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Jean Fautrier Werk & Leben

Jean Fautrier, Tourbes, 1959, Öl/Papier/Lw (Sammlung Ingrid und Werner Welle, Paderborn)

Jean Fautrier, Tourbes, 1959, Öl/Papier/Lw (Sammlung Ingrid und Werner Welle, Paderborn)

Jean Fautrier (1898–1964) gilt als einer der Begründer des Informel der Nachkriegszeit. Sein in den 1920er Jahren einsetzendes Werk ist kaum einer Stilrichtung zuzuordnen. Der in London an der Royal Academy of Arts und der Slade School of Arts ausgebildete Fautrier ging konsequent und lebenslang seinen eigenen Weg fernab von Surrealismus, Neuer Sachlichkeit oder Expressionismus. Mit den großen französischen Kritikern und Dichtern seiner Zeit befreundet, ist er ein höchst eigenständiger Künstler geblieben, dessen Werk einer genaueren Betrachtung wert ist.

Schwarze Stillleben und weibliche Akte

Jean Fautrier setzte sich zeitlebens mit einer höchst überschaubaren Motivik auseinander: weiblicher Akt, Stillleben, Landschaft. Diese Trias deklinierte er nahezu fünfzig Jahre lang durch, wobei er in den 1930ern und 1950ern aus finanziellen Gründen mehrjährige Malpausen einlegen musste.

Der in Paris als unehelicher Sohn eines Kunsthändlers geborene Fautrier galt als Wunderkind und wurde mit 14 Jahren an der Royal Academy of Arts aufgenommen (1912). Nur drei Jahre später zeigt er sich von der traditionsreichen wie traditionellen Ausbildung in London enttäuscht und wechselte an die Slade School of Fine Arts, die als avantgardistischer eingestuft wurde. Doch auch hier fühlte er sich nicht verstanden und bildete sich daher vor Werken der Tate Britain selbständig weiter. Vor allem die Gemälde von J. M. William Turner (1775–1851) begeisterten den angehenden Maler.

 

 

Seine Einberufung in die französische Armee 1917 führte zur Rückkehr Fautriers nach Frankreich. Bei einem Gasangriff wurde er schwer verletzt und trug ein chronisches Lungenleiden davon. Erst im Jahr 1922 ließ er sich in Paris nieder und begann auszustellen. Die frühesten Werke zeigen bereits jene Themen, die Fautrier zeitlebens beschäftigen wird. Dem weiblichen Akt widmete er sich mit einer gewissen Obsession: anfangs noch fast neusachlich, sehr dreidimensional modelliert, dann immer fragmentarischer und im Schwarz versinkend. Innerhalb weniger Jahre gestaltete er alles mittels pastoser Farbe als haptische Strukturen. Innerhalb der Avantgardegruppen der Zeit (vor allem wären hier die Künstler des Surrealismus zu nennen) suchte Jean Fautrier keinen Anschluss. Stattdessen stellten ihn die Galeristen gemeinsam mit den anderen „Solisten“ wie Amedeo Modigliani, Chaim Soutine, André Derain aus. Die Bekanntschaft mit André Malraux brachte Fautrier nicht nur einen mächtigen Fürsprecher, sondern auch einen ersten Illustrationsauftrag: Er wählte Dantes „Inferno“, das der Verlag Gallimard drucken sollte.

 

 

Erste wirtschaftliche Erfolge konnte Jean Fautrier mit einer Reihe von „schwarzen Bildern“ verbuchen. Diese 1927 entstandenen Gemälde überraschen durch ihren fast monochromen Farbeinsatz: Auf schwarzem Grund zeigt Fautrier kaum erkennbare, weil aufgelöste Jagdstillleben. Die barocke Praxis des Prunkstilllebens wird dabei zugunsten des Vanitas-Aspekts deutlich in den Hintergrund gedrängt. Hängende Enten, liegender Fisch oder auch Blumenstillleben: Der Maler zeigt die Tiere und Pflanzen so, als ob sie im nächsten Moment im ewigen Dunkel verschwinden würden. Ihre Darstellungen sind auf eingeritzte, helle Umrisslinien und wenige Notationen für Details reduziert. Es handelt sich mehr um Symbole der jeweiligen Gattung denn um Schilderungen von erlegtem Wild respektive Blumenbouquets.

 

 

Weg zum Informel

Weltwirtschaftskrise und Gesundheitszustand führten während der 1930er Jahre zu einer fast zehnjährigen Malpause, die Fautrier als Hotelier und Skilehrer in den Alpen verbrachte. 1939 kehrte er zur Malerei zurück und knüpfte an die „schwarzen Bilder“ der Zwanziger Jahre an: Zunehmend modellierte er die Stillleben, Landschaften und Akte aus der Farbmaterie. Meist widmete er sich auch nun einem einzigen (kaum) erkennbaren Gegenstand. In Stillleben stehen Objekte, die nur als Zeichnungen ihrer Umrisslinien beschrieben werden, neben Dingen, die zusätzlich auch noch Farbwerte erhalten. Dies lässt an zeitgleiche Werke von Henri Matisse und Pablo Picasso denken, in denen sich Figur und Farbe ebenfalls voneinander getrennt haben. Im Gegensatz zu den Werken dieser beiden sind die Farben in Fautriers Werken aber nicht rein und leuchtend, sondern gedeckt und gestisch aufgetragen.

In Bildern wie „L'homme qui est malheureux“ (1947), „Végétaux“ (1957) oder „Tourbes“ (1959) zeigt sich Jean Fautriers zunehmend gestisches Arbeiten, das mit einer maximalen Reduktion nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzt. Mit der Ausstellung der Serie „Les Otages [Die Geiseln]“ (1945) in der Galerie René Drouion erregte er großes Aufsehen und erzielte einmal mehr seinen künstlerischen Durchbruch. Er stellte in 20 Blättern auf wenige Striche reduzierte Köpfe von Kriegsgeiseln dar. Die Arbeit hatte hohe Aktualität und schockierten auch aufgrund der Auslassungen, der Schönheit der rhythmisch gesetzten „Notationen“.

Neben diesen nahezu ganz aufgelösten Abstraktionen arbeite Jean Fautrier an Materialbildern, die er in den letzten Kriegsjahren entwickelte. Er war nach kurzer Inhaftierung durch die Gestapo im Januar 1943 mit Hilfe von Jean Paulhan nach Chátenay geflohen. In der Abgeschiedenheit veränderte er seine Malweise völlig: Er legte die Blätter vor sich auf den Tisch und trug mit der Spachtel weiße Putzmasse auf, darauf streute er Farbpigmente und zeichnete mit dem Pinsel Konturlinien. Die Formen seiner Motive – eigentlich nur Vegetation (Landschaften), Akte, Stillleben – lösen sich gänzlich auf. Damit „erfand“ Jean Fautrier das Informel. Wirtschaftliche Not zwang ihn bis 1954 erneut zu einer Malpause, stattdessen beschäftigte er sich mit Reproduktionsverfahren. Mit diesen „Originaux Multiplex“ hatte er jedoch nicht den erhofften finanziellen Erfolg, weshalb er wieder zu malen begann. Mit den in den letzten zehn Lebensjahren entstandenen Gemälde bewegte sich Fautrier konsequent an der Grenze zwischen Abstraktion und Ungegenständlicher Kunst (→ Abstrakte Kunst). Die rhythmisch strukturierten Oberflächen mit der duftigen Farbigkeit über das dominante Weiß wurde noch zu seinen Lebzeiten als bedeutender Beitrag zur „Erfindung“ des Informel [Tachismus] gedeutet: 1959 nahm Fautrier an der documenta II in Kassel teil; 1960 erhielt er gemeinsam mit Hans Hartung des Großen Preis der Biennale von Venedig; 1961 gewann er den Großen Preis der Tokyo Biennale.

 

 

Jean Fautrier: Biografie (1898–1964)

1898 Am 16. Mai 1898 wurde Jean Fautrier als uneheliches Kind in Paris geboren. Sein Vater war ein Londoner Gemäldehändler und verstarb, als Fautrier zehn Jahre alt war.

1908 Tod von Vater und Großmutter; Jean Fautrier übersiedelte zu seiner Mutter nach London.

1912 Der 14-jährige Fautrier wurde als Wunderkind an der Royal Academy of Arts zugelassen.

1915 Verließ die Royal Academy, um an der Slade School of Fine Arts ein Studium zu beginnen. Aber auch an dieser als avantgardistischer eingestuften Ausbildungsstätte fühlte er sich nicht verstanden. Stattdessen wollte er sich selbst weiterbilden. Dazu besuchte er die Tate Gallery, wo er die Bilder von James Mallord William Turner bewunderte.

1917 Einberufungsbefehl von der französischen Armee. Jean Fautrier erlitt bei einem Gasangriff eine schwere Lungenverletzung, aus der sich ein chronisches Lungenleiden entwickelte.

1919 Aus der Armee entlassen. In den folgenden Jahren hielt sich Jean Fautrier in Anvers, Rouen auf und reiste nach Berlin, Dresden, Innsbruck.

1922 Rückkehr nach Paris. Erste Ausstellungsbeteiligung im Salon d’Automne.

1923 Jean Fautrier bezog ein Atelier am Montparnasse. Seine Werke werden in Gruppenausstellungen gemeinsam mit Maurice Utrillo, André Derain, Chaim Soutine und Amedeo Modigliani gezeigt.

1924 Erste Einzelausstellung in der Galerie Visconti in Paris.

1926 Bergtouren in den Hochalpen (Tirol, Südfrankreich, Savoie) inspirierten Jean Fautrier zu Gletscherlandschaften, in denen er Farbe pastos auftrug. In diesem Jahr begann er die Serie der „Schwarzen Bilder“ auszuführen. Mit diesen Stillleben und Akten feierte Fautrier erste finanzielle Erfolge.

1927 Erste Einzelausstellung in der Galerie Bernheim-Jeune und erste Begegnung mit André Malraux.

1928 André Malraux verschaffte Jean Fautrier den Auftrag, Dantes „Inferno“ für den Verlag Gallimard zu illustrieren. Dieser kam allerdings nicht zustande, da 1930 der Verlag die Lithografien als zu ungegenständlich ablehnte. Der Aufenthalt in Port-Cros an der Côte d’Azur führte zu einer Zäsur in Fautriers Werk.

1929 Mit der Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich Fautriers Bilderverkauf erheblich.

1930 Der Verlag Gallimard lehnte Fautriers 34 Lithografien zum „inferno“ als zu ungegenständlich ab. Bis Ende der 1930er Rückzug in die Südtiroler Berge, wo das Klima seinem Lungenleiden entgegenkam. Als Hotelier und Skilehrer verdiente er Geld, malte aber nur noch selten.

Nach 1936 Jean Fautrier begann wieder Stillleben und Akte zu malen. Diese basieren mehr auf der Linie und arbeitete auf Papier, das er auf Leinwände aufzog.

1939 Umzug nach Südfrankreich: Marseille, Aix-en-Provence und Bordeaux.

1940 Rückkehr in das von den Nationalsozialisten besetzte Paris, wo Fautier ein Atelier mietete. Hier schloss sich Jean Fautrier der Résistance an.

1943 Kurze Inhaftierung durch die Gestapo (Januar). Flucht mit Hilfe von Jean Paulhan nach Chátenay. In dieser Zeit malte Fautrier die „Geiseln“ und lernte Jeannine Aeply kennen, die er heiratete. In der Abgeschiedenheit veränderte er seine Malweise völlig: Er legte die Blätter vor sich auf den Tisch und trug mit der Spachtel weiße Putzmasse auf, darauf streute er Farbpigmente und zeichnete mit dem Pinsel Konturlinien. Die Formen seiner Motive – eigentlich nur Vegetation (Landschaften), Akte, Stillleben – lösen sich gänzlich auf. Damit „erfand“ Jean Fautrier das Informel.

1945 Präsentierte „Les Otages [Die Geiseln]“ in der Galerie René Drouion, mit den zu wenigen Strichen reduzierten 20 Köpfen von Kriegsgeiseln erregte er großes Aufsehen und erzielte seinen künstlerischen Durchbruch.

1945–1954 Jean Fautrier beschäftigte sich hauptsächlich mit Reproduktionsverfahren, die ein Maximum an Qualität ermöglichten. Mit diesen „Originaux Multiplex“ hatte er jedoch nicht dern erhofften finanziellen Erfolg, weshalb er wieder zu malen begann.

1949 Jean Paulhan publizierte die Monografie „Fautrier l’enragé“.

1955 Fautrier begann wieder zu malen.

1956 Ungarn-Aufstand in den „Têtes de partisan“ verarbeitet.

1959 Teilnahme an der documenta II in Kassel

1960 Jean Fautrier erhielt gemeinsam mit Hans Hartung des Großen Preis der Biennale von Venedig.

1961 Gewann den Großen Preis der Tokyo Biennale.

1964 Erste Museumsretrospektive von Jean Fautrier. Am 21. Juli 1964 verstarb Jean Fautrier in Châtenay-Malabry im Département Hauts-de-Seine. Seinen Nachlass erhielt das Musée d‘Art Moderne de la Ville de Paris, das bis heute die größte Sammlung an Werken von Jean Fautrier besitzt.

 

Jean Fautrier: Bilder

  • Jean Fautrier, Andrée Piersan à sa toilette, 1925, Öl/Lw (Privatsammlung, courtesy Galerie de le Prèsidence, Paris)
  • Jean Fautrier, Les fleurs noires ou Les chardons noirs, 1926, Öl/Lw (Privatsammlung)
  • Jean Fautrier, Nu figuratif, 1927, Öl/Lw (Privatsammlung)
  • Jean Fautrier, Paysage de l'enfer, 1928, Öl/Lw (Privatsammlung, Köln)
  • Jean Fautrier, Poirets dans uns vasque, 1938, Öl/Papier/Holz (Privatsammlung, Brüssel, courtesy Galerie Applicat-Prazan, Paris)
  • Jean Fautrier, Les deux pichets, um 1939, Öl/Papier/Lw (Galerie Michael Werner, Märkisch Wiolmersdorf)
  • Jean Fautrier, Les bobines, 1947, Öl/Papier/Lw (Privatsammlung))
  • Jean Fautrier, Tourbes, 1959, Öl/Papier/Lw (Sammlung Ingrid und Werner Welle, Paderborn)
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.