Carl Spitzweg – Erwin Wurm Ausstellung über Biedermeier und Neo-Biedermeier im Leopold Museum

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, 1850, Öl auf Leinwand, 49,4 x 26,9 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, 1850, Öl auf Leinwand, 49,4 x 26,9 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)

Carl Spitzweg und Erwin Wurm! Geht das? „Geht sogar ausgesprochen gut!“, erklärt Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums und Kurator des außergewöhnlichen Dialogs zwischen dem bayrischen Biedermeiermaler und dem Österreich-Vertreter auf der Biennale von Venedig 2017. Doch worin liegen die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden so unterschiedlichen Künstlern? Immerhin trifft biedermeierliche Gemütlichkeit auf die Neudefinition des Skulpturenbegriffs.

Carl Spitzweg – Erwin Wurm. Köstlich! Köstlich?

Österreich / Wien: Leopold Museum
25.3. – 19.6.2017

Carl Spitzweg – Erwin Wurm

Carl Spitzweg ist ein vielseitigerer Künstler, als sein Ruf vielleicht erahnen ließe. Der Autodidakt und ausgebildete Apotheker lebte, finanziell abgesichert und unverheiratet in München und schuf ab Mitte der 1830er Jahre ein höchst amüsantes Werk kleinformatiger Genreszenen und atmosphärischer Landschaften. Auf seine Anerkennung musste der vielgereiste Künstler lange warten, erst in den 1860er und 1870er Jahren war ihm diese vergönnt. Ein genauer Blick auf die köstlichen Bilder zeigt, dass sich hinter den pittoresken, deutschen Kleinstädten mit ihren teils skurrilen Bewohnern und meist jungen hübschen oder älteren eingebildeten Damen kleine Dramen abspielen. Nach Außen ordentlich und kontrolliert, zeigt sich die Welt Spitzwegs im Inneren als „menschlich“ oder korrupt. Gesetze sind dazu da, hintergangen zu werden, wie ein Blick auf die Zeichnung „Putzmachersalon“, der Darstellung eines Geheimbordells, zeigt. Hinter den schrulligen Gelehrten, den Eremiten, den stolzen Hausbesitzern und ihren Familien verbirgt sich eine sorgsam versteckte Welt voll Gier, Ausschweifungen und gar Regelübertritten. Mit scharfem Auge beobachtete Spitzweg seine Umwelt, analysierte menschliche Leistungen und malte mit Witz und Humor die kleinen Fehler seiner Mitmenschen.

Hier kommt Erwin Wurm ins Spiel! Der Wiener Künstler mit steirischen Wurzeln stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie und hat schon mal sein eigenes Elternhaus auf ein Zehntel geschrumpft. Zumindest die Breite, während die Länge gleichgeblieben ist. Das begehbare Kunstwerk gibt einen verzerrten Blick auf Wurms eigene Kindheit preis und will doch mehr sein als eine biografische Anekdote. Das „narrow house“ verweist auf österreichischen Häuslbauer-Wahn und das scheinbar traute Heim. Verzerrung, Vergrößerung und ein ironischer Blick auf sich selbst, sind wichtige Methoden Wurmscher Werke (→ Erwin Wurm "De profundis"). Dazu kommt ein philosophisch gebildeter Leser, der seine Heroen (Wittgenstein, Adorno) genauso liebt, wie er mit ihren Texten hadert. Ein Künstler, der sich – wie Spitzweg – mit Jagd, Überwachungsstaat und Kontrolle, Idylle und ihre Brüche auseinandersetzt.

Die in neun Kapiteln aufgebaute Schau stellt die erste Überblicksausstellung zu Spitzweg in kontrastreichem Dialog mit Ausgewählten Skulpturen Wurms. Man darf gespannt sein!

Kurator: Hans-Peter Wipplinger

 

 

 

 

Carl Spitzweg – Erwin Wurm: Bilder

  • Carl Spitzweg, Sennerin und Mönch, 1838, Öl auf Leinwand, 32,3 x 26,4 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, 1850, Öl auf Leinwand, 49,4 x 26,9 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Carl Spitzweg, Der abgefangene Liebesbrief, um 1855, Öl auf Leinwand, 54,2 x 32,3 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Erwin Wurm, Take your most loved philosophers, 2002, Ausstellungsansicht „Sculptures with embarrassment“, KIASMA – Museum of Contemporary Art, Helsinki, gezeichnete Anleitung, Bücher, Maße variabel (Courtesy Erwin Wurm, Foto: Studio Erwin Wurm, Kiasma – Museum of Contemporary Art, Helsinki © Bildrecht, Wien, 2016)
  • Erwin Wurm, The artist begging for mercy (dedicated to Mauricio), 2002, C-Print, 180 × 126 cm (Rahmenmaß) (Courtesy Erwin Wurm, Foto: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2016)
  • Erwin Wurm, Landed Gentry (Hermés), 2008, C-Print, 80 × 69 cm (Privatsammlung, Foto: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2016)
Alexandra Matzner
* 1974 in Linz, Studium der Kunstgschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn in Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.