto: Kunstpalast – LVR-ZMB – Annette Hiller)
    Düsseldorf | Kunstpalast: Winfred Gaul
    9. Dezember 2025
  • Jörg Immendorff, Landschaft, die ich brauche, Öl auf Leinwand, 220 x 270 cm (Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Kunstpalast, Düsseldorf – LVR-ZMB – Stefan Arendt, © Nachlass Jörg Immendorff)
    Düsseldorf | Kunstpalast: Jörg Immendorff
    9. Dezember 2025
  • Niki de Saint Phalle, I am the Nana Dream House, 1967, Druck © Niki Charitable Art Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2025
    Düsseldorf | Kunstpalast: Niki de Saint Phalle. Dream Machine
    8. Dezember 2025
  • Elmgreen & Dragset, The Visitor mit Stillleben mit Gemüse, The Visitor, 2025, Bronze, Lack, 178 x 61 x 33,5 cm; Cornelis de Heem, Stillleben mit Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade, 1658, Öl auf Kupfer, 69,8 x 87,1 cm (Städel Museum, Frankfurt a.M., Foto: Studio Elmgreen & Dragset)
    Frankfurt | Städel Museum: Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse
    8. Dezember 2025
  • Pieter van der Heyden nach Pieter Bruegel d.Ä., Geduld (Patientia), Detail, 1557, Kupferstich (Kupferstichkabinett, Städel Museum, Frankfurt a.M.)
    Frankfurt | Städel Museum: Bruegel. Druckgrafiken
    8. Dezember 2025
  • Dora Maar, Mannequin mit Dauerwelle, 1935, Silbergelatine-Azug auf Barytpapier auf Karton, 23,4 x 17,7, cm (Städel Museum, Frankfurt a.M., Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. © VG Bild-Kunst, Bonn 2026)
    Frankfurt | Städel Museum: SurFace. Über Haut
    8. Dezember 2025
  • Meister des Frankfurter Paradiesgärtlein, Paradiesgärtlein, um 1410-1420, Mischtechnik auf Eichenholz, 26,3 x 33,4 cm (Städel Museum, Frankfurt)
    Frankfurt | Städel Museum: Im Paradiesgarten. Kunst und Naturwahrnehmung um 1400
    8. Dezember 2025
  • François Boucher, Ruhendes Mädchen (Alte PInakothek, München)
    München | Alte Pinakothek: Französische Malerei von Claude Lorrain bis François Boucher
    8. Dezember 2025
  • Body. Aspekte des Körperlichen. Werke aus der Stiftung Spengler im Germanischen Nationalmuseum 2026-2027
    Nürnburg | Germanisches Nationalmuseum: Body. Aspekte des Körperlichen
    8. Dezember 2025
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.
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