Toyen

Wer war Toyen?

Toyen (bürgerlich: Marie Čermínová, Prag 21.9.1902–9.11.1980 Paris) war eine tschechoslowakische Künstlerin des Surrealismus. Die Malerin hat sich nie über ihre Werke geäußert, weshalb sie absolut enigmatisch bleiben. Toyen trat ganz hinter ihrem Werk zurück, weshalb sie nur ein frühes Selbstporträt schuf (1922) und dieses bereits mit ihrem geschlechtsneutralen Pseudonym signierte.

„Je ne suis pas peintre [Ich bin kein Maler/keine Malerin]“1 (Toyen)

Kindheit und Ausbildung

Toyen kam am 21. September 1902 als Marie Čermínová in Prag zur Welt. Dort besuchte sie zwischen 1919 und 1922 die Kunstgewerbeschule, ohne einen Abschluss zu machen. Im Sommer 1922 lernte sie auf der jugoslawischen Insel Korčula den drei Jahre älteren Dichter und Maler Jindřich Štyrský (1899–1942) kennen, mit dem sich eine langjährige Zusammenarbeit entwickelte.

Ihre künstlerische Karriere begann 1923 mit der Beteiligung an der radikalen tschechischen Avantgarde-Gruppe Devětsil [Pestwurz, gegr. 1920 von Karel Teige (199–1951)], die Konstruktivisten, Dadaisten und andere Künstler zusammenführte. Devětsil organisierte die Ausstellung „Basar der modernen Kunst“. Um 1922 ändert sie ihren Namen in das geschlechtsneutrale Pseudonym Toyen, abgeleitet von dem französischen Wort citoyen [franz. Bürger]. Nach einigen kubistisch beeinflussten
Gemälden folgte 1925 eine kurze primitivistische Phase Toyens, in der Toyen bereits eine erstaunlich freie, von Humor durchsetzte Erotik feierte.2

Paris (1925–1928)

Die Jahre 1925 bis 1928 verbrachten Toyen und Štyrský in Paris, wo sie in der Galerie d’art contemporain ihre erste Einzelausstellung zusammenstellte. Gemeinsam mit Štyrský beteiligte sich Toyen an zahlreichen Ausstellungsprojekten. Toyen wurde eingeladen 1925 an der wichtigen Ausstellung „L’Art d’aujourd’hui“ (November 1925 – Februar 1926). Das Ziel dieser Schau war, post-kubistische und konstruktivistische Kunst auf internationaler Ebene zu präsentieren.

Gemeinsam erfanden sie den poetischen Artifizialismus – eine Alternative zu Abstraktion und Surrealismus, den sie 1927 in der Prager Zeitschrift „ReD (Revue des Devětsil)“ proklamierten.3 Dabei handelt es sich um den einzigen von Toyen je (mit)verfassten Text. Toyen und Štyrský versuchten damit poetische Prinzipien auf die Malerei zu übertragen, was zu zunehmenden ungeometrischen, lyrisch-abstrakten Bildfindungen führte, für die sie auch Zufalstechniken wie Sprayen und Dripping einsetzte. Den Surrealismus lehnte das Künstlerpaar zu diesem Zeitpunkt noch als „historisierende Malerei“ ab. Für die Ausstellung 1927 in der Pariser Galerie Vavin schrieb Philippe Soupault die Einführung.

Bereits in ihrer Pariser Zeit beschäftigte sich das Paar mit den „Gesängen des Maldoror“ von Lautréamont. Štyrský schuf zahlreiche Illustrationen. Toyen wandelte ihre abstrakten Bilder 1928 durch poröse, rissig-verwitterte Farbstrukturen, die an das Informel der Nachkriegskunst erinnern (→ Abstrakter Expressionismus | Informel).

Prag (1928–1947): Prager Surrealistin

Ab 1930 – nach Jahren der reinen Abstraktion – wandte sich Toyen wieder der figurativen Kunst zu. Sie erträumte sich in ihren Bildern eine „versteinerte Unterwasserlandschaft“, die sie mit Muscheln, Korallen oder kristallinen Formen aber auch „fremde“ Dinge wie Ei, Kugel oder Augen bestückte. 1932 nahm Toyen an der Ausstellung „Poesie 32“ in Prag teil.

Von 1930 bis 1933 arbeitete Toyen gemeinsam mit Jindřich Štyrský an der Zeitschrift „Erotická revue“, schuf zahlreiche eindeutig erotische Zeichnungen und illustrierte den Roman „Justine“ (1791) des Marquis de Sade. Damit wandte sich die tschechoslowakische Künstlerin als einzige Surrealistin der Sexualität zu.

Nach ihrer Rückkehr nach Prag wandte sich Toyen gänzlich dem Surrealismus zu und gründete im März 1934 mit einigen Künstlerkolleg*innen, darunter Vítězslav Nezval (1900–1958), Vincenc Makovský (1900–1966), Josef Šíma (1891–1971) und Jindřich Heisler (1914–1953), die tschechoslowakische Surrealisten-Gruppe: „Surrealistengrupe der CSR“. Toyen war unter den elf Gründungsmitgliedern die einzige Frau, nur zwei weitere bildende Künstler waren Štyrský und Makovský. Im Jahr darauf fand die erste Ausstellung der Vereinigung mit dem Titel „Poesie“ statt. Toyen stellte 24 Gemälde aus, darunter „Magnetische Frau“ sowie drei Versionen der Serie „Stimme des Waldes“. Ihre ersten surrealistischen Bilder sind bedrohlich und düster wirkende imaginäre Landschaften, bevölkert von biomorphen Formen und tierähnlichen Wesen. Teige und Nezval veröffentlichten die erste Monografie über Štyrský und Toyen in Prag.

Nach dem Ende der Prager Surrealisten-Ausstellung besuchten André Breton und Paul Éluard Prag für Vorträge. Zu diesem Anlass veröffentlichten sie gemeinsam mit den tschechischen Surrealistinnen und Surrealisten das erste „Bulletin international du surréalisme“, wodurch der Zusammenschluss mit den französischen Surrealisten besiegelt wurde. Darüber hinaus schenkte Toyen Éluard „Stimme des Waldes II“ und Breton „Prometheus“ (1934; Privatsammlung). Im Sommer 1934 fuhren Toyen, Štyrský und Nezval zu einem Gegenbesuch nach Paris. Dort lernten sie zahlreiche Surrealist*innen kennen: Max ErnstSalvador Dalí und Yves Tanguy wie auch Claude Cahun. Ab 1935 nahm Toyen an allen internationalen Ausstellungen des Surrealismus teil. So präsentierte sie in der Londoner Ausstellung von 1936 „Prometheus“ und eine Version der „Stimmen des Waldes“. Mit „Botschaft des Waldes“ (1936) und „Die Schläferin“ (1937) schuf Toyen kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zwei ihrer Hauptwerke. Zwei Jahre später gehörte Toyen zu den neun Künstlerinnen, die neben 60 Künstlern an der größten Surrealisten-Ausstellung in Paris präsent war.

Ab 1937 nahmen die politischen und ideologischen Auseinandersetzungen zwischen der stalinistisch geprägten Kommunistischen Partei und den Prager Surrealist*innen zu. Toyen, Štyrský und andere Künstler wurden des „Trotzkismus“ bezichtigt und ihre Werke als dekadent und antisowjetisch diffamiert. Der Konflikt führte im folgenden Jahr zur faktischen Auflösung der Gruppe. Nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei und der Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ (16.3.1939) erhielten sie und Štyrský striktes Ausstellungsverbot, woraufhin sie in den Untergrund gingen. Am 21. März 1942 starb Štyrský. In ihrer winzigen Wohnung in Prag versteckte Toyen den jüdischen Dichter und Künstler Jindřich Heisler (1914–1953) und rettete ihn so vor der Ermordung.

1945 malte Toyen „Am grünen Tisch“ als kritischen Kommentar auf das Kriegsende und die Friedenskonferenzen. Noch im selben Jahr erhielt Toyen eine erste Ausstellung.

Paris (1947–1980)

Teilnahme an der Prager Surrealismus-Ausstellung 1947. Toyen und Heisler reisten auf Einladung von Breton und zur Vorbereitung einer Ausstellung nach Paris. Als im Januar 1948 die Kommunisten die Macht übernahmen, entschloss sich die radikale Gegnerin des Stalinismus nicht mehr in die Tschechoslowakei zurückzukehren. In Paris angekommen, wurde Toyen sofort von der neukonstituierten Surrealisten-Gruppe aufgenommen und eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten.

1953 erschien die erste Monografie über die Künstlerin, in der André Breton einen Beitrag schrieb, in dem er Prag als magische Hauptstadt Europas beschrieb.4 Vier Jahre später, 1957, schuf sie den Zyklus „Die sieben gezogenen Schwerter“ nach einem gleichnamigen Gedicht von Paul Apollinaire.

Die Galerie Moray in Brünn organisierte 1966 eine große Retrospektive der Werke von 1921 bis 1945. Im selben Jahr malte sie mit „Der Paravent“ eines ihrer berühmtesten Bilder.

Tod

Toyen starb am 9. November 1980 im Alter von 78 Jahren in Paris. Sie wurde auf dem Friedhof Batignolles begraben.

Literatur zu Toyen

  • Annabelle Görgen-Lammers, Je ne suis pas peintre, in: Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo, hg. v. Ingrid Pfeiffer (Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt, 13.2.–24.5.2020; Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, 18.6.–27.9.2020), München 2020, S. 197–202.
  • Karoline Hille, Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus, Stuttgart 2009.
  • Toyen 1902–1980 (Ausst.-Kat. Galerija Klovićevi dvori), Zagreb 2002.
  • Toyen, hg. v. Karel Srp (Ausst.-Kat. City Art Gallery), Prag 2000.
  • Štyrský, Toyen, Heisler (Ausst.-Kat. Musée d’art moderne de la ville de Paris, Paris) Paris 1982.
  1. Annie Le Brun, Toyen ou l’insurrection lyrique, in: Toyen 1902–1980 (Ausst.-Kat. Galerija Klovićevi dvori), Zagreb 2002, S. 6–36, hier S. 7.
  2. Annabelle Görgen-Lammers, Je ne suis pas peintre, in: Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo, hg. v. Ingrid Pfeiffer (Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt, 13.2.–24.5.2020; Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, 18.6.–27.9.2020), München 2020, S. 197–202, hier S. 192.
  3. Jindřich Štyrský, »L’Artificialisme« [1927], in: ReD I, Heft 1, 1927/28, zit. nach: Štyrský, Toyen, Heisler (Ausst.-Kat. Musée d’art moderne de la ville de Paris, Paris) Paris 1982, S. 82.
  4. Breton nahm den Text in seine Sammlung „Der Surrealismus und die Malerei“ (1965) erneut auf.