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Stadtpalais des Fürsten von und zu Liechtenstein Barocke Architektur und Neorokoko-Ausstattung

Luster im Tanzsaal, Stadtpalais des Fürsten von und zu Liechtenstein, Wien 1010, Foto: Alexandra Matzner.

Luster im Tanzsaal, Stadtpalais des Fürsten von und zu Liechtenstein, Wien 1010, Foto: Alexandra Matzner.

Als Fürst Alois II. (1796-1858) im Jahr 1839 den englischen Innendesigner Peter Hubert Desvignes (1804-1883) mit der Neuausstattung seines Majoratshauses beauftragte, wusste er noch nicht, dass der Umbau über zehn Jahre in Anspruch nehmen und mehr als 4 Millionen Gulden (heute etwa 120 Millionen Euro) verschlingen würde. Desvignes war jedoch der Ansicht, der Fürst müsse seinem Stand adäquate, d.h. höchsten repräsentativen Ansprüchen genügende Räumlichkeiten zur Verfügung haben, die deutlich das Biedermeier-Ambiente Wiens sprengten.

Nicht nur die schier ausufernde Materialfülle und höchste künstlerische Qualität waren die Ziele, die sich Desvignes gesteckt hatte, auch der Einbau von technischen Innovationen wurde bedacht. So erhielt das Palais in den 1840er Jahren einen Aufzug über vier Stockwerke, eine hausinterne Sprechanlage, bestehend aus 16 Correspondenzschläuchen aus Kautschuk und Seide mit elfenbeinernen Mundstücken, eine Dampfluftheizung und Gaslicht für Stall und Küche. Doch sind es nicht diese Innovationen, die Desvignes` Arbeit heute so interessant macht, sondern die dekorativen Elemente, die er im 1. und 2. Stock im Stil des Zweiten Rokoko entwickelte, und die alles Zeitgenössische im wahrsten Sinne des Wortes überstrahlte. Bereits der nachgewebte Teppich im Stiegenhaus mit Leopardenmuster und pinker Einfassung lässt auf die angestrebte Wirkung schließen.

 

 

Zwischen Barock und Zweitem Rokoko (Neorokoko)

Im Jahr 1836 hatte der Fürst das Majoratshaus – den Sitz des Familienoberhauptes – geerbt und seine Regierung angetreten. In der Folge sollte der Architekt Heinrich Koch das Gebäude sparsam für Wohnzwecke adaptieren. Aus diesem Grund mietete Fürst Alois II. 1837 das Palais Rasumowsky in der Landstraße und kaufte es ein Jahr später. Peter Hubert Desvignes, den Fürst Alois auf einer Englandreise kennengelernt hatte, trat 1839 in dessen Dienst. 1841 forderte der Innenarchitekt einen neuen Vertrag, da er die Situation in Wien falsch eingeschätzt hatte. Aus seiner Sicht würde Österreich in Sachen Kunsthandwerk einem Entwicklungsland gleichkommen.

Desvignes fand ein Palais vor, dessen architektonische Struktur in den 1690er Jahren von den italienisch stämmigen Architekten Enrico Zuccalli und Domenico Martinelli festgelegt worden war. Fürst Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein hatte es am 23. April 1694 als Zuccalli-Rohbau erworben und durch Martinelli fertigstellen lassen. Johann Lucas von Hildebrandt vollzog noch eine Aufwertung des Seitenportals, um die Fassade in Richtung Minoritenplatz zu betonen, vielleicht ist die mit Vasen und Ornamenten verzierte Stiege ebenfalls seine Arbeit. Das opulent ausgestattete Stiegenhaus wurde mit Nischenfiguren von Giovanni Giuliani (1704) und Stuckatur von Santino Bussi (1695-1702) verziert. Mit dieser reichen Gliederung entsprach es so gar nicht mehr dem Geschmack des entwerfenden Architekten, der sich daraufhin mit seinem Auftraggeber heftigst zerstritt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stiegenhaus durch einen Bombentreffer und einen abstürzenden Flieger schwer beschädigt. 1974 wurde die Decke in ihrem barocken Zustand ohne die verlorenen Deckengemälde von Andrea Lanzani nach Fotografien rekonstruiert. Ab 1705 war das Palais fertiggestellt, im ersten Stockwerk befand sich der Piano Nobile und die repräsentativen fürstlichen Appartements, während im zweiten Stock bereits im 18. Jahrhundert die fürstliche Sammlung ausgestellt war.

Desvignes durfte weder die Raumaufteilung noch die barocken Dekorationselemente verändern, baute diese in seine neuen Deckenverzierungen ein. In beiden Stockwerken – vor allem aber im Tanzsaal - erreicht die Wandabwicklung ungeahnte Ausmaße. Die barocken Deckenbilder von Antonio Bellucci befinden sich seit 1807 in der Rossau, nur ein einziges ist konnte wieder installiert werden, da Desvignes die Deckenspiegel mit Ornamenten füllte. Die tiefgreifendsten Veränderungen erfuhr der Tanzsaal, für den Desvignes den von Heinrich Koch neu errichteten Verbindungsgang in Richtung Hof zusätzlich nutzte. Er verkleinerte den Raum mit einer zweiten architektonischen Haut (es blieben aber dennoch 162,08m² Nutzfläche erhalten). So konnte er an der Zwischendecke eine Kuppel für den riesigen Kronleuchter einplanen, die Musiker hinter die entstehenden Fenster setzen und mit Hilfe von dreh- sowie hebbaren Türen und Spiegeln die Dimensionen optisch aber auch auf faktisch weiten. Auf diese Weise lässt sich der Ballsaal um den West- und Ostkorridor wie auch den Verbindungsgang vergrößern bzw. in seinen originalen Dimensionen nutzen.

 

 

Der Tanzsaal - alles Gold, was glänzt

Der Ausstattung des Tanzsaals widmete Desvignes höchste Aufmerksamkeit. Vier Kandelaber von Bernardo de Bernardis in den Ecken des Saales und der Lüster tragen gemeinsam 712 Kerzen, die heute durch energieeffiziente LED-Leuchten ersetzt sind. Der blattvergoldete Lüster aus Zink wiegt 1,2 Tonnen, hat einen Durchmesser von 3,8 Metern und ist mit 288 Kerzen bestückt. Herr und Frau Walter haben ein halbes Jahr an seiner Restaurierung gearbeitet! Auf den Fotos geben sie dem Prunkstück noch den letzten Schliff. Weitere 424 Kerzen sind auf vier riesige Eckkandelaber, deren Posamente die Auslässe der Warmluftheizung bildeten, und auf Wandleuchten verteilt. Der Fußboden mit komplex ineinander verschlungenen Holzfurnierstücken, entworfen von Desvignes, wurde unter der Leitung von Carl Leistler von Michael Thonet, der 1842 nach Wien gekommen war, parkettiert. Die Wände sind über und über mit vergoldeten Elementen aus Holz, Gips aber auch Bronze verziert, über den beiden Spiegeln in der West-Ost-Achse thronen die vier Kontinente. Dereinst konnte in der Mitte des Saales noch ein Springbrunnen temporär aufgestellt werden. Auf diesen Gimmick verzichtete der Fürst heute. Auch die von Michael Thonet eigens für das Stadtpalais des Fürsten entwickelten so genannten Laufsessel aus gebogenem Palisanderholz, die in lackierter und vergoldeter Fassung erhalten sind, sind nur mehr Anschauungsobjekte im museal genutzten Südtrakt.

Die Restaurierung hat im Tanzsaal besondere Aufmerksamkeit verlangt, wurde die Decke doch mit sog. Fischsilber, Brillantgrund und Wasserglas zum Glänzen gebracht. Fischsilber ist das aus Weißfischschuppen gewonnene Pigment, das mit Hilfe von Wasserglas als Bindemittel zu einem Brillantgrund verarbeitet wurde.

 

 

Vielflammige Lüster, geblümte Seidenlampas und Tauben-Kamine

Auch die folgenden Räume nach Osten – vom Quadratsaal mit dem zu groß dimensionierten Lüster über das Große und das Kleine Mahagonizimmer, dem mit gelben und grauen Stuccolustro verzierten Speisezimmer – wurden mit großer Sachkenntnis und alten Handwerkstechniken restauriert. Im Quadratsaal hat sich die originale rosa Seidentapete erhalten. Der 2,2 Tonnen schwere Luster der französischen Firma Fa. Giraud verursachte schon während des 19. Jahrhunderts statische Probleme. Sein Glasbehang wurde von der Fa. Lobmayr ergänzt.

 

 

Die beiden blauen Mahagonizimmer wurden mit hochglänzendem Mahagoni vertäfelt. Das Große Mahagoni-Zimmer tapezierte Desvignes  mit rekonstruierter, tiefblauer Seidenbespannung, hier wird über dem Kamin wieder das „Porträt des kleinen Prinzen Johann auf dem weißen Pony“ von Amerling hängen. Die Bespannung des Kleinen Mahagonizimmers, das einst als Spielzimmer genutzt worden ist, ist original, jedoch leicht ausgeblichen. Der hier aufgehängte Luster (um 1860-1870) wurde von der Fa. Lobmayr nachgekauft und zierte einst das Palais Esterházy auf der Kärntnerstraße.

 

 

Bouquetzimmer, Großes und Kleines Kubari-Zimmer

Im Westen schließen an den Tanzsaal und den Korridor das sog. Bouquetzimmer sowie das Große und das Kleine Kubari-Zimmer an, letztere nach der tropischen Holzart benannt, die zur Vertäfelung genutzt wurde. Dahinter folgen das Schreib- und das ehemalige Schlafzimmer. Die Seidenlampas des Bouquetzimmers ist alt, die Vorhänge wurden nachgewebt. Links und rechts vom Kamin stehen zwei marmorne Schönheiten, wiederum von Bernardo Bernardis gestaltet, der sich hier als Bewunderer Antonio Canovas klassizistischen und überaus idealisierten Frauengestalten entpuppt. Vielleicht wird in diesem Raum die derzeit im Gartenpalais ausgestellte Steinschnitt-Tischplatte von Pandolfini ihren alten Platz einnehmen.

 

 

Die rote Seidenbespannung in den Kubari-Zimmern ist neu, wurde jedoch nach alten Fragmenten nachgewebt. Im sog. Kleinen Kubari-Zimmer hat Desvignes die Decke aus bislang unbekannten Gründen nicht mit Rasterstuck überzogen. Daher konnte hier das barocke Deckengemälde von Bellucci mit dem Thema „Die Zeit enthüllt die Wahrheit“ wieder aufgehängt werden.

 

 

Der anschließende Gang diente einst als Verbindung zum Sommerpavillon von Alois Fürst Liechtenstein, der der Neugestaltung des Hofburgareals 1876 weichen musste.

 

Schreibzimmer der Fürstin

Das ehemalige Schreibzimmer führt in den südlichen Trakt des Gebäudes. Von den Inneneinrichtungen des anschließenden Schlafzimmers, Südgalerie und Bibliothek sind nur mehr die Deckengestaltungen erhalten. Zudem ist im Schreibzimmer der Kamin aus Carrara Marmor mit einer romantischen Kamineinfassung original: Schnäbelnde Tauben bauen sich Nester für ihren Nachwuchs.

 

 

Gemäldegalerie der Liechtenstein: Werke aus dem 19. Jahrhundert

In den Räumen wurden Gemälde, Skulpturen, Möbel und Keramik aufgestellt. Wer also glaubt, dass die Fotografien die ganze Opulenz widerspiegeln, darf gespannt sein! Vor allem der Südtrakt und das ehemalige Schlafzimmer und der Bibliotheksraum des Palais sind für eine museale Präsentation von Kunstwerken ausgerichtet. Dr. Johann Kräftner, Direktor der Liechtensteinischen Sammlungen, wählte Gemälde des Biedermeier und des Klassizismus aus der Familiensammlung, damit sie hier und in den Desvignes-Räumen ihre neue Heimat finden!

Es ist Heinrich Fügers "Prometheus" zu sehen wie Lampis "Porträt von Antonio Canova" (1805). Élisabeth Louise Vigée Le Brun und Angelika Kauffman sind als Porträtistinnen und Schöpferinnen mythologischer Szenen zu bewundern. Das Biedermeier wird durch Ferdinand Georg Waldmüller ("Wiedererstehen zu neuem Leben", "Rosenstillleben"), Josef Danhauser ("Die Testamentseröffnung") und Friedrich von Amerling ("Selbstbildnis", das Porträt der herzigen, kleinen "Marie von Liechtenstein") und Friedrich Gauermann bestens vertreten. Am erstaunlichsten ist vielleicht ein großformatiges Salonstück von Franz Xaver Winterhalter, der sich aus dem Schwarzwald aufmachte, um in Paris 1837 seinen ersten Erfolg mit einer Szenen aus dem "Decamerone" zu feiern. Das opulent gestaltete Gemälde spiegelt wunderbar die festliche und höchst repräsentative Innenraumgestaltung Devignes als Zeitstil in der französischen Salonmalerei wider.

Besichtigungen in Form von allgemeinen und speziell gebuchten Führungen sind ab Freitag, 3.5.2013 möglich, die alle zwei Wochen von 17:00 bis 18:30 auf deutsch (!) stattfinden. Hierfür muss man sich im Internet anmelden: Führungen

Individuelle Führungen zu gewünschten Terminen werden auf Anfrage gerne organisiert!

Führungstermine 2013:
3. Mai • 17. Mai • 7. Juni • 21. Juni • 5. Juli • 19. Juli • 2. August • 23. August •
6. September • 20. September • 4. Oktober • 18. Oktober • 8. November • 22. November •
6. Dezember • 20. Dezember (Stand 5.4.2013, Änderungen vorbehalten)

Im Rahmen der ORF Langen Nacht der Museen am 5.10.2013 werden sowohl das Stadt- als auch das Gartenpalais der Öffentlichkeit zugänglich sein!

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.