Künstlerinnen des Surrealismus

Bislang wurden die Künstlerinnen des Surrealismus bestenfalls als die Musen, Freundinnen und Ehefrauen der Surrealisten betrachtet, während die Werke ihrer männlichen Zeitgenossen gewürdigt und ausgestellt wurden und dadurch in den historischen Bildschatz eingegangen sind. Eine Teilhabe an den Treffen der Künstler war fast ausschließlich über sexuelle Beziehungen zu ihnen möglich, denn die Männer blieben unter sich. So unterscheidet sich auch das in Malerei und Fotografie konstruierte Frauenbild zwischen männlichen und weiblichen Schöpfungen. Während die Surrealisten Frauen zerstückelt und als gefährliche Raubtiere wiedergaben, inszenierten sich die Frauen als geheimnisvolle, gespenstische Wesen (Toyen, Maar, Miller), wunderschöne Magierinnen (Fini, Carrington) oder auch androgyne Personen (Cahun) – alle waren sie aber immer auf der Suche nach ihrer Identität.

Neben den berühmtesten Künstlerinnen des Surrealismus – Frida Kahlo, Meret Oppenheim, Louise Bourgeois – gibt es eine Vielzahl von interessanten Persönlichkeiten und Kunstschaffenden wie Toyen, Claude Cahun, Lee Miller, Dora Maar, Leonor Fini, Leonora Carrington, Kay Sage, Dorothea Tanning und Unica Zürn. Die Künstlerinnen des Surrealismus waren nicht nur schöne und schweigsame Musen, sondern vor Kreativität sprudelnde Persönlichkeiten, die sich bewusst im Umfeld der Surrealisten aufgehalten haben, sich ihren Konzepten einer anti-bürgerlichen Kulturform annäherten und den freien Lebensstil der Avantgarde pflegten.

Wer waren die wichtigsten Künstlerinnen des Surrealismus?

 Frida Kahlo

Frida Kahlo

Ob Frida Kahlo  (Coyoacan 1907–1954 Mexiko-Stadt) dem Surrealismus zuzurechnen ist, wird immer noch diskutiert. Die Künstlerin selbst beonte Zeit ihres Lebens (natürlich) ihre Unabhängigkeit von allen Stilen und Einflüssen. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Frida Kahlo ihr Werk zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus entwickelte. In vielen Gemälden ab 1931 zeigt sie surrealistische Zusammenstellungen, in denen sie jedoch keine Traumbilder, sondern ihre Lebenswirklichkeit in Mexiko verarbeitete.

Meret Oppenheim

Meret Oppenheim

Getreu ihres Mottos – „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen“ – bewegte sich Meret Oppenheim (Berlin 1913–1985 Basel) fernab stilistischer Zuordnungen. Ihr höchst vielschichtiges Werk, das von Malerei über Skulptur, (Schmuck)Design bis hin zu Gedichten reicht, wird oft mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht, geht jedoch weit darüber hinaus.

Louise Bourgeois

Louise Bourgeois

(Paris 1911–2010 New York)

Toyen

Toyen

Die tschechische Künstlerin Toyen, egentlich Marie Cermínová (Prag 1902–1980 Paris), lebte bereits ab 1925 in Paris und entwickelte sich um 1930 zur überzeugten Surrealistin. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Jindřich Štyrský (1899–1942) prägte sie den tschechischen Surrealismus. Im Jahr 1934 war sie eine Mitbegründerin der „Surrealistengruppe der CSR“, die sich sogleich mit der Pariser Gruppe zusammenschloss. Im selben Jahr lernte sie auf einem Besuch in Frankreich Max Ernst, Salvador Dalí und Yves Tanguy kennen. Während der Nazi-Herrschaft wurde sie mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt. Da sie sich 1947 zu einer Ausstellungsvorbereitung in Paris aufhielt, entschied sie sich in Paris zu bleiben. Dort schloss sie sich den französischen Surrealist*innen an.

Claude Cahun

Claude Cahun

Claude Cahun (Nantes 1894–1954 Saint Helier) war eine französische Künstlerin des Surrealismus: Fotografin, Darstellerin, Aktivistin und Schriftstellerin. Cahun entwickelte zwischen 1914 und 1954 ein faszinierendes fotografisches Werk, in dem sie ihr Geschlecht und ihre Identität zum Thema machte. In den inszenierten Selbstporträts dekonstruierte sie die für Frauen festgeschriebenen Ausdrucksformeln und wies eine festgeschriebene geschlechtliche Identität zurück. Mithilfe von Maskerade und Pose unterwanderte sie auf kritisch-analytische Weise auch das obsessive Frauenbild ihrer surrealistischen Kollegen. Erst der durch den Feminismus der 1970er Jahre ausgelöste Diskurs um Körper und Geschlecht machte die Wertschätzung von Cahuns Werk ab den 1980er Jahren möglich.

Lee Miller

Lee Miller

Lee Miller (Poughkeepsie 1907–1977 Chiddingly) wurde 1908 in der Industriestadt Poughkeepsie (New York) geboren. Im Alter von sieben Jahren wurde sie von einem Matrosen (dem Vater?) vergewaltigt. 1926 kam sie zum ersten Mal nach Paris, zog jedoch für ihr Malereistudium zurück nach New York. Dort wurde sie vom Herausgeber der Vogue, Condé Nast, vor einem Autounfall gerettet und stieg zu einem gefragten Fotomodell auf. Um die Fotografie zu erlernen, kam Miller erneut nach Paris und suchte Man Ray mit einem Empfehlungsschreiben von Edward Steichen im Sommer 1929 auf. In den folgenden drei Jahren waren sie ein Liebespaar, Lehrer und Schülerin, Fotograf und Muse sowie Modell gleichermaßen. Gemeinsam perfektionierten sie Man Rays Technik der Solarisation 1929. Hierfür wird ein Negativ doppelt belichtet, so dass die beispielsweise dunklen Flächen rund um ein Porträt ebenfalls hell erstrahlen. Zwischen Positiv und Negativ entsteht eine schimmernde Konturlinie, die die Bilder wie Visionen wirken lässt.

Im Gegensatz zu Man Ray und den anderen Surrealisten suchte Lee Miller nicht die Zusammenführung von Alltagsphänomenen zu einer unerklärlichen (kritisch-paranoiden) Komposition. Anstelle mit Verfremdungseffekten zu arbeiten, „entnahm“ sie der Wirklichkeit surreale Momente, arbeitete aber auch gelegentlich mit Collagen.

Ihre Arbeit für die Vogue setzte die umtriebige Fotokünstlerin mit dem Kriegseintritt der USA fort. Sie fotografierte das von Bomben zerstörte London, wo sie seit Juni 1939 mit dem britischen Surrealisten Roland Penrose lebte. Lee Miller verfasste eigene Texte zu ihren Bildern und arbeitete mehr als zwei Jahre als amerikanische Kriegskorrespondentin. Ab dem Sommer 1944 berichtete sie vom Kontinent, darunter erschreckende Bilder aus dem befreiten Konzentrationslager Buchenwald Mitte April 1945.

Dora Maar

Dora Maar (Paris 1907–1997 ebenda) wurde 1907 in Paris geboren und auf den Namen Theodora Markovitch getauft. Sie studierte ab 1926 an der École de Photographie und der privaten Kunstakademie Julian. Anfang der 1930er Jahre eröffnete sie ein Fotostudio. Neben realistischen Schilderungen aus dem Arbeitermilieu schuf sie auch Modefotografien für Coco Chanel, Elsa Schiaparelli und Helena Rubinstein. Ab 1934 lernte sie die Surrealisten kennen, beginnend mit Georges Bataille, mit dem sie eine monatelange Affäre hatte. Im folgenden Jahr war Dora Maar zur Surrealistin gereift und entwickelte ihren persönlichen Stil, indem sie interessante Motive zusammenkopierte. Heute ist die Fotokünstlerin hauptsächlich als Geliebte von Pablo Picasso berühmt, den sie 1936 zum Freund nahm. Als „Die weinende Frau“ ging sie 1937 in einer Serie von Gemälden Picassos in die Kunstgeschichte ein. Für Picasso kehrte sie wieder zur Malerei zurück, obwohl sie in den 1920ern festgestellt hatte, dafür nicht genug Talent zu besitzen.

Leonor Fini

Die Italienerin Leonor Fini (Buenos Aires 1907–1996 Paris) kam im Herbst 1937 nach Paris, war jedoch den Surrealisten bereits bekannt. Sie ging eine kurze Affäre mit Max Ernst ein. Im Gegensatz zu den männlichen Kollegen, die Weiblichkeit gerne als gefährlich und/oder gefährdet darstellten, sind die Frauen im Werk von Leonor Fini intakt. Ihre Bilder sind präzise und mit altmeisterlicher Lasurtechnik gemalt.

Leonora Carrington

Leonora Carrington

Leonora Carringtons (Clayton Green 6.4.1917–25.5.2011 Mexiko-Stadt) Werk hat nicht viel gemein mit der Welt freudscher Symbole, die Schlüssel zu Traumbildern und folglich zu ihrer Dechiffrierung liefern. Vielmehr bewegte sich Leonora in einer Sphäre des Seherischen: Die Stoffe, mit denen sie arbeitete, rührten nicht allein aus Träumen her. Ihre Fantasien führten zu lebhaften Bildern, übertragen auf eine mentale Landschaft.

Kay Sage

Kay Sage (Albany 1898–1963 Woodbury)

Dorothea Tanning

Dorothea Tanning (Galesburg 1910–2012 New York) ging bisher weniger als Künstlerin denn als Rivalin von Peggy Guggenheim in die Kunstgeschichte ein. Die Liebesbeziehung begann im Winter 1942, ein Jahr nachdem Max Ernst die berühmte Galeristin geehelicht hatte. Die Illustratorin wandelte sich unter dem Einfluss ihres Freundes zu wahrhaften Surrealistin und meinte: „Hier ist die grenzenlose Weite des MÖGLICHEN, eine Perspektive, die nur zufällig etwas mit dem Bemalen von Flächen zu tun hat.“ Aufgrund einer Erkrankung an Enzephalitis übersiedelte die inzwischen erfolgreiche Künstlerin gemeinsam mit Ernst 1946 nach Arizona. Sie heirateten am 24. Oktober in Beverly Hills in einer Doppelhochzeit neben Man Ray und Juliet Bower.

Unica Zürn

(Berlin 1916–1970 Paris)

Eileen Agar

(Buenos Aires 1899–1991 London)

Lola Álvarez Bravo

(Lagos de Moreno 1903–1993 Mexiko-Stadt)

Rachel Baes

(Ixelles 1912–1983 Brügge)

Emmy Bridgwater

(Birmingham 1906–1999 Solihull)

Ithell Colquhoun

(Assam 1906–1988 Lamorna)

Maya Deren

(Kiew 1917–1961 New York)

Germaine Dulac

(Amiens 1882–1942 Paris)

Nusch Éluard

(Mulhouse 1906–1946 Paris)

Jane Graverol

(Ixelles 1905–1984 Fontainebleau)

Valentine Hugo

(Boulogne-sur-Mer 1887–1968 Paris)

Rita Kernn-Larsen

(Hillerod 1904–1998 Kopenhagen)

Greta Knutson

(Stockholm 1899 –1983 Paris)

Jacqueline Lamba

(Saint-Mande 1910–1993 La Rochecorbon)

Sheila Legge

(Penzance 1911–1949 Banyuls-sur-Mer)

Emila Medková

(Usti nad Orlici 1928–1985 Prag)

Suzanne Muzard

(Aubervilliers 1900–1992 Ort unbekannt)

Valentine Penrose

(Mont-de-Marsan 1898–1978 Chiddingly)

Alice Rahon

(Chenecey-Buillon 1904–1987 Mexiko-Stadt)

Edith Rimmington

(Leicester 1902–1986 Bexhill-on-Sea)

Sophie Taeuber-Arp

Sophie Taeuber-Arp

(Davos 1889–1943 Zürich)

Jeannette Tanguy

(Ort unbekannt 1896–1977 Ort unbekannt)

Elsa Thoresen

(Benson 1906–1994 Seattle)

Bridget Tichenor

(Paris 1917–1990 Mexiko-Stadt)

Remedios Varo

(Angles 1908–1963 Mexiko-Stadt)