Hans Hartung

Wer war Hans Hartung?

Hans Hartung (Leipzig 21.9.1904–7.12.1989 Antibes) war ein deutsch-französischer Maler des Informel (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der lyrischen Abstraktion. Charakteristisch ist, dass er positive und negative Formen einander gegenüberstellte sowie Anfang und Ende der Linie thematisierte. Die Linie verkörpert in Hartungs Kunst vorrangig Energie und wird nicht zum Beschreiben der Form eingesetzt. Seine Kunst ist oft als gestisch, informell oder tachistisch beschrieben worden. Bis 1960 verkörperte Hartungs Malerei die Avantgarde.

Kindheit

Hans Hartung wurde am 21. September 1904 in Leipzig in einer Künstlerfamilie geboren.

Hans Hartung besuchte ab 1915 das humanistische Gymnasium in Dresden. Bereits während seiner Schulzeit interessierte er sich für Kunst und begann 1922 abstrakte Aquarelle zu malen, ohne andere abstrakte Werke zu kennen (→ Abstrakte Kunst). Anfangs war Hartung von Rembrandt van Rijn, Francisco de GoyaFrans Hals und El Greco fasziniert. Im Jahr 1921 begeisterte er sich nachweislich für Max Slevogt, Lovis Corinth, Oskar KokoschkaEmil Nolde und die deutschen Expressionisten (→ Expressionismus).

Ausbildung

Von 1924 bis 1926 studierte Hans Hartung Philosophie und Kunstgeschichte in Leipzig. Durch eine prägende Begegnung mit den Werken von Wassily Kandinsky wechselte er 1925 für ein Studium der Malerei an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und die Hochschule für Bildende Künste Dresden. Als er 1926 auf der letzten „Internationalen Kunstausstellung“ erstmals Werke der französischen Malerei sah, entdeckte er Henri Rousseau, Georges Rouault, Henri Matisse, Fernand LégerGeorges Braque und Pablo Picasso. Daraufhin reiste Harting 1927 zum ersten Mal nach Paris, zuvor war er noch mit dem Fahrrad durch Italien gefahren. In Paris hatte Hans Hartung wenige Kontakte mit anderen Künstlern, stattdessen beschäftigte er mit dem Kopieren von Alten Meistern und modernen Künstlern. Eine Reise nach Südfrankreich inspirierte ihn zum Studium der Werke von Paul Cézanne. Daraufhin entwickelte Hartung großes Interesse an den Prinzipien von Harmonie und dem Goldenen Schnitt.

In den Jahren zwischen 1928 und 1930 studierte Hartung an der Münchner Kunstakademie, wo er seine Studien bei dem Maler Max Doerner fortsetzte. Im Jahr 1929 heiratete Hartung die norwegische Malerin Anna-Eva Bergman (1909–1987). Seine erste Einzelausstellung hatte Hans Hartung 1931 in der Galerie Heinrich Kühl in Dresden.

Hartung in Paris

Als sein Vater 1932 verstarb, verlor Hans Hartung alle Verbindungen zu Nazi-Deutschland. Seine Kunst wurde als „entartet“ diffamiert und mit dem Kubismus in Verbindung gebracht. Hans Hartung floh vor der politische Situation in Deutschland gemeinsam mit seiner norwegischen Ehefrau Anna-Eva Bergmann nach Menorca, wo sie von 1932 bis 1934 lebten. Da er kein Geld hatte, musste er jedoch wieder nach Deutschland zurückkehren. Als Hartung versuchte, in Berlin Gemälde zu verkaufen, sollte er inhaftiert werden. Verfolgt durch die Gestapo, floh Hans Hartung 1935 mit der Hilfe seines Freundes Christian Zervos nach Paris. Die Galerie Pierre Loeb stellte ihn zusammen mit Wassily Kandinsky, Hans Arp, Jean Hélion und dem Architekten Paul Nelson aus.

1938 wurde die Ehe Hartungs, auf Druck seiner Schwiegermutter in Oslo, geschieden. Hartung war ein staatenloser Künstler ohne Pass und Geld. Er konnte Frankreich nicht verlassen, um sich mit Anna-Eva auszusprechen. Der Maler lebte illegal in Paris. Der Bildhauer Julio Gonzales bot dem depressiven Künstler die Nutzung seines Ateliers an. Ein Jahr später heiratete er Roberta Gonzales, die Tochter von Julio Gonzales, und trat im Dezember 1939 in die Fremdenlegion ein. Die linearen, filigranen Skulpturen Gonzales‘ beeinflussten Hans Hartung stilistisch. Im Jahr 1943 floh Hartung vor den deutschen Besatzern zu seinen Verwandten nach Spanien, wo er sieben Monate in französische Gefangenschaft geriet. Nach seiner Befreiung meldete er sich wieder zum Kriegsdienst in der Fremdenlegion, um in Nordafrika zu kämpfen. Im Jahr 1944 wurde Hartung bei Belfort an der elsässischen Front schwer verwundet und sein rechtes Bein amputiert. Ein Jahr später kehrte er nach Paris zurück und nahm die französische Staatsbürgerschaft an (1946).

1952 trafen sich Hans Hartung und Anna-Eva Bergman bei einer Retrospektive seines Schwiegervaters Julio González wieder und zogen ein Jahr später in ein gemeinsames Atelier. heirateten im Jahr 1957 ein zweites Mal. Sie blieben bis zu ihrem Tod zusammen.

Hauptvertreter des Informel

Hans Hartungs Kunst ist geprägt vom ausgewogenen Gleichgewicht zwischen spontaner Malerei und bewusster Abwägung. Die Bildstruktur entsteht durch kontrollierte Spontaneität. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre baute eine Werkgruppe beispielsweise auf frühere Zeichnungen auf. Der Maler intensivierte die Farben, die Linienführung wird als „innerlich vibrierend“ beschrieben. Dadurch erhalten die abstrakten Werke Rhythmik, Dynamik und Vitalität. Energievoll gezogene, schwarze Linien, zu Bündeln zusammengefasst, sind auf meist einfarbigem oder geflecktem Grund Hartungs wichtigste Ausdrucksmittel. Der Künstler selbst beschrieb 1981 seine Vorliebe für kalte Farben wie Blau, sehr helles Türkis-Grün, Zitronengelb, denn „je reiner die Farben sind, um so freier kann man atmen“.1 Auch in der Titelfindung zeigte sich Hans Hartung als ungegenständlicher Maler. Der Buchstabe „T“ steht für das französische Wort „tableau“, ergänzt um die Entstehungszeit des Werks und eine fortlaufende Nummer.

Man darf Hartungs Kunst als Bindeglied zwischen den deutschen Expressionisten wie Emil Nolde und Max Beckmann sowie der postabstrakten Generation von Gerhard RichterSigmar Polke und Georg Baselitz ansehen.2 1951 zeigte die Ausstellung „Véhémences Confrontées“ in der Galerie Nina Dausse Werke von Hans Hartung neben informellen und abstrakt-expressionistischen Arbeiten von Künstlern wie Willem de Kooning (1904–1997), Jackson Pollock (1912–1956) und Wols (1913–1951). Die Schau hinterließ u.a. bei Maria Lassnig nachhaltigen Eindruck.

Ausstellungen und Auszeichnungen

Nach dem Krieg und nach einer mehrjährigen Malpause wurde Hans Hartung zu einem der wichtigsten Vertreter des Informel. Seine erste Einzelausstellung in Paris hatte er 1947. Im gleichen Jahr stellte er im Salon des surindépendants aus, wo er Pierre Soulages traf, mit dem er sich anfreundete. Mit seinem Werk beeinflusste er jüngere Kollegen wie Karel Appel. Vor allem ab Mitte der 1950er Jahre festigte sich die Karriere des Künstlers; Ausstellungsbeteiligungen wie beispielsweise der documenta belegen die Anerkennung seiner Kunst. Hans Hartung war Mitglied der in München gegründeten Künstlergruppe ZEN 49 sowie Teilnehmer der documenta 1 (1955), der documenta II (1959) und der documenta III (1964) in Kassel. Seine erste Retrospektive war 1957 in der Kestner-Gesellschaft in Hannover zu sehen; die Ausstellung reiste weiter nach Stuttgart, Berlin, Hamburg, Köln und Nürnberg. 1957 erhielt er den Rubenspreis der Stadt Siegen, 1960 wurde er für seine Ausstellung im französischen Pavillon mit dem Großen Internationalen Preis für Malerei der Biennale von Venedig ausgezeichnet (gemeinsam mit Jean Fautrier). Zehn Jahre später folgte der Grand Prix des Beaux Arts in Paris. Das Metropolitan Museum in New York richtete Hartung 1975 als ersten lebenden europäischen Künstler eine große Einzelausstellung aus. Ab 1977 war Hartung als Nachfolger von Lucien Fontanarosa Mitglied der Académie des Beaux-Arts. 1982 wurde der Hartung-Saal in der Staatsgalerie Moderne Kunst München eingeweiht. 1984 wurde der Hartung-Raum im Hessischen Landesmuseum Darmstadt eingerichtet.

Hartungs Fotografien

Zeitlebens hat Hartung fotografiert, um mit der Kleinbild-Kamera (Minox und Leica) seinen Blick als Maler zu schulen. In seinem Nachlass in der 1994 gegründeten Fondation Hans Hartung et Anna-Eva Bergmann befinden sich 35.000 Negative, die der Fotograf Jacques Damez erstmals gesichtet hat. In Deutschland wurde Hartungs Fotografie 2016 vom Museum für Gegenwartskunst Siegen ausgestellt.

Antibes

1972/73 übersiedelte Hans Hartung nach Antibes. In der Künstlergemeinde von Cagnes-sur-Mer lebten Nicolas de Staël (1914–1955) sowie Fred Klein (1898–1990) mit der abstrakten Malerin Marie Raymond (1908–1989), die Eltern von Yves Klein.

Dort experimentierte Hans Hartung mit Grattage und Sprühtechniken auf großen Formaten.

Tod

Hans Hartung starb am 7. Dezember 1989 im Alter von 85 Jahren in Antibes, Frankreich.

  1. Hans Hartung 1981, zit. n. Abstrakte Kunst (Ausst.-Kat. neues museum. Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg, 19.5.-9.7.2000), Nürnberg 2000, S. 78, 81.
  2. Siehe: Robert Fleck, Bildbeispiele aus den dreißiger Jahren, in: Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten Land (Ausst.-Kat. Martin-Gropius-Bau, Berlin), Berlin 1997, S. 84.