Félix Vallotton

Wer war Félix Vallotton?

Félix Vallotton (1865–1925) war ein Schweizer Maler und Druckgrafiker der Klassischen Moderne (→ Klassische Moderne). Neben Ferdinand Hodler zählte Vallotton zu den bedeutendsten Künstlern der Eidgenossenschaft. Ab 1882 in Paris wohnhaft, schloss er sich 1892 der Künstlergruppe Les Nabis an, zu der auch Pierre Bonnard, Maurice Denis, Aristide Maillol, Kerr-Xavier Roussel und Edouard Vuillard gehörten. Nachdem sich die Nabis 1903 aufgelöst hatten, entwickelte Vallotton einen hyperrealistischen Reife- und Spätstil, der gleichzeitig das Malerische betont. Daher erwecken viele Bilder von Vallotton den Eindruck, dass sie künstlich, bewusst arrangiert und inszeniert sind.

Während der 1890er Jahre arbeitete Félix Vallotton als Grafiker und Illustrator, Kunsthandwerker und Werbegrafiker. Mit seinem Namen wird die Erneuerung des Flächenholzschnitts verbunden. Als Pionier des künstlerischen Holzschnitts beeinflusste er sowohl Paul Gauguin wie auch Edvard Munch aber auch die deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel. Félix Vallotton zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den meistbeschäftigten Illustratoren.

Ausbildung

Félix Vallotton wurde am 28. Dezember 1865 in Lausanne als drittes Kind eines Waadtländer Drogisten und einer Berner Handwerkerstochter geboren. Bereits während seiner Ausbildung am Collège contonal fiel seine außergewöhnliche Begabung auf, weshalb er in die Zeichenkurse für Fortgeschrittene aufgenommen wurde.

1882 übersiedelte Félix Vallotton nach Paris, um sich als Künstler ausbilden zu lassen. An der Académie Julian lernte er Pierre Bonnard, Maurice Denis und Edouard Vuillard kennen. Sein Lehrer Jules Lefebvre förderte den begabten, aber schüchternen Schüler aus der Schweiz. 1885 nahm Vallotton mit „Selbstbildnis im Alter von 20 Jahren“ zum ersten Mal am Salon teil und erhielt dafür eine Ehrenmeldung. Im folgenden Jahr konnte er mit seiner Einreichung seinen Lehrer nicht mehr erfreuen. Obschon der Bruch mit der Schule damit vollzogen war, stellte Vallotton bis 1891 regelmäßig im Salon aus.

Da ihn die zeitgenössische Malerei nicht begeisterte, studierte Vallotton im Louvre, wo er Bilder von Antonello da Messina und Albrecht Dürer kopierte. Von den aktuell arbeitenden Künstlern begeisterten ihn Henri Rousseau (vor allem seine Urwaldbilder).

Druckgrafik

Félix Vallotton schuf 1888 erste grafische Blätter. Mit Radierungen nach Rembrandt van Rijn, Millet, Jules Breton und anderen beliebten Künstlern seiner Zeit verdiente er sich – wie auch mit Porträts – seinen Lebensunterhalt.

Seine ersten eigenständigen Holzschnitte erarbeitete sich Félix Vallotton 1891. Er stellte die Drucke sogleich im Salon des Indépendants aus, wo sie rasch die Aufmerksamkeit von Künstlern und Kunstkritikern erregten. In den folgenden sieben Jahren arbeitete Vallotton aufgrund dieses durchschlagenden Erfolgs vor allem als Druckgrafiker. In der symbolistischen Zeitschrift „L’Art et l’Idee“ werden seine Holzschnitte als „Renaissance des Künstlerholzschnitts“ beschrieben. Sie verkaufen sich gut, woraufhin Vallotton auch Lithografien schuf und Aufträge für illustrative Arbeiten annahm.

Vallotton und die Nabis

Als sich Félix Vallotton 1892 der Künstlergruppe Les Nabis anschloss, nannten ihn seine Kollegen „le Nabis étranger“, der eigenartige aber auch der ausländische Nabis [Prophet]. Damit wiesen sie sowohl auf seine eigenbrötlerische Art hin wie auch auf seine Orientierung an den alten Meistern der Kunstgeschichte. Letztere standen Vallotton deutlich näher als die Maler der Moderne. Bis 1903 stellte Félix Vallotton regelmäßig mit seinen Freunden aus. Von den Nabis-Künstlern stand ihm besonders Edouard Vuillard nahe.

Zu Félix Vallottons Lieblingskünstlern gehörte Jean-Dominique Ingres. Als er im Salon des Indépendants 1905 Ingres‘ „Türkisches Bad“ zum ersten Mal im Original sah, soll er auf einen Stuhl gesunken und in Tränen ausgebrochen sein. Im gleichen Salon stellte er einen schonungslos präsentierten Akt aus, den Gertrude Stein sogleich erwarb. Vallottons Bild hing im berühmten Salon der Schriftstellerin zwischen Gemälden von Pablo Picasso und Henri Matisse.

„In der Malerei waren Holbein und Leonardo meine ersten Idole; das Gewollte und Durchdringende ihrer Kunst stimmte zu sehr mit meinen eigenen Neigungen überein, als dass es sich in dieser Hinsicht hätte anders verhalten können. Die großen Koloristen widerstrebten mit noch; Veronese und Tizian irritierten meine von allzu vielen Prinzipien verbildete Sensibilität. Geschlagen gab ich mich erst später, dann aber vorbehaltlos und überglücklich, erobert worden zu sein. Rubens schreckte mich dagegen immer ab; nie vermochte ich die Größe dieses Genies zu ermessen, das sich wie ein allzu großes Laken über uns wirft und uns völlig einhüllt. Van Dyck missfiel mir, und als letzter ergriff mich Rembrandt, aber erst, als ich mich besser auskannte. […] Die Modernen fand ich weniger anziehend, was zweifellos mit einer Urteilsschwäche zu tun hatte; das Zusammenhanglose ihrer Tendenzen widerstrebte mir, und mein Bedürfnis nach Klarheit rebellierte immer wieder angesichts von Werken, deren experimentelle Vielfalt mir mehr wie eine berechnete Unordnung vorkam. Inzwischen habe ich die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Bestrebungen besser begriffen. Delacroix‘ schönem Handwerk, seiner zugleich fiebrigen und starken Glut, den so redlichen uns schmerzerfüllten Landschaften Rousseaus, Corots wunderbaren, auf so naive Weise subtiler Harmonie verdanke ich köstliche Erschütterungen von ganz neuer Art. Ich genoss die Materie mancher Courbets, und nichts hat mich die Wärme eines Frauenkörpers und die Schwere einer Brust so deutlich spüren lassen wie Ingres‘ Manier, eine Form mit dem Pinsel zu umreißen.“1 (Félix Vallotton, in: La Vie meurtière [Das mörderische Leben], 1907/08, publ. 1930)

Félix Vallotton zwischen Neuer Sachlichkeit und „Retour à l’Ordre“

Vallottons reife und späte Malerei, also jene Werke, die zwischen 1905 und 1925 entstanden, wird unterschiedlichen Varianten des Realismus zugerechnet: Vallotton ist ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit (Schweizer Perspektive) und/oder des realistisch-neoklassizistischen „Retour à l’Ordre“. Es finden sich in den Publikationen Bildvergleiche mit Christian Schad, Georg Scholz, Felice Casorati und Edward Hopper. Nachweislich auf Félix Vallotton bezogen hat sich Alexander Kanoldt, der über die Kunstsammler Hedy und Arthur Hahnloser in der Winterthur Kenntnis von Vallottons Schaffen erhalten hatte (→ Sammlung Hahnloser: Meisterwerke des Postimpressionismus). Durchgesetzt hat sich die Überzeugung, dass Félix Vallotton einen kühlen Realismus pflegte, der von der zeitgenössischen Malerei weitgehend unberührt blieb. Stattdessen wird er als ein Vorläufer der oben genannten Richtungen des Realismus gehandelt.

Bereits 1914 beschrieb Wilhelm Hausenstein in seinem Buch „Die Bildende Kunst der Gegenwart“:

„Die Farben sind einfach und breit hingestrichen, zwischen genau bezeichneten Grenzen ruhen sehr farbige Flächen. Die Übergänge sind höchst unzweideutig. So malte ehedem Breughel.“2

Tod

Félix Vallotton starb am 29. Dezember 1925, einen Tag nach seinem 60. Geburtstag, an einer Krebsoperation in Paris. Er wurde am Pariser Cimetière du Montparnasse begraben.

Posthume Ehre

1926 richtete Winterthur eine Gedächtnisausstellung zu Félix Vallotton aus. Immerhin befanden sich rund 60 Gemälde von Vallotton in der bekannten Winterthurer Sammlung der Hahnloser.

Die Neue Zürcher Zeitung löste eine Polemik gegen Félix Vallotton aus, der Hedy Hahnloser 1931 eine Sammlung von Bekenntnissen gegenüberstellte. Die engagierte Sammlerin und langjährige Vertraute des Malers ließ diese in der Schweizer Zeitschrift „Das Werk“ veröffentlichen. Alexander Kanoldt schrieb eine umfassende Würdigung des knapp sechs Jahre zuvor verstorbenen Malers:

„In Félix Vallotton verehre ich einen Künstler, dessen Schaffen ich erhaben sehe über alle Tages- und Modefragen. Ich bewundere einen künstlerischen Charakter, welcher sich so stark und rein durchgesetzt hat wie der seinige. Unbeirrt durch alles, was um ihn hervorging – ohne sich gegen die Theorien und das Wirken seiner Pariser Freunde zu verschließen – hat er ein Œuvre von höchster persönlicher Eigenart aufgestellt, welches wert ist, Allgemeingültigkeit zu erlangen. Vallottons Schaffen, welches vor etwa 20 Jahren vielleicht revolutionären Charakter trug, hat durch die Treue der Hingabe, durch die dokumentierte hohe künstlerische Intelligenz geistig weitergewirkt; Schule im eigentlichen Sinne des Wortes hat er nicht gemacht. Dazu war er (um auf mein Land zu exemplifizieren) in Deutschland zu wenig bekannt. […] Die von ihm erkannten Wahrheiten, welche er mit seltener Konsequenz verfolgte, haben eine Durchschlagskraft bewiesen, von der er sich selbst wohl keine Vorstellung gemacht haben konnte. Diese Wirkung ist eine durchaus europäische. Und nur zu bedauern ist es, dass so wenige Künstler in Deutschland einen Überblick über Vallottons Schaffen besitzen; an ihm könnte ermessen werden, was Einsicht und Disziplin vermögen.
Félix Vallottons Synthese ist die Note, die in einer Zeit allgemeiner Verwirrung und Zerrissenheit in künstlerischen Dingen einfach notwenig war; wie zeitgemäß sie war, beweist schon allein der Umstand, dass das […] ,Traditionelle‘ in seiner Kunst zugleich an andren Orten Europas in sehr seltenen Exemplaren sich zeigte und zwar bei Künstlern, denen Vallotton leider so wenig bekannte künstlerische Produktion fremd war. Ich persönlich begrüße in Vallotton den Mitkämpfer für die Erhaltung von künstlerischen Werten, die ich bei aller Hochachtung für anders orientierte Ausdrucksformen für unbedingt notwendig halte.
Félix Vallotton hat der Schönheit und damit sich selbst mit seiner Kunst ein ewiges Denkmal gesetzt. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!“3 (Alexander Kanoldt über Félix Vallotton, 1931)

Literatur über Félix Vallotton

  • Van Gogh | Cézanne | Matisse | Hodler. Die Sammlung Hahnloser, hg. v. Matthias Frehner und Klaus Albrecht Schröder (Ausst.-Kat. Albertina Wien, 22.2.–24.5.2020), München 2020.
  • Félix Vallotton, hg. v. Rudolf Koella (Ausst.-Kat. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München, 25.8.–5.11.1995; Folkwang Museum Essen, 26.11.1995–18.2.1996), München 1995.
  • Alexander Kanoldt, Félix Vallotton, in: Das Werk, Nr. 10 (1931), S. 312f.

Beiträge zu Félix Vallotton

9. Januar 2020
Edouard Vuillard, La bateau de pêche [Das Fischerboot], Detail, 1908

Winterthur | Reinhart am Stadtgarten: Modernité – Renoir, Bonnard, Vallotton Sammlung Richard Bühler rekonstruiert

Richard Bühler (1879–1967) aus Winterthur trug eine beachtliche Sammlung an Gemälden des Postimpressionismus zusammen, die 1935 versteigert wurde. Im Reinhart am Stadtgarten sind im Herbst 2020 einige der bedeutendsten Werke wieder vereint.
13. August 2019
Félix Vallotton, Der Besuch, Detail, 1899, Gouache/Karton, 55.5 x 87 cm (Kunsthaus Zürich. erworben 1909. © Kunsthaus Zürich)

New York | The Metropolitan Museum of Art: Félix Vallotton „Maler der Unruhe” bringt Spannung in die Met Fifth Avenue

Félix Vallotton in The Met Fifth Avenue: sein Porträt von Gertrude Stein trifft auf jenes von Picasso, dazu politische Druckgrafiken, intime Interieus, Porträts des „Malers der Unruhe” und des Pariser Fin de Siècle.
  1. Félix Vallotton, in: La Vie meurtière [Das mörderische Leben], Lausanne 1930, S. 44–46, zitiert nach: Rudolf Loella, Vallotton und die altdeutsche Kunst, in: Félix Vallotton, hg. v. Rudolf Koella (Ausst.-Kat. Kunsthalle der Hypo- Kulturstiftung, München, 25.8.–5.11.1995; Folkwang Museum, Essen, 26.11.1995–18.2.1996) München, 1994, S. 10–25, hier S. 11.
  2. Wilhelm Hausenstein, Die Bildende Kunst der Gegenwart, Stuttgart/Berlin 1914, S. 269.
  3. Alexander Kanoldt, Félix Vallotton, in: Das Werk, Nr. 10 (1931), S. 312f.