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Thomas Schütte Figur

Thomas Schütte in der Fondation Beyeler, Foto: Alexandra Matzner.

Thomas Schütte in der Fondation Beyeler, Foto: Alexandra Matzner.

Unter dem einfachen Titel „Figur“ zeigt die Fondation Beyeler eine monografische Ausstellung des aktuell wichtigsten Bildhauers Deutschlands: Thomas Schütte. Der 1954 in Oldenburg (D) geborene Künstler, erhielt seine Ausbildung an der Düsseldorfer Akademie u.a. bei Gerhard Richter und lebt derzeit in Düsseldorf. Seit den 1980er Jahren arbeitet er beständig an der Frage, welche Bedeutung das Menschenbild in der zeitgenössischen Kunstproduktion noch haben kann. Von miniaturhaft kleinen „Fingerübungen“ zu monumentalen Skulpturen im öffentlichen Raum ist Schüttes Formfindung keine Grenzen gesetzt. In Wien erfreuten 2013 seine „Großen Geister“ Einheimische wie Tourist_innen mit ihrem spielerischen und/oder ernstzunehmenden Gehabe. Auch in der Fondation Beyeler kann man sich erneut der Frage stellen: Handelt es sich bei den „Micheline-Männchen“ um galaktische Raumkämpfer, soldatische Androiden oder doch um übergroße Spielzeuge?

Das Werk von Thomas Schütte entwickelte sich in den letzten 30 Jahren zwischen Zeichnung/Aquarell, modellhaften Architekturen und der menschlichen Figur. Vor allem dem letzten Thema widmen die Fondation Beyeler und Kuratorin Theodora Vischer gesteigerte Aufmerksamkeit. Die Personale Schüttes wird in Riehen bei Basel durch einen kaum merklichen Übergang zu den Altmeistern der figurativen Kunst - Matisse, Picasso, Bacon und Giacometti - gleichsam in die hauseigene Sammlung übergeführt und der deutsche Bildhauer überdeutlich in die Tradition des letzten Jahrhunderts gestellt. Zwischen Witz und Ironie, sozialer Anklage und Gesellschaftskritik siedeln die Figuren, die gleichermaßen ein hohes Maß an Materialitätsbewusstsein verraten. Diese Faszination am Gemachten und Materiellen ist es auch, die Schütte in dem im Ausstellungskatalog veröffentlichten Künstlergespräch besonders betont. Er spricht zuhauf von „Unwissen, Trial-and-Error-Verfahren und die Einbeziehung des Scheiterns“, wie Chefkuratorin Theodora Vischer in ihrer Einleitung betont (In den Werken liegt die Antwort, S. 8). Sie seien die Voraussetzung und die Bedingung für das Weiterkommen in der künstlerischen Suche nach dem richtigen „Bild“. In vierzehn Gesprächen mit dem Bildhauer arbeitet sie die Entstehungsgeschichten wichtiger Werkkomplexe auf. Am Ende des Katalogs überrascht sie mit einem Interview, das Gerhard Richter und seinen ehemaligen Schüler erneut zusammenführt.

 

„Irgendetwas fehlt immer.“

Das zumindest meint Adrian Searle in seinem Katalogbeitrag über eine Serie von Aquarellen Schüttes aus dem Jahr 1975. Der Student hatte innerhalb eines Monats zwanzig Mal, so scheint es, den Versuch unternommen, eine Porträtaufnahme von sich selbst in monochromes Aquarell zu übertragen. Keines der Bildnisse ist auf Vollständigkeit angelegt, einzelne Teile des Kopfes treten hervor oder werden einfach ausgelassen, und „irgendwas fehlt immer“ (S. 16).

Wenn auch die skulpturalen Arbeiten Schüttes andere Formen solcher Auslassungen aufweisen, so ist doch Schüttes Unbekümmertheit einer intakten Körperlichkeit gegenüber frappant. Wenn man sie als „Übungen in Wiederholung und Variation“ erkennt, wie es Adrian Searle tut, dann verweisen sie auf eine künstlerische Haltung, „die sich bis heute im Werk des Künstlers fortsetzt“ (S. 17) Über diesen Status als vorbereitende Skizzen, Werkwiederholungen oder Fantasien hinaus sind Zeichnungen und Aquarelle ob ihrer überschaubaren Formate und als Resultate einer intimen Beschäftigung mit dem Papierträger für den Künstler selbst immer wieder Möglichkeiten zu experimentieren. Oder wie er es gerne selbst ausdrückt:

„Es machen und dann schauen, was man daraus machen kann, und die Fehler, die sind Part of the Deal.“ (Thomas Schütte, S. 117)

 

Maßstabssprünge

Wenn man sich durch die Ausstellung in der Schweiz bewegt, fallen sofort die unterschiedlichen Maßstäbe der ausgestellten Werke ins Auge. Hatte die Figurengruppe „Die Fremden“, mit der Schütte 1992 bei seiner zweiten Teilnahme an der Documenta IX in Kassel auf den Zerfall der UDSSR und die gesellschaftspolitischen Ängste reagierte, über den Eingang gerade noch ein scheinbar sehr menschliches Maß so überraschen im Foyer die riesigen „United Enemies“ (2011), um sofort von eleganten „Glasköpfen“ (2013) und Frauenporträts mit dem Titel „Walser`s Wife“ (2011), miniaturhaft kleinen „Ceramic Sketches“ (zwischen 1997 und 1999) und tonnenschweren „Stahlfrauen“ (1998–2006), gefolgt von „Aluminiumfrauen“ (ab 2001) abgelöst zu werden. Die großen Objekte positionierte Schütte auf Podeste aus Stahlträgern bzw. baute hölzerne Gestelle. Immer – sowohl bei den Skulpturen als auch ihren Präsentationsflächen – wird ein Gedanke deutlich: Man darf sehen, wie es gemacht ist! In einigen Arbeiten lässt sich modellierende Hand des Künstlers noch nachspüren, bei anderen ist die Glätte der Oberfläche derart übertrieben, dass dadurch eine technoide Qualität angesprochen wird. Das Experiment Maßstabssprung darf man durchaus als gelungen ansehen.

 

Tradition und Intuition

Bei Schütte geht es, bei aller Kunstfertigkeit, die nötig ist, um solcher Objekte überhaupt umzusetzen (siehe Katalog!), vor allem in den frühen Arbeiten um ihre fast lapidare Einfachheit und den darin durchscheinenden intuitiven Charakter. Jüngere Werke wie beispielsweise die „Glasköpfe“ oder bereits „Walser`s Wife“ sind, wie der Künstler im Katalog unumwunden zugibt, aus einem veränderten Werkverständnis entstanden.

Während Schütte in seinen früheren Arbeiten, getrieben von Ausstellungsbeteiligungen (und Erfolg), von einer Aufgabe zur nächsten eilte und, wie er meint, aus Zeitnot geradezu zu einer intuitiven Arbeitsweise gedrängt war, wirken die aktuellen Arbeiten überlegter und deutlicher in die Tradition der Skulptur eingeschrieben. Vor allem bei den liegenden „Glasköpfen“ finden sich Anklänge an höchst stilisierte Frauenköpfe bei Brancusi, die hingestreckten Frauen hingegen erinnern an die Frage der „Großen Liegenden“ bei Henry Moore. Dass die Fondation Beyeler die Sonderausstellung Thomas Schütte direkt in die Präsentation der eigenen Sammlungsbestände übergleiten lässt, mag in dieser Veränderung einen Ursprung haben.

 

Schöne Frauen und alte Männer

Ein weiteres wichtiges Charakteristikum der jüngeren Werke von Thomas Schütte ist, dass er offenbar in den ersten Jahrzehnten seines künstlerischen Tuns sich an Männerbildern abarbeitete. Seien es der „Mann im Matsch“, mit dem das figurale Werk von Schütte seinen Anfang nahm und der in Riehen in einer Version aus dem Jahr 2009 gezeigt wird, oder die „United Enemies“, die großen und kleinen „Geister“, „Vater Staat“ (2010) oder das „Memorial for the Unknown Artist“ (2011). Mit „Die Fremden“, bei denen es um die Darstellung einer möglichen familiären Struktur geht, begann sich Schütte vermehrt auch dem weiblichen Körper zuzuwenden. Mit der Serie die „Kleine Stahlfrau“ (1997), so lässt die Ausstellung vermuten, wandte sich der Bildhauer dem traditionsbehafteten Thema der Liegenden zu. Jeder der großen Stahlfrauen basiert auf einer 20 x 30 cm kleinen Tonfigur, die Schütte innerhalb einer Stunde und fünf bis sechs pro Tag im Jahr 1997 gefertigt hat (S. 96). Von den insgesamt 130 existierenden und glasierten Tonexperimenten1 wurden nur 18 für eine siebenfache Vergrößerung ausgewählt (S. 117). Dass Schütte schlussendlich weniger als ein Zehntel der tönernen Skizzen für Wert befand, vergrößert und metallurgisch umgesetzt zu werden, ist Teil der Arbeitspraxis des Bildhauers. Er arbeitet in großen Serien, die primär aus dem handwerklichen Tun entstehen, in die seine gesamte Erfahrung intuitiv einfließt, und deren Bedeutung erst im Nachhinein aus der reflexiven Distanz festgelegt wird.

Warum schöne Frauen und alte Männer? Schütte merkt im Katalog überraschenderweise an: „Ja, bei dem neuen Frauenkopf hatte ich plötzlich fünf Monate zu tun, ein fieser Männerkopf würde nur drei Tage dauern.“ (S. 70) Schütte, der vor Jahrzehnten seine Figuren noch aus Fimo oder Wachs zusammendrückte, die Köpfe auf Stahlrohre stellte und mit Stofflumpen und Hanfschnüren bekleidete oder Tonklumpen im Akkord bearbeitete, ist nun auf der Suche nach der Schönheit. Dass die Schönheit weiblich ist, zeigen die auf Stahltischen hingestreckten „Aluminiumfrauen“ (2009). Dass es sich hierbei nicht um ein marktgängiges Schönheitsideal handelt – das körperliche Intaktheit voraussetzt – liegt auf der Hand. Dennoch sind die aalglatten Kurven so erotisch wie bei einem neu lackierten Automobil, und der gesenkte Blick in „Walser`s Wife“ bzw. den „Glasköpfen“ lädt zum voyeuristischen Beobachten ein. Im Gegensatz dazu sind die Männerköpfe der behüteten „Fratelli“ (2012) expressiv in ihren Gesichtszügen und ihre Oberflächen offen gestaltet. Während die nackte Schönheit der Frauenkörper und -köpfe sich als künstlerische Herausforderung für Schütte herausstellte, ist die bekleidete Männlichkeit urwüchsiger und schlussendlich individueller. Hierin zeigt sich m.E. die (unbewusste) Traditionsverbundenheit Schüttes, dessen Beitrag zur Darstellbarkeit von Frausein in der Deformation liegt. Ob das Teil einer weiteren Strategie des Künstlers ist, die m.E. mit Ironie und schwarzem Humor arbeitet?

 

Schwarzer Humor

Feinde brauchen einander – und Schütte bindet sie an den Bäuchen zusammen. Krieger werden über ihre Waffen und ihre Schutzkleidung kenntlich – und Schüttes „Krieger“ erhält eine Getränkekappe als Stahlhelm. Die jüngste Brunnenfigur im Park der Fondation Beyeler ist ein Wasser speiender Hase. Und „Vater Staat“ ähnelt doch frappant einer Vogelscheuche, lässt das gute Stück doch einen Körper unter seiner Kleidung deutlich vermissen. Deutet sich hier ein zum Denkmal verewigter Held an oder doch ein Zauberer von Oz?

Zu den wichtigsten Strategien Thomas Schüttes zählt neben den Materialexperimenten, die jüngst auch zu wunderschön transluziden Glasköpfen aus Murano oder verführerisch, weil irisierend schillernden Glasuren auf liegenden Frauenkörpern führten, und dem Arbeiten in Serien sein beißender Humor gepaart mit erstaunlicher Gelassenheit. Die Gelassenheit lässt sich wohl auf seine Aussage zurückführen, keine Angst zu haben und deshalb alles zu wagen (S. 117). Vielleicht befinden sich deshalb Schüttes Figuren oft auf der Kippe der Skurrilität, irgendwo zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit. Das Komische wagen, und damit der Tragik des Lebens etwas entgegenhalten. Jüngst auch die Schönheit der Frau.

 

Biografie von Thomas Schütte (* 1954)

geboren 1954 in Oldenburg (D)
1973–1981 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf: Klasse von Fritz Schwegler dann Gerhard Richter
1981 erste Einzelausstellung bei Konrad Fischer
1982 „Mann im Matsch“ (erste Figur von Thomas Schütte)
1987 Teilnahme an der Documenta 8 mit Eis (Installation einer Art von Eisdiele)
1992 Teilnahme an der Documenta IX in Kassel mit „Die Fremden“ und Rom-Stipendium, wo er die Fimo-Modelle zu den „United Enemies“ erarbeitet.
1997 „Ceramic Sketches“, in der Folge entstehen die „Stahlfrauen“
lebt und arbeitet in Düsseldorf (D)

 

Thomas Schütte. Figur: Ausstellungskatalog & Inhaltsverzeichnis

4to. 192 S. mit 252 meist farb., teils ganz- bzw. doppelseit. Abb., brosch.
ISBN (dt./engl.)
ISBN 978-3-86335-433-6 (Buchhandelsausgabe)
Verlag der Buchhandlung Walther König

Theodora Vischer: In den Werken liegt die Antwort (S. 8-9)
Adrian Searle: Menschliches, nicht allzu Menschliches. Thomas Schütte und seine Figuren (S. 15-19)
Interview mit Thomas Schütte und Theodora Vischer über "Alain Colas", "Aufzeichnungen aus der 2. Reihe", "Die Fremden", "United Enemies", "Grosser Respekt – Kleiner Respekt – No Respekt", "Innocenti", "Geister", "Luise", "Konrad – Mirror Drawings", "Ceramic Sketches", "Wattwanderung", "Frauen", "Walser’s Wife – Frauenköpfe", "Vater Staat"
Gerhard Richter und Thomas Schütte. Ein Gespräch. Theodora Vischer im Atelier von Gerhard Richter, Köln, 19. Juni 2013

  1. Auf Seite 96 des Katalogs spricht Schütte von 120 Stück!
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.