Albrecht Dürer, Hl. Hieronymus, Detail, 1521, Öl auf Holz, 59,5 × 48,5 cm (Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon, Foto: José Pessoa © Museu Nacional de Arte Antiga, Direção-Geral do Património Cultural /Arquivo e Documentação Fotográfica)
Exakt am 7. Oktober 1520 kam der Star Albrecht Dürer (1471–1528) in Aachen an. Das Ziel in Aachen? Eine Krönung. Der Zweck seiner insgesamt einjährigen Reise von Nürnberg bis ans niederländische Meer? Geld verdienen. So ist es überliefert. Der mit Drucken seiner bestechend scharfen Kupferstiche und Holzschnitte zu zuvor beispiellosem Ruhm gekommene Renaissance-Meister mit dem weltberühmten AD-Monogramm sollte auf schnöden Mammon schielen?
Deutschland | Aachen: Suermondt-Ludwig-Museum
7.10.2020 – 10.1.202118.7. – 24.10.2021
Die Ausstellung ermöglicht einen präzisen und frischen Blick auf die sogenannte niederländische Reise (1520/21 → Albrecht Dürer: Niederländische Reise). An der Legendenbildung der rätselhaften Reise wirkte das Mal- und Zeichengenie höchstselbst mit – als Autor einer Art Rechnungsbuch mit Reisenotizen.
100 Meisterwerke – rund 65 Zeichnungen und Gemälde sowie 35 Druckgrafien – geben Zeugnis von Dürers außergewöhnlicher Kunstfertigkeit selbst unterwegs, ohne eigene Werkstatt. Zirka 40 Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen von Künstlern, die Dürer traf, die von ihm inspiriert wurden und ihn inspirierten, komplettieren die Schau zu einem nie zuvor in dieser Form zusammengetragenen kunst-, kultur- und gesellschaftshistorischen Gesamtbild der Reise.
Die Reise in die habsburgisch regierten, burgundischen Niederlande (heute größtenteils Belgien) war zuletzt 1977 im Rahmen des Europalia-Festivals in Brüssel das Thema einer Ausstellung. Mit vier Jahrzehnten weiterer Forschungsarbeit wird der Akzent 2020/21 in Aachen und London stärker auf den Künstler gelegt. Denn gerade die Reise rund um seinen fünfzigsten Geburtstag zeigt Albrecht Dürer in all seinen Facetten, in Bild und Wort. Gerade der reisende Dürer gibt Aufschluss über das Phänomen Dürer, darüber, wie ein meisterhafter Handwerker gesellschaftlich aufstieg, über das Künstlersein in einer Welt, die noch keinen Begriff hatte für das, was wir heute Künstlerschaft nennen.
Namhafte Künstler begegneten den reisenden Dürer gleich reihenweise: Quentin Massys, Bernard van Orley, Conrad Meit, Jan Provoost, Dirk Vellert und Lucas van Leyden, um nur einige zu nennen. Dürer ist Werkstatt- und Hochzeitsgast von Joachim Patinir, den er Landschaftsmaler nennt, womit er gleich noch einen neuen Gattungsbegriff prägt.
Viel Zeit verbrachte Dürer auch mit Handelsleuten wie Vertretern der Fugger, mit hohen Amtsträgern aus seiner Heimatregion und seiner einjährigen Wahlheimat Niederlande, mit Patriziern und höfischer Gesellschaft. Und damit kommt das Geld ins Spiel: ein seit 1518 noch ausstehendes kaiserliches Honorar in Höhe von 200 Gulden sowie, wohl weit wichtiger noch, eine 1515 zugesprochene Leibrente von 100 Gulden jährlich, etwa das Doppelte des durchschnittlichen Jahressalärs (50 Gulden) eines Handwerkmeisters. Seit dem Tod Maximilians I. zu Beginn von 1519 verwehrte ihm die Stadt Nürnberg die Auszahlung des Honorars und des kaiserlichen Privilegs. In den habsburgisch regierten Niederlanden suchte und fand Dürer Fürsprecher für die Fortsetzung der Zahlungen.
Die eingeholten Empfehlungen für die Fortsetzung der Leibrente richteten sich an Maximilians Nachfolger. Dieser wurde am 23. Oktober 1520 in Aachen zum König gekrönt. Bereits am 7. Oktober traf Dürer in Aachen ein. Er vergnügte sich in den Thermalquellen und beim Spiel, er bestaunte die Heiltümer, bewunderte und zeichnete Dom und Katschhof, zudem das Rathaus und einen rastenden Hund. Die Burg Frankenberg nutzte er als Kulisse für ein Bildnis, dem er freigeistig eine Rheinlandschaft hinzufügt. In der Aachener Region besuchte Dürer u.a. Jülich und Düren sowie Köln.
Sein Privileg erhielt Dürer übrigens wieder. Und auch sonst dürfte sich die Reise am Ende gelohnt haben. Sie mehrte Dürers Ruhm: durch gesellschaftlichen Austausch und beim (Geschenk-)Handel mit seiner Kunst.
Das Neue, das Fremde fasziniert Albrecht Dürer. Als die Nachricht von einer Walstrandung in Zeeland die Runde machte, fuhr er hin. Daraus wurde eine Abenteuergeschichte inklusive Schiffbruchs und er selbst zum Retter. Sicher an Land angekommen, war der Wal allerdings schon wieder weggespült. Was blieb, war wohl kurze Enttäuschung und eine langwierige Krankheit mit Fieberschüben und Erschöpfung. Medizinisch lassen die beschriebenen Symptome einige Forscher auf Syphilis schließen, andere vermuten, dass sich der Künstler in Zeeland Malaria zugezogen hatte.
Was Dürer künstlerisch mitbrachte, war eine weitere sagenhafte Geschichte um ein Meerestier. Nach seiner Rückkehr von Zeeland nach Antwerpen fertigte er eine fantastische Zeichnung eines Walrosses. Ob das mit fabelhafter Größe beschriebene Wesen (zwölf brabantische Ellen entsprächen 8,30 Meter Länge) tatsächlich in der niederländischen See gefangen wurde, und Dürer es wirklich dort sah, wie er in der Inschrift des Blattes nahelegt? Vermutlich nicht. Forscher halten sogar eine Vorlage seines Werkstattmitarbeiters Hans Baldung Grien als Inspirationsquelle für möglich. Doch klingt Dürers Zeeland-Sage nicht viel spannender?
Dürers Reise in die Niederlande war eine der produktivsten Zeiten des Künstlers überhaupt. Etwa 120 erhaltene Blätter mit Zeichnungen werden nach neuester Forschung zur Reise in die Niederlande gezählt. Sogar Gemälde, von der Produktion her weit aufwändiger als Zeichnungen, malte Dürer auf seiner Reise. Er erwähnt für das Reisejahr sage und schreibe 22.