Berühmte Künstler und Künstlerinnen des Fotorealismus

Der Fotorealismus ist eine Kunstströmung, die in den späten 1960er Jahren entstand und eine extrem naturalistische Wiedergabe der sichtbaren Welt anstrebt. Künstler wie Robert Bechtle, Richard Estes, Ralph Goings und Audrey Flack wandten sich wieder der gegenständlichen Malerei zu. Dabei schufen sie einen „neuen Realismus“, der die vorgefilterte Realität der Kamera zum Ausgangspunkt nahm und dabei die persönliche Handschrift des Künstlers bewusst zurückdrängte. Von den USA ausgehend, breitete sich der Fotorealismus in den späten 1960ern nach Europa aus. Die berühmtesten Künstler und Künstlerinnen des Fotorealismus werden hier aufgezählt!

Wer sind die berühmtesten Künstler und Künstlerinnen des Fotorealismus?

Ralph Goings

Ralph Goings (1928–2016) war einer der wichtigsten Wegbereiter des Fotorealismus. Wie Richard Estes und Robert Bechtle fokussierte er motivisch die Alltagswelt des modernen Amerika, das er in zahlreichen Darstellungen mit feinmalerischer Bravour ins Bild setzte. Als Vorlage dienten dem Künstler dabei Fotografien, die er selbst anfertigte.

„In meinen Gemälden geht es um Licht, darum, wie Dinge in ihrer Umgebung aussehen, und insbesondere darum, wie Dinge gemalt aussehen. Form, Farbe und Raum unterliegen der Laune der Realität, ihre Entdeckung und Organisation ist die Aufgabe des realistischen Malers.“ (Ralph Goings)

Robert Bechtle

Robert Bechtle (1932–2020) lebte in der San Francisco Bay Area und wählte für seine Gemälde in der Regel Fotos aus dem Alltagsleben der Mittelschicht, die er selbst aufgenommen hatte, darunter Darstellungen von Autos, Vorstadtstraßen und Familienleben. Aus der Ferne betrachtet ähnelt die glänzende Oberfläche den typischen Farben zeitgenössischer Kodak-Abzüge.

Richard Estes

Richard Estes (*1932) gilt als einer der einflussreichsten Pioniere des amerikanischen Fotorealismus. Ab 1959 in New York ansässig, wurde das geschäftige Großstadtleben von Manhattan zum Hauptthema seiner Gemälde. Estes arbeitete mit einer Vielzahl an fotografischen Vorlagen, um seine visuell irritierenden, hyperrealistischen Stadtansichten aus unterschiedlichsten Bildquellen zusammenzusetzen. Dieses Vorgehen bot ihm die nötigten Informationen, da er ein hochkomplexes Bild nicht aus einer einzigen Fotografie gewinnen konnten. Estes malte konventionell mit einem Pinsel, beginnend mit einer locker aufgetragenen kompositorischen Untermalung, und arbeitete sich langsam bis zur abschließenden minutiösen Detailarbeit vor. Ihm ging es nicht darum, Fotos zu übertragen, sondern eine auf Fotos basierende, aber eigene Komposition zu schaffen.

Audrey Flack

Audrey Flack (1931–2024) war die einzige Frau unter den Pionier:innen des amerikanischen Fotorealismus. Mit ihren Arbeiten vom Ende der 1960er und Beginn der 1970er Jahre setzte sie sich motivisch radikal von den Bildwelten ihrer männlichen Kollegen ab. Zahlreiche ihrer Werke fokussieren Objekte, die unmittelbar mit Weiblichkeit assoziiert sind, darunter neben Schmuck und Kosmetika auch Darstellungen berühmter Frauen aus der Welt der Kunst, des Films oder der Religion.

Malcolm Morley

Malcolm Morley (1931–2018) malte Postkarten, Zeitschriften und Reisebroschüren ab, indem er die Fotos in ein gleichmäßiges Raster aufteilte und sie Quadrat für Quadrat auf die Leinwand übertrug. Dabei war ihm die Erkennbarkeit der Vorlage und die Sichtbarmachung des Malprozesses wichtiger als ein augentäuschender Illusionismus, was ihn zu einem Vermittler zwischen der Pop Art und dem Fotorealismus machte.

Richard McLean

Richard McLean (1934–2014) ist berühmt für die Darstellung von Turnier- und Rennpferden in ländlichen Gegenden. McLean war auf einer Farm im ländlichen Idaho aufgewachsen und schon früh von Tieren fasziniert. Gleichzeitig interessierte er sich für das Pferd als Bildmotiv, dessen traditionelle Rolle als Symbol für Macht, militärische Stärke und Männlichkeit sich im 20. Jahrhundert zum „Freizeitsymbol“ gewandelt hatte.

„Ich wollte das Pferd wie ein Stilllebenobjekt behandeln. Ich möchte das Pferd eher objektivieren als subjektivieren und es mehr zu einer Aussage über das Aussehen machen. Die eigentliche Herausforderung für mich besteht darin, zu wissen, wie ich das Pferd noch einmal malen kann, ohne es mit all dem Ballast zu belasten, den es über die Jahrhunderte hinweg mit sich getragen hat. Ich möchte es als Objekt malen, das das Licht einfängt und reflektiert, so wie man es bei einem Stillleben und anderen Bildgegenständen tun würde.“

Robert Cottingham

Robert Cottingham (*1935) konzentrierte sich auf die Darstellung städtischer Szenen. Viele seiner Kompositionen zeigen Gebäudefassaden, die mit Werbeslogans oder Leuchtreklame bedeckt sind, da er bis 1963 Werbung und Grafikdesign studiert hatte. Obwohl Cottingham schon früh begann, Fotografien in seinen künstlerischen Prozess zu integrieren, kopiert er keine bestimmten Aufnahmen, sondern verändert oft den Wortlaut der Beschriftung und weicht somit von seinen Vorlagen ab.

Charles Bell

In den frühen 1960er Jahren lebte Charles Bell (1935–1995) in San Francisco, wo die Gemälde von Richard Diebenkorn sowie die Werke der aufstrebenden Pop Art einen großen Einfluss auf den Autodidakten ausübten. 1967 zog der Maler nach New York, wo er sein erstes Atelier eröffnete und bald zu einer der Gründungsfiguren des Fotorealismus avancierte. Motivisch konzentrierte sich Bell auf die Stilllebenmalerei, insbesondere auf die Darstellung von Spielzeug, Kaugummiautomaten und Spielhallen.

Ron Kleemann

Ron Kleemann (1937–2014) zog 1961 nach New York, wo er seine künstlerische Karriere als abstrakter Bildhauer begann. Ende der 1960er Jahre wechselte Kleemann zur Malerei und begeisterte sich für den aufstrebenden Fotorealismus. Seine charakteristischen Motive sind glänzende Fahrzeuge wie Feuerwehrautos, Flugzeuge und vor allem berühmte Rennwagen, die er allerdings in außergewöhnlichen Perspektiven ins Bild setzte.

John Salt

John Salt (1937–2021) wanderte 1966 in die USA aus, wo er sich zunächst intensiv mit den Entwicklungen der zeitgenössischen Dokumentarfotografie um Künstler:innen wie Lee Friedlander auseinandersetzte. Als Student fühlte er sich der Malerei von Grace Hartigan verwandt. Viele seiner frühen fotorealistischen Gemälde zeigen Autowracks, die er auf einem Schrottplatz unterhalb der Brooklyn Bridge in New York fotografierte. Für die Umsetzung seiner Gemälde nutzte Salt 35-mm-Dias, die er auf die Leinwand projizierte.

Tom Blackwell

Tom Blackwell (1938–2020), einer der Pioniere des Fotorealismus, wurde durch seine zahlreichen Darstellungen von Motorrädern bekannt.

„Jedes meiner Gemälde ist das Ergebnis einer sorgfältigen, analytischen und liebevollen Übersetzung und Umwandlung des visuellen Materials in Farbe. Ich liebe die Art und Weise, wie die Kamera einen bestimmten Moment einfängt und eine Art vorgefundenen Surrealismus festhält, der die Essenz des zeitgenössischen Lebens ausmacht. Genau diesen Moment festzuhalten, den optimalen Augenblick, der ein visuelles Ereignis am besten zusammenfasst, und ihn dann auf die höchste Ausdrucksstufe zu bringen, die ich erreichen kann – darum geht es in meinen Gemälden.“

Chuck Close

Chuck Close (1940–2021) ging zeit seines Lebens der Frage nach, mit welchen technischen Möglichkeiten sich die Bildinformationen einer Fotografie auf die Zweidimensionalität der Leinwand übertragen lassen. Im eng gesteckten Rahmen des frontalen Porträts von Menschen aus seinem engsten Umfeld arbeitete Chuck Close mit selbst geschossenen Fotografien. Die teilte er in Quadrate ein und arbeitete anfangs mit einer Sprühpistole, um einen gleichmäßigen Farbauftrag zu erreichen. In Formulierungen, die an die Konzeptkunst denken lassen, bezeichnete er seine Malmethode als „System“.

Don Eddy

Don Eddy (*1944) ist für hyperrealistische Darstellungen von Autos und Autoteilen, die durch die detaillierte Wiedergabe von Materialien wie Chrom und Glas bestechen, berühmt. Als Teenager war Don Eddy in der Autowerkstatt seines Vaters tätig, wo er Lackierungsarbeiten vornahm. In seinen nach fotografischen Vorlagen ausgeführten Gemälden spielt Eddy mit Effekten wie dem Kontrast zwischen Schärfe und Unschärfe, wobei die Wahl ungewöhnlicher Blickwinkel oft wie in einem Schnappschuss ein spontanes Betrachtungsmoment suggeriert.

Don Jacot

Don Jacot (1949–2021) war eine Schlüsselfigur der zweiten Generation amerikanischer Fotorealisten. Jacots berühmteste Werke sind farbintensive Stadtansichten und „Porträts“ von historischem Spielzeug. Letztere arrangierte er oft in Gruppen, um humorvolle Erzählungen entstehen zu lassen.

Ben Johnson

Der Brite Ben Johnson (*1946) gehört zu den bedeutendsten realistischen Malern der Gegenwart. Johnson ist bekannt für zahlreiche Darstellungen architektonischer Motive und Stadtlandschaften, die er mit unerbittlicher Akribie umsetzt. Zu seinen Inspirationsquellen gehört die niederländische Interieurmalerei des Barock.

Karin Kneffel

Karin Kneffel (*1957) wurde bekannt mit Stillleben und Interieurs, in denen Spiegelungen, betörende Ornamentik sowie sinnliche Oberflächen von trügerischer Textur eine wichtige Rolle spielen. Im aufwendigen Malvorgang formt sie fotografische Vorlagen zu weichen, fantasievollen Kompositionen um. Kneffels Einsatz von Farben und Formen, überlagernde Bildebenen und inhaltliche Referenzen lässt ein Wechselspiel zwischen Bildschärfe und -unschärfe entstehen. Die von ihr verfremdeten Welten sind wiedererkennbar und entwickeln eine besonderer ästhetische Anziehungskraft. Durch diesen kreativen Vorgang gibt Kneffel ihren Bildern eine Wärme und Lebendigkeit, die sie von der traditionellen fotorealistischen Malerei dezidiert unterscheidet.

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