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Wien | Leopold Museum: Hagenbund Von der gemäßigten zur radikalen Moderne | 2022/23

Ferdinand Ludwig Graf, Decamerone, Detail, 1921 (Ernst Ploil, Wien, Foto: Christoph Fuchs, Wien)

Ferdinand Ludwig Graf, Decamerone, Detail, 1921 (Ernst Ploil, Wien, Foto: Christoph Fuchs, Wien)

Der Hagenbund wurde im Jahr 1900 – wie drei Jahre zuvor die Wiener Secession – als Reaktion auf den Konservativismus des Künstlerhauses gegründet und etablierte sich spätestens in den 1920er Jahren als „heute radikalste Gruppe“ (Robert Musil, 1922) innerhalb der Wiener Künstlervereinigungen. Das Leopold Museum zeigt eine Überblicksausstellung und unterstreicht das Innovationspotenzial der Mitglieder in den 1920er Jahren.

Das 1902 erstmals bespielte Ausstellungshaus Zedlitzhalle im 1. Wiener Bezirk diente nicht nur als identitätsstiftender Präsentationsort für die Mitglieder, sondern auch als Halle für innovative Ausstellungskonzepte und internationale Kunstpräsentationen. Der Hagenbund stand in engem Austausch mit zahlreichen europäischen Künstlervereinigungen, insbesondere mit den benachbarten, zentraleuropäischen Künstlergruppierungen aus Prag (Mánes), Krakau (Sztuka) oder Budapest (UME), aber auch mit deutschen, belgischen, englischen und skandinavischen Vereinigungen. Parallel dazu stellten Formationen der Vereinigung immer wieder auf internationalen Ausstellungen aus, wie 1904 bei der „World’s Fair [Weltausstellung]“ in St. Louis (USA), den Internationalen Kunstausstellungen in München (u.a. 1905) oder der „Esposizione internazionale di Belle Arti in Rom“ (1911).

Nach dem Austritt Gustav Klimts aus der Secession 1905 und den darauffolgenden Präsentationen bei der Kunstschau Wien 1908 und 1909, erreichte der Hagenbund in den 1910er Jahren einen bedeutenden Status als Plattform für junge, zeitgenössische Kunst. Signifikant dafür ist die legendäre Sonderausstellung „Malerei und Plastik 1911“ mit Werken von Oskar Kokoschka, Anton Faistauer, Anton Kolig oder etwa Albert Paris Gütersloh, ebenso wie ein Jahr darauf, wiederum mit den eben genannten Protagonisten des Umfeldes der „Neukunstgruppe“ sowie zahlreichen Werken Egon Schieles. Diese Schau führte aufgrund ihrer Progressivität zur Delogierung des Hagenbundes aus der Zedlitzhalle, wo dieser erst im Jahr 1920 wieder einziehen konnte.

Insbesondere die 1920er Jahre gelten als die Blütezeit des Hagenbundes, da in diesem Jahrzehnt der Schritt von einer gemäßigten hin zu einer radikalen Moderne gesetzt wurde. Wenngleich weder ein einheitliches Stilwollen noch ein künstlerisches Manifest seitens des Hagenbundes existierte, so ist doch eine Betonung auf Ausformungen der Neuen Sachlichkeit sowie auf post-expressionistische Tendenzen mit kubistischen Versatzstücken charakteristisch.

Der Hagenbund erlebte in seiner fast vier Jahrzehnte währenden Existenz eine äußerst wechselvolle Geschichte, die in Bezug auf die jeweils existierenden politischen Systeme von der Monarchie über die Ausrufung der Ersten Republik, vom austrofaschistischen Ständestaat bis hin zur Machtübernahme der Nationalsozialisten führte. Letztere veranlassten schließlich – wegen zu moderner und liberaler künstlerischer Ansichten, der hohen Anzahl von Künstler:innen mit jüdischen Wurzeln und eines linken Flügels unter den Mitgliedern – im September 1938 die Auflösung der Künstlervereinigung. Eine große Anzahl der ordentlichen, außerordentlichen und korrespondierenden Mitglieder wie Georg und Bettina Ehrlich-Bauer, Josef Floch, Carry Hauser, Lilly Steiner, Otto Rudolf Schatz oder Felix Albrecht Harta mussten emigrieren oder wurden – wie Robert Kohl oder Fritz Schwarz-Waldegg – im Konzentrationslager ermordet. Der kosmopolitische und interkulturelle Geist des Hagenbundes fand damit sein Ende.

Kuratiert von Hans-Peter Wipplinger und Dominik Papst.

Hagenbund im Leopold Museum: Bilder