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Otto Dix – Der böse Blick

Deutschland / Düsseldorf: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Grabbeplatz
11.2. – 14.5.2017

Großbritannien / Liverpool: Tate Liverpool
23.6. – 15.10.2017

Otto Dix (1891–1969) hat Düsseldorf viel zu verdanken: Der talentierte Maler mit Vorliebe für entwaffnend radikale Themen verbrachte von Oktober 1921 bis 1925 sehr erfolgreiche Jahre in der Stadt, traf hier auf eine einflussreiche Künstlerszene und entwickelte in dieser Zeit seinen unverkennbaren kritischen Stil, einen expressiven Verismus.
Dix hatte sich bereits in Dresden, wo er an der Akademie studierte, aus ökonomischen Gründen mit der Druckgrafik beschäftigt und als Maler von Kriegserlebnissen und schonungsloser Porträtist einen Namen gemacht. Im Oktober 1921 übersiedelte der Maler für vier Jahre nach Düsseldorf, wo er sich in druckgrafischen Techniken weiterbildete und zu einem der führenden Porträtisten der Neuen Sachlichkeit wurde. Wenn auch der stark polarisierende Otto Dix noch bis zum Ende der 1920er Jahre auf seinen Durchbruch warten musste, so war das Rheinland doch eine wichtige Station auf dem Weg zu seiner höchst erfolgreichen Künstlerkarriere. Nicht zuletzt der Kontakt zur Galeristin Johanna Ey und ihren Mitstreitern wurden für die künstlerische wie die persönliche Entwicklung Dix‘ von großer Bedeutung. Als Otto Dix im Herbst 1925 nach Berlin umzog, hatte er eine Familie und war bereits als der Maler mit dem „bösen Blick“ berühmt-berüchtigt.

In der Ausstellung „Otto Dix – Der böse Blick“ stellt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen erstmals umfassend die Werke aus dieser kurzen aber intensiven Düsseldorfer Phase in den Mittelpunkt. Die Ausstellung untersucht die Zusammenhänge von individueller künstlerischer Produktivität, ästhetischen und gesellschaftlichen Fragestellungen sowie die Einflüsse von Unterstützern und persönlichen Lebensumständen.

 

Otto Dix und Düsseldorf: Weiterbildung –  Sammler – Liebe

Anfang des Jahres 1920 vermittelte Conrad Felixmüller (1897–1977) Otto Dix den Kontakt zu Otto Pankok (1893–1966), Gert Wollheim (1894–1974) und anderen Künstlern der avantgardistischen Gruppe Das Junge Rheinland sowie dem Kunsthändler Dr. Hans Koch in Düsseldorf. Dix nahm sogleich geschäftliche Beziehungen zu dem Urologen, Sammler und Kunsthändler Dr. Koch auf, der neben seiner Arztpraxis das Graphische Kabinett von Bergh und Co. in Düsseldorf führte. Für die weitere Entwicklung des Dresdners Dix wurde die Kunsthändlerin Johanna Ey, die erstmals Werke des als unverkäuflich geltenden Malers in Sammlungen unterbrachte. Binnen weniger Monate hatte sie das schier Unmögliche geschafft: Im Oktober 1921 konnte sich Otto Dix seine erste Reise nach Düsseldorf leisten. Er wohnte im Hinterzimmer von Johanna Ey, traf seinen ersten Förderer und verliebte sich in dessen Ehefrau. Eys persönliche Begeisterung für den jungen Künstler führte zu dessen Übersiedlung in die Stadt am Rein.

Die Stadt wirkte inspirierend auf Otto Dix, was sich anhand dessen explosionsartig steigender Produktivität leicht nachweisen lässt. Zwischen 1921 und 1923 beschäftigte er sich intensiv mit dem Medium Aquarell, zudem bildete er sich an der Düsseldorfer Akademie im Meisterschüleratelier der Klasse von Heinrich Nauen weiter. Besonders wichtig war Dix die technische Beherrschung der Drucktechniken, die er bei Wilhelm Herberholz weiter schulte. Aquatinta und Farblithografie setzte er in Grafikserien der frühen 20er Jahre – wie „Der Krieg“ (1924) – ein.

Zu den frühen Förderern Dix‘ zählte der Urologe Dr. Hans Koch, der das Graphische Kabinett von Bergh und Co. führte und sich 1921 als Erster vom Dresdner Maler porträtieren ließ. Kochs Ehefrau Martha und Otto Dix verliebten sich ineinander. Da sich das Ehepaar Koch zuvor bereits entfremdet und Hans Koch eine Affäre mit seiner Schwägerin begonnen hatte, trennte sich das Paar gütlich und blieb lebenslang freundschaftlich verbunden. Otto Dix und Martha Koch heirateten im Frühjahr 1923, nur wenig später wurde die erste Tochter, Nelly, geboren.

 

 

Johanna Ey und Otto Dix

 

„Ich kaufte hier in Düsseldorf die ersten Bilder von Dix, dann kauften Sammler, und Dix begann, Karriere zu machen.“ (Johanna Ey über ihr Verhältnis zu Otto Dix)

 

Johanna Ey (1864–1947) zählte zu den wichtigsten Kontakten von Otto Dix in Düsseldorf. Die Galeristin führte seit 1907 eine Bäckerei in der Nähe der Düsseldorfer Kunstakademie. Da die Studierenden ihre Konsumationen immer wieder mit Kunstwerken bezahlten, die Joanna Ey im Schaufenster auch ausstellte, entwickelte sich das Café während des Ersten Weltkriegs zu einer Galerie. Ab 1919 wandte sich die umtriebige Düsseldorferin der zeitgenössischen Kunst zu. Zu den von ihr entdeckten und geförderten Künstlern gehörte u. a. Max Ernst.

Wenn sich auch Otto Dix sich im September 1920 „eigentlich mehr als Maler als Grafiker“ empfand, so waren es anfangs Arbeiten auf Papier, die Johanna Ey vermitteln konnte. Dennoch schickte er auf Anfrage von Gert Wollheim und Otto Pankok der Galerie Neue Kunst Frau Ey im Juli 1920 erstmals Arbeiten auf Papier. Die Galeristin erhielt den Holzstock „Liebespaar“ zusammen mit einem Text von Conrad Felixmüller, damit sie beides in der Zeitschrift „Das Ey“ (Heft 3) abdrucken konnte. Felixmüller beschrieb das Bildmotiv als Symptom der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit:

 

„Hier ist der zusammengebrochene Mensch, der sein eigener Beleidiger wurde, den der Ekel und die Verzweiflung packte, der kummervolle Mensch vom Zeitalter der Maschine, des Geldverdienens, Wuchers und Schiebers. Die Scham ist tot und das Wollen ist tot: die Kraft der Instinkte lebt im Rausch und versinkt im Glauben am Garnicht. Man muß das Leben von der schlechtesten Seite kennengelernt haben und einsam geblieben sein. So wie Otto Dix.“ (Conrad Felixmüller)

 

Erste Verkäufe ermöglichten dem in Dresden am Existenzminium lebenden Künstler im Herbst 1921 erstmals selbst nach Düsseldorf zu reisen. Während dieses zweiwöchigen Aufenthalts schlief Dix bei Johanna Ey und malte sein erstes bezahltes Porträt, jenes von Dr. Koch. Zudem vertiefte er seine Kontakte mit der Düsseldorfer Kunstszene. Der Ortswechsel brachte nicht nur persönliche Veränderungen mit sich, sondern auch ein verstärktes Engagement des Kölner Galeristen Karl Nierendorf (ab 1922).

 

Gesellschaftsanalysen in fließenden Farben

Otto Dix liebte die Großstadt, die Typen und Randgruppen, die er vor allem während der Nacht auf den Straßen und in den Lokalen traf: Prostituierte und ihre Kunden, Matrosen oder Artisten ebenso wie Kriegsversehrte und Kriegsgewinnler. Man findet hergerichtete „Dienstmädchen am Sonntag“ (1923) aber auch „Mieze, abends im Café“ (1923). Da sich Dix während der Düsseldorfer Zeit zunehmend der Lasurtechnik zuwandte, die zwar minutiöse Schilderungen von Oberflächen und Details erlaubt aber sehr zeitraubend ist, nahm das Aquarell in diesen Jahren quantitativ wie qualitativ eine Sonderstellung ein. Zwischen 1922 und 1924 malte er mehr als 400 Aquarelle.[1]Karsten Müller, Blätter, die die Welt bedeuten. Die Aquarelle von Otto Dix, in: Ausst.-Kat., S. 127–135, hier S. 129. Für Dix verband es schnelles Skizzieren und Durcharbeitung zu eigenständigen Werken. Wie wichtig Dix die Blätter waren, zeigt, dass er sie nur bis Ende des 1920er Jahre verkaufte und nach seinem ökonomischen Durchbruch bei sich behielt. Die Radikalität der Umsetzung brachte Otto Dix während der Düsseldorfer Jahre zwei Mal wegen „Unzüchtigkeit“ fast in das Gefängnis: 1922 beschlagnahmte die Polizei in Berlin das „Mädchen vor dem Spiegel“ (1921) und in Darmstadt „Salon II“ (1921). Der Künstler verteidigte sich vor Gericht damit, er hätte den Sittenverfall nicht unterstützen, sondern vor diesem warnen wollen.

 

 

In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche Hauptwerke der Farblithografie – darunter „Kupplerin, Matrose und Mädchen“ und „Leonie“. Dix konnte sich an der Düsseldorfer Akademie ein Meisterschüleratelier einrichten und dort den sozio-ökonomischen Verwerfungen seiner Zeit nachspüren. Die „goldenen“ Zwanziger zwischen allumfassender Traumatisierung, Vergnügungssucht und frühem Konsumismus, zwischen schillernder Oberfläche und abgestorbenem Innersten reizte ihn zu grotesk-enthüllenden Bildsujets.

 

 

Der Krieg (1924)

 

„Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen. Man muss den Menschen im entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen. Vielleicht muss man das direkt mitgemacht haben.“[2]Zitiert nach: Diether Schmidt, Otto Dix im Selbstbildnis, Berlin/DDR 1978, S. 234 (Otto Dix im Gespräch mit Hans Kinkel 1961)

 

Otto Dix hatte bewusst am Ersten Weltkrieg teilgenommen, nicht als Patriot oder aus einer antifranzösischen Haltung heraus, sondern als Künstler, der Grenzerfahrungen suchte, den Schrecken und die Todesnähe sammeln wollte. Diese Erfahrungen außerhalb des Ateliers in einer ihm fremden Realität setzte er in der Folge in seiner Kunst lebhaft um. Während der Zwanziger Jahre handeln vieler seiner Bilder vom „Äußersten des Lebens“.[3]Siehe Uwe M. Schneede, In der Krise, gegen die Krise. Ernst Ludwig Kirchner in Zeiten des Ersten Weltkriegs, in: in: Großstadtrausch / Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 10.2.–7.5.2017), Zürich 2017, S. 64–73, hier S. 68. Dix bekundete später: „Den ganzen Schmerz und das Leiden“, das „ganz stickig Dreckige“ habe er selbst erleben müssen, um es darstellen zu können. Dass er sich fünf Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs erneut mit dem Thema auseinandersetzte, schockierte viele seiner Zeitgenossen, wurde das Jahr 1924 doch als ein Antikriegsjahr begangen.

 

 

„Der Krieg“ (1924) zählt zu den wichtigsten druckgrafischen Zyklen von Otto Dix und ist die bedeutendste druckgrafische Arbeit der Düsseldorfer Jahre. In 50 Radierungen mit Aquatinta, die er in fünf Mappen à 10 Drucke zusammenfasste, setzte er sich mit dem Erlebten auseinander. Dix hatte sich 1915 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und war in der Champagne, an der Somme, im Artois und in Flandern sowie 1917 an der Ostfront eingesetzt. Während des Krieges hielt er in Schützengräben, Unterständen und Krankenzimmern die Abgründe seiner Kriegserlebnisse fest. Es entstand ein großes Konvolut an realistischen, abstrakten, expressionistischen und kubofuturistischen Zeichnungen in Tusche, Kreide oder Tempera. Mit schonungslosem Blick bannte der Realist das Gesehene auf Papier. Dass sich die von ähnlichen Albträumen gezeichnete Nachkriegsgesellschaft angesichts der anti-akademischen Werke wenig behaglich fühlte, liegt auf der Hand.

Mit Hilfe des Zyklus‘ „Der Krieg“ rechnete Otto Dix mit der modernen Kriegsführung ab und zeigt schonungslos das „Ergebnis“ der jahrelangen Materialschlachten: Meist präsentiert er Landschaften und Soldaten nach einem Angriff, verstümmelt, zerstört, in Trümmern liegend. Schwerste Verletzungen und Verwesung prägen die Bilder. Die Arbeit an den Radierungen zog sich über ein ganzes Jahr von Juni 1923 bis Sommer 1924 hin. Die von Dix gewählte Ätztechnik lässt sich inhaltlich aufladen und bildlich mit Giftgasangriffen bzw. zersetzten Körpern in Gleichklang bringen.[4]Siehe die Interpretation von Werner Haftmann, der Anne Marno in ihrem Katalogbeitrag folgt: Werner Haftmann, Lachende Totenköpfe. Zum Radier-Zyklus „Der Krieg“ von Otto Dix, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (S), 14.4.1984, S. BuZ6. Siehe: Anne Marno, Der Radierzyklus Der Krieg (1924). Otto Dix’ grafisches Hauptwerk der Düsseldorfer Jahre, in: Ebenda, S. 183–189, hier S. 185. Im monumentalen Kriegspanorama „Der Schützengraben“ (1923, Wallraf-Richartz-Museum, Köln) und der Radierfolge beschäftigte er sich mit dem Grauen des Erlebten. Gleichzeitig studierte er die Grafiken Francisco de Goyas (→ Francisco de Goya. Werke).

 

 

Otto Dix, frühe Porträts und der „böse Blick“

Der titelgebende „böse Blick“ ist mehrdeutig zu verstehen. In seinen Düsseldorfer Jahren entwickelte sich Otto Dix künstlerisch maßgeblich weiter. War das Frühwerk der 1910er Jahre noch durch formale Experimente wie farbintensivem Kubofuturismus geprägt, so wandte sich Dix um 1920 dem Dadaismus und den Möglichkeiten der Montagetechnik zu. In dem Gemälde „Die Skatspieler“ (1920) verwendete er etwa Metallfolie in den militärischen Abzeichen ein, malte mit phosphoreszierender Farbe ein Liebespaar auf die Gehirnschale eines Spielers und einen Totenkopf auf den Lampenschirm. Neuartige Leuchtfarbe setzte er auch bei „Der Lustmörder (Selbstbildnis)“ (1920) ein. Noch in Dresden wandte er sich dem Verismus und der mehrschichtigen Ölmalerei-Technik zu: Es entstanden „Zwei Kinder“ (1921), „Bildnis der Eltern I“ (1921). Das Porträt „Dr. Paul Ferdinand Schmidt“ (1921) gehört zu den ersten überzeichnenden und entlarvenden Bildnissen.

In Düsseldorf ging er den bereits eingeschlagenen Weg konsequent weiter, indem er sich technisch an den Alten Meistern orientierte und so detailreiche Schilderungen von Oberflächen in den Bildnissen anbot. Gleichzeitig durchdrang er seine Modelle psychologisch. Mit den in den frühen 1920er Jahren entstandenen Werken wurde Dix vom Bürgerschreck zum gefürchteten Porträtisten mit analytischem Interesse. Wie Sabrina Meißner im Katalog zusammenfasst, ging es Dix nicht um eine rein sachliche Wiedergabe einer Person, sondern präsentierte eine Verdichtung ihres Seins.[5] Sabrina Meißner, Sachlich – Wer ist das schon? Der Einfluss Düsseldorfs auf das malerische Werk von Otto Dix, in: S. 73–81, hier S. 75.

 

„Das Wesen jedes Menschen drückt sich in seinem ›Außen‹ aus; das ›Außen‹ ist der Ausdruck des ›Inneren‹, d. h. Äußeres und Inneres sind identisch.“[6]Otto Dix, Gedanken zur Porträtmalerei (1955), zitiert nach: Diether Schmidt, Otto Dix im Selbstbildnis, Berlin 1981, S. 224. (Otto Dix)

 

Der Maler blickt aus vielen Selbstporträts mit zusammengekniffenen Augen und aufeinandergepressten Lippen, so als wollte er sein Gegenüber mit dem Blick sezieren. Nicht Äußerlichkeiten, nicht einmal das Aussehen, sondern das Gefühlte und die Hässlichkeit brachten Dix zum Malen einer Person. Frühe Porträts von „Dr. Hans Koch“ (1921), „Johanna Ey“ (1924) und „Dr. Julius Hesse“ (1926) stehen für die rasante Entwicklung des Malers vom Verismus zur Neuen Sachlichkeit, von einer Malerei in Ölfarben zu einer Mischtechnik mit Öl- und Temperafarben auf Holzplatten. Vor allem Dr. Julius Hesse spielte bei der Änderung der Malweise eine entscheidende Rolle, da er Inhaber der Farben-Firma Schmincke war, die Harz-Ölfarben nach Florentiner Rezeptur herstellte. Dass Dix Dr. Hesse mit Farbprobe und Druckwalze ins Bild setzte, dürfte als Hommage an die Produkte zu lesen sein, die Otto Dix das Erlernen der Lasurtechnik erleichterten.

Dix wandte sich ab 1924 der Neuen Sachlichkeit zu und setzte für seine zunehmend kühleren, analytischen Porträts eine altmeisterliche Lasurtechnik ein, wie sie auch im Werk von Christian Schad anzutreffen ist. Da diese Malweise keine Veränderungen erlaubt, bereitete der Maler seine Kompositionen minutiös mit Skizzen, Zeichnungen und originalgroßen Kartons vor. Letztere übertrug er mit der so genannten „Calcho-Methode“ auf die Bildgründe, wobei er über die pigmentierte Rückseite des Kartons oder Papierzwischenlage die Zeichnung durchdrückte. So entstanden am Ende der Düsseldorfer Zeit berühmte Dix-Porträts wie jenes „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ (1925), in der die Tänzerin als Femme fatale in flammendes Rot getaucht ist. Der Künstler und seine Ehefrau bewunderten die Aufführungen Berbers, Dix liebte Jazz und tanzte den Shimmy.

Bis heute gilt Otto Dix als der berühmt-berüchtigte Porträtist, der seine Modelle jenseits jedweder gängiger ästhetischer Normen kritisch und „mit bösem Blick“ in Szene setzte.  Als er – persönlich und künstlerisch gereift – 1925 nach Berlin umsiedelt, eilt ihm der Ruf seines „bösen Blicks“ bereits voraus. In den folgenden Jahren arbeitete Dix, zuerst in Berlin und ab 1927 wieder in Dresden, an den in der ersten Hälfte der 1920er Jahre entwickelten Bildthemen und Darstellungsmethoden: „Triptychon Großstadt“ (1928) und „Der Krieg“ (1929–1932). Der stechende, typische Dix-Blick fordert in so manchem Porträt dieser Jahre Betrachterinnen und Betrachter selbstbewusst heraus. Die in einigen Fällen deutlich animalischen Züge der abgebildeten Menschen lassen tief in ihre Seele blicken!

 

 

Otto Dix – Der böse Blick: Ausstellungskatalog

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)
Otto Dix. The Evil Eye/Der böse Blick
mit Beiträgen von Susanne Meyer-Büser (Kuratorin), Sabrina Meißner, Karsten Müller, Anne Marno, Valerie Malsburg
Gebundenes Buch, Pappband
240 Seiten, 23,0 x 27,0 cm, 230 farbige Abb.
ISBN 978-3-7913-5630-3 (dt/e)
Prestel

 

Biografie von Otto Dix (1891–1969)

Am 2. Dezember 1891 wurde Otto Dix in Untermhaus bei Gera (Thüringen) als erstes von vier Kindern des Eisenformers Franz und der Näherin Louise Dix geboren. Die Mutter war musisch und künstlerisch interessiert, der Vater und der Bruder waren engagierte Sozialdemokraten.
1898 –1906 Besuch der Volksschule in Untermhaus, Förderung durch den Zeichenlehrer Ernst Schunke.
1906–1910 Dekorationsmalerlehre in Gera
1910 Geselle in Pößneck (Thüringen) im Sommer
1910–1914 Stipendium für die Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Dresden, Studium der. Alten Meister in der Dresdner Gemäldegalerie.
1912/1914 Sah in der Galerien Arnold und Richter (Vincent van Gogh im Februar 1912 und Neue expressionistische Malerei im Januar 1914. In diesen Jahren malte Otto Dix vor allem Selbst- und Freundesporträts, er interessierte sich für die Philosophie Friedrich Nietzsches.
1915–1918 Dix meldete sich im September an die Front, bis Dezember 1918 in der Champagne, an der Somme, im Artois und in Flandern eingesetzt sowie 1917 an der Ostfront. Während des Krieges entstand teilweise in den Schützengräben ein großes Konvolut an realistischen, abstrakten, expressionistischen und kubofuturistischen Zeichnungen.
1917 Teilnahme an der Herbst-Ausstellung der Künstlervereinigung Dresden.
1918 Verwundung und Beförderung zum Vizefeldwebel.
1919–1922 Rückkehr nach Dresden zum Studium an der Akademie der Bildenden Künste. Mitbegründer der Dresdner Sezession Gruppe. Ausstellungsbeteiligungen in Dresden, Düsseldorf und Prag.
1920 Conrad Felixmüller führte Dix in die Technik der Radierung ein (bessere Verkäuflichkeit) und freundete sich mit ihm an. Teilnahme mit seinem heute verschollenen Bild „Kriegskrüppel“ an der Ersten Internationalen Dadamesse der Galerie Burchard. Erste Kontakte zur Düsseldorfer Avantgarde-Gruppe Das Junge Rheinland (24.2.1919 in Düsseldorf gegründet). Auf Empfehlung von Conrad Felixmüller schickte Dix Blätter an die Kunsthändlerin Johanna Ey in Düsseldorf, die erste Verkäufe seiner Werke vermittelte. Die anfangs sehr kollegiale Freundschaft der beiden Künstler begann abzukühlen, da Felixmüller Dix mangelndes politisches Interesse vorwarf.
1921 Erste Reise von Dix nach Düsseldorf, wo er Eys Galerie Neue Kunst Frau Ey am Hindenburgwall 11 (heute: Heinrich-Heine-Allee) besuchte (Leitung von Otto Pankok und Gert Wollheim). Atelier in Oberkassel. Dix lernte einen großen, jungen und vielseitigen Künstlerkreis kennen. Erster Porträtauftrag vom Düsseldorfer Kunstsammler, Mäzen und Arzt Dr. Hans Koch, der gemeinsam mit seiner Frau Martha das Graphische Kabinett von Bergh und Co. in der Blumenstraße 11 führt. Dix verliebte sich in Martha Koch („Mutzli“), Martha verließ ihren Mann und zog mit Dix nach Dresden.
1922 Zurück in Dresden schickte Dix seine Bilder an Johanna Ey, die sein „Bildnis der Eltern I“ (Wallraf-Richartz-Museums, Köln) erwarb. Verbindung von Das Junge Rheinland mit der Dresdner Sezession und der Berliner Novembergruppe zu einem Kartell fortschrittlicher Künstlergruppen in Deutschland (März). Teilnahme an der ersten „Internationalen Kunstausstellung“ in Düsseldorf unter der Führung von Gert Wollheim und Arthur Kaufmann (mit „Fleischerladen“ und „Zwei Kinder“) (Mai). Erster Kongress internationaler fortschrittlicher Künstler, vorbereitet von Gert Wollheim, El Lissitzky und Theo van Doesburg (29. bis 31. Mai). Otto Dix übersiedelte zusammen mit Martha endgültig nach Düsseldorf (Herbst). Meisterschüler bei dem gemäßigten Expressionisten Heinrich Nauen sowie bei Wilhelm Herberholz, der ihn in Aquatinta- und anderen druckgrafischen Techniken unterrichtete. Mitglied der Gruppe Das Junge Rheinland. Bedeutende Schaffensjahre: Gemälde und Aquarelle (zwischen 1922 und 1924 malte er mehr als 400 Aquarelle).
1923 Hochzeit mit Martha (Februar); Geburt der Tochter Nelly (Juni). „Schützengraben“ (verschollen) von Hans F. Secker für das Wallraf-Richartz-Museum aus der Galerie Karl Nierendorf erworben, was einen Skandal auslöste. Das Werk musste wieder an den Galeristen zurückgegeben werden. Hans Cürlis drehte einen kurzen Film über Otto Dix bei der Arbeit, der 1926 in die Serie „Schaffende Hände. Maler I“ aufgenommen wurde. Freispruch vor Gericht im April, da Otto Dix sich wegen des Gemäldes „Mädchen vor dem Spiegel“ (1921, verschollen) für eine „unzüchtige Darstellung“ verantworten musste. Teilnahme an der Frühjahrsausstellung der Akademie der Künste in Berlin („Arbeiterbild“, „Bildnis Dr. Paul Ferdinand Schmidt“ und „Bildnis Dr. Glaser“) auf Einladung von Max Liebermann. Porträts der Düsseldorfer Malerkollegen Adalbert und Siegfried Trillhaase sowie Adolf Uzarski.
1924 Fertigstellung des Zyklus‘ „Der Krieg“ (50 Radierungen). Karl Nierendorf verlegte ihn in einer Auflage von 70 Exemplaren und stellte ihn gleichzeitig in 15 Städten aus. Geringer wirtschaftlicher Erfolg; dennoch übernahm Nierendorf die geschäftliche Vertretung von Dix. Dix war mit 13 Arbeiten an der „Ersten allgemeinen deutschen Kunstausstellung“ in Moskau, Saratow und Leningrad beteiligt, zeigte „Der Schützengraben“ in der Frühjahrsausstellung der Berliner Akademie der Künste (heftig kritisiert, aber öffentlich von Max Liebermann verteidigt). Erfolgreiche Einzelausstellung mit Aquarellen und Zeichnungen im Kronprinzenpalais in Berlin. Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey (Öl auf Leinwand, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen). Otto Dix wandte sich der altmeisterlichen Lasurtechnik zu, häufig auf Holz. Erste Italienreise mit Martha und Nelly, die durch den Verkauf von „Der Schützengraben“ finanziert wurde. Dix wurde zum Mitglied der Berliner Secession gewählt.
1925 Dix entwickelte sich zum Porträtisten der Boheme und Intellektuellenszene: „Dichter Herbert Eulenberg“, „Maler Karl Schwesig mit Modell“ und „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“. Umzug nach Berlin, Kaiserdamm 20 und sein Atelier ab 1926 am Kurfürstendamm 190 (Herbst).
1926 „Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden“; „Porträt von Dr. Julius Hesse“, den Inhaber von Firma Schmincke, mit Farbprobe und Druckwalze. Einzelausstellungen in den Galerien Neumann-Nierendorf, Berlin, und Thannhauser, München, begleitet vom ersten Gesamtverzeichnis der Druckgrafik. Beteiligung an der „Internationalen Kunstausstellung 1926“ in Dresden.
1927 Dix zog wieder nach Dresden und begann im Sommersemester 1927 eine Lehrtätigkeit an der Dresdner Kunstakademie. Freundschaften entstehen mit den Kunstsammlern Ida und Fritz Bienert, dem Dichter Theodor Däubler und dem jungen Kunsthistoriker Fritz Löffler. Geburt des Sohnes Ursus.
1928 Geburt des Sohnes Jan. Malte „Triptychen Großstadt“. Teilnahme an der Biennale in Venedig.
1930 Teilnahme an der Biennale in Venedig.
1932 Vollendete „Der Krieg“ (1929–1932, Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden).
1933 Otto Dix wurde als einer der ersten Künstler von den Nationalsozialisten aus dem Lehramt entlassen (April). Entlassungsgrund war die „Verletzung des sittlichen Gefühls und Zersetzung des Wehrwillens des deutschen Volkes“. In einer Ausstellung im Lichthof des Dresdner Rathauses erlebte Dix die erste öffentliche Diffamierung als „entarteter“ Künstler. „Innere Emigration“ in Südwestdeutschland (Sommer), zunächst im Hegau nahe dem Bodensee auf Schloss Randegg, das seinem Schwager Hans Koch gehört. Dix arbeitete mit altmeisterlichen Maltechniken und wandte sich der Landschaft sowie allegorischen und religiösen Themen zu.
1936 Umzug der Familie in die Villa in Hemmenhofen am Bodensee, deren Bau durch Marthas Erbe möglich wurde. Bis zu Dix‘ Tod blieb Hemmenhofen der Hauptwohnsitz.
1937/38 Acht Werke von Otto Dix standen im Zentrum der Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Sein Gemälde „Der Schützengraben“ (1923) wurde als „gemalte Wehrsabotage“ diffamiert. In nationalsozialistischen „Säuberungsaktionen“ wurden insgesamt circa 260 Werke von Dix aus deutschen Museen beschlagnahmt und teils zerstört.
1945 Otto Dix wurde zum „Volkssturm“ eingezogen und geriet in französische Kriegsgefangenschaft.
1946 Rückkehr nach Hemmenhofen.
1947–1968 Jährliche Aufenthalte in Dresden, unter anderem zum Druck der Lithografien. Dort besuchte Dix auch seine Freundin Käthe König und die gemeinsame Tochter.
1955 Tod der Tochter Nelly im Alter von 31 Jahren, woraufhin Otto und Martha Dix die Enkeltochter Bettina (* 1930) adoptierten.
1957 Umfassende Retrospektive in der Akademie der Künste, Ostberlin. Das Spätwerk wird dominiert von Primamalerei und Lithografie. In den Sechzigerjahren zahlreiche Ausstellungen, Ehrungen und Preise in beiden Teilen Deutschlands und Teilnahme an der documenta I und III.
Am 25. Juli 1969 starb Otto Dix nach einem zweiten Schlaganfall in Singen am Bodensee.

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1. Karsten Müller, Blätter, die die Welt bedeuten. Die Aquarelle von Otto Dix, in: Ausst.-Kat., S. 127–135, hier S. 129.
2. Zitiert nach: Diether Schmidt, Otto Dix im Selbstbildnis, Berlin/DDR 1978, S. 234
3. Siehe Uwe M. Schneede, In der Krise, gegen die Krise. Ernst Ludwig Kirchner in Zeiten des Ersten Weltkriegs, in: in: Großstadtrausch / Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 10.2.–7.5.2017), Zürich 2017, S. 64–73, hier S. 68.
4. Siehe die Interpretation von Werner Haftmann, der Anne Marno in ihrem Katalogbeitrag folgt: Werner Haftmann, Lachende Totenköpfe. Zum Radier-Zyklus „Der Krieg“ von Otto Dix, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (S), 14.4.1984, S. BuZ6. Siehe: Anne Marno, Der Radierzyklus Der Krieg (1924). Otto Dix’ grafisches Hauptwerk der Düsseldorfer Jahre, in: Ebenda, S. 183–189, hier S. 185.
5. Sabrina Meißner, Sachlich – Wer ist das schon? Der Einfluss Düsseldorfs auf das malerische Werk von Otto Dix, in: S. 73–81, hier S. 75.
6. Otto Dix, Gedanken zur Porträtmalerei (1955), zitiert nach: Diether Schmidt, Otto Dix im Selbstbildnis, Berlin 1981, S. 224.