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Köln | Museum Ludwig: Grüne Moderne Die neue Sicht auf Pflanzen | 2022/23

Veröffentlicht von ARTinWORDS.de Redaktion von 17. September 2022
Aenne Biermann, Kaktus, Detail, um 1929, Gelatinesilberpapier, 17,1 x 12,1 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln)

Aenne Biermann, Kaktus, Detail, um 1929, Gelatinesilberpapier, 17,1 x 12,1 cm (Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln)

Mit dem so genannten „nonhuman turn“ richtet sich unsere Aufmerksamkeit zunehmend auf andere Lebensformen als die menschliche. Die neue Popularität von Zierpflanzen im privaten, im urbanen und im digitalen Raum scheint nur ein Nebeneffekt davon zu sein.

Die Ausstellung „Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen“ führt uns zurück ins frühe 20. Jahrhundert und wie die Künste Pflanzen betrachteten — nicht die Natur im großen Maßstab, sondern einzelne Pflanzen. Beim Lesen von Walter Benjamins Text „Neues von Blumen“ aus dem Jahr 1928 werden wir Zeuge vom Aufkommen visueller Innovationen:

Grüne Moderne
Die neue Sicht auf Pflanzen

Deutschland | Köln: Museum Ludwig
17.9.2022 – 22.1.2023

#gruenemoderne

„Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“

 

Pflanzen in der Moderne

„Die Grüne Moderne“ im Museum Ludwig zeigt Aspekte des visuellen Nachdenkens über Pflanzen vor dem Hintergrund botanischer Erkenntnisse während der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Kunstwerke werden botanisch und gesellschaftshistorisch rekontextualisiert, um die neue Sicht auf Pflanzen in einer Zeit technischen, gesellschaftlichen Wandels schärfer zu konturieren. Nicht nur Benjamin faszinierten die Fotografien von Pflanzen unter dem Mikroskop oder Aufnahmen im Zeitraffer. Die Kinos waren voll als „Das Blumenwunder“ das Pflanzendasein ganz neu vor Augen führte. Dabei lagen dem „Wunder“ Zeitraffer-Laboraufnahmen von Experimenten mit dem ersten künstlichen Dünger zugrunde.

Fotografische Vergrößerungen von Blättern, Knospen, Stielen abstrahierten die Pflanze bis zur Unkenntlichkeit und wurden in Buchform populär, wie Karl Blossfeldts „Urformen der Kunst“. Auch in Malerei, Grafik und Skulptur der Weimarer Republik grünte es. Schließlich eröffnete die neue Architektur mit ihren größeren Fenstern ganz neue Möglichkeiten für so genannte „Zimmergärten“. Kakteenfenster kamen in Mode, während die „Kakteenjagd“ in Amerika Raubbau an der Natur betrieb. Dekorative Pflanzen eroberten die Stadt. Und während man in historischen Dokumenten meist Männer sieht, die Kakteen jagen, war es den Frauen überlassen, sich um die „exotischen“ Pflanzen zu kümmern. Aber Flora, das zeigt der Blick in Modemagazine, war eben noch im 20. Jahrhundert weiblich konnotiert. Die Rezeption von Carl von Linnés binärer Geschlechterdifferenz der Pflanzenwelt zeigt exemplarisch, dass über Pflanzen nachzudenken immer auch heißt, über das Menschsein nachzudenken.

So sachlich eine Topfpflanze im Bild auf den ersten Blick also vielleicht aussehen mag – sie ist Teil eines Diskurses, der mitten hineinstößt in die großen Themen der Moderne: Exotismen und Emanzipation, Bevölkerungswachstum und Urbanisierung, Beschleunigung und Entschleunigung.

 

Die Grüne Moderne im Museum Ludwig

Die Pflanze als das An­dere

Mit ihrem Lied vom klei­nen grü­nen Kak­tus be­san­gen die Co­me­dian Har­mon­ists ein Gewächs, das zu An­fang des 20. Jahrhun­derts außeror­dentlich pop­ulär war. „Ge­jagt“ wur­den die Kak­teen in den bei­den Amerikas, um für den deutschen Markt weit­ergezüchtet und verkauft zu wer­den. Wie ein Großwild­jäger ließ sich der Pflanzen­samm­ler Curt Backe­berg in weißer Klei­dung und mit Las­so im Arm neben einem me­ter­ho­hen Kak­tus porträtieren. In­sofern waren die Zim­mergärten, die gepflegt, be­sun­gen, fo­to­gra­fiert und ge­malt wur­den, kolo­niale Zim­mergärten. Wer mod­ern sein wollte, um­gab sich zuhause mit Kak­teen, Gum­mibäu­men und an­deren Pflanzen, die im Freien nur in wärmeren Kli­ma­zo­nen wuch­sen, aber dank Koh­le­heizung und großer Fen­ster im pri­vat­en In­nen­raum zur Gel­tung ge­bracht wer­den kon­n­ten. Aenne Bier­mann fo­to­gra­fierte die Kak­teen ihr­er ei­ge­nen Samm­lung, Al­bert Renger-Patzsch sprach Empfeh­lun­gen zur Auf­nahme von Kak­teen für Hob­by-Fo­to­graf:in­nen aus, die Kun­sthis­torik­erin und Samm­lerin Rosa Schapire ließ sich von Karl Sch­midt-Rottluff ein „Kak­teen­heim“ ges­tal­ten. In In­terieur-Zeitschriften präsen­tierte man der­weil Stahl­rohr­mö­bel ganz selb­stver­ständlich neben Kak­teen.

 

Die Pflanze als das Angeeignete

Im Blu­men­k­leid zi­tierte auch die Neue Frau nach 1918 noch Flo­ra, die Göttin der Blüte. In ein­er Zeit zuneh­men­der „Geschlechterunord­nung“, in der kurze Haare nicht länger die sex­uelle Iden­tität ein­er Frau markierten und Mag­nus Hirsch­feld gesch­lecht­san­gleichende Op­er­a­tio­nen vor­nahm, blieb die Blume in der Mode präsent: Au­gust San­ders rauchende Garçonne An­neli Stro­hal trägt Blu­men auf ihrem Kleid, so wie Lili Elbe schon vor ihren Op­er­a­tio­nen. Und Mar­lene Di­et­rich lässt dem Knopfloch ihres dun­klen Anzugs eine überdi­men­sionierte Blüte ent­sprin­gen, einem Au­gen­zwink­ern gleich, denn die Angst vor der „Vermännlichung“ der mod­er­nen Frau war im­mer wied­er for­muliert wor­den. Die Aneig­nung von Blüten als pas­sives Lock­o­r­gan im Di­en­ste der Fortpflanzung fin­d­et sich in wohl rit­uell­ster Aus­for­mung in Hochzeits­bildern, im Haar und in den Hän­den der Bräute. Auch un­ter der Klei­dung, näm­lich als Tat­too, ent­fal­tete sich Flo­rales, wie ein Blick auf die Tä­towierkunst Chris­tian War­lichs aus den 1920er Jahren zeigt.

 

Die Pflanze als Form und Farbe

Der Fo­to­graf Karl Bloss­feldt in­teressierte sich nicht für Pflanzen, deren Na­men und Ver­wen­dung. Was ihn in­teressierte, war ihre Form, die er für die Fo­to­gra­fie – manch­mal bis zur Un­ken­ntlichkeit – zurecht­s­tutzte, damit Kun­st­gewer­bler:in­nen sie als Vor­lage für ihre En­twürfe nutzen kon­n­ten. Auch in der pro­fes­sionellen Floris­tik di­ente die Pflanze als „Baustof­f“. An­dere, wie der Kün­stler Karl Sch­midt-Rottluff, ver­wen­de­ten Blu­men wie den gifti­gen Rit­ter­s­porn für eine kon­tras­treiche Far­bigkeit im Bild.

 

Die Pflanze als Ver­wandte

Nicht nur den Philo­sophen Wal­ter Ben­jamin faszinierten die Fo­to­gra­fien von Pflanzen un­ter dem Mikroskop oder Auf­nah­men im Zei­traf­fer. Die Ki­nos waren voll, als 1926 Das Blu­men­wun­der das Pflanzen­da­sein ganz neu vor Au­gen führte. Dabei la­gen dem „Wun­der“ Zei­traf­fer-Lab­o­rauf­nah­men von Ex­per­i­men­ten mit dem er­sten kün­stlichen Dünger zu­grunde, der helfen sollte, die wach­sende Bevölkerung zu ernähren. Dass die Pflanze lebt, sich be­wegt, ei­nen Puls habe und er­mü­den könne, beschrieb der Physik­er Ja­gadish Chan­dra Bose in seinem pop­ulären Buch Die Pflanzen­schrift. Zur gleichen Zeit ließ der Bio­soph Ernst Fuhr­mann Pflanzen dra­ma­tisch beleuchtet und in­sze­niert für sei­nen Fo­to­band „Die Pflanze als Le­be­we­sen“ ablicht­en. Die Grenzen zwischen den Lebens­for­men waren fluider ge­wor­den und so wun­dert es nicht, dass in Film und Lit­er­a­tur der Wei­mar­er Re­pub­lik auch Hor­ror­fan­tasien von Pflanzen zu verzeich­nen sind, et­wa zur fleisch­fressen­den Pflanze, deren An­erken­nung in der Bo­tanik erst mit Char­les Dar­win gelun­gen war.

 

Nachhaltiges Kuratieren

Die heutige Popularität von Pflanzen ist sicherlich beeinflusst von einem Bewusstsein unseres Verbundenseins und unserer Abhängigkeit mit und von ihnen. Das vergegenwärtigt uns die Klimakrise nochmals deutlich. Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen wird daher Möglichkeiten nachhaltigen Ausstellungsmachens erkunden und zeigen. Es wird keine physischen Leihgaben in der Ausstellung geben und der Katalog wird online publiziert. Die Ausstellungsarchitektur wird aus recycelten Elementen bestehen und eine Kooperation mit dem Museumsrestaurant wird die pflanzenbasierte Speisekarte erweitern, unter anderem mit Kürbissen, die auf der Dachterrasse des Museums wachsen, als Teil der Strategie, das Museum Ludwig zu begrünen.

Kuratiert von Miriam Szwast, beraten von Suzanne Pierre.
Quelle: Museum Ludwig

 

Ausgestellte Künstler:innen

Hans Arp, Max Baur, Arthur Benda, Aenne Biermann, Karl Blossfeldt, Otto Dix, Alfred Eisenstaedt, Hugo Erfurth, Max Ernst, Otto Feldmann, Ernst Fuhrmann, Albert und Richard Theodor Gottheil, Erich Heckel, Heinrich Hoerle, Ernst Ludwig Kirchner, Werner Mantz, Franz Pichler jr., Anton Räderscheidt, Albert Renger-Patzsch, Ludwig Ernst Ronig, August Sander, Karl Schenker, Karl Schmidt-Rottluff, Richard Seewald, Friedrich Seidenstücker, Franz Wilhelm Seiwert, Renée Sintenis, Carl Strüwe

Außerdem: Marta Astfalck-Vietz, Jagadish Chandra Bose, Comedian Harmonists, Lili Elbe, Wilhelm Murnau, Max Reichmann, Christian Warlich u.a.

Aktuelle Ausstellungen

13. April 2026
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