Mailand | Palazzo Reale: Leonardo und der Norden
Als Leonardo da Vinci 1519 in Fontainebleau starb, hinterließ er kein abgeschlossenes Werk, sondern ein Konvolut aus wenigen Gemälden, unzähligen Manuskripten und Zeichnungen zu Wasserbau, Anatomie, Karikatur und Kunsttheorie. Wie aus diesem Nachlass über Kopisten, Traktate und Kupferstiche ein europäisches Bildungsprogramm für die Malerfürsten des Barock wurde, zeigt der Palazzo Reale in Mailand im Herbst 2027 unter dem Titel „Leonardo und der Norden“. Ausgangspunkt ist der Codex Huygens aus der Morgan Library in New York. Darüber hinaus stellt die Schau, Caravaggio, Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn als Erben Leonardos vor.
Leonardo und der Norden
Italien | Mailand: Palazzo Reale
Herbst 2027 (Ausstellungsdatum muss erst bestätigt werden!)
Wie kam Leonardo in den Norden? Die Ausstellung im Überblick
„Leonardo und der Norden“ fragt, wie sich die Verbreitung von Leonardos Ideen und Konzepten im Barock erzählen lässt — nicht nur anhand von Zeichnungen und Gemälden, sondern auch anhand von Kopien, Abschriften und gedruckten Traktaten, über die sein Denken zirkulierte. Denn Leonardo selbst dachte nie daran, seine Aufzeichnungen zu veröffentlichen: Er arbeitete zeitlebens an prestigeträchtigen, aber unvollendeten Abhandlungen zu Malerei und Anatomie. Erst 132 Jahre nach dem Tod des Renaissance-Genies, im Jahr 1651, erschien in Paris eine gedruckte Fassung seines Trattato della pittura. Durch zahlreiche Nachdrucke und Übersetzungen lösten sich dessen Illustrationen bald vom Ursprungstext und führten ein Eigenleben.1
Zentrales Exponat und methodischer Ankerpunkt der Mailänder Schau ist der Codex Huygens: 128 beidseitig beschriebene Folioblätter, die eine Abhandlung über Malerei versammeln und dem norditalienischen Autor Carlo Urbino (um 1510/20 – nach 1585) zugeschrieben werden. Urbino muss Leonardos Aufzeichnungen noch vor deren Zerstreuung gekannt haben: Einige Zeichnungen im Codex sind originalgetreue Kopien heute verlorener Blätter, andere — etwa der Vitruvianische Mensch — eigenständige Weiterentwicklungen leonardesker Gedanken. Seinen Namen verdankt das Manuskript seinem frühneuzeitlichen Besitzer Constantijn Huygens (1628–1697), Sekretär Wilhelms III. von England, der die Handschrift 1690 in der festen Überzeugung erwarb, ein eigenhändiges Werk Leonardos zu besitzen. Erwin Panofsky widmete dem Konvolut 1940 die bis heute grundlegende Studie The Codex Huygens and Leonardo da Vinci's Art Theory und rekonstruierte daraus, wie eng Vitruvs Proportionslehre und Leonardos Körperstudien im Codex verschränkt sind.2
Von Mailand über Florenz und Rom nach Paris: Die Reise des Trattato
Dass Leonardos Gedanken den Weg nach Norden überhaupt antreten konnten, ist einer verschlungenen Überlieferungsgeschichte zu verdanken, die die Ausstellung in einem eigenen Kapitel nachzeichnet. Francesco Melzi, Leonardos Universalerbe, sammelte und sichtete nach dessen Tod die Manuskripte und ließ daraus mithilfe seines Mailänder Umfelds — unter anderem des Malers Girolamo Figino — eine Werkauswahl entstehen, die als Codex Urbinas in die Vatikanische Bibliothek gelangte.3
Über lombardische Kopisten wie Giovan Paolo Lomazzo, über gekürzte Florentiner Abschriften und schließlich über den römischen Antiquar Cassiano dal Pozzo, der ab den 1630er Jahren gezielt an einer kommentierten Druckfassung arbeitete, erreichte der Text 1651 in Paris die Druckerpresse — begleitet von Illustrationen, die Nicolas Poussin nach den knappen, skizzenhaften Originalfiguren neu und „klassisch“ ausgearbeitet hatte. Erst über diesen Umweg über Rom und Paris wurde Leonardos Bewegungs- und Proportionslehre zum europaweit verfügbaren Studienmaterial für Maler nördlich der Alpen.
Leonardo – Caravaggio – Rubens – Rembrandt:
Die Auseinandersetzung mit dem Vorbild
Im Zentrum der Schau steht, wie konkret einzelne Künstler des Barock auf Leonardo reagierten — nicht durch bloßes Kopieren, sondern durch aneignende Umdeutung.
Caravaggio, in Mailand ausgebildet, vermittelte als Dritter im Bunde die Kenntnis von Leonardos Naturalismus, ohne ihn direkt zu zitieren. Seine Rolle als Scharnier zwischen leonardesker Tradition und dem Naturalismus des 17 Jahrhunderts in der Lombardei wurde zuletzt 2004 in der vielbeachteten Schau „Painters of Reality“ in Cremona und New York verhandelt. Caravaggios Sattelstellung ist im Rahmen der Mailänder Schau insofern wichtig, als dass seine Kunst nicht nur innerhalb des italienischen Kunstdiskurses zu heftigen Debatten anregte, sondern auch nördlich der Alpen intensiv rezipiert wurde. Allen voran die Utrechter Caravaggisten brachten die Kenntnis um das dramatisch Hell-Dunkel und den schonungslosen Naturalismus/Realismus in die Niederlande. Dort konnte der junge Rembrandt nahezu nahtlos an den italienischen Frühbarock anschließen, ohne je selbst über die Alpen gereist zu sein.
Peter Paul Rubens gilt als der produktivste Leonardo-Interpret des flämischen Barock. Er zeichnete nach Leonardos verlorener Schlacht von Anghiari das berühmte, heute im Louvre bewahrte Blatt zum „Kampf um die Standarte“ — ein Werk, dessen Zuschreibung die Forschung seit Jahrzehnten beschäftigt: Frank Zöllner konnte zeigen, dass die Unterzeichnung in schwarzer Kreide vermutlich von einem unbekannten Cinquecento-Zeichner stammt, den erst Rubens später mit Feder, Lavur und Deckweiß überarbeitete.4 Ebenso intensiv beschäftigte sich Rubens mit Leonardos Abendmahl: In seinem sogenannten Taschenbuch, das 1720 einem Brand zum Opfer fiel, sammelte er Exzerpte zu Leonardos Bewegungslehre, die über Abschriften wie das Manuskript Ganay teilweise überliefert sind. Juliana Barone hat herausgearbeitet, wie eng Rubens' eigene Begriffe für „mentale“, „körperliche“ und „gemischte“ Bewegung an Leonardos Trattato anschließen.5
Rembrandt näherte sich Leonardo auf andere Weise: 1634/35, im Alter von 28 Jahren, schuf er nach einem frühen Stich von Leonardos Abendmahl in Santa Maria delle Grazie eine großformatige Rötelzeichnung. Sie ist eines von drei Blättern, die Rembrandt diesem Werk widmete. Statt dem Vorbild sklavisch zu folgen, erfand er die Figuren neu, verschärfte ihre Reaktion auf die Worte Christi und verdichtete den Raum, den sie einnehmen. Das Blatt aus der Robert Lehman Collection des Metropolitan Museum, New York, gehört zu den eindrücklichsten Zeugnissen dafür, wie ein niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts Leonardos Erfindung als Ausgangspunkt eigener dramatischer Verdichtung nutzte.6 Man darf gespannt sein, ob sich das New Yorker Museum von diesem kostbaren Schatz trennt.
Kuratorium und Leihgaben
Die Kuratorinnen und Kuratoren in Mailand erwarten bedeutende Leihgaben aus italienischen und internationalen Museen und Bibliotheken, darunter die Morgan Library & Museum, New York (Codex Huygens), das Metropolitan Museum of Art, New York, sowie Sammlungen in Paris, Wien und Windsor, die zentrale Blätter Rubens' und Rembrandts nach Leonardo bewahren.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wann und wo findet die Ausstellung statt?
Im Palazzo Reale, Mailand, im Herbst 2027. Das genaue Datum wurde noch nicht veröffentlicht (Stand 21.7.2026).
Worum geht es in „Leonardo und der Norden“?
Die Ausstellung zeigt, wie sich Leonardo da Vincis Ideen zu Anatomie, Proportion, Bewegung und Malerei nach seinem Tod 1519 über seine Zeichnungen, Kopien, Manuskripte und gedruckte Traktate in Europa verbreiteten, und wie Künstler des Barock nördlich der Alpen — vor allem Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn — darauf reagierten.
Was ist der Codex Huygens?
Ein dem norditalienischen Künstler Carlo Urbino zugeschriebenes Manuskript mit Kopien und Weiterentwicklungen nach Leonardos verlorenen Zeichnungen zu Anatomie, menschlicher Proportion und Perspektive, das im 17. Jahrhundert in den Besitz des niederländischen Gelehrten Constantijn Huygens gelangte und heute in der Morgan Library, New York, verwahrt wird.
Welche Künstler des Nordens stehen im Mittelpunkt?
Vor allem Peter Paul Rubens, der Leonardos Schlacht von Anghiari und dessen Abendmahl zeichnerisch verarbeitete, sowie Rembrandt van Rijn, der 1634/35 eine große Rötelzeichnung nach Leonardos Abendmahl schuf. Auch Caravaggios Rolle als Vermittler leonardesker Naturbeobachtung wird thematisiert.
Woher stammt die Rötelzeichnung Rembrandts nach dem Abendmahl?
Das Blatt gehört zur Robert Lehman Collection des Metropolitan Museum of Art, New York (Inv.-Nr. 1975.1.794).
Weitere Beiträge zu Leonardo da Vinci
- Zur Verbreitung von Leonardos Traktat siehe Claire Farago (Hg.), Re-reading Leonardo. The Treatise on Painting across Europe, 1500–1900, Burlington 2009; sowie Mauro Pavesi, Milano, Firenze, Roma, Parigi: la diffusione del Trattato della Pittura di Leonardo, in: Pietro C. Marani, Maria Teresa Fiorio (Hg.), Leonardo. Dagli studi di proporzioni al trattato della pittura, Mailand 2007, S. 83–97.
- Erwin Panofsky, The Codex Huygens and Leonardo da Vinci's Art Theory. The Pierpont Morgan Library Codex M.A. 1139, London 1940.
- Siehe: Pavesi 2007.
- Frank Zöllner, Rubens Reworks Leonardo: ‚The Fight for the Standard', in: Achademia Leonardi Vinci 4 (1991), S. 177–190.
- Juliana Barone, Rubens and Leonardo on Motion: Figures, Inscriptions, and Texts, in: Fiorio Marani 2007, S. 441–472.
- The Metropolitan Museum of Art, New York, Rembrandt, Das letzte Abendmahl, nach Leonardo da Vinci, 1634–35, rote Kreide, 36,2 × 47,5 cm, Robert Lehman Collection, Inv.-Nr. 1975.1.794.






