0

Erwin Wurm: Performative Skulpturen Ausstellung mit deformierten Objekten im 21er Haus

Erwin Wurm 21er Haus 2017

Erwin Wurm 21er Haus 2017

Wer eine Ausstellung von Erwin Wurm (* 1954) besucht, ist darauf gewappnet, dass von ihm Körper- und Geisteseinsatz eingefordert werden wird. Im 21er Haus zeigt der österreichische Bildhauer jedoch den Werkzyklus „Performative Skulpturen“: Hierfür warf sich Wurm höchstpersönlich gegen Tonklumpen, stieg auf tönerne Möbel und sägte furios durch gestaltete Erdklumpen. Wo sind die Grenzen der Skulpturalität? So beschreibt Erwin Wurm seine nunmehr über 35-jährige Recherche zu den Ausdrucksmöglichkeiten der Bildhauerei.

House Attack! Oder: Zurück zur Handarbeit!

Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet Erwin Wurm an performativen Skulpturen, für die er Tonblöcke bearbeitete, auf ihnen herumstieg, sie mit seinem ganzen Körpergewicht bearbeitete. Eine einzige dieser Arbeiten – „Untitled“ (1995) – ist erhalten und gegossen. Jahre später griff der Bildhauer Methode und Idee erneut auf, um rohe Tonblöcke, Hausmodelle, Möbelstücke, Alltags- und Gebrauchsgegenstände im wahrsten Wortsinn zu malträtieren.

„Der körperliche Bezug ist wichtig, dass ich ein Objekt, das gerade entsteht, störe und ihm meine Form aufzwinge. Ein Objekt wird von mir zerstört oder deformiert, und dadurch entsteht etwas Neues – die performative Skulptur. Der Aspekt der Deformation mit Körpereinsatz, das hat fast etwas mit Action Painting zu tun. Und das Performative, das Vorführende, steht dabei im Zentrum.“1 (Erwin Wurm)

Der Unmittelbarkeit des Eingriffs folgt eine Verstetigung des Objekts durch den Guss. Die fragilen, nicht brennbaren Tonblöcke werden in Bronze, Aluminium, Eisen oder Polyester gegossen und dadurch der Vergänglichkeit entrissen. Erwin Wurms körperliche Aktivität beleibt nur als Spur, als Abdruck und Negativform erhalten. Video-Aufnahmen in der Ausstellung dokumentieren die Eingriffe und erlauben dem Publikum einen Blick auf den arbeitenden Künstler.

Da sich Wurm auch in dieser Serie immer wieder mit Gebäuden und Architektur im Allgemeinen auseinandersetzt (hier nun „daraufsetzt“), präsentieren Severin Dünser und Alfred Weidinger das 2016 vom Museum erworbene „Fat House“ (2003) vor dem Oberen Belvedere.

Kuratiert von Severin Dünser und Alfred Weidinger

Erwin Wurm. Performative Skulpturen: Bilder

  • Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012 © Gerald Y. Plattner
  • Erwin Wurm, Boxhandschuh, 2016, Bronzeguss patiniert, 146 x 112 x 96 cm, Courtesy König Galerie
  • Erwin Wurm, Snake, 2016, Bronzeguss patiniert, 35 x 209 x 155 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Dismiss, 2012, Aluminium, 33 x 95 x 52 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Distract, 2012, Bronze, anthrazit, patiniert, 106 x 88 x 84 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Beat and treat 16, 2012, Bronze, lackiert, 19 x 25 x 40,5 cm, Courtesy Studio Erwin Wurm
  • Erwin Wurm, Diverge, 2012, Bronze, patiniert, 57 x 96 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Fat House, 2003, Eisen, Holz, Styropor, Aluminium, Elektroinstallationen, Video auf DVD, Videoprojektion (8:40, geloopt), Lautsprecher 540 x 1000 x 700 cm (Belvedere)
  • Erwin Wurm, Fat House (innen), 2003, Eisen, Holz, Styropor, Aluminium, Elektroinstallationen, Video auf DVD, Videoprojektion (8:40, geloopt), Lautsprecher 540 x 1000 x 700 cm (Belvedere, Wien)

Weitere Beiträge zu Erwin Wurm

10. Juni 2023
Erwin Wurm, Ship of Fools, 2017

West Bretton | Yorkshire Sculpture Park: Erwin Wurm Erste Retrospektive in GB | 2023/24

Diese Ausstellung ist seine erste Museumsausstellung in Großbritannien und versammelt Skulpturen, Malerei, Fotografien, Videos und Zeichnungen, darunter eine Reihe von großen Skulpturen, die speziell für YSP geschaffen wurden.
4. April 2023
Pablo Picasso, Die orangefarbene Bluse – Dora Maar [Le corsage orange – Dora Maar], 21.04.1940, Öl auf Leinwand, 73 × 60 cm (Sammlung Würth, Foto: Volker Naumann, Schönaich © Succession Picasso/Bildrecht, Wien 2022)

Wien | Leopold Museum: Highlights der Sammlung Würth Amazing | 2023

Hans-Peter Wipplinger stellt eine für das Leopold Museum maßgeschneiderte Auswahl vom Impressionismus bis in die Kunst der Gegenwart zusammen. Obschon Malerei triumphiert wird auch die Skulptur thematisiert werden. Das Publikum darf sich freuen auf Charakteristisches von Max Liebermann, Metamalerei von Gerhard Richter bis Anselm Kiefers Aufarbeitung der Vergangenheit, österreichische Kunst der 1950er bis in die 1980er sowie einige Vertreter der französischen Avantgarde.
20. November 2022
Nicholas Nixon, The Brown Sisters, Greenwich, Rhode Island, 1980, Silbergelatinen-Abzug, 19,3 x 24,4 cm (Olbricht Collection © Nicholas Nixon, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Tübingen | Kunsthalle Tübingen: SISTERS & BROTHERS 500 Jahre Geschwister in der Kunst | 2022/23

Die Ausstellung leistet einen wichtigen Auftakt für eine längst überfällige, fundierte Analyse von Geschwistern in unserer Gesellschaft.

Aktuelle Ausstellungen

15. Oktober 2023
Rembrandt, Juno, Detail (Armand Hammer Collection, Los Angeles)

Houston | MFA: Rembrandt bis Van Gogh aus der Armand Hammer Collection

Bedeutende Kunstwerke aus vier Jahrhunderten - von Tizian über Rembrandt, die Impressionisten bis Vincent van Gogh - spiegeln die Sammelinteressen von Armand Hammer (1898–1990), dem Museumsgründer in Los Angeles, wider.
14. Oktober 2023
Hans Purrmann, Stillleben mit roter Decke, um 1909 (Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek © VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Wiesbaden | Museum Wiesbaden: Die Molls und die Purrmanns Zwei Künstlerpaare der Moderne | 2023/24

Die Ausstellung zeigt die vier Künstler:innen mit jeweils 25 Werken und spürt damit ihren Gemeinsamkeiten und Eigenständigkeiten nach. Ergänzt um ausgewählten Arbeiten von Lovis Corinth und Henri Matisse.
14. Oktober 2023
John Akomfrah, Five Mumurations (Auge), 2021, Installationsansicht Lisson Gallery

Washington | Smithsonian NMAfA: John Akomfrah Five Murmurations | 2023

John Akomfrah verarbetet in "Five Murmurations" multiple Krisen von COVID-19-Pandemie, die Black Lives Matter Bewegung, den zunehmend spürbaren Klimawandel.
  1. Zitiert nach: Erwin Wurm im Gespräch mit Alfred Weidinger, in: Erwin Wurm. Performative Skulpturen (Ausst.-Kat. 21er Haus, Wien, 2.6.–10.9.2017), Wien 2017, S. 169–179, hier S. 169.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.