Paris | Grand Palais: Hilma af Klint

Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 7, Das Mannesalter, Gruppe IV, 1907 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Photo: Albin Dahlström / Moderna Museet
Im Frühjahr 2026 widmen Grand Palais und Centre Pompidou der schwedischen Malerin Hilma af Klint (1862–1944) eine wegweisende Ausstellung - und damit auch die erste große Retrospektive in Frankreich.
Hilma af Klints Werk erschütterte die Chronologie der Modernen Kunst in den vergangenen Jahrzehnten; nun ist die Malerin in den großen Museen der Welt angekommen. Bereits 1906, also lange vor kanonisierten Begründern der Abstraktion wie Wassily Kandinsky und Kasimir Malewitsch, schuf Hilma af Klint außergewöhnlich kühne Gemälde: Kompositionen, in denen Geometrie, leuchtende Farbflächen und organische Motive zu einem Bilduniversum verschmelzen.1
Wer auch immer das „erste abstrakte Bild“ gemalt haben mag, diese Schau im Pariser Ausstellungsfrühling 2026 darf man nicht versäumen! Das Grand Palais verwandelt sich buchstäblich in einen Tempel, in dem af Klints „Tempelbilder“ (Peintures du Temple, 1906–1915) in Serien gehängt sind und in die spirituell-künstlerisches Welt der Schwedin einführt. Da sich die Schau auf zwei Ebenen enfaltet, können die Kuratoren die Serien nach Entstehungszeit hängen und so das Publikum zum Herzstück der Schau - „Die zehn Größten“ (2. Oktober – 7. Dezember 1907) - hinführen. Hatte sich die Künstlerin mit ihren Helferinnen anfangs noch auf Kleinformate konzentriert, so übertrugen sie ihre Konzeptionen ab Herbst 1907 in die Monumentalmalerei: Symbole, Formen, Schrift, leuchtende Farben, spiritistisches Wollen (oder Fließenlassen) bis zur Aufnahme der volkskundlichen „Lebenstreppe“ verbinden sich zu einer unausdeutbaren, meditativen Malerei.
Hilma af Klint
Frankreich | Paris: Grand Palais, Galeries 8
6.5. – 30.8.2026
- Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 1, Das Kindesalter, Gruppe IV, 1907 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Foto: Albin Dahlström / Moderna Museet
- Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 7, Das Mannesalter, Grupp IV, 1907 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Photo: Albin Dahlström / Moderna Museet
Hilma af Klint 2026 in Paris
Die Tempelbilder (Peintures du Temple, 1906–1915): Das Hauptwerk
Herzstück der Ausstellung ist Hilma af Klints epochales Ensemble von mehr als hundert Gemälden und Zeichnungen im Dialog mit verschiedenen Inspirationsquellen (nordische Folklore, Naturwissenschaften, Esoterik). Es ist die Äußerung von af Klints spirituellem Entwicklungsweg und wurde auf ihren eigenen Wunsch hin erst lange nach ihrem Tod öffentlich gemacht.2
Kurator Pascal Rousseau beschreibt die faszinierende Spannung im Werk: Diese Kompositionen, nach Serien geordnet, machen eine übernatürliche kosmische Ordnung sichtbar und signalisieren zugleich die Umkehrung gesellschaftlicher Konventionen. Wenn eine Blume mit einer Vulva verschmilzt oder diese sich in Engelsflügeln birgt, bringt Hilma af Klint Symbole zusammen, die in der westlichen Philosophie oder Spiritualität keine Nähe haben. Darin liege keine Provokation, sondern die Verwirklichung einer rigorosen spirituellen Suche nach einer Versöhnung der Gegensätze, so der Kurator weiter. Die Künstlerin habe ihre Praxis in einem bewussten „Phasenverzug“ zu ihrer Zeit konzipiert – und damit ihre prophetische Mission erfüllt: die oberen Ebenen der Wirklichkeit visuell zu transkribieren und die Grenze zwischen Körper (sichtbar) und Geist (unsichtbar) zu sublimieren.3
Wer war Hilma af Klint? Biografie und doppeltes Künstlerleben
Hilma af Klint wurde am 26. Oktober 1862 auf Schloss Karlberg in Solna bei Stockholm geboren, als viertes Kind des Marineoffiziers Victor af Klint und seiner Frau Mathilda Sonntag. Nach dem Schulbesuch in Stockholm studierte sie von 1882 bis 1887 an der Königlichen Akademie der Schönen Künste (Kungliga Akademien för de fria konsterna) – als eine der ersten Frauen, die dort zum Studium zugelassen wurden.4
Ausgebildet in Porträtmalerei und Naturstudien, führte af Klint fortan ein doppeltes Künstlerleben: ein öffentliches, bürgerlich-konventionelles mit figurativen Werken – Landschaften, Porträts, botanischen Zeichnungen, mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestritt –, und ein geheimes, radikal avantgardistisches Schaffen, das sie ihren Zeitgenossen nicht zeigte (→ Hilma af Klint: Biografie).
Bereits 1896 gründete af Klint gemeinsam mit vier Freundinnen den spiritistischen Zirkel „De Fem [Die Fünf]“ In regelmäßigen Séancen – ergänzt durch Gebet, Meditation und Diskussion neutestamentarischer Texte – stellte die Gruppe Kontakt zu Geistern her, die af Klint schließlich als Medium kanalisierten.5 Inspiriert durch ihre Mitgliedschaft in der Theosophischen Gesellschaft und durch die okkulten Strömungen der Jahrhundertwende, erschuf sie automatische Zeichnungen und schließlich – ab November 1906 – eine Folge von Gemälden von visionärer Kühnheit.
- Hilma af Klint, Series WU/Rosen, Group III, No. 5 (By courtesy of the Hilma af Klint Foundation, Foto: Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, Schweden)
- Hilma af Klint (1862-1944), The Dove [Die Taube], Nr. 13, 1915, Installationsfoto BIennale: Alexandra Matzner.
Ursprung und Auftrag
Im November 1906 empfing af Klint – nach eigener Überzeugung durch eine höhere Macht beauftragt – den Auftrag, eine Serie großformatiger Gemälde für einen künftigen, noch zu bauenden Tempel zu schaffen. Spiralen, Birnformen, Muscheln, Blüten und geometrische Symbole materialisieren sich in diesen Bildern zu einer Bildsprache der kosmischen Harmonie und der unsichtbaren Kräfte, die die Welt regieren. Kreise und Strahlen treten neben biomorphe Organismen; Männliches und Weibliches begegnen sich in Dualitäten, die stets auf eine übergeordnete Einheit verweisen.
In atemberaubendem Tempo – auf dem Höhepunkt der Arbeit vollendete af Klint bisweilen mehrere großformatige Leinwände an einem einzigen Tag – entstanden zwischen 1906 und 1915 insgesamt 193 Gemälde, nach einem System von Gruppen und Serien geordnet.
Der gesamte Zyklus gliedert sich in elf Gruppen (Gruppen I–XI), die unterschiedliche Themen und Formsprachen aufgreifen:
- Gruppe I („Urzeit/Ursprüngliches Chaos“, 1906–1907): Die ersten Bilder des Zyklus, kleine und größere Leinwände, in denen sich organische Formen aus dem Nichts zu materialisieren scheinen.
- Gruppe II („Die Evolutionen“, 1907): Birnförmige Motive, symmetrisch gespiegelt, die Prozesse des Lebens und der Entwicklung evozieren.
- Gruppe III („Die Blumen, der Schwan und der Affe“, 1907): Naturmotive – Schneckengehäuse, Blüten –, die in Spiralen und Birnformen überführt werden.
- Gruppe VI („Die Evolutionen“, 1908): Geometrisch strenger, mit charakteristischen orangen und blauen Farbfeldern.
- Gruppe IX/SUW (Der Schwan und die Tauben, 1914–1915): Schwäne in komplexen Doppeldarstellungen, die dualistische Prinzipien verkörpern.6
- Gruppe X („Altarbilder“, 1915): Die abschließenden Werke des Zyklus, darunter das berühmte „Altarbild Nr. 1“ (Öl und Blattgold auf Leinwand, 237,5 × 179,5 cm), das den Zyklus zu einem monumentalen Schlussakkord führt.
Séance I: Ursprüngliches Chaos (Chaos originel, Série I, 7. November 1906 – 15. März 1907)
Hilma af Klint und Anna Cassel malten gemeinsam die ersten 26 Tempelbilder, kleinformatige Leinwände (je ca. 53 × 37 cm, Öl auf Leinwand). Der Titel „Chaos originel" stammt nicht von den Künstlerinnen: Er tauchte erst 1989 in der ersten Biografie der Künstlerin auf. Af Klint und Cassel selbst sprachen schlicht von „Serie I" oder den „26 ersten Kleinen“. Laut den begleitenden Notizen stammen die Tafeln 1, 2, 3, 4, 19 und 20 von Hilma af Klints Hand, die Tafeln 10, 11, 12 und 15 von Anna Cassel; die übrigen wurden nach Stilunterschieden untersucht und zu etwa gleichen Teilen und den Frauen aufgeteilt. Die Serie wurde auf der Basis mediumisticher Zeichnungen vorbereitet, von denen einige direkt in Gemälde überführt wurden; dabei schwankten af Klint und Cassel zwischen einem mediumistischen Arbeitsmodus und einer autonomen Methode.7
Séance II: Eros (Série II, 18. Januar – 30. September 1907)
Acht Gemälde (ca. 58 × 79 cm, Öl auf Leinwand). Birnförmige, symmetrisch gespiegelte Motive und fließende Linien evozieren das Begehren und die Prozesse des Lebens.
Séance III: Die großen figurativen Bilder (Les Grandes Peintures figuratives, Série III, Mai – Dezember 1907)
Die Serie „Die großen figurativen Bilder“ besteht aus zehn Gemälden (ca. 148–150 × 108–118 cm, Öl auf Leinwand). Af Klint berichtete, die Maße jedes Bildes vor Beginn gleichsam „gelesen“ zu haben; danach seien „die Bilder direkt durch sie hindurch gemalt worden, ohne Vorzeichnung und mit großer Vehemenz“. Das deutet auf eine mediumistische Arbeitsweise hin. Geholfen haben ihr Sigrid Lancén (für die Tafeln 1–4, die sie nach af Klint „physisch“ an der Entstehung beteiligten) und Cornelia Cederberg (für Tafel 10).8 Af Klint wechselt in diesen zehn Gemälden zwischen stilisierter Figuration und radikaler Abstraktion – ein Changieren, das den gesamten Zyklus durchzieht.
Séance IV: Die zehn Größten (Les Dix plus grands, Série IV, 2. Oktober – 7. Dezember 1907)
Den Kern der Ausstellung im zweiten Stock bildet die berühmteste Gruppe des Zyklus: „Die zehn Größten [De tio största]“ (Gruppe IV), entstanden zwischen 2. Oktober und 7. Dezember 1907. Diese Gemälde sind das bekannteste und vielleicht eindrucksvollste Ensemble des Zyklus: zehn monumentale Tempera-Gemälde auf Papier, aufgezogen auf Leinwand. Die Formate sind gewaltig, zwischen 315 × 234 cm (HaK103) und 322 × 239 cm (HaK102 und HaK109). Sie entstanden auf der Basis von Vorentwürfen aus dem August 1907 (leider verloren).
Zehn monumentalen Bilder verkörpern die vier Lebensphasen des Menschen: Kindheit, Jugend, Mannesalter und Alter. Warme Orangetöne und Rosarot wechseln mit kühlem Blau und Grün; spiralförmige und organische Gebilde umschlingen geometrische Formen. Die Bilder strahlen eine rätselhafte Ruhe aus, die jeden Deutungsversuch übersteigt und dennoch unmittelbar berührt.
Af Klint selbst beschrieb ihre Methode in dieser Phase: „Die Natur der Arbeit ist vierfach: 1) skizzieren, 2) die Sprache einsetzen, 3) schreiben, 4) sehen!“ Den Transfer der Entwürfe auf die großen Papierbögen führte sie mit Zeichenwerkzeugen in einem bewussten Zustand aus; dennoch bezeichnete sie den eigentlichen Malprozess als mediumistisch. Sie erhielt von den Geistern präzise Anweisungen zu Form und Farbe; für die schwierige praktische Arbeit mit den großen Formaten unterstützten sie Gusten Andersson und Cornelia Cederberg.9
Die zehn Gemälde verkörpern die vier Lebensphasen des Menschen: Kindheit (Nr. 1–2), Jugend (Nr. 3–4), Mannesalter (Nr. 5–8) und Greisenalter (Nr. 9–10).
Die Tafeln 1 bis 4 erzählen – auf blauem und orangefarbenem Grund – von der ursprünglichen Einheit und der Trennung von Männlichem und Weiblichem. Tafel 1 zeige, erläuterte af Klint, „die Symbole der Liebe“; die gemalten Blumen seien „die Rose und die Lilie“. Tafel 2, mit zwei großen Scheiben (dunkelorange und blau), überlagert und bekrönt von Blüten, evoziere „die Entwicklung der Welt“: Die beiden Scheiben verwiesen auf „die erste asketische und vestalische materielle Existenz, in der Bibel als männlich und weiblich beschrieben“.10
Die Tafeln 5 bis 8 trägt af Klint als peintures-lettres: Große Buchstaben formen imaginäre Worte; das Thema folgt der Schöpfungsgeschichte, weicht aber von der biblischen Erzählung ab. In Tafel 5 – einer gewaltigen geometrischen Blume auf Hellrosa, darunter Schriftzüge in hellen Farben mit Akzenten in Schwarz, Gelb und Blau – ist ein „Symbol des Hymens“ zu sehen, des „Vestalistischen-Asketischen“ und der „Dualität“; af Klint kommentiert in ihren Notizen: „die Sünde existiert nicht“. Tafel 6 behandelt die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams, doch af Klint weicht ab: Gott habe durch diesen Akt „das Wesen Adams mit der Essenz des Schmerzes“ erfüllt, während Eva „außerhalb und zugleich innerhalb von ihm“ platziert sei.11
Die Tafeln 9 und 10 beschließen den Zyklus. In Tafel 9 – einem weiten rot-rosafarbenen Raum – entlassen zwei große Kreise Samen, die zu Boden fallen. Tafel 10 bietet af Klints eigenen Worten zufolge „ein glanzvolles Bild des MN“ – zwei Buchstaben, mit denen sie das Männlich-Weibliche bezeichnet. Diese beiden letzten Bilder zeigen die Gelassenheit und Vollkommenheit, zu der die Menschheit am Ende ihres Entwicklungswegs gelangen kann.12
Die Pastelle (1907) – eine eigenständige Werkgruppe
Im Jahr 1907, immer noch unter der Einfluss der „spirituellen Führer“, wechselte af Klint zur Farbkreide. Die bislang im schwarzen Bleistift auf Notizbuchseiten ausgeführten automatischen Zeichnungen nehmen auf freien Bögen strukturiertere Formen an – Blütenblätter, polychrome Spiralen, chromatische Prismen. Diese Werke sind ohne Vergleich in ihrer Entstehungszeit und zwingen dazu, die Chronologie der Anfänge der Abstraktion zu überdenken.13 Damit gehören sie trotz ihres kleinen Formats und ihres intimen Medium zu den bedeutendsten Schöpfungen der Schwedin.
- Serie V: „Die sieben Sterne“ (Les Sept Étoiles, 16. Januar – 24. Februar 1908): Acht ausgestellte Blätter (Tempera, Gouache und Bleistift auf Papier auf Leinwand, ca. 62–77 cm).
- Serie VI: „Evolutionen“ (Évolution, 27. Februar – 23. April 1908): Sechzehn Leinwände (ca. 99–105 × 129–134 cm, Öl auf Leinwand). Die Kompositionen werden geometrisch strenger; die organischen Gebilde der Frühphase weichen strukturierteren Formen.
- Serie VII: „Die kleinen Aquarelle“ (Les Petites Aquarelles, 27. März – 17. April 1908): 17 kleinformatige Aquarelle und Bleistiftzeichnungen auf Papier (ca. 26 × 36 cm).
Zweite Phase (1912–1915): Serie US, Cygne, Colombe, Retable
Nach einer vierjährigen Unterbrechung (1908–1912), in der af Klint ihre erblindende Mutter pflegte und das Malen fast ganz aufgab, nahm sie den Zyklus 1912 wieder auf. Nun gestärkt durch ihre Verbindung zu Rudolf Steiner, der zum Mentor einer neuen spirituellen Bewegung, der Anthroposophie, geworden war. Unter Steiners Einfluss beanspruchte af Klint eine größere Autonomie der kreativen Inspiration; die neuen Serien setzen auf strukturiertere Formen und lassen der gestischen Improvisation weniger Raum.14
Serie VIII: „La Serie US“ (30. September – 12. Dezember 1913): Drei ausgestellte Leinwände (ca. 152–156 × 114–116 cm, Öl auf Leinwand).
Serie IX/I: „Schwan“ (Cygne, Oktober 1914 – März 1915): Sechs ausgestellte Leinwände (ca. 149–154 × 149–152 cm, Öl auf Leinwand). Der weiße und der schwarze Schwan als Dualitätssymbol erscheinen in komplexen Überblendungen und Spiegelungen.
Serie IX/II: „Taube“ (Colombe, Frühling 1915): Vierzehn Leinwände (ca. 151–157 × 114–130 cm, Öl auf Leinwand), über vierzehn Wochen im Frühjahr 1915 entstanden. Af Klint schrieb ein Jahr nach der Vollendung: In der Alchemie symbolisiert die Taube die Reinigungsphase; im Christentum den Heiligen Geist und die reine, unschuldige Seele. Eine Note vom Frühjahr 1915 hält fest, dass Cassel und af Klint „beide die große Serie gemeinsam abgeschlossen haben".15
„Der Schwan muss sich erst erheben, bevor die Menschheit das Privileg hat, die Taube zu empfangen. Die Taube ist ein Symbol des himmlischen Friedens."16
Serie X: Altarbilder (Retable, Oktober – Dezember 1915)
Drei „Altarbilder“ (ca. 237–238 × 178–179 cm, Öl und Blattgold auf Leinwand) beschließen den Zyklus, der damit insgesamt 193 Gemälde umfasst. Af Klint sprach selbst von einem „Résumé des Gesamtwerks" – nie von einem „Retabel". Der Altar, den das Retabel traditionell ergänzt, war in den spirituellen Aktivitäten von De Fem ein physisches Element gewesen: Die Fünf versammelten sich vor Séancen um einen Altar mit einem Christusbild. Als af Klint diese letzte Serie beginnt, ist der Altar zu einer rein abstrakten Entität geworden, einem Symbol der spirituellen Reise der Gruppe und einer Metapher der inneren Verfeinerung, auf die sie zielte.17 Das abschließende Ensemble aus vier großen Ölgemälden – das letzte davon figurativ, die übrigen geometrisch – feiert die spirituelle Vollendung der Gruppe und gibt einen Vorausblick auf das Ziel der gesamten Menschheit: eine höchste Heimstatt, Ausfluss kosmischen Gleichgewichts.
- Hilma af Klint, Altarbild Nr. 1, Gruppe X, 1915, Öl, Tempera und Gold auf Leinwand, 185 x 152 cm © Stiftelsen Hilma af Klints Verk / Albin Dahlström.
- Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 7, Das Mannesalter, Grupp IV, 1907 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Photo: Albin Dahlström / Moderna Museet
Die Inspirationsquellen: Theosophie, Volkskunst und Wissenschaft
Die Pariser Ausstellung beleuchtet – über die bloße Werkpräsentation hinaus – die vielschichtigen Inspirationsquellen von Hilma af Klints Schaffen.
Theosophie und Spiritismus
Af Klints Mitgliedschaft in der Theosophischen Gesellschaft, gegründet 1875 von Helena Petrovna Blavatsky, war keine periphere Neigung, sondern zentraler Motor ihres avantgardistischen Schaffens. Die Theosophie postulierte eine universelle Weisheitslehre, die Wissenschaft, Religion und Philosophie zu verbinden suchte. Spiralen, Kreise und Spiralformen in af Klints Bildern verweisen auf theosophische Vorstellungen kosmischer Harmonie und der unsichtbaren Kräfte, die das Leben durchdringen.18
Volkskunst und Folklore
Ein weiterer Strang führt in die nordische Volkskunde und Folklore. Pflanzliche Motive, Ornamentik und Spiralformen der skandinavischen Volkskunst hinterlassen in af Klints Formsprache deutliche Spuren und verbinden ihr Werk mit einer regionalen Bildtradition, die jenseits der großstädtischen Avantgardedebatten der Zeit stand.
Wissenschaftskultur
Nicht zuletzt ist af Klints Werk durchzogen von Bildern aus den Naturwissenschaften ihrer Zeit: Atomstrukturen, Zellteilung, botanische Diagramme. Die Spiralform – zugleich Naturmuster und kosmisches Symbol – steht als wiederkehrendes Motiv am Schnittpunkt von empirischer Beobachtung und spiritueller Spekulation. Die Ausstellung untersucht, wie af Klint die Wissenschaftskultur der Jahrhundertwende in ihre Bildsprache integrierte und zu einer eigenwilligen Synthese aus Empirie und Vision verdichtete.
Die späte Entdeckung: Testamentarische Versiegelung und internationale Rezeption
Af Klint entschied sich, ihre abstrakten Werke ihren Zeitgenossen nicht zu zeigen. In ihrem Testament verfügte sie, dass die Gemälde frühestens 20 Jahre nach ihrem Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürften – eine Entscheidung, die sie, wie überliefert ist, damit begründete, dass ihre Zeit noch nicht reif sei, die Bilder zu verstehen.19
Hilma af Klint starb am 21. Oktober 1944 in Djursholm. Es war der schwedische Kunsthistoriker Åke Fant, der in den 1980er Jahren af Klints Werk in der internationalen Kunstwelt bekannt zu machen begann. 1986, auf der Ausstellung „The Spiritual in Art. Abstract Painting 1890–1985“ im Los Angeles County Museum of Art – eingerichtet von Maurice Tuchman –, wurden af Klints abstrakte Gemälde erstmals einem breiten Publikum präsentiert.20 Diese Ausstellung markiert den Beginn ihres internationalen Ruhms, der sie auf die 55. Biennale di Venezia (2013), in das Guggenheim Museum New York (2018–2019, „Paintings for the Future“) und in alle großen Ausstellungshäuser der westlichen Welt führte.
In Frankreich war af Klints Werk trotz dieser weltweiten Konjunktur lange weitgehend absent. Weder im Centre Pompidou noch im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris hatte sie je eine große Einzelausstellung erhalten. Dies macht die Pariser Schau 2026 zu einem besonderen Ereignis: Erstmals präsentiert Frankreich das Hauptwerk der Künstlerin – und stellt damit eine kunsthistorische Lücke in der Vermittlung der europäischen Moderne.
Hilma af Klint und die Kunstgeschichte: Pionierin ohne Nachfolge?
Die Frage, die die Pariser Ausstellung implizit aufwirft, ist zugleich kunsthistorisch und politisch: Warum wurde das Werk einer Künstlerin, die Jahrzehnte vor Kandinsky, Malewitsch und Mondrian abstrakte Gemälde schuf, so lange von der Kunstgeschichte ignoriert? Die Antworten sind vielschichtig. Einerseits spielt der testamentarische Ausstellungsentzug eine Rolle: Af Klint selbst entzog ihr Werk dem zeitgenössischen Diskurs. Andererseits zeigt die zögerliche Aufnahme ihres Werks in den Kanon auch die andauernde Marginalisierung von Künstlerinnen in einer männlich dominierten Disziplin.
Die Pariser Ausstellung rückt af Klint daher nicht nur als Künstlerin, sondern als Korrektiv der Kunstgeschichte in den Mittelpunkt: Sie stellt die Frage, welche Beiträge von Frauen die Kunstwissenschaft noch immer ignoriert – und was eine andere Erzählung der Moderne bedeuten würde.
Die Schau ist eine Koproduktion von GrandPalaisRmn und Centre Pompidou und wird kuratiert von Pascal Rousseau, Professor an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Sie ist Teil einer umfassenderen Neubewertung der Rolle von Frauen in der Kunstgeschichte der Moderne, die in Frankreich zuletzt 2021 mit der Ausstellung „Elles font l'abstraction" im Centre Pompidou sichtbar wurde.21
Rahmenprogramm: Les Mondes d'Hilma af Klint
Vom 28. bis 31. Mai 2026 findet im Grand Palais (Salon Seine, Rotonde d'Antin, Petit Auditorium und Petit Amphithéâtre) das Begleitprogramm „Les Mondes d'Hilma af Klint" statt: Studientage, Performances, Filmvorführungen und interdisziplinäre Gespräche.
Höhepunkt ist der Studientag am 28. Mai zum Thema „Revoir Hilma af Klint. Spiritualité, genre et sexualité", organisiert in Partnerschaft mit INHA, EHESS, dem Schwedischen Kulturinstitut und der Universität Paris I Panthéon-Sorbonne (9–18 Uhr, Petit Auditorium). Am Abend desselben Tages wird der Dokumentarfilm gezeigt.
Am 29. Mai sprechen die Künstlerin Jenny Farida und Ariane Serck über textile Praktiken und Abstraktion; anschließend trifft das Publikum den Installationskünstler Arthur Gillet.
Am 30. Mai bespielt Claire Roudenko-Bertin die Rotonde d'Antin ganztägig mit ihrer Performance „La conférence de l'Anti-Fleur". Am 31. Mai folgen Gespräche über Ökospiritualität und Botanik mit Emanuele Coccia sowie eine Konferenz von Pascal Rousseau: „Esprit es-tu là ? Hilma af Klint, artiste médium".22
Parallel zur Ausstellung zeigt das Grand Palais im Salon Seine die Installation „Lost in Transmission" (2026) des französischen Künstlers Arthur Gillet: sechs großformatige Seidenmalerei-Bahnen, die Imaginationsräume der Telekommunikation befragen und mit af Klints Transkriptionen von Jenseitsbotschaften in Dialog treten.23
Der Dokumentarfilm „La double vie d'Hilma af Klint. Peintre et pionnière de l'abstraction" (Regie: Manuelle Blanc; Koproduktion ARTE France, Folamour Productions, GrandPalaisRmn, Centre Pompidou; Frankreich 2026, 52 Min.) ist auf ARTE am Sonntag, 10. Mai 2026, um 17:45 Uhr sowie auf arte.tv vom 3. Mai bis 29. August 2026 zu sehen.24
Publikationen zur Ausstellung
Ausstellungskatalog: Hilma af Klint. Les peintures du Temple, 1906–1915, GrandPalaisRmnÉditions / Éditions du Centre Pompidou, Paris 2026; 22,5 × 32 cm, 320 Seiten, 300 Abbildungen, 45 €. Im Buchhandel ab 29. April 2026. Mit Beiträgen von Pascal Rousseau („Émerveillez-vous. Le phénomène Hilma af Klint"), Hedvig Martin (Les Peintures du Temple), Ariane Serck (nordische Volkskunsttraditionen und Texttilpraktiken), Kurt Almqvist (Hilma af Klint als queere Prophetin) und David Picquart (af Klint und die Anthroposophie Steiners, 1908–1915).
Weitere Publikationen: Journal der Ausstellung (Pascal Rousseau, 7 €) | Abécédaire Hilma af Klint de A à Z (Pascal Rousseau, 128 S., 14,90 €) | Graphic Novel (Philipp Deines / Julia Voss, 120 S., 30 €) | Le Carnet d'Hilma (Kinderbuch ab 7 Jahren, Véronique Le Normand / Lisbeth Renardy, 56 S., 20,90 €)25
Praktische Informationen
Ort: Grand Palais, Galerie 8 | Eingang Square Jean Perrin, 17 Avenue du Général Eisenhower, 75008 Paris
Laufzeit: 6. Mai – 30. August 2026
Öffnungszeiten: Di–So 10–19.30 Uhr | Fr 10–22 Uhr | Mo geschlossen
Eintritt: 15 € | ermäßigt 12 € (18–25 Jahre inkl., Studierende bis 30 Jahre inkl., Großfamilien) | frei für unter 18-Jährige, Besucher mit Behinderung (mit Begleitperson, falls angegeben), Sozialhilfeempfänger, Arbeitsuchende
Tickets: grandpalais.fr | vor Ort
Anreise: Métro Linie 1 und 13: Champs-Élysées–Clemenceau | Linie 9: Franklin D. Roosevelt




![Hilma af Klint (1862-1944), The Dove [Die Taube], Nr. 13, 1915, Installationsfoto Biennale: Alexandra Matzner.](https://artinwords.de/wp-content/uploads/55-biennale-von-venedig-3/klint3-e1551441829682.jpg)



![Hilma af Klint, The Ten Largest [Die zehn Größten], Group IV, No. 3 Youth, 1907, Detail (Courtesy of The Hilma af Klint Foundation)](https://artinwords.de/wp-content/uploads/Hilma-af-Klint-The-Ten-Largest-Group-IV-No.-3-Youth-Detail-778x500.jpg)


