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Weimar | Schiller-Museum: Goethe und die Naturwissenschaften um 1800 „Abenteuer der Vernunft“ zeigt Goethes intensive Auseinandersetzung mit Erdgeschichte, Ordnungssystemen Licht

Goethe und die Naturwissenschaften um 1800, Klassik Stiftung Weimar

Goethe und die Naturwissenschaften um 1800, Klassik Stiftung Weimar

„Abenteuer der Vernunft“ Goethe und die Naturwissenschaften um 1800 im Weimarer Schiller-Museum ist die erste umfassende Ausstellung zu Goethes naturwissenschaftlichen Forschungen. Obwohl er heute vor allem als Dichter und Staatsmann berühmt ist, widmete sich Johann Wolfgang von Goethe ebenso intensiv den Naturwissenschaften. Mit nahezu allen zu seiner Zeit bekannten Gebieten beschäftigte er sich, stand in regem Austausch mit deren führenden Köpfen und trug in über 50 Jahren 23.000 naturwissenschaftliche Objekte – Gesteine, Mineralien und Fossilien, Pflanzen- und Tierpräparate, physikalische und chemische Experimentiervorrichtungen sowie Zeichnungen – aus aller Welt zusammen. Diese herausragende Sammlung ist fast vollständig an ihrem ursprünglichen Standort erhalten geblieben.

Mit über 400 Exponaten geht die Schau – anlässlich von Goethes 270. Geburtstag – im Weimarer Schiller-Museum den großen naturwissenschaftlichen Fragestellungen der Goethezeit nach:

  • den Anfängen der Erde – „Zeit und Erde“
  • der Entwicklung des Lebens – „Ordnung und Entwicklung“
  • den Eigenschaften von Licht und Materie – „Licht und Substanz“

Diese drei Teile der Ausstellung stehen Goethes Studien zeitgenössischen Forschungen gegenüber. Wissenschaftler wie Alexander von Humboldt (1769–1859), Georges Cuvier (1769–1832) oder Joseph Fraunhofer (1787–1826) und viele andere legten mit ihren Arbeiten um 1800 die Grundlagen für die modernen Naturwissenschaften.

Goethe und die Naturwissenschaften in Weimar

Zeit und Erde

Goethes professionelle Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften begann 1776, als Herzog Carl August ihn mit der – letztlich erfolglosen – Wiederbelebung des Ilmenauer Bergbaus beauftragte. Goethe beschäftigte sich daraufhin intensiv mit Gesteinen, Mineralien und Erzen und legte eine Sammlung an, die den Grundstock seines naturwissenschaftlichen Bestandes bildete. Diesen Anfängen nachspürend, betritt man die Ausstellung über einen nachgebauten Bergwerksstollen. Zurück über Tage findet man sich in der damals emotional geführten Auseinandersetzung über den Ursprung der Erde wieder (sog. „Neptunistenstreit“) und erlebt, wie die Vorzeit erstmals wissenschaftlich im Bild dargestellt wurde.

Das zuvor noch nie ausgestellte Aquarell „Vorweltliche Landschaften“ von Leander Russ (Albertina, Wien) beispielsweise zeigt nach Fossilfunden rekonstruierte Dinosaurier. Außerdem begegnet der Besucher einem elefantengroßen, 3D-animierten „Riesen-Faulthier“ (nach Pander und d’Alton, 1821), das virtuell durch die Ausstellung wandert. Einst für das älteste Tier der Welt gehalten, verweist es auch auf Charles Darwin und die Evolutionstheorie.

Ordnung und Entwicklung

Ausgehend von Goethes botanischen und Mikroskop-Studien begibt sich der Besucher im zweiten Teil der Ausstellung auf eine – mitunter pikante – Suche nach der Definition von Leben und dem Grund für seine Formenvielfalt. So schuf Carl von Linné (1707–1778) ein Pflanzensystem auf Grundlage der Sexualität und kennzeichnete beispielsweise die Pflanzenklasse der Diandria als diejenige, in der „zwei Männer mit einer Frau im Bett liegen“. Goethes „Kunstfreund“ Heinrich Meyer setzte solche Vorstellungen im Bild dezidiert nicht jugendfrei, aber wissenschaftlich korrekt um.

Lebhaft diskutiert war auch Franz Joseph Galls Schädellehre, nach der Charaktereigenschaften und Fähigkeiten sich am Kopf des Menschen ertasten lassen sollten. Humboldts berühmter Druck zur „Geographie der Pflanzen in den Tropenländern“ (1805, gezeigt wird das Original aus Goethes Besitz) regte Goethe zu einer eigenen Interpretation der „Höhen der alten und neuen Welt“ an. Ebenso zu sehen sind Goethes Mikroskop und die erste geologische Karte der Welt. Die „Füchselkarte“ von 1761 zeigt Thüringen aus Vogelperspektive, sodass sich geologische Formationen plastisch hervorheben.

Licht und Substanz

Moderne Astrophysik und Kosmologie sind nicht denkbar ohne den Nachweis über die Wellennatur des Lichts 1802 durch Thomas Young und etwas später die Entdeckung der dunklen Linien im Sonnenspektrum um 1814 durch Joseph Fraunhofer.

Einem von nur drei weltweit erhaltenen Sonnenspektren Fraunhofers aus Goethes Besitz begegnet der Besuchende im dritten Teil der Ausstellung. Es zu verstehen hilft Prof. Dr. Harald Lesch, der virtuell mehrmals auftritt. So erläutert Prof. Lesch auch das „erste Farbfoto“ aus Goethes Sammlung: einen Silberchloridaufstrich, mit dem Thomas Johann Seebeck – auch unsichtbares – Licht fixieren konnte. Die Arbeit Seebecks war eine entscheidende Vorstufe der erst ein Jahrhundert später entdeckten Farbfotographie. Goethe nahm an diesen Versuchen regen Anteil und unternahm bekanntermaßen selbst umfangreiche Versuchsreihen zur Farbenlehre. Auch die Planung der Jenaer Sternwarte geht auf ihn und Carl August zurück, weshalb der Besucher die Ausstellung mit einem Blick in den Kosmos verlässt.

Kuratiert von Kristin Knebel, Gisela Maul, Thomas Schmuck

Begleitprogramm

Die Klassik Stiftung Weimar lädt am 2. Oktober 2019 zur Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Astrophysiker, Naturphilosophen und Wissenschaftsjournalisten Prof. Dr. Harald Lesch.

Im Rahmen der Festveranstaltungen für Goethes 270. Geburtstag „Wir feiern rein“ ist die Ausstellung bereits am 27. August von 20.30 Uhr bis 1 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

Während der Laufzeit der Ausstellung bietet die Klassik Stiftung wegen des engen inhaltlichen Bezuges zudem ein Kombiticket für „Abenteuer der Vernunft“ und die Parkhöhle im Park an der Ilm an.

Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800: Ausstellungskatalog

Kristin Knebel, Gisela Maul und Thomas Schmuck (Hg.)
420 Seiten | Hardcover
ISBN 978-3-95498-486-2
Sandstein Verlag 2019

Goethe und die Naturwissenschaften: Bilder

  • Brillantkäfer aus Goethes Sammlungen, 1802 (Klassik Stiftung Weimar)
  • Chalcedon mit Grünerde an der Schale aus Goethes Sammlungen (Klassik Stiftung Weimar)
  • Johan Christian Clausen Dahl, Der Ausbruch des Vesuv im Dezember 1820, Öl/Lw, 1826 (© Städel Museum – ARTOTHEK)
  • Christian Heinrich Pander, Illustration aus „Das Riesen-Faulthier“ aus Goethes Bibliothek (Klassik Stiftung Weimar)
  • Trilobitenfossil aus Goethes Sammlungen (Klassik Stiftung Weimar)
  • Mikroskop von Louis François Dellebarre aus Goethes Sammlungen (Klassik Stiftung Weimar)
  • Pterodactylus (Flugsaurier), Gipsabguss des vollständigen Skeletts aus Goethes Sammlungen (Klassik Stiftung Weimar)
  • Leander Russ, Vorweltliche Landschaften, 3. Periode, Aquarell, 1842 (© Albertina, Wien)
  • Schädel eines Menschen nach dem System von Franz Joseph Gall beschriftet aus Goethes Sammlungen (Klassik Stiftung Weimar)
  • Zwei Prismen von Flint- und Crownglas aus Goethes Sammlungen (Klassik Stiftung Weimar)
  • Johann Heinrich Meyer, Sexualverhältnisse innerhalb der Blumenkelche, Bleistift, Feder und Pinsel auf Papier, um 1791 (Klassik Stiftung Weimar)
  • Lorenz Adolf Schönberger nach Alexander von Humboldt, Einblattdruck zu Humboldts „Geographie der Pflanzen in den Tropenländern“ aus Goethes Bibliothek, Kupferstich, 1805 (Klassik Stiftung Weimar)

Ausstellungen zur Epoche des Klassizismus

3. Februar 2020
Joseph Rebell, Sonnenuntergang über den Campi Flegrei gegen die Inseln Procida und Ischia, Detail, 1819, Öl/Lw, 98 x 136 cm (Belvedere, Wien)

Wien | Belvedere: Joseph Rebell

Das Belvedere widmet im Frühjahr und Sommer 2021 dem bedeutenden Landschaftsmaler Joseph Rebell (1787–1828) eine erste Einzelausstellung.
28. Januar 2020
Angelika Kauffmann, Selbstporträt der Künstlerin am Scheideweg zwischen Musik und Malerei, Detail, Rom 1794, Öl/Lw, 147,3 x 215,9 cm (Nostell Priory, West Yorshire © National Trust Images/John Hammond)

Düsseldorf | Museum Kunstpalast: Angelika Kauffmann Bedeutendste Künstlerin Europas um 1800

Angelika Kauffmann (1741–1807) vertritt exemplarisch den neuen Typus einer europaweit vernetzten und weltgewandten Künstlerin. Ihr breitgefächertes Œuvre repräsentiert wesentliche Aspekte des internationalen Klassizismus im Zeitalter der Aufklärung und Empfindsamkeit.
14. Januar 2020
Elisabeth Louise Vigée Le Brun, Friede bringt Überfluss, Detail, 1780, Öl/Lw, 102,5 x 132,5 (Paris, Musée du Louvre, Département des Peintures)

Paris | Musée du Luxembourg: Malerinnen 1780–1830 Berühmte Malerinnen des Klassizismus und Kämpferinnen für weibliches Kunstschaffen in Paris

Im Musée du Luxembourg wird 2020 der Weg dieser bewunderungswürdigen Vorkämpferinnen für das Recht auf künstlerische Betätigung nachgezeichnet, wobei die Leitung noch keine Namen angekündigt hat. Vermutlich werden die Hauptvertreterinnen des französischen Klassizismus - von Vigée-Lebrun bis Meyer - gezeigt.

Ausstellungen in Deutschland

17. Februar 2020
David Hockney, My Parents, Detail, 1977 (Tate, London, © David Hockney, © Foto: Tate, London 2019)

Hamburg | Bucerius Kunst Forum: David Hockney Retrospektive Überblicksausstellung des britischen Malers und Grafikers

Retrospektive Ausstellung im Bucerius Kunstforum, Hamburg, zeigt David Hockneys Werk von den 1960ern, zu den Bild-Ikonen aus Südkalifornien und der Neuerfindung des kubistischen Raumes von den 1980ern bis heute
12. Februar 2020
Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Dornenhalsband, Detail, 1940 (Nickolas Muray Collection, Harry Ransom Humanities Research Center, The University of Texas at Austin) Foto: © Nickolas Muray Collection, Harry Ransom Humanities Research Center, The University of Texas at Austin, Werk: © Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F./VBK, Wien, 2010.

Frankfurt | Schirn: Künstlerinnen des Surrealismus Fantastische Frauen von Frida Kahlo bis Dorothea Tanning

Die SCHIRN Kunsthalle betont 2020 erstmals in einer großen Themenausstellung den weiblichen Beitrag zum Surrealismus. Was die Künstlerinnen von ihren männlichen Kollegen vor allem unterscheidet, ist die Umkehr der Perspektive: Oft durch Befragung des eigenen Spiegelbilds oder das Einnehmen unterschiedlicher Rollen sind sie auf der Suche nach einem neuen weiblichen Identitätsmodell.
9. Februar 2020
Pablo Picasso, Stillleben mit Stierschädel, Detail, 1942 (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Foto: Walter Klein, Düsseldorf)

Düsseldorf | K20: Picasso 1939–1945 Werke und Leben Pablo Picassos während des Zweiten Weltkriegs

Die Ausstellung „Picasso 1939–1945“ im K20 erzählt mit Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Zeitdokumenten aus den Jahren 1939 bis 1945 von dem Menschen Pablo Picasso während des Zweiten Weltkriegs und den Widersprüchen des Alltags in diesen Zeiten.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.