Dadaismus: Kunst des Alogischen | ARTinWORDS

Dadaismus

Was ist Dadaismus?

Dadaismus ist eine Bewegung in der Kunst und Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. 1916 von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Hans Arp in Zürich begründet, verband der Dadaismus oder auch Dada jene Kunstschaffenden, die nicht an der Front dienen mussten und dem Wahnsinn des Krieges alogische, parodierende Kunstwerke entgegenhielten. Dadaistische Kunst dient als Diagnose und Kritik an der Moderne, die geschockte oder amüsierte Reaktionen beim Publikum auslösen soll.

Dada Zürich

Dada wurde 1916 in Zürich „erfunden“. Seine Ursprünge liegen im Kabaret, seine Leistung in der medienübergreifenden Definition des Abstrakten und ein neues Interesse am „Primitiven“.

Hugo Ball und der Erste Weltkrieg

Hugo Ball schrieb vor dem Krieg in München für „Die Aktion“, „Der Sturm“ sowie andere radikale Journale wie das mit Hans Leybold gegründete „Revolution“. Der Autor seine Lebensgefährtin Emmy Hennings bildeten bereits vor Kriegsausbruch das Zentrum der sich gegen den Krieg formierenden Künstlerschaft. Noch in Bayern hatten sie Richard Huelsenbeck getroffen und sich mit ihm angefreundet.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zeigte Hugo Ball sich anfangs nationalistisch und meldete sich dreimal freiwillig zum Kriegsdienst. Jedes Mal wurde er aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt. Balls anfänglicher Enthusiasmus wurde ins Gegenteil verwandelt, als er unauthorisiert an die belgische Front reiste. Seine Erlebnisse dort waren so furchtbar, dass der Künstler in eine Krise stürzte und sich fast das Leben nahm. Zurück in Berlin organisierte er gemeinsam mit Huelsenbeck und Hennings Antikriegsabende. Diese gelten als Vorläufer für die späteren dadaistischen Aktionen im Cabret Voltaire. So las Hugo Ball im Februar 1915 im Rahmen der „Gedächtnisfeier für gefallene Dichter“ ein ironisches Gedicht als Nachruf für seinen engen Freund Leybold, der sich nach einer Kriegsverletzung im Herbst 1914 an der Front umgebracht hatte. In einer absichtlich unsentimentalen, beißenden Art vorgetragen, schockierte der Text das Publikum. Huelsenbeck rezitierte „chants nègres“, Gedichte mit dem Rhythmus und der Tonalität von afrikanischen Volksliedern. Das Paar beendete den Abend mit dem Aushängen eines Manifests. Auf dem stand:

„Wir wollen provozieren, stören, beunruhigen, necken, den Tod kitzeln, verwirren.“1

Ende Mai 1915 reisten Hugo Ball und Emmy Hennings auf Einladung von Serner nach Zürich. Ball verwendete zwei Pässe und schrieb sich unter flaschem Namen bei der Polizei in der Schweiz ein. Deshalb wurde er später inhaftiert. In Zürich begann er, in einer Knopffabrik zu arbeiten, danach als Pianist und Schriftsteller für die Vaudeville Gruppe „Maxim“. Dort konnte er sich mit der populären Form des Varieté-Theaters auseinandersetzen.

Cabaret Voltaire

Die Entstehung des Dadaismus ist untrennbar mit dem Cabaret Voltaire, einem kurzlebigen Nachtclub, in der Zürcher Altstadt verbunden. Ball wandte sich an Jan Ephraim, den Besitzer der Holländischen Meiere Café in der Spiegelgasse 1, und schlug vor, ein Avantgarde-Cabaret zu starten. Dies würde populär bei Intellektuellen und so viel Publikum anziehen. Dass das Konzept ein Erfolg werden könne, darauf ließ der Ort hoffen: Es hatte sich dort 1914 das „erste Literatencafé“ von Zürich, das Cabaret Pantagruel, eingerichtet gehabt. Der Raum bot Platz für 40 bis 50 Menschen und verfügte über eine kleine Bühne samt Klavier.

Der Name Cabaret Voltaire bezieht sich auf den Autor der Aufklärung. Huelsenbeck bezeugt in seinen Memoiren, dass Ball bereits in der Berliner Zeit eine Begeisterung für Voltaire hatte. Besonders interessant fand Ball dessen Ablehnung der organisierten Religion und seine verspottende Feindseligkeit gegen sektiererische Tugend. Dem Krieg wollte Batt freies Denken entgegenhalten. Das Cabaret Voltaire sollte als Treffpunkt für all die emigrierten Künstler:innen dienen, die Unabhängigkeit wollten und künstlerische Unterhaltung. Im Cabaret Voltaire trafen sich Kunstschaffende, um täglich in der Öffentlichkeit zu singen, zu malen, Gedichte zu schreiben; für Hugo Ball war die Schweiz ein „Vogelkäfig, umgeben von brüllenden Löwen“2.

Am 5. Februar 1916 eröffneten Emmy Hennings, Hugo Ball, Tristan Tzara, Marcel Janco und Hans Arp das Cabaret Voltaire, die Geburtsstätte des Dadaismus. Huelsenbeck wurde eilig aus Berlin herbeigerufen (ab 26. Februar in Zürich). Am 12. Februar trugen die Beteiligten futuristische und symbolistische Gedichte vor; eine Woche später Volkslieder aus Frankreich und Russland. Hennings trat monatelang fast allabendlich als Sängerin, Darstellerin und Diseuse auf, häufig am Klavier begleitet von Hugo Ball. Damit war sie einige der wenigen Frauen im Cabaret Voltaire, hielten sich dort zu viele Betrunkene und Raucher auf. Das Programm war eklektisch und heterogen, eine Mischung aus internationaler Avantgarde und nicht-deutscher oder sogar anti-deutscher Haltungen. Es ging um Stimmung und Gemeinschaft (exilierter Künstler:innen) und eine Anti-Haltung von Krieg bis zu den neuen Technologien.

Um der bildenden Kunst mehr Raum zu verschaffen, gründete die mittlerweile gewachsene Gruppe der Dadaist:innen 1917 die Galerie Dada. Bereits davor hingen an den Wänden des Cabaret Voltaire Kunstwerke von Otto van Rees, Arthur Segal, Janco, Marcel Slodki, Elie Nadelman, Pablo Picasso, August Macke und Amedeo Modigliani sowie Hans Arp. Darin zeigt sich Balls Interesse am Gesamtkunstwerk, das alle Medien miteinander zu einem multisensorischen Ganzen verbindet.

Das Cabaret Voltaire musste Anfang Juli 1916 schließen. Huelsenbeck dokumentierte, dass Ephraim von der Gruppe verlangt hatte, entweder bessere Unterhaltung anzubieten oder eine größere Gruppe von Gästen anzuziehen - oder das Cabaret zu schließen. Statt allabendlicher Auftritte planten die Künstler:innen nun eine Internationalisierung im Rahmen einer Voltaire Society und der Veröffentlichung ihrer Text in einem Sammelband. Am 31. Mai 1916 erschien die einzige Ausgabe von „Cabaret Voltaire“ mit einem luxuriösen roten Einband und einem abstrakten Holzschnitt von Hans Arp.

Kurz davor, am 24. Mai 1916, hatten die Dadaisten noch in einer Performance Moderne und Primitivismus miteinander in Einklang gebracht. Ein Maskentanz im Cabaret Voltaire präsentierte Masken aus vergänglichen Materialien wie Zeitungspapier und Karton, gefertigt von Marcel Janco. Damit verband er den Einfluss von Pablo Picasso mit antiken sowie afrikanisch-ozeanischen Traditionen.

Dadaismus

Der Begriff Dadaismus stammt vermutlich von Hugo Ball. Am 18. April 1916 hielt er eine hitzige Debatte über die Zukunft der Voltaire Society fest:

„Tzara sorgt sich weiterhin über die Zeitschrift. Mein Vorschlag, sie Dada zu nennen, wurde akzeptiert.“3

Und doch war es Tzara, der das Wort Dada zum ersten Mal drucken ließ - in seinem Gedicht „La première Aventure céléste de Mr Antipyrine“ sowie in der Zeitschrift „Cabaret Voltaire“ in einer Ankündigung für die nächste Ausgabe. Huelsenbeck erinnerte sich später, dass das Wort „Dada“ aus einem deutsch-französischen Wörterbuch übernommen wurde, während er Ball besuchte. Ball und er haben sich am kindlichen Klang erfreut und es für geeignet gehalten, als Emblem für „den Anfang bei Null“ zu verwenden. Die vielen Bedeutungsebenen wie auch die Arbeit mit Klängen mögen die Mitglieder von Dada von der Qualität und Absurdität des Begriffs überzeugt haben. Tristan Tzara entwickelte rund um den Begriff Dada eine Identität für die Gruppe, indem er zu einem „Mouvement Dada“ einlud, die Galerie Corray in die Galerie Dada umbenannte und Gedichtbände unter dem Titel „Sammlung Dada“ veröffentlichte.

Galerie Dada

Im Januar 1917 organisierte die Gruppe in Balls Abwesenheit die „Première Exposition Dada“ (12.1.-28.2.) in der Galerie Corray. Zu sehen waren Werke von Arp, Janco, Hans Richter sowie Adya und Otto van Rees neben Werken aus Subsahara-Afrika. Tzara gab drei Vorlesungen zur modernen Kunst.

Am 17. März eröffnete bereits die erste von drei Gruppenausstellungen unter dem Namen Galerie Dada über der Sprüngli Konfekterie (17.3.-7.4.1917). Neben Werken der Dadaist:innen waren auch Künstler:innen des „Sturm“, „primitive“ Kunst und Kunst von Kindern zu sehen; Gemälde von Wassily Kandinsky, Paul Klee und Gabriele Münter. Sophie Taeuber-Arp tanzte am 29. März in einem Kostüm von Hans Arp zu Balls Lautgedichten; Claire Walter führte eine Gruppe von expressionistischen, ekstatischen Tänzen auf. Im Publikum saß der Tanzpädagoge Rudolf von Laban mit seiner Schülerin Mary Wigman; seine Schule für Tanz, Ton, Wort und Form befand sich gegenüber des Cabaret Voltaire. Im Vergleich zu den Aktivitäten im Cabaret Voltaire war die Galerie Dada ökonomisch organisiert und gleichsam gesittet. Neben die Wort- sowie Klangkunst, die Musik trat nun der Tanz mit seiner Betonung des körperlichen Ausdrucks und der Annahme, dass durch ihn das Unbewusste ausgedrückt werden könne (Laban).

Sofort nach Ende der ersten folgte die zweite Ausstellung der Galerie Dada in Zusammenarbeit mit der Sturm Galerie Herwaerth Waldens (9.-30.4.1917). In einer Soirée am 14. April wurden Gedichte von Kandinsky, Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars und Sturm-Künstler:innen vorgetragen. Höhepunkt des Abends war eine Tanzaufführung mit Masken von Janco. Ein weiterer Abend wurde am 28. April organisiert mit Musik von Arnold Schönberg und einem Tribut an den katholischen Reformer und Philosemiten Léon Bloy.

Die dritte Ausstellung in der Galerie Dada verband Künstler:innen, die die Dadaist:innen verehrten - Giorgio de Chirico, Paul Klee, Elie Nadelman - mit ihren eigenen Werken. Es waren besonders Arbeiten auf Papier, Tapisserien, Kinderzeichnungen, Reliefs zu sehen. Tzara und Ball organisierten am 12. Mai einen Abend mit „Alter und neuer Kunst“, an dem sie Geschichten der europäischen Renaissance, Gedichte aus ost-zentral Afrika und zeitgenössische Literatur vortrugen. Geleitet wurden sie von ihrem Interesse für die Abstraktion und die Befreiung der Kreativität. Als sich Ende Mai Ball und Tzara wieder einmal stritten, brach Hugo Ball endgültig mit dem Dadaismus.

Berühmte Künstler und Künstlerinnen des Dadaismus

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Picasso und Duchamp steigen erstmals in den Ring! Zumindest inszeniert das Stockholmer Moderna Museet derzeit Picasso als den „Maler“ gegen Duchamp als das „Gehirn“. Kuratorin Annika Gunnarsson spielt mit dem Gedanken, zwei der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts wie Boxer gegeneinander antreten zu lassen.
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Die Kunstsammlung NRW schreibt noch bis 15. Jänner 2012 den kunsthistorischen Kanon der 1920er und 1930er Jahre um, indem sie acht Künstlerinnen besonders in den Blickpunkt nimmt. Sophie Taeuber-Arp, Sonia Delaunay, Hannah Höch, Florence Henri, Claude Cahun, Dora Maar, Katarzyna Kobro und Germaine Dulac werden in ausführlichen Biographien im Anhang (S. 262-286) und – mit Ausnahme Dulacs – im begleitenden Katalog in spannenden Texten vorgestellt. Die AutorInnen erzählen ein Kapitel europäischer Kunstgeschichte neu und bringen damit eine vergessene Facette in Erinnerung: Die Avantgarde wurde nicht nur von Künstlern erfunden, sondern in der Diskussion mit Künstlerinnen vorangetrieben.
  1. Zitiert nach Malcolm Green, Einleitung, in: Blago Bung, Blago Bung, Bosso Fatka: First Texts of German Dada by Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Walter Serner, London 1995, S. 15.
  2. Hugo Ball am 10. Oktober 1915, in: Hugo Ball, Flight Out of Time: A Dada Diary by Hugo Ball, hg. v. John Elderfield, Berkley 1996, S. 34.
  3. Hugo Ball am 18. Aptil 1916, in: Ball. Flight Out of Time, S. 63.