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Jean-Honoré Fragonard Poesie und Leidenschaft

Jean-Honoré Fragonard, Die Überraschung, um 1771, Musées d’Angers © Musées d’Angers, Foto: Pierre David.

Jean-Honoré Fragonard, Die Überraschung, um 1771, Musées d’Angers © Musées d’Angers, Foto: Pierre David.

Jean-Honoré Fragonards (1732–1806) zweifellos virtuoser Umgang mit Pastell und Pinsel machen ihn zu einem Vollender des französischen Rokoko, für das eine noch nie gesehene Leichtigkeit einer malerischen Auflösung in höchst reizvoller, skizzenhafter Bravour in den Papierarbeiten sowie strahlend leuchtende Farben in Ölskizzen und Gemälden typisch ist. Die Kunsthalle Karlsruhe besitzt eine große Anzahl von Fragonards Zeichnungen, die sie als Ausgangspunkt für die erste Einzelpräsentation des französischen Rokokokünstlers in Deutschland macht.

Zu Fragonards wichtigsten Neuerungen zählen seine Pinselzeichnungen in Bister und Sepia, die durchaus als „Gemälde-Zeichnungen“ bezeichnet werden dürfen. In diesen einfarbigen Aquarellen ging er über die charakteristische Drei-Farben-Zeichnung des französische Rokoko hinaus (erfunden von Antoine Watteau. Der Zeichner); Farbe findet sich höchst selten in Fragonards Zeichnungen (→ Französische Zeichnung des Barock, Rokoko und Klassizismus).

 

 

Natur, Literatur, Empfindung

Die Ausstellung mit 80 Werken ist in drei thematische Schwerpunkte gegliedert: Natur und Geselligkeit, Sensibilität und Leidenschaft sowie Inspiration und Poesie. Fragonards Themenwahl gilt als charakteristisch für das späte 18. Jahrhundert: Landschaften und gesellig-heitere Szenen stehen neben intimen Darstellungen von großer Sinnlichkeit sowie literarischen und erzählerischen Sujets. In den Zeichnungen wird die Bravur seiner Kunst besonders spürbar.

Seit 1756, als er die erste Italienreise antrat, zeichnete Fragonard Landschaften im Freien. Das Blatt „Die Wasserfälle von Tivoli“ (1760, Musée des Arts décoratifs Marseille) zeigt die berühmten, stürzenden Wassermassen in der Nähe von Rom. Diese Blätter nutzte er im Atelier als Motivrepertoire, um seine phantasievollen, galanten Szenen meist junger, hübscher Frauen in ungezügelte Natur zu setzen. „Schattige Allee“ (1773-1774, Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris) zeigt beispielsweise hohe, knorrige Bäume, deren Kronen im Spiel von Licht und Schatten malerisch sich in die Helle des Papiers auflösen scheinen. Auf einer Parkbank rechts sitzt eine Gruppe vor einer hoch aufgerichteten Statue, während links Frauen mit Kindern und Hunden spielen. Die große Anzahl von Menschen in fast meditativer Ruhe wird einzig durch den abgebrochenen Ast im Vordergrund durchbrochen.

Die Anziehungskraft von Fragonards Kompositionen liegt dabei nicht nur in der scheinbar spielerischen Leichtigkeit von Formverteilung und ein einnehmend helles Kolorit, sondern in der präzisen Beobachtung menschlicher Emotionen. Haltungen, Blickkontakte und Gesten, wie in „Das vertrauliche Gespräch“ (um 1778–1780, Rotterdam, Boijmans Van Beuningen), spielen eine genauso große Rolle für die Bilderzählungen. Das Blatt dürfte seine Ehefrau Anne Marie Gérard bei einem intimen Gespräch in Fragonards Atelier zeigen.1

Eine Auswahl aus den 179 meisterhaften Zeichnungen zu Ariosts „Rasendem Roland“ belegt, dass sich Fragonard nicht nur mit den Alten Meistern (v.a. Tiepolo) und menschlichem Verhalten beschäftigte, sondern sich auch durch die Lektüre berühmter Texte hat inspirieren lassen. „Roger beobachtet den Kampf zwischen einem Riesen und einem Ritter“ (um 1780–1785, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe) zeigt in skizzenhafter Auflösung erst die Anlage der diagonalen Komposition, wobei der Held im Hintergrund als noch kaum definierte Figur erscheint und die beiden Kämpfenden im Vordergrund durch schwingende Linien und mit Lavierungen geschickt in ihrer Dreidimensionalität definiert werden. Roger ist in der komplexen Handlung des „Rasenden Roland“ jener afrikanische Held, der die schöne Prinzessin Angelika vor einem Meeresungeheuer rettet und ihr einen Unsichtbarkeitsring schenkt.

 

 

Liebe als umstrittenes Thema

Thematisch folgt Jean-Honoré Fragonard seinem Lehrer François Boucher (1703–1770), der von Madame de Pompadour nicht nur als Porträtist geschätzt wurde, sondern den sie auch zu sinnlich-erotisch aufgeladenen Szenen inspirierte. Diese teils kleinformatigen Kabinettbilder trafen auf reges Interesse bei einem zunehmend breiteren, kunstinteressierten Publikum. Die Visualisierung der Liebesthematik wurde von Watteau in dessen fête galante, elegant gekleidete Menschen oder Schauspieler in Kostümen tanzen, musizieren oder treiben Konversation in idyllisch verwilderten Parklandschaften, zu einem ersten Höhepunkt gebracht und von Boucher und Fragonard weitergeführt. Denis Diderot (1713–1784) verurteilte Boucher für die Wahl seiner Themen, da er eine moralisierende Historienmalerei, die den Verstand ansprechen sollte, bevorzugte.2

 

Fragonard im Karlsruher Kupferstichkabinett

Im Karlsruher Kupferstichkabinett liegen ca. 100.000 Blätter europäischer Zeichnungen und Druckgrafiken. Die Sammlungen der Markgrafen und späteren Großherzögen von Baden war der Grundstock, auf dem mit der Gründung der Kunsthalle 1837 und der Kunstschule (Akademie) 1854 aufgebaut werden konnte. Die stattliche Anzahl der Meisterblätter von Jean-Honoré Fragonard (1732–1806) wurde erst im 20. Jahrhundert mit Hilfe von Lottomitteln erworben. Sie galten den Zeitgenossen Fragonards bereits als autonome Kunstwerke und wurden gerahmt aufgehängt. Nachdem seine Gönner und Sammler jedoch durch die Französische Revolution vertrieben oder enthauptet worden waren, wurde es still um den Künstler. Erst Jahrzehnte später wurde er als Vertreter des Ancien Regime wiederentdeckt, seine herausragende Technik geschätzt und erneut gesammelt.

Kuratiert von Dr. Astrid Reuter
Die kostbaren Beständen des Karlsruher Kupferstichkabinetts werden um ausgewählte Ölstudien und Gemälde internationaler Leihgeber wie des Louvre in Paris, der Albertina in Wien, des British Museum in London und der Fundação Calouste Gulbenkian in Lissabon sowie dank privater Sammler ergänzt.

 

Verwendete Literatur

  • Martin Kemp (Hg.): Geschichte der Kunst, Köln 2003.

 

 

Biografie von Jean-Honoré Fragonard (1732–1806)

Am 5. April 1732 in Grasse als Sohn von François Fragonard und Françoise Petit geboren. Im selben Jahr wird auch sein Cousin Honoré Fragonard (13.5.1732–5.4.1799) geboren, der als Anatom vor allem für seine anatomischen Präparate im Musée Fragonard in Paris berühmt wird.)
1850 Fragonard wird drei Monate Schüler von Jean Siméon Chardin (1699–1779)
tritt in das Atelier von François Boucher (1703–1770) ein
1752 gewinnt Fragonard, der nie ein Schüler der Akademie war (!), mit dem Gemälde „Jeroboam opfert das Goldene Kalb“ den begehrten „Prix de Rome“
1753–1756 Schüler von Charles-André van Loo (15. Februar 1705–15. Juli 1765)
1756–1761 mehrjährige Italienreise: Studium der Meister des Barock sowie der Landschaft in und um Rom; Freundschaft mit Hubert Robert (22. Mai 1733–15. April 1808)
1765 erster großer Erfolg in der Pariser Salonausstellung mit „Der Oberpriester Coresos opfert sich, um Kallirhoé zu retten“ und Aufnahme in die Akademie. Das Bild wird von König Ludwig XV. erworben und in der Gobelin-Manufaktur als Tapisserie umgesetzt. Dennoch bevorzugt Fragonard eine von privaten Gönnern und Mäzenen geförderte Laufbahn jenseits der Akademie ein und bewahrt sich damit seine künstlerische Freiheit
Am 7. Juni 1769 heiratet er die Miniaturmalerin Marie-Anne Gérard (1745–1823): Seine Tochter Rosalie (1769–1788) wird sein Lieblingsmodell.
Im Oktober 1773 reist er gemeinsam mit Pierre-Jacques Onézyme Bergeret de Grancourt und seinem Sohn Pierre-Jacques Bergeret de Grancourt nach Italien.
Im September 1774 kehrt er über Wien, Prag, Dresden, Frankfurt und Strassburg wieder zurück.
Ab 1778 unterrichtet er die 14-jährige Schwester seiner Frau, Maguerite Gérard ()
1780 wird sein Sohn Alexandre-Évariste Fragonard (1780–1850) geboren, der ebenfalls Maler und Bildhauer wird.
1789 die Französische Revolution beraubt Fragonard seiner privaten Sammler und Gönner.
1790 verlässt er Paris und findet Unterschlupf bei seinem Cousin Maubert in Grasse.
Am 22. August 1806 stirbt Jean-Honoré Fragonard im Alter von 74 Jahren in Paris. Erst über ein halbes Jahrhundert später wird seine Malerei des Spätrokoko wiederentdeckt und für die Leichtigkeit seiner Pinselführung, die anmutigen Posen seiner Modelle und die intensive Lokalfarbigkeit geschätzt werden.

 

Fragonard: Bilder

  • Jean-Honoré Fragonard, Die Wasserfälle von Tivoli, 1760, © Musée des Arts décoratifs Marseille, Foto: R. Chipault / B. Soligny.
  • Jean-Honoré Fragonard, Die Überraschung, um 1771, Musées d’Angers © Musées d’Angers, Foto: Pierre David.
  • Jean-Honoré Fragonard, Schattige Allee, 1773–1774, Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris © Petit Palais / Roger-Viollet.
  • Jean-Honoré Fragonard, Das vertrauliche Gespräch, um 1778–1780, © Rotterdam, Boijmans Van Beuningen Foundation (Collection Koenigs), Foto: Studio Buitenhof, Den Haag.
  • Jean-Honoré Fragonard, Roger beobachtet den Kampf zwischen einem Riesen und einem Ritter, um 1780–1785, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

 

Fragonard. Poesie und Leidenschaft: Ausstellungskatalog

Mit Beiträgen von J. Betz, M.-A. Dupuy-Vachey, A. Eiling, Ch. Ekelhart, N. Miller, A. Reuter, D. Schäfer, M. Schieder
ca. 248 S. mit 230 farbigen Abb.
ISBN 978-3-422-07214-5
Deutscher Kunstverlag Berlin / München

  1. Während der zweiten Hälfte 1770er Jahre hielt er vermutlich auch „Marguerite Gérard (?), zeichnend“ (Albertina) fest. Fragonard hatte ihre Schwester Anne Marie Gérard 1769 geheiratet und seiner Schwägerin Marguerite Gérard (1761–1837), vermutlich auch selbst Unterricht gegeben. Marguerite war 1775 nach Paris gekommen, um ihrer elf Jahre älteren Schwester im Haushalt behilflich zu sein, wurde schlussendlich aber Schülerin und schließlich Mitarbeiterin Fragonards.
  2. Pauline Maguire: Die Malerei: Italien und Frankreich, in: Martin Kemp (Hg.): Geschichte der Kunst, Köln 2003, S. 219.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.