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Roy Lichtenstein. Bilder in Schwarz und Weiß Ausstellung "Black and White" in der Albertina

Roy Lichtenstein, I Know How You Must Feel, Brad!, 1963, Grafitstift, Schablone und Lithokreide, Privatsammlung © Estate of Roy Lichtenstein, Foto: Schecter Lee, 2009.

Roy Lichtenstein, I Know How You Must Feel, Brad!, 1963, Grafitstift, Schablone und Lithokreide, Privatsammlung © Estate of Roy Lichtenstein, Foto: Schecter Lee, 2009.

„I KNOW HOW YOU MUST FEEL, BRAD!“, lässt Roy Lichtenstein eine Schönheit am Fenster denken. Ihr Blick wirkt traurig, in sich gekehrt und dennoch steht sie am Fenster, greift mit ihrem Arm über das Fensterbrett in die äußere Welt und scheint von der Öffnung dennoch fast erdrückt. Stereotype Schönheiten aus Comics, stilllebenartige Arrangements von Golfbällen, Uhren, Badezimmereinrichtungen und anderen Waren aus der Werbung gehören zu den wichtigsten Motiven des New Yorker Künstlers während der „Swinging Sitxies“. In der Albertina zeigt „Roy Lichtenstein. Black & White 1961-1968“ die Entwicklung eines persönlichen Stils, der parallel geht zur „Erfindung“ der Pop Art.

Die 50 gezeigten, zwischen 1960 und 1968 entstandenen Zeichnungen und 17 Gemälde belegen erstmals in dieser Zusammenschau das grundsätzliche Interesse des Künstlers an der Zeichnung, sein Hinterfragen künstlerischer Techniken und seine Auseinandersetzung mit den ererbten Traditionen.

 

Mickey Mouse expressiv

Ohne Zweifel gehört der 1923 in New York geborene Roy Lichtenstein zu den wichtigsten Pop-Art Künstlern der amerikanischen Ostküste. Ein Blick auf dessen Œuvre verrät indes, dass Lichtenstein nicht als junger Rebell die Errungenschaften des, in den 1950er Jahren als typisch amerikanisch gefeierten Abstrakten Expressionismus und des Action Painting von sich wies (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). Stattdessen suchte er am Beginn seiner künstlerischen Laufbahn mit Hilfe einer expressiven Gestaltung amerikanische Mythen, Cowboys und Indianer in das Bildgeviert zu bannen. Die beiden gezeigten Zeichnungen „Mickey Mouse“ von 1958 sind hingegen bereits radikal modern und scheinen durch die erstmalige Aufnahme eines trivialen Motivs in expressiv-abstrakte Zeichnungen den Weg zu weisen. Bilder und damit auch Bedürfnisse, die von der Warenwirtschaft und dem Kommerz, der Werbung, den Katalogen und den Branchenverzeichnissen geweckt und geprägt wurden, spiegeln plötzlich eine größere Authentizität wider als das aus einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und Innenschau entstandene, abstrakte Gemälde.

 

 

High & Low – oder „Was ist Kunst?“

Umso radikaler wirkt der Bruch in der künstlerischen Entwicklung Roy Lichtensteins um 1960. Nicht nur, dass sich Lichtenstein ab diesem Zeitpunkt endgültig der figurativen Kunst zuwandte, er änderte auch seinen frühen, expressiven Strich zu einem „Nicht-Stil“. Lichtenstein brach endgültig mit der Vorstellung, dass die Linie der direkteste Ausdruck seiner Gedanken und seiner Persönlichkeit wäre. Stattdessen experimentierte er mit der Ästhetik von Werbegrafikern, nutzte ab 1961 sogar die traditionellen Utensilien amerikanischer Werbezeichner und eignete sich die Methode der Rastertechnik so präzise an, dass kein Hinweis mehr auf „Handarbeit“ übrig blieb. Die Kritiker waren geschockt, da sie in der Galerie, wie es Barbara Rose formulierte, eigentlich „dem Supermarkt entkommen wollten“ und dann dort wieder den Preisschildern und Werbungsbildern begegneten. Das Publikum und die Sammler hingegen liebten die vertrauten Themen, diese Ästhetik, die so sehr „Modernität“ versprach und auf Begehrlichkeiten reagierte. Die von der Pop Art auf so intelligente Art gestellte Frage, was Kunst sei, oder besser was Kunst alles sein kann, lässt sich vielleicht auch mit einem immer wiederkehrenden Wunsch nach einer direkten Verbindung von Kunst und Leben begründen, dem ein leichtes Verständnis künstlerischer Produktion folgen solle.

 

 

Die perfekte Oberfläche

„KNOCK, KNOCK“ steht mit großen Lettern auf einer Tür, begleitet von einigen radial angeordneten Linien. Jeder Comic-Leser weiß sofort das Bild zu deuten. Das macht m.E. den Erfolg der Pop-Art aus, ist sie doch die beliebteste Kunstrichtung (gemessen an Ausstellungen und Publikationen) des 20. Jahrhunderts. Über die perfekte Oberfläche der Objekte hinaus, die bei Roy Lichtenstein noch durch eine „perfekt“ maschinellen Rasterstil gesteigert wird, offenbaren Lichtensteins Werke eine tiefergehende Kritik der wiedergegebenen Wunschbilder und eine intensive Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte. Manchmal offensichtlich, manchmal versteckt, führt uns Lichtenstein in die Wunschwelt der 60er Jahre. Wir sehen das perfekte Badezimmer und den Spaß der perfekt gestylten, weiblichen Badenden, oder wie ähnlich ein Golfball dem Mond sein kann; er zeigt uns den perfekten Filmkuss vor untergehender Sonne, präsentiert schmachtende Frauen (Mischungen aus Mannequins und Hausfrauen) und angriffslustige Männer (zumeist Piloten oder Cowboys). Lichtenstein interessiert sich für das Stereotype. Er vergrößert die kleinen Träume und überführt sie in den Kunstkontext. Romeo und Julia haben als Vorbilder ausgedient – Brad und die unbekannte Schöne ersetzen die berühmte Balkonszene. Überzeichnung scheint gar nicht mehr nötig, da die in den Comic-Bildern bedienten Klischees von Romantik, Männlich- und Weiblichkeit durch ihre Vergrößerung und Isolation aus dem Kontext als solche entlarvt werden. Mit Hilfe einer Lupe legt Lichtenstein aber auch jene Methode offen, mit Hilfe derer diese Wunschbilder erzeugt werden – denn schlussendlich ist jedes der Bilder „nur“ eine Ansammlung von Punkten auf Papier.

Die Ausstellung bringt selten gezeigte Werke des 1997 verstorbenen New Yorkers in Wien zusammen, und die chronologische Hängung ist dem Nachvollziehen seiner persönlichen Entwicklung geschuldet. Doch was hat diese Präsentation – außer Repräsentation einer historischen Epoche – für uns heute noch an Wert? Welche Aktualität hat das Werk von Lichtenstein? Nun, seine witzig-ironischen Kommentare zur Warenwelt und seine auf hohem intellektuellem Niveau geführte Auseinandersetzung mit der Bildwelt der Nachkriegsgesellschaft können heute noch zu einem kritischen Umgang mit der uns umgebenden Bilderflut anregen. Heute würde Roy Lichtenstein wohl das I-Phone malen und erstaunt feststellen, dass die meisten Filmküsse noch immer mit dem gleichen Repertoire romantischer Versatzstücke arbeiten.

 

Bilder der Kunstgeschichte als Motiv

Gianni Mercurio: Roy Lichtenstein. Kunst als Motiv
Hardcover, 372 Seiten, 30 x 28 cm
412 farbige und 111 s/w Abb.
ISBN 978-3-8321-9342-3
€ 49,95 [D] | CHF  70,90 (empf. VK-Preis)
DuMont Buchverlag

Gianni Mercurio, römischer Spezialist für die amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts, gelang mit diesem Ausstellungskatalog für das Museum Ludwig in Köln und in Zusammenarbeit mit der Lichtenstein Foundation eine Monographie, die eine unglaubliche Vielfalt von Werken zusammenbringt. „Kunst als Motiv“ begreift Roy Lichtenstein als den Erfinder der Appropriation, d.h. der Aneignung von Kunstwerken, die er in seinen eigenen Stil umsetzte. Keinen Stil zu haben, Bilder aus Punkten, Linien und poppigen Farben ohne sichtbaren Pinselstrich aufzubauen, so „als wären sie mit der Maschine gemalt“, wurde zum markanten Personalstil Lichtensteins. Damit gelangen dem New Yorker ab etwa 1960 ironische Gemälde mit typisch amerikanischen Sujets wie der Mickey Mouse oder tragisch blickenden Comics-Frauen. Das Buch belegt darüber hinaus, dass Lichtenstein mit seinen Bildern nach Kunstwerken von Monet, Picasso, Matisse, Van Gogh, seinen „erstarrten Pinselstrichen“, seinen Stillleben und Landschaften (zuletzt wunderbar duftig nach asiatischen Vorlagen gestaltet) die Kunstwelt augenzwinkernd kommentierte und zu Recht von Robert Rosenblum 1991 als „Erfinder der Postmoderne“ bezeichnet wurde.

Fazit: Ein unglaublich schönes Buch, tolle Abbildungen (auch an Privatfotos), wunderbare Texte, die die künstlerische Intelligenz dieses Künstlers fernab von den bekannten Comics-Motiven spürbar macht!

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.