0

Erwin Wurm: Performative Skulpturen Ausstellung mit deformierten Objekten im 21er Haus

Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012 © Gerald Y. Plattner

Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012 © Gerald Y. Plattner

Wer eine Ausstellung von Erwin Wurm (* 1954) besucht, ist darauf gewappnet, dass von ihm Körper- und Geisteseinsatz eingefordert werden wird. Im 21er Haus zeigt der österreichische Bildhauer jedoch den Werkzyklus „Performative Skulpturen“: Hierfür warf sich Wurm höchstpersönlich gegen Tonklumpen, stieg auf tönerne Möbel und sägte furios durch gestaltete Erdklumpen. Wo sind die Grenzen der Skulpturalität? So beschreibt Erwin Wurm seine nunmehr über 35-jährige Recherche zu den Ausdrucksmöglichkeiten der Bildhauerei.

House Attack! Oder: Zurück zur Handarbeit!

Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet Erwin Wurm an performativen Skulpturen, für die er Tonblöcke bearbeitete, auf ihnen herumstieg, sie mit seinem ganzen Körpergewicht bearbeitete. Eine einzige dieser Arbeiten – „Untitled“ (1995) – ist erhalten und gegossen. Jahre später griff der Bildhauer Methode und Idee erneut auf, um rohe Tonblöcke, Hausmodelle, Möbelstücke, Alltags- und Gebrauchsgegenstände im wahrsten Wortsinn zu malträtieren.

„Der körperliche Bezug ist wichtig, dass ich ein Objekt, das gerade entsteht, störe und ihm meine Form aufzwinge. Ein Objekt wird von mir zerstört oder deformiert, und dadurch entsteht etwas Neues – die performative Skulptur. Der Aspekt der Deformation mit Körpereinsatz, das hat fast etwas mit Action Painting zu tun. Und das Performative, das Vorführende, steht dabei im Zentrum.“1 (Erwin Wurm)

Der Unmittelbarkeit des Eingriffs folgt eine Verstetigung des Objekts durch den Guss. Die fragilen, nicht brennbaren Tonblöcke werden in Bronze, Aluminium, Eisen oder Polyester gegossen und dadurch der Vergänglichkeit entrissen. Erwin Wurms körperliche Aktivität beleibt nur als Spur, als Abdruck und Negativform erhalten. Video-Aufnahmen in der Ausstellung dokumentieren die Eingriffe und erlauben dem Publikum einen Blick auf den arbeitenden Künstler.

Da sich Wurm auch in dieser Serie immer wieder mit Gebäuden und Architektur im Allgemeinen auseinandersetzt (hier nun „daraufsetzt“), präsentieren Severin Dünser und Alfred Weidinger das 2016 vom Museum erworbene „Fat House“ (2003) vor dem Oberen Belvedere.

Kuratiert von Severin Dünser und Alfred Weidinger

 

 

Erwin Wurm. Performative Skulpturen: Bilder

  • Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012 © Gerald Y. Plattner
  • Erwin Wurm, Boxhandschuh, 2016, Bronzeguss patiniert, 146 x 112 x 96 cm, Courtesy König Galerie
  • Erwin Wurm, Snake, 2016, Bronzeguss patiniert, 35 x 209 x 155 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Dismiss, 2012, Aluminium, 33 x 95 x 52 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Distract, 2012, Bronze, anthrazit, patiniert, 106 x 88 x 84 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Beat and treat 16, 2012, Bronze, lackiert, 19 x 25 x 40,5 cm, Courtesy Studio Erwin Wurm
  • Erwin Wurm, Diverge, 2012, Bronze, patiniert, 57 x 96 cm, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac
  • Erwin Wurm, Fat House, 2003, Eisen, Holz, Styropor, Aluminium, Elektroinstallationen, Video auf DVD, Videoprojektion (8:40, geloopt), Lautsprecher 540 x 1000 x 700 cm (Belvedere)
  • Erwin Wurm, Fat House (innen), 2003, Eisen, Holz, Styropor, Aluminium, Elektroinstallationen, Video auf DVD, Videoprojektion (8:40, geloopt), Lautsprecher 540 x 1000 x 700 cm (Belvedere, Wien)

Weitere Beiträge zu Erwin Wurm

26. Juni 2018
Erwin Wurm, Gurke, Detail, 2017, Buntstift, Graphitstift, Papier (© Studio Erwin Wurm)

Erwin Wurm. Peace & Plenty Zeichnungen des österreichischen Bildhauers

Erwin Wurm zeichnet fast täglich, ob daheim oder auf Reisen. Die Zeichnungen sind Reflexion, Weltkommentar und Ideenspeicher. Thematisch gleichen sie einem Tagebuch, tauchen darin doch Menschen auf, mit denen Erwin Wurm in Kontakt ist, Künstlerfreunde, die Familie, aber auch Selbstporträts und aktuelle Projekte, seien dies Ideen zu One Minute Sculptures oder Skulpturen. Der Ausstellungstitel „Peace & Plenty“ verweist auf diese Situation – so heißt nämlich das Hotel in George Town/Great Exumas, in dem unzählige Zeichnungen entstanden – wie auf den Umfang des Konvoluts.
11. Juli 2017
Erwin Wurm, Installationsansicht MKM, Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: MKM / J. Steinicke

ERWIN WURM hoch 2 in Duisburg Befreiung der Kunst oder eine österreichische Sauerei?

Erwin Wurm stellt diesen Sommer im großen Stil in Duisburg aus. In zwei Häusern wird das „Wurmiversum“ in Form einer zusammenhängenden Überblicksschau vorgestellt. Das Lehmbruck Museum widmet sich „dem männlichen Prinzip“, während im Museum Küppersmühle der Fokus auf textilen Arbeiten und Fotografie liegt.
11. Mai 2017
Brigitte Kowanz & Erwin Wurm | Biennale 2017

Brigitte Kowanz & Erwin Wurm | Biennale 2017 Licht und Körper in Venedig

Bereits im Vorfeld warf die Entscheidung von Christa Steinle, Brigitte Kowanz und Erwin Wurm gemeinsam für die Biennale 2017 zu nominieren, Fragen auf. Zu unterschiedlich – ästhetisch wie inhaltlich – wären die beiden Positionen. Schwierig zu realisieren im ohnedies für ein Display herausfordernden Österreich Pavillon.
23. März 2017
Erwin Wurm, Ohne Titel, 2016, (unter Verwendung von: Fritz Wotruba, Liegende Figur, 1953), Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner © Bildrecht, Wien 2017.

Erwin Wurm in Graz One Minute Scultpure als Wortskulpturen

Erwin Wurms Ausstellung im Kunsthaus Graz trägt den etwas komplizierten Titel „Fußballgroßer Tonklumpen auf hellblauem Autodach“. Darunter darf man sich eine amüsant-reflexive Weiterführung Wurm’scher Signature Works und referenzgesättigter, aber auch selbstironischer Auseinandersetzung mit den Werken berühmter Vorgänger vorstellen. Das Werk „Ohne Titel“ (2016), welches das Kunsthaus Graz als Sujet der Ausstellung gewählt hat, verbindet die „Liegende Figur“ von Friz Wotruba aus dem Jahr 1953 mit einer Wurstsemmel. Des Österreichers liebstes Mittagsmahl desavouiert eine ikonische Arbeit eines Nachkriegsheroen der österreichischen Kunst? Eine ironische Geste eines Kunstverächters oder gar Kunstignoranten? Eine Persiflage auf Manets „Frühstück im Grünen“? Eine „Entsockelung“ des auratisierten Objekts??
1. März 2017
Carl Spitzweg, Der abgefangene Liebesbrief, Detail, um 1855, Öl auf Leinwand, 54,2 x 32,3 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)

Carl Spitzweg – Erwin Wurm Ausstellung über Biedermeier und Neo-Biedermeier im Leopold Museum

Carl Spitzweg und Erwin Wurm! Geht das? „Geht sogar ausgesprochen gut!“, erklärt Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums und Kurator des außergewöhnlichen Dialogs zwischen dem bayrischen Biedermeiermaler und dem Österreich-Vertreter auf der Biennale von Venedig 2017. Doch worin liegen die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden so unterschiedlichen Künstlern? Immerhin trifft biedermeierliche Gemütlichkeit auf die Neudefinition des Skulpturenbegriffs.
15. Dezember 2012
Erwin Wurm, De Profundis (Hatje Cantz)

Erwin Wurm „De profundis“ Körperbilder, Künstlerkollegen und die Gotik

Auf Einladung von Dir. Klaus-Albrecht Schröder entwickelte Erwin Wurm eine neue Werkserie, die in der Albertina erstmals präsentiert wird. Unter dem Titel „De profundis“ widmet sich der für seine One-minute-sculptures international bekannt gewordene Bildhauer dem Thema des Künstlerbildes. In 31 Selbstporträts stellt sich Wurm dem Klischee des „leidenden Künstlers“, indem er gotische Bildformeln auf sich übertrug. Diese Zeichnungen werden durch überschriebene und übermalte Fotografien von ca. 25 befreundeten Künstlerkollegen aus Wien und Umgebung ergänzt.
2. Juni 2010
Flora Neuwirth, 100 Boots / Eleanor Antin (100%y-100%m), 2003, Gummistiefel, Acryllack, Größe variabel © MUSA; Foto: Michael Wolschlager.

Positionen zeitgenössischer Skulptur in Wien Raum_Körper Einsatz im MUSA

Dem modellierten, skulpierten, abgefilmten und fotografierten menschlichen Körper widmet das MUSA eine Ausstellung unter dem Titel „raum_körper/einsatz“. Anhand der Arbeiten von 41 in Wien lebenden Künstlern stellt Kuratorin Silvie Aigner, unterstützt durch Johannes Karel, die figurative Skulptur in Österreich vor. Beginnend mit Stein- und Bronzeplastiken von Andreas Urteil über monumentale Figuren von Alfred Hrdlicka breitet die Schau ein Kaleidoskop von Möglichkeiten plastischen und skulpturalen Gestaltens von den späten 50er Jahren bis in die Jetztzeit aus.
  1. Zitiert nach: Erwin Wurm im Gespräch mit Alfred Weidinger, in: Erwin Wurm. Performative Skulpturen (Ausst.-Kat. 21er Haus, Wien, 2.6.–10.9.2017), Wien 2017, S. 169–179, hier S. 169.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.