William Kentridge im Liebieghaus, Frankfurt a.M.: O Sentimental Machine edf8329we baji999 live casino baji999 live login baji999 affiliate
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William Kentridge – Wie die Nase eines Mannes, so auch seine Espressokanne Immersive Ausstellung des Südafrikaners in Frankfurt a.M.

William Kentridge, Die Nase, Ausstellungsansicht „William Kentridge. O Sentimental Machine", Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

William Kentridge, Die Nase, Ausstellungsansicht „William Kentridge. O Sentimental Machine", Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

Dem Frankfurter Liebieghaus ist ein besonderer Clou geglückt mit der aktuellen umfangreichen Ausstellung des 1955 in Johannesburg geborenen Künstlers William Kentridge: 80 Werke der letzten 30 Schaffensjahre schmiegen sich in 27 Räumen der Villa Liebieg in dialogischer Form an die hauseigene, 5.000 Jahre umfassende Skulpturensammlung, geradezu so als ob sie dafür geschaffen wären.

Die filmischen, grafische sowie skulpturalen bis installativen Arbeiten des südafrikanischen Universalkünstlers – um den Begriff des Genies nicht überzustrapazieren – stellen sich selbstbewusst neben ägyptische Sphingen, römische Marmorskulpturen, mittelalterliche Mariendarstellungen und Rokoko-Büsten – und schaffen es, Fragen nach dem Überzeitlichen sowie dem Grundmenschlichen zu stellen. Auch von einer Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Institution zeugt die aktuelle Ausstellung und ist in der vorliegenden Form eine kuratorische Glanzleistung.

 

Kehrseite des Zahnrads

Als Besucher ist man am Eingang noch beeindruckt von der architektonischen Finesse der Gründerzeit-Villa, welche zwischen 1892 und 1896 für Baron Heinrich von Liebieg (1839–1904), seines Zeichens erfolgreicher Textilunternehmer in Böhmen, errichtet wurde. Gleich im Foyer macht Kentridge kurzerhand die Kehrseite des industriellen Wohlstandes sichtbar: die Ausbeutung. Zwei großformatige schwarze Papierrisse mit dem Titel „Processione di Riparazioniste“ (2017) arrangieren sich mit zwei ornamentalen Pfeilern, datiert auf 800 bis 1000, um die Türöffnung. Die Papierschnitte zeigen zwei Personen: links eine Feldarbeiterin, welche auf einem Pflug steht – ein bekanntes Sujet aus der Genremalerei des 19. Jahrhunderts, das der Idealisierung des präindustriellen Zeitalters diente. Als Supraporte ein liegender Mann mit Ballonmütze, der schemenhaft an die Bauarbeiterfotografien der 1930er Jahre in New York von Charles Clyde Ebbets denken lässt. Die Pflugräder der Papierrisse finden sich auch an der Fassade der Villa wieder, dort in Form von Zahnrädern. In der Verwebung von kultur- und ideologiehistorisch aufgeladenen Motiven mit dem Wissen um die Geschichte des Ortes, welches die Wandtexte zur Verfügung stellen, zeigt Kentridge die symbolische Kehrseite des Zahnrades auf.

 

 

Wenn das Museum zum Leben erwacht

Ein Ticken, ein Rasseln, Musik, Gesang, das gesprochene Wort – mit all diesen akustischen Reizen wird der Museumsbesucher in dem für gewöhnlich in Stille gehüllten Liebieghaus konfrontiert. Doch noch viel mehr: Videos, Animationen und Stop-Motion-Filme sorgen auch visuell für ungewohnte Bewegung. Der Effekt? Ein belebender. Plötzlich scheinen die Hieroglyphen wieder jemanden gefunden zu haben, der sie versteht und mit ihnen spricht: der Film „Carnet d’Egypte“ im Ägypten-Raum zeigt in einer längeren Einstellung fünf Metronome auf einem Arbeitstisch, die in unterschiedlichem Takt, wie in verschiedenen Sprachen miteinander kommunizieren. Im Studiolo singen drei Singer-Nähmaschinen („Singer Trio“) sogenannte Field hollers, jenen Gesang, den afrikanische Sklaven beim Arbeiten auf Baumwollfarmen intonierten. Die Megaphon-Köpfe der Nähmaschinen drehen sich synchron im Takt von links nach rechts.

 

 

Magie und Traum

Im Laufe der Präsentation tritt die Faszination des Künstlers am Übernatürlichen, am Magischen klar zu Tage. Einmal drückt es sich durch die Verwendung von bestimmten Montagetechniken in seinen Filmen aus: in „Carnet d’Egypte“ verdoppelt der Künstler sich selbst im Film und wird sein eigener Assistent (ein Wunsch, den so manch einer von uns mit Kentridge teilt) oder in der Filmreihe „7 Fragments for Georges Méliès“ (2003) dreht Kentridge schlichtweg die Zeit um, und „befreit“ die Leinwände wieder von seinem Farbauftrag. In seinen Stop-Motion-Filmen, die durch Ausradieren und Übermalen entstehen, ist schließlich sowieso alles möglich: ein Traum-Zustand wird erzeugt, die Spuren des vorhergegangenen Bildes, der Vergangenheit bleiben sichtbar.

 

 

„The Refusal of Time“

Die Zeit wird von Kentridge in unterschiedlichen Aspekten und Zusammenhängen bearbeitet: einerseits in einzelnen Themenräumen der Skulpturensammlung selbst, die wie Zeitkapseln fungieren und in denen jedes Objekt für sich den Anspruch des Ewigen erhebt. In der Installation „The Refusal of Time“, welche 2012 auf der dOCUMENTA 13 erstmals gezeigt wurde (→ dOCUMENTA (13): „Realität“ und ihre mediale Vermittlung), werden an die Seitenwände Schwarz-Weiß- und Stop-Motion-Filme des Künstlers projiziert. Die weißen, römischen Marmorskulpturen der Sammlung stehen neben den Besuchern im Dunkeln. Zentral im Raum positioniert Kentridge den „Elefant“, eine große ratternde Maschine mit hölzernen Treibarmen, die wie der Motor der Installation wirkt, optisch aber wenig mit dem afrikanischen Steppentier zu tun hat. Der Elefant steht in der römischen Symbolik für die aeternitas, die Ewigkeit, ebenso wie Sonne, Mond und Sterne, weitere wiederkehrende Symbole bei Kentridge. Dem Ewigkeitsanspruch steht vanitas, die Vergänglichkeit, gegenüber: Gewalt, Leid und Tod sind wiederkehrende Themen des Künstlers. Dies kann in Form von toten Körpern, Waffen und Blut sein, Kentridge kann aber auch subtiler: indem er der schönen Marmor-Aphrodite im Studiolo eine Fliege im Konkavspiegel beistellt, verweist er nicht nur auf die Vergänglichkeit der Schönheit, sondern auch auf jene des Lebens.

 

 

Wie die Nase eines Mannes, so auch seine Espressokanne

Obwohl William Kentridge oft sehr ernste Themen bearbeitet, so hat er doch auch seine humoristischen Momente. Etwa wenn er den Kopf in einem Druck von Alexander II. mit einer großen schwarzen Tusche-Nase übermalt. Oder eine überdimensional große, weiße Nasenskulptur auf Stativbeine neben den Gekreuzigten, den Rex Iudaeorum, platziert. Auch der Slapstick-Humor mit dem er immer wieder seine eigene Person, stets mit schwarzer Hose und weißem Hemd bekleidet, in die Filmarbeiten integriert, zeugt von einer guten Portion Selbstironie: So kann anstelle seines Kopfes ein Megaphon erscheinen. In „Self-Portrait as a Coffee Pot“ ist anstelle des Kopfes eine Espressokanne und anstelle des Genitals ein Megaphon eingefügt. Dieses humoristische Selbstbild erscheint gesund, wohlwissend um seine eigene privilegierte gesellschaftliche Position als weißer Mann mit jüdischen Wurzeln in Südafrika und als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Künstler der Welt mit zwei großen Studios in Johannesburg sowie einem Team von Mitarbeitern, dem er als „spiritus rector“ vorsteht.

 

 

Digitale Vorbereitung ist der halbe Besuch

Nach den aktuell zu beobachtenden zahlreichen Versuchen der Integration digitaler Features in das Vermittlungsprogramm von Museen, gilt es an dieser Stelle einmal ein großes Lob auszusprechen. Und auch festzustellen, dass es nicht unbedingt einer Augmented Reality im Museum bedarf, um digital ein attraktives Angebot zu bieten. Das Liebieghaus hat für die Ausstellung ein online-Digitorial eingerichtet, das ganz ohne Eintrittskarte oder Zugangscode über: Kentridge Liebieghaus für jedermann aufzurufen ist. Das, was dort an individuell anwählbaren Inhalten zur Verfügung gestellt wird, ist ein gut aufbereitetes Intro zur Ausstellung, das in Anbetracht der Größe der Ausstellung sinnvoll erscheint. Man geht ja schließlich auch nicht in die Oper, ohne sich vorher über den Inhalt des Stückes informiert zu haben.

Kuratiert von Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann und Kristin Schrader.

 

 

William Kentridge. O Sentimental Machine: Ausstellungskatalog

O Sentimental Machine. Eine Ausstellung mit: William Kentridge, inszeniert von: Sabine Theunissen
Vinzenz Brinkmann, Kristin Schrader (Hg.)
288 Seiten, 147 farbige und 128 s/w Abbildungen
ISBN 978-3-7356-0448-4 (D)
ISBN 978-3-7356-0449-1 (Engl)
Kerber Verlag, 2018

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Nora Höglinger
* 1987 in Rohrbach/OÖ, Studium der Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Paris. Seit 2009 im Bereich der zeitgenössischen Kunst tätig. Publikationen u.a. für die Sammlung Verbund Wien, BOZAR Brüssel, Hamburger Kunsthalle und Kunst im öffentlichen Raum Wien. Lebt und arbeitet als freie Autorin in Köln.