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Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie Die Entstehung der Sammlung in Berlin

Udo Kittelmann; Birgit Verwiebe; Angelika Wesenberg (Hg.): Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Leipzig 2011 (E.A. Seemann)

Udo Kittelmann; Birgit Verwiebe; Angelika Wesenberg (Hg.): Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie, Leipzig 2011 (E.A. Seemann)

Die Berliner Nationalgalerie gedenkt ihrer Anfänge mit einer Ausstellung und dem teilweisen Reprint des Katalogs der Sammlung Wagener, mit der alles begann. Der königlich schwedische Konsul Joachim Heinrich Wilhelm Wagener (18.1.1861) vermachte seine Sammlung zeitgenössischer, deutscher Kunst aus Patriotismus dem preußischen König Wilhelm I., damit diese dem Publikum zugänglich gemacht werde. Bereits seit 1848 waren immer wieder Forderungen nach einer deutschen Nationalgalerie laut geworden, der Staat und nicht der vermögende Einzelne solle Kunst fördern.

Wagener hatte 1815 begonnen, Bilder von Zeitgenossen zu kaufen. Seine erste Erwerbung war „Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer“ von Karl Friedrich Schinkel (1815), 1823 bis 1829 widmete sich der Konsul auch der Münchner Schule und ab 1828 entdeckte er die Düsseldorfer Schule für sich. Die Wagener-Sammlung bildete nach jahrzehntelanger Sammeltätigkeit den Grundstock eines zu errichtenden Museums. In ihr waren gesamtdeutsche aber auch internationale Künstler (wie etwa Waldmüller oder Rebell) vertreten, wobei der bürgerlich-protestantischen Kunst, vor allem dem Genre, der Historie und der Landschaft, der Vorzug gegeben wurde. Besonders präsent waren die Berliner und Düsseldorfer Schulen. Führende Kunsthistoriker wurden von Wagener auch schon mit der Erstellung von Sammlungskatalogen betraut. Er selbst besuchte Künstler in deren Ateliers, führte Korrespondenzen mit ihnen und machte Teile seiner Sammlung einem Publikum zugänglich.

 

 

Udo Kittelmann streicht hervor, dass 1848 bürgerlich-revolutionäre Erhebungen einen kulturpolitischen Wandel bedingt hätten. Staatsförderung sollte fürstliches Mäzenatentum ablösen, um die Künstler von privaten Sammlern unabhängiger zu machen. Eine Folge davon waren die mannigfaltigen Gründungen von Vereinen und die Forderung nach einem nationalen Museum. Bankier Wagener hatte eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst zusammengetragen, vermachte diese 1861 dem Staat und ermöglichte so die Begründung der Nationalgalerie.

 

 

Angelika Wesenburg widmete sich in ihrem Betrag mit dem Titel „Ein demokratisches [Element], in der ganzen, kecken Bedeutung des Wortes“ der Frage, wie die Landschafts- aber auch Genremalerei als staatstragend und/oder widerständig interpretiert wurde. Schinkel und Caspar David Friedrich, die Wagener als erste kaufte, träumten von einer großen Kulturnation und schufen patriotische Landschaften. Erst ab den 1840er Jahren wandte sich der Sammler sozialen „Tendenzbildern“ und der Geschichtsmalerei zu. 1815 bis 1820 wurde der Begriff der Kulturlandschaft als Synonym für Nation geprägt. Die Düsseldorfer Maler zeigten sich beeindruckt vom Freiheitskampf der Griechen und stellten Wilderer, Krieger, Räuber und Verbrecher, aber auch den idealistischen, scheiternden Don Quichotte dar. Damit sind ihre Bilder politischer, volkstümlicher und malerisch reicher als vergleichsweise die Nazarener. Die Orientierung Wageners an der Geschichtsmalerei belegt die restaurative Grundstimmung nach der gescheiterten Revolution von 1848: Seine Hinwendung zu Geschichte und Literatur stellte ein Flucht in imaginäre Räume dar.

 

 

Julia Klass-Weber stellt die Sammlung Wagener in den Kontext der Kunsttheorie. Franz Kugler verstand 1838 im 2. Bestandskatalog die „Werke der Wissenschaft und Werke der Kunst als Spiegelbilder der flüchtigen Gegenwart, durch begabte Geister erfasst und gebannt“. Für ihn stellt die Reformation jene Zäsur dar, die die Kunst als der Dominanz sakraler Funktionszusammenhänge löste. Nun hätte sich ein bürgerlich-freiheitliches Kunstverständnis durchsetzen können und eine Vorliebe für Landschaften, Architekturveduten und Genrehaftes hervorgebracht. Die von Wagener ab den 1840ern präferierte Historienmalerei hingegen (v.a. für den belgischen Realismus) wäre auf die psychologisierende Erzählhaltung, die Suggestion von Intimität begründet.

 

 

Sammlung Wagener: Bilder

  • Karl Friedrich Schinkel, Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer, 1815, Öl auf Leinwand, 72 x 98cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Karl Wilhelm Kolbe, Einzug des Hochmeisters Siegfried von Feuchtwangen mit seinen Rittern in die Marienburg, 1825, Öl auf Leinwand, 52,3 x 39 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger)
  • Joseph Rebell, Der Arco di Miseno bei Miliscola mit Blick nach Nisida, 1828, Öl auf Leinwand, 44,3 x 66cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Peter von Hess, Palikaren bei Athen, 1829, Öl auf Leinwand, 49 x 44 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger)
  • Johann Wilhelm Preyer, Gartenblumenstrauß im Krug, Düsseldorf 1831, Öl auf Leinwand, 41 x 36 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders)
  • Heinrich Mücke, Der Leichnam der heiligen Katharina von Alexandrien, von Engeln zum Himmel getragen, 1836, Öl auf Leinwand, 97 x 147,5 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger)
  • Horace Vernet, Sklavenmarkt, 1836, Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger)
  • Eduard Daege, Der Messner, 1837, Öl auf LW, 65,8 x 49,8cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Wilhelm Joseph Heine, Gottesdienst in der Zuchthauskirche, 1838 (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Carl Friedrich Lessing, Schlesische Landschaft, 1841, Öl auf Leinwand, 48 x 114 cm (© Staatliche Museen zu Berlin / Nationalgalerie / Andres Kilger)
  • Théodore Gudin, Schleichhändler-Feluke vor der Küste von Biskaya, 1845, Öl auf Leinwand, 47,2 x 39,3 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger)
  • Peter von Cornelius, Hagen versenkt den Nibelungenhort, 1859, Öl auf LW, 80 x 100cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Unbekannt, Kopie nach Karl Friedrich Schinkel, Altan mit weitem Fernblick, Öl auf Leinwand, 21 x 36 cm (© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders)

 

 

Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie: Ausstellungskatalog

Udo Kittelmann, Birgit Verwiebe, Angelika Wesenberg (Hg.)
464 S., davon 176 Seiten Reprint, 16,5 x 22 cm
208 farbige und 54 s/w-Abb., Klappenbroschur
29,90 € [D]  / 30,80 € [A]  / 43,90 sFr [CH]
ISBN 978-3-86502-274-5 (dt./engl.)
E.A. Seemann

 

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.