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Georg Baselitz in der Sammlung Essl Werke von 1968 bis 2012

Georg Baselitz 2013 im Essl Museum, Georg Baselitz 2013, bis 20.5.2013.

Georg Baselitz 2013 im Essl Museum, Georg Baselitz 2013, bis 20.5.2013.

Zum 75. Geburtstag widmet Karlheinz Essl dem deutschen Künstler Georg Baselitz (* 1938) eine Werkschau, die 44 Arbeiten der letzten 44 Jahre aus der hauseigenen Kollektion zusammenbringt. Die Zahlen wären reiner Zufall, wie der Sammler betont.

Die Ausstellung beginnt mit einem Fraktionsbild aus dem Jahr 1968 („Hockender Hund“) und endet zeitlich im letzten Jahr mit „Schon wieder eine schlechte Note“ (2012). Der Sammler vermisst selbst das Frühwerk, das er gerne gekauft hätte. Als Essl jedoch 1989 begann, internationale Kunst zu erwerben, wurden Baselitz` Werke aus den 60er Jahren nur noch teuer auf Auktionen gehandelt. So lag es auf der Hand oder in der Sammlung, keine chronologisch geordnete Retrospektive zu versuchen, sondern gemeinsam mit dem Künstler die Bilder in dialogischen Situationen zueinander zu arrangieren.

Georg Baselitz. Werke von 1968 bis 2012

Österreich / Klosterneuburg: Essl Museum
17.1. - 20.5.2013

 

Georg Baselitz, der „Picasso unserer Zeit“

Berühmt ist Georg Baselitz heute dafür, dass er ab 1969 seine Bilder auf den Kopf stellte und damit die Wahrnehmung von Malerei als Darstellungsmedium thematisierte. Für Essl ist er nicht nur deshalb, der „Picasso unserer Zeit“, denn Baselitz habe die Malerei immer wieder in Frage gestellt und neu erfunden. Seine aus dem persönlichen Erleben der Zeitgeschichte entstandenen Bildthemen würden in neuen Zusammenhängen – seit 2005 auch in neuen Versionen in der Serie „Remix“ – umgesetzt werden.

 

 

Das älteste Baselitz-Gemälde der Sammlung Essl ist „Hockender Hund“ aus dem Jahr 1968, entstanden kurz bevor der Maler ab 1969 seine Bilder auf den Kopf zu stellen begann. „Hockender Hund“ zeigt einen aggressiv knurrenden, kleinen Vierbeiner in dreimaliger Wiederholung – gebrochen durch das Weiß des Hintergrundes. Die Abbildung wird zugunsten der „abstrakten“ Qualitäten von Pinselstrich und Farbwahl zerstört. Der „Inhalt zählt überhaupt nicht mehr“, ist sich Georg Baselitz auch heute noch sicher. Jeder, so der deutsche Maler im Interview, habe eine Geschichte zu erzählen. Aber nicht nur das persönliche Erleben wird von Baselitz als Quelle seiner Kunst angegeben, vor allem die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte – Nationalsozialismus und DDR-Regime – prägen seine Bilder. Die Skulptur „Meine neue Mütze“ (2003) scheint eine Verbindung beider zu sein: Zwar präsentiert der Junge stolz seine Kopfbedeckung, hält aber hinter seinem Rücken einen Totenschädel, auf der Armbanduhr ist es vermutlich fünf vor zwölf!

 

 

„Remix“ als Selbstprüfung, das Vorbild Andy Warhol und die unumgängliche Subjektivität

Im Jahr 2005 war das Erstaunen groß, als Baselitz seine eigenen Werke noch einmal zu malen begann. Heute noch gibt er jedem den guten Rat, mit Konventionen zu brechen – und eine in der Kunstwelt fest verankerte Bestimmung scheint die Idee vom einzigartigen Original zu sein. Wiederholungen ausgeschlossen! Vorbilder für ein Prüfen der eigenen Kunst durch spätere Wiederaufnahmen fand der Maler in der Kunst in Edvard Munch und Andy Warhol. Baselitz widmet sich auf diese Weise seiner eigenen Vergangenheit, wirft einen kritischen Blick zurück auf ältere Kompositionen, mischt vier bis fünf Farben und malt sie aus dem Gedächtnis, am Boden liegend. Es handelt sich hierbei, so Baselitz, nicht um Interpretationen, sondern um neue Entwicklungen. Eines der erstaunlichsten Bilder der Essl-Ausstellung ist daher auch eine auf den ersten Blick abstrakte Komposition mit dem Titel „Schon wieder eine schlechte Note“ (2012): Dunkler Hintergrund, weiße, fette Striche wechseln mit feingliedrigem Liniengeäst, der starke Hell-Dunkel-Kontrast wird nur selten durch zartes Gelb und Blau gemildert. Umso erstaunlicher die Erklärung des Künstlers: Wenn man dieses Bild abfotografiert und die Farben digital umkehrt, dann würde das an der gegenüberliegenden Wand präsentierte Gemälde „Wieder eine schlechte Note“ (1999) „herauskommen“. So ist es dann auch! Die Probe aufs Exempel belegt nicht nur die Wiederaufnahme der gleichen Komposition, sondern auch das aktuelle Experimentieren des Künstlers mit Positiv/Negativ und sämtlichen technischen Hilfsmittel, die ihm zur Verfügung stehen.

 

 

Dass Baselitz der Meinung ist, Talent – und damit meint Baselitz, realistisch zeichnen zu können – könne zwar helfen, ein Maler müsse es aber nicht unbedingt haben, erstaunt in Anbetracht seiner mit Verve gemalten Bilder. Denn das zeigt die Ausstellung in (fast) jedem Werk, dass diese Maler mit Bravur die unterschiedlichsten Ausdrucksmodi mit entsprechenden Bildthemen zu verbinden weiß. In einem Gemälde scheint Mondrians geordnetes Rastersystem auf eine expressive Farbexplosion zu treffen. Dennoch kann man weder vom Primat des Bildthemas sprechen, noch in Baselitz einen Maler sehen, der nur die Malerei ständig neu auf den Kopf stellen möchte. Beide Qualitäten sind wohl dem Maler gleich wichtig, Inhalte und Malweisen werden aufeinander abgestimmt.

 

 

Immer wieder verweist Georg Baselitz auf Andy Warhol, wenn er entgegnet, Kunst sei nichts Objektives, nur Subjektivität zähle, oder wenn der Warhols Begeisterung für technische Hilfsmittel beim Malen erwähnt. Subjektivität und Freiheit waren in den 60er Jahren zwar die Schlagworte, mit denen Baselitz im Westen konfrontiert wurde. Die große Freiheit des Westens war für den Sachsen jedoch nur eine scheinbare. Die skandalträchtige Aufnahme seines figurativen Werks in den 60er Jahren belegt, wie eng die Grenzen des Möglichen gezogen worden waren. Daher brauchte es wohl unerbittliche Charaktere wie Baselitz (und seine Kollegen wie Gerhard Richter, Sigmar Polke (→ Sigmar Polke. Alchemie und Arabeske), Markus Lüpertz u.a.), um die heutige Freiheit in der Kunst – auch seine eigenen Bilder wiedermalen zu „dürfen“ – durchzufechten.

 

 

Georg Baselitz im Essl Museum

Die Schau beginnt mit der großen, grobschlächtig aus dem Holz gehauenen Figur „Meine neue Mütze“ (2003), die sowohl technisch als auch inhaltlich die Themen des Baselitz`schen Werkes deutlich macht: der kleine Junge mit seiner neuen Mütze hält am Rücken einen Totenschädel in den Händen, die aufgemalte Uhr zeigt kurz vor zwölf. Der Maler schafft eine Skulptur, die deutlich von der Expressivität, nahezu Brutalität ihrer Bearbeitungsspuren durch die Motorsäge lebt. Einfach aus dem Baumstamm rausgehauen! Dem steht auf dem ersten Blick der dargestellte kleine Bub, schelmisch lächelnd, inhaltlich diametral gegenüber. Zudem bemalt Baselitz die Skulptur, war zumindest bis vor ein paar Jahrzehnten noch zum Aufschrei und zum Einfordern der sog. „Materialgerechtigkeit“ geführt hätte. Eine Verbundenheit mit den bildhauerischen Werken von Ernst Ludwig Kirchner ist zu vermuten. Genauso grobschlächtig, könnte man meinen, sind die jüngeren Gemälde Baselitz` gestaltet: „Schigago“ (2007) und „Wieder eine schlechte Note“ (1999) sind mit größerer Freiheit auf die Leinwände gesetzt als noch „Fingermalerei – Akt“ (1972). Der Vergleich hinkt so sehr, dass man meinen könnte, zwei verschiedene Maler vor sich zu haben. Es geht mitnichten um Harmonie oder gar Symmetrie, wann immer sie auftauchen werden sie sofort wieder in Frage gestellt. Zwar wirkt der „hockende Hund“ wie aus einem Musterbuch für Tapeten kopiert, der Rapport angedeutet aber „schief“ wiedergegeben – aber wer würde sich diese bissige Töle hundertfach an die Wand kleben? Passend dazu aus der Remix-Serie „Vier Streifen Jäger“ (2007) aber auch „Vorwärts im Wind“ (2007). Keine chronologische Schau zu versuchen, war sicherlich eine kluge Entscheidung - unabhängig von den Lücken in der Sammlung. Das Durchmischen der Bilder und das assoziative Hängen machen die stilistischen Sprünge im Werk noch deutlicher. Immer aber geht es um die Frage der Malerei und ihren Möglichkeiten, vor allem aber immer wieder um das Einreißen von sicher geglaubten Grenzen wie zwischen Figuration und Abstraktion.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.