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Paris | Musée d’Orsay: Ausstellungen 2020 Welche Ausstellungen zeigt das Musée d’Orsay 2020?

Léon Spilliaert, Selbstporträt, Detail, 3. November 1908

Léon Spilliaert, Selbstporträt, Detail, 3. November 1908

Die Ausstellungen im Musée d’Orsay 2020 beleuchten einige weniger bekannte Künstler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Im Frühjahr wird der Arzt und Autodidakt Léopold Chauveau als Schöpfer von Ungeheuern und fantastischen Welten vorgestellt (ab 10.3.). Eine Einzelausstellung zu James Tissot führt die mondänen Werke des Franzosen, der viele Jahre in London arbeitete, vor Augen. Als Zeitgenosse der Impressionisten pflegte er einen akademischeren Stil, mit dem er höchst erfolgreich Gesellschaftsporträts malte. Gleichzeitig pflegte er die Radierung, wo er religiöse Sujets in neuem Gewand vorstellte. Im Sommer präsentiert das Musée d’Orsay eine Ausstellung des belgischen Symbolisten Léon Spilliaert, der für einsame Interieurs und geheimnisvolle Szenerien bekannt ist.

Die Frühjahrsausstellung in der Orangerie – Musée de l’Orangerie – ist dem italienischen Maler Giorgio de Chirico gewidmet. Dessen Pittura Metafisica faszinierte nicht nur die Künstler des Surrealismus nachhaltig.

 

Musée d’Orsay: Ausstellungen 2020

Im Land der Ungeheuer. Léopold Chauveau (10.3.–29.6.2020, Musée d'Orsay)

Der Autodidakt Léopold Chauveau (1870-1940) flüchtete sich, neben seiner beruflichen Tätigkeit als Arzt, die er unter dem Druck seiner Familie ergriffen hatte, aber nur wenig schätzte, in eine eigentümliche, künstlerische Welt, die sowohl einzigartig als auch originell ist. Der Bildhauer, Illustrator und Buchautor für Erwachsene und Kinder wurde lange Zeit von Kunsthistorikern ignoriert. Erst die Schenkung seines Enkels – 18 Skulpturen und 100 Zeichnungen – an das Musée d'Orsay 2017 rückte Chauveaus Namen ins Scheinwerferlicht.

Léopold Chauveau begann um 1905 mit der Bildhauerei, nachdem er bereits seit mehreren Jahren als Arzt tätig war. Ab 1907 wurden Ungeheuer zu einem Leitmotiv seiner künstlerischen Produktion sowohl im Bereich Bildhauerei als auch Zeichnung. Diese hybriden Wesen sind häufig berührende Kreaturen, unbeholfen und wie erstaunt über ihre eigene Existenz. Sie scheinen Chauveaus Unterbewusstsein zu entspringen und stellen für den Bildhauer eigenständige Gefährten dar, ein Volk aus einer imaginären Welt, in der er Zuflucht suchte.

Trotz ihrer Einzigartigkeit sind die geschnitzten Ungeheuer des Künstlers Teil einer Genealogie der Kunstgeschichte: Beispiele sind mittelalterliche Wasserspeier oder auch japanische Gespenster. Im Bereich der Zeichnung arbeitete Chauveau mit einem synthetischen, präzisen und markanten Konzept, um seine Figuren in einem naiven Stil in vereinfachten, aber expliziten Szenerien darzustellen. Rahmungen vermitteln die narrative und teilweise dramatische Dimension seiner Serien.

Ab den 1920er Jahren erfand Léopold Chauveau monströse Landschaften: vorsintflutliche Wüstengegenden, in denen biomorphe Ungeheuer eigenartige Handlungen ausführen. Chauveau illustrierte auch große Klassiker wie das Alte und Neue Testament und die Fabeln von La Fontaine. Manchmal interpretierte er die Texte neu (wie „Le Roman de Renard“), daneben schuf er berührende und fantasievolle Kinder- und Tiergeschichten.

Im Rahmen der Ausstellung kann ein einzigartiges Werk neu entdeckt werden. Zwei wichtige Aspekte stehen im Mittelpunkt: einerseits die Persönlichkeit, das Leben und Werk von Léopold Chauveau, und andererseits seine imaginäre Welt für Kinder, die auch die jüngsten Besucher faszinieren wird.

Kuratiert von Ophélie Ferlier-Bouat und Leïla Jarbouai, Konservatorinnen im Musée d'Orsay

Zweite Station: La Piscine, Musée d'Art et d'Industrie André Diligent in Roubaix, vom 17. Oktober 2020 bis zum 17. Januar 2021

 

James Tissot (24.3.–19.7.2020, Musée d'Orsay)

James Tissot (1836-1902), der in Nantes geboren und auf den Namen Jacques Joseph Tissot getauft wurde, studierte an der Ecole des Beaux-Arts de Paris. Tissot war ein herausragender, zugleich widersprüchlicher und faszinierender Maler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er übte seine künstlerische Tätigkeit dies- und jenseits des Ärmelkanals aus. Sein Werk wird zwar regelmäßig auf Ausstellungen zur Belle Époque präsentiert, doch dies ist die erste Retrospektive über Tissot seit der Schau im Petit Palais im Jahr 1985.

James Tissots Laufbahn begann Ende 1850 in Paris. Seine Leidenschaft für die japanische Kunst und seine Verbindung zu einflussreichen Zirkeln dienten ihm als Inspirationsquelle für seine Malerei. In Paris, wo Baudelaire Schriften über die moderne Kunst verfasste, die von Künstlern wie James McNeill WhistlerEdouard Manet oder Edgar Degas verkörpert wurde, war der Dandy Tissot sehr gefragt (→ Japonismus, Impressionismus).

Nach dem Krieg von 1870 und der Pariser Kommune ließ sich Tissot in London nieder und setzte seine bemerkenswerte Karriere, die ihm Zutritt zur Oberschicht verschaffte, fort. In seinem Werk beschäftigte er sich zunehmend mit seiner Lebensgefährtin Kathleen Newton und deren Erkrankung. Nach dem Tod seiner Muse im Jahr 1882 kehrte Tissot nach Frankreich zurück.

Tissot schilderte in seinen Gemälden die Pariser Frau ‒ der große Zyklus („Die Frau in Paris“) ‒ und erforscht mit dem Zyklus „Der verlorene Sohn“ und Hunderten von Bibelillustrationen mythische und religiöse Sujets, die an der Wende zum 20. Jahrhundert von Erfolg gekrönt waren.

Die Ausstellung präsentiert die Kunst dieses Malers vor dem künstlerischen und gesellschaftlichen Hintergrund seiner Zeit und vergisst nicht, die großen Erfolge eines Künstlers zu erwähnen, der sich durch seine oftmals ikonischen Bilder und seine kühnen Recherchen auszeichnete. Die Schau beschäftigt sich auch mit der Entstehung seines Werks: mit Tissots Themen und deren Variationen, mit den verschiedenen Techniken wie der Grafik, Fotografie oder Cloisonné, die er neben der Malerei ausübte.

Kuratiert von Marine Kisiel, Kuratorin im Musée d'Orsay, Melissa E. Buron, Director, Art Division at the Fine Arts Museums of San Francisco, Paul Perrin, Konservator im Musée d'Orsay, Cyrille Sciama, Generaldirektor des Musée des impressionnismes Giverny.

Die Ausstellung wird vom 10. Oktober 2019 bis 9. Februar 2020 im Fine Arts Museum von San Francisco präsentiert.

 

 

Léon Spilliaert. Licht und Einsamkeit (15.6.–13.9.2020, Musée d'Orsay)

Der belgische Symbolist Léon Spilliaert (1881–1946) setzt in seinen Gemälden beunruhigende Einsamkeit und unendliche Perspektiven in Szene (→ Symbolismus). Zwischen metaphysischer Hinterfragung und flämischer Kultur sorgt er mit nicht klassifizierbaren Werken für Verwirrung. Er erfand eine Symbolik der inneren Dunkelheit, welche die belgische Kunst nachhaltig prägen sollte.

Léon Spilliaert fand Inspiration an den Bildwerken von Odilon Redon oder James Ensor, aber auch Texten von Emile Verhaeren und Maurice Maeterlinck. Obwohl er vom Symbolismus der Jahrhundertwende beeinflusst war, geht sein Werk darüber hinaus. Spilliaerts halluzinierende Gesichter flirten mit dem Expressionismus, die schlichten Landschaften erscheinen als Vorboten des Minimalismus.

„Léon Spilliaert. Licht und Einsamkeit“ ist die erste Ausstellung in Frankreich seit etwa 40 Jahren. Sie konzentriert sich auf die intensivste Schaffensperiode von Spilliaert zwischen 1896 und 1919 und präsentieren seine radikalsten Werke.

Kuratiert von Leïla Jarbouai, Konservatorin für graphische Kunst im Musée d'Orsay, Anne Adriaens-Pannier, Dozentin, Königliche Museen der Schönen Kunste von Belgien – Brüssel.
Die Ausstellung wird organisiert von: Musée d'Orsay, Musée de l'Orangerie, Paris, und der Royal Academy, London. Sie wird vom 19. Februar bis zum 25. Mai 2020 an der Royal Academy zu sehen sein.

 

 

Musée de l’Orangerie: De Chirico und die Pittura Metaphisica (1.4.–13.7.2020)

Aktuelle Ausstellungen

2. Dezember 2019
Sofonisba Anguissola, Porträt von Königin Anne von Österreich, Detail, 1573, Öl/Lw, 86 x 67,5 cm (Madrid, Museo Nacional del Prado)

Madrid | Prado: Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana Renaissance-Malerinnen aus Cremona und Bologna

Sofonisba Anguissola (um 1535–1625) und Lavinia Fontana (1552–1614) sind zwei der herausragendsten Malerinnen der Renaissance. Mit insgesamt 60 Werken präsentiert der Prado erstmals die wichtigsten Gemälde der beiden Spezialistinnen für Porträt und Historienmalerei.
12. November 2019
El Greco, Aufnahme Mariens in den Himmel, Detail, 1577–1579, Öl/Lw, 403,2 x 211,8 cm (Chicago, The Art Institute of Chicago / Photo © Art Institute of Chicago)

Paris | Grand Palais: El Greco Spanischer Maler des Manierismus zum ersten Mal in Frankreich ausgestellt

Ziel der Ausstellung, die gemeinsam mit dem Louvre und dem Art Institute of Chicago entwickelt wird, ist, den Werdegang des Malers vorzustellen. Es lässt sich von einer beeindruckenden Wandlung des Malers an den Anfängen seiner Karriere sprechen, die ihn von der Ikone bis zu seiner künstlerischen Bindung an die venezianische und römische Renaissance-Malerei führte.
5. November 2019
William Turner, Peace - Burial at Sea, Detail, Exhibited 1842 (© Tate: Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856. Foto © Tate, London 2018)

William Turner in Münster: erhabene Berge, pittoreskes Italien und das Meer Große Turner-Ausstellung 2019 in Deutschland

Nach 20 Jahren zeigt das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster 2019 eine große Turner-Ausstellung in Deutschland. Der Romantiker veränderte das Landschaftsbild seiner Eopche radikal und beeinflusste damit maßgeblich die sich formierenden Impressionisten. Erhabene Berge, das pittoreske Italien und das Meer sind die Leitthemen der Schau.
25. Oktober 2019
Vincent van Gogh, Stillleben mit Zwiebel, Detail, 1889, Öl/Lw (Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Museum Barberini: Van Gogh. Stillleben Reflexionen über den Alltag: Schuhe, Blumen und Theos Briefe

Von seinem ersten Gemälde bis zu den farbstarken Blumenbildern der späten Jahre hat Vincent van Gogh (1853–1890) immer wieder Stillleben gemalt. In diesem Genre konnte er malerische Mittel und Möglichkeiten erproben: von der Erfassung des Raums mit Licht und Schatten bis zum Experimentieren mit Farbe. Die erste Ausstellung zu diesem Thema analysiert anhand von über 20 Gemälden die entscheidenden Etappen im Werk und Leben van Goghs.
23. Oktober 2019
NOUS, LES ARBRES in der Fondation Cartier pour l’art contemporain, 2019

Paris | Fondation Cartier: Bäume Bäumen eine Stimme geben

Den etwa drei Trillionen Bäumen der Welt eine Stimme zu verleihen, ist das erklärte und erreichte Ziel der Ausstellung „Nous, les arbres [Wir, die Bäume]“ in der Fondation Cartier pour l’art contemporain.
22. Oktober 2019
Leonardo, La belle Ferronnière, Detail, 1490–1495, Öl auf Holz, 62 x 44 cm (Paris, Musée du Louvre)

Louvre: Leonardo da Vinci Mona Lisa, Felsgrottenmadonna, Belle Ferronnière, Hl. Johannes der Täufer, Hl. Anna selbdritt

Der Louvre besitzt mit fünf Gemälden und 22 Zeichnungen die weltweit größte Sammlung von Leonardos Werken: die „Felsgrottenmadonna“ (erste Fassung), die „Belle Ferronnière“, die „Mona Lisa“, der „Hl. Johannes der Täufer“ und die „Hl. Anna selbdritt“. 2019 zeigt man sie im Kontext von Leonardos Zeitgenossen, Schülern und Nachfolgern.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.