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Alicja Kwade: Out of Ousia Raum-Zeit und andere Bewegungsstudien

Alicja Kwade, DrehMoment, 2018, Installationsansicht Charlottenborg Kunsthal, Kopenhagen, 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Alicja Kwade, DrehMoment, 2018, Installationsansicht Charlottenborg Kunsthal, Kopenhagen, 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.

Alicja Kwade (* 1979) widmet sich in der Kunsthal Charlottenborg in Kopenhagen dem „Wesen“ von Zeit, Raum und Dingen. Sie bringt planetoide Körper in eine fragile Balance, lässt Dinge feinsäuberlich in ihre Einzelteile zerlegen und zu Staub zermahlen, erinnert in Sound und Bewegung an einen fallenden Reifen und bringt Spiegel- bzw. Fensterbilder dazu, das Publikum nach der Wahrhaftigkeit der Wahrnehmung zu fragen. Oder anders gesagt: Man sieht immer Verhältnisse mit.

Als Albert Einstein 1905 die spezielle Relativitätstheorie aufstellte und publizierte, reagierte nur eine einzige Person auf die grundlegend neue Auffassung. Raum und Zeit nicht als feste Größen, sondern abhängig vom Betrachterstandpunkt zu erklären, war schwer zu verkraften, auch wenn Einstein geniale Gedankenexperimente anstellte. Erst mehrere Jahre später erzielte der theoretische Physiker mit seiner Erklärung von Schwerkraft als einer Folge der Raum-Zeit-Krümmung durchschlagenden Erfolg. Heute arbeiten Forschende an der Weltformel und nutzen Einsteins Entdeckungen als Grundlagen, um weiterzudenken. So auch Alicja Kwade.

„DrehMoment“ (2018), ein nahezu fünf Meter hohes Objekt, verbindet eine reduzierte, vierteilige Stahl-Konstruktion mit fünf großen Steinkugeln. Die Marmorsphären schimmern in Blau, Grau, Weiß, Grün und erinnern, nicht zuletzt an die Biennale-Arbeit von Alicja Kwade im letzten Jahr. Nun spannt die Künstlerin ihre Kugeln zwischen den Metallrahmen ein; Kugel und Rechteck treffen in fragiler Balance aufeinander. Die Positionen der Sphären „ergeben“ sich aus Kreuzungspunkten des stählernen Gerüsts, wobei das Verstehen der räumlichen Positionierung herausgefordert wird. Die an minimalistische Konstruktionen erinnernde Struktur operiert an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlichem Modell und poetischer Interpretation der Welt. Kwade baut mit „DrehMoment“ zudem eine Wahrnehmungsmaschine, in der alles den Naturgesetzten folgt – und doch ein Moment der Irritation bleibt.

 

 

Raum, Zeit, Wahrnehmung, der Stellenwert von „Original“ und Replik, das Sichtbarmachen von Naturgesetzten bilden die Ausgangspunkte von Alicja Kwades Kunst. Man könnte sie eine Forscherin mit künstlerischen Mitteln nennen, eine Künstlerin, die Ordnung in Bestehendes hineinbringt und sich für die Neudefinition von Bestehendem interessiert. Die Titel ihrer Arbeiten sind teils beschreibend, teils von Fachbegriffen abgeleitet, was wiederum Assoziationshorizonte öffnet. „Radio“, „Lampe“, „Kaminuhr“ sind drei Vitrinen, gefüllt mit Apothekergläsern, in denen sich die systematisch auf ihre Bestandteile zerlegten Objekte befinden. Allerdings hat die Künstlerin sie zu Staub zermahlen. I-Phone und Computer macht Kwade zum Ausgangsmaterial für Vasen mit antiker Formgebung. Ein Kommentar zur nachhaltigen Nutzung der omnipräsenten Kommunikationsmittel? Ein konsumkritischer Akt? Oder genau das Gegenteil? Denn: Was ist mehr wert? Ein gebrandetes, auratisiertes, funktionale Objekt – immerhin hat die Künstlerin ein Smartphone eines kultigen Herstellers geschrottet – oder eine echte Kwade? Mit Blick auf die steile Karriere der an der Berliner Akademie ausgebildeten Künstlerin muss man konstatieren, dass letzteres mehr als wahrscheinlich ist!

 

 

Durch die Ausstellung Alicja Kwades in der Charlottenburg Kunsthal begleitet ein Fries von „tickenden“ Uhrzeigern sowie die Angabe, wie viele Tage und Stunden bereits vergangen sind. Raum und Zeit sind untrennbar miteinander verbunden, so die Einstein‘sche Relativitätstheorie. Zeit und Wiederholung sind Konstanten in den Arbeiten „NachBild“ (2017), für das sie auf zwölf Lautsprechern das Fallen jenes Stahlreifens, der in der Mitte des Raums liegt, akustisch nachvollziehbar macht. Das optische Nachbild erhält ein akustisches Pendant. Löst der Klang des Schnarrens und Klirrens letzteres aus? Das Fallen eines Rings zu einer Skulptur verstetigt, findet sich drei Räume weiter in „60 seconds“ (2018). Die rhythmische Bewegung des sich dem Boden entgegendrehenden Rings führt von einer den Raum durchmessenden Bewegung zu einer um einen Punkt kreisenden. Der Moment des Fallens zeigt sich nicht nur in der nicht mehr vertikalen Ausrichtung des Reifens, sondern auch als Richtungsänderung, mit dem anfänglichen Bewegungsimpuls gänzlich brechend.

 

 

Wie die „tickenden“ Uhrzeiger an der Wand begleitet auch ein knorriger Ast das Publikum durch die Säle: „Parallelwelt (Ast/AntiAst)“ aus dem Jahr 2018 verändert in sechs Variationen seine Materialität von organischem Holz zu, Eisen, Aluminium, grün patinierte Bronze, patinierte Bronze und nur Bronze. Vor allem in der titelgebenden Arbeit „Out of Ousia“ (2018) spielt ein weiterer Ast neben einem Stein eine weitere Hauptrolle. Das Objekt Kawdes teilt den Raum mit einer Zement-Wand, an der wiederum zwei im rechten Winkel montierte Metallkonstruktionen die Assoziationen von Fenster oder Rahmen wecken. Ein doppelseitiger Spiegel und Fensterglas komplementieren die Versuchsanordnung. Was ist wahrhaftig? Was ist eine Illusion? Welchen Unterschied macht es, dazwischen zu unterscheiden? Alicja Kwade bringt mit Hilfe von exakten Kopien und asymmetrischen Verteilungen kleine Irritationsmomente in die Anordnung. Das Denken an sich, ist – neben der poetischen Leichtigkeit ihrer „Denkbilder“ – das Thema von Alicja Kwades Kunst.

 

 

„Alicja Kwade: Out of Ousia“ in der Charlottenborg Kunsthal

„Out of Ousia“ ist eine gelungene Schau, die durch die rhythmische Verteilung der Werke bzw. Themen überzeugt. Von der Analyse des Raums als Verhältnis zwischen Objekten in „DrehMoment“ gelangt sie zur Analyse der Materie und dann der Bewegung in „NachBild“. In der Mitte der Schau verwandelt sie Materie in Material für etwas Altes/Neues, hinterfragt Wahrnehmung per se anhand der komplexen Installation „Out of Ousia“, um schließlich wieder bei Bewegung und Schwerkraft in „60 seconds“ zu landen. Dabei nutzt Kwade kunsthistorisch tradierte Formen (konstruktivistische Rahmenstrukturen, antike Vasen), arbeitet mit der Schönheit des pulverisierten Materials, die sie durch Formgebung wiederum in Aussage verwandelt. Man kann sich aber auch vom präzisen Arrangement und der Ästhetik durchaus begeistern lassen. Die Evidenz der Objekte hält sich mit dem in der Ausstellungsbroschüre vermittelten Wissen die Waage. Wer in das Universum von Alicja Kwade eintauchen möchte, sollte eine gewisse Affinität zur Physik mitbringen. Das hilft!

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.