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Georg Herold im Kunstmuseum Bonn Я не понимаю. Über das Verstehen von Kunst

Georg Herold, Kulturgut, 1990, Bimssteine, Holzstühle, zersägt, montiert, 68 x 522 x 97 cm (Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Georg Herold, Kulturgut, 1990, Bimssteine, Holzstühle, zersägt, montiert, 68 x 522 x 97 cm (Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Zehn Jahre sind seit der letzten institutionellen Einzelpräsentation des Künstlers ins Rheinland gezogen.1 Doch das Warten hat sich gelohnt: das Kunstmuseum Bonn eröffnet, beinahe als nachträgliches Geburtstagsgeschenk an den seit diesem Sommer 70-jährigen Künstler Georg Herold (*1947 in Jena), eine sieben Räume umfassende Schau, die einen Besuch lohnt. Es ist erfrischend, dass zahlreiche aktuelle Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sind – und ein für ihn neues Medium: die Fotografie.

Я не понимаю

Kunst ist nicht dazu da, um verstanden zu werden. Als inhaltliche Öffnung versteht der Künstler die kyrillischen Titel seiner jüngsten Fotografien, welche als Kommentare zu den Gemälden, Skulpturen und Installationen fungieren.

Für Herold, der über Russisch-Grundkenntnisse verfügt, ist primär die Lautmalerei der Titel von Interesse. Er distanziert sich damit bewusst von der gegenseitigen Bezugnahme von Arbeit und Titel, wie dies bei seinen älteren Arbeiten der Fall war. Die Befreiung funktioniert allerdings nur bedingt – denn die kyrillischen Titel verorten die Fotografien zumindest in einen kulturellen Kontext. Aus der ursprünglichen Distanzierung wird eine Annäherung. Tatsächlich sorgen die feinen Beobachtungsfotos von Raupenkolonien, WC-Selfies, Baumkronen und Barszenarien für einen zeitgenössischen Smartphone-Foto-Geist in der Ausstellung. Die Auswahl der Fotos in den jeweiligen Räumen erfolgt laut Künstler über Formanalogien, welcher eine Banalisierung der Form vorausgeht.

 

Gesehen. Gelesen. Verstanden. Abgehackt.

In der Vergangenheit waren die (Unter-)titel von Georg Herolds Arbeiten oft genauso bedeutsam wie deren physische Präsenz. Die Titel drängten die Interpretation geradezu in eine bestimmte Richtung. In der großen Leinwandarbeit „Ohne Titel (Nur nichts anbrennen lassen)“ (1990) wird dies beispielhaft sichtbar: die obere Kante der mit Erdöl bemalten Leinwand aus Bettlaken ist mit gehäkelten Topflappen, wie mit einer Spitzenbordüre, gerahmt. Zahlreiche Interpretationen drängen sich angesichts der Informationen, die das Schild neben der Arbeit trägt auf: Titel, Entstehungsjahr, Technik. Sie bringen den von Herold als sehr problematisch empfundenen Prozess des Museumsbesuchers in Gang: Gesehen. Gelesen. Verstanden. Abgehackt.

Analogien und Referenzen zu anderen Künstlerkolleginnen und –kollegen führen bewusst in die Irre und nicht zu einem besseren Verstehen. Wenn seine Vitrinenarbeiten in Bezug gebracht werden mit Joseph Beuys oder eine Anordnung von Betonsteinen als Referenz auf Donald Judd gedeutet wird, so wird man damit auf den falschen Pfad gelockt. Aber wie der Künstler selbst anmerkt:

 

„Solange man auf falschen Pfaden unterwegs ist, ist alles erlaubt. Je mehr Informationen man gibt, desto uninteressanter wird es.“ (Georg Herold, Pressekonferenz, 19.9.2017)

 

Dummes Material und Materialstresstest

Seit Jahrzehnten verwendet Georg Herold „ungehobelte und dumme“ Materialien, die keine Fragen aufwerfen – bewusst spricht er nicht von armen Materialien, um nicht die Tür zu öffnen für eine Interpretation in Richtung Arte Povera. Dachlatten, Ziegel, Bimssteine, Nägel, Knöpfe, Nylonstrümpfe und ja, Kaviar. Auf den ersten Blick merkwürdige Verbindungen ergeben sich dadurch. Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn, spricht folgerichtig von der scheinbaren „Unvereinbarkeit von Material“, die Herolds Arbeiten überwinden, wenn wie bei „Rumsfeld“ von 2004 acht Ziegelsteine zentral zu einem Quadrat angeordnet auf eine Leinwand appliziert sind, und ihr Gewicht tiefe Falten in der Leinwand wirft. Die Arbeit lotet die Grenze zwischen „es geht gerade noch“ und „es geht nicht mehr“ haarscharf aus. Der Materialstresstest wird auch am „Tisch“ von 1994 gut erkennbar: Das Gewicht von 22 großen Bimssteine drückt Dachlatten gen Boden und verbiegt sie bis an ihre Bruchgrenze.

 

Bunte, ausgemergelte Yogis aus Dachlatten

An die Biegsamkeitsgrenze scheint auch die Werkgruppe der figuralen Skulpturen in Giacometti-Schlankheit zu gehen. In bunten Farben räkeln und stecken sie sich nebeneinander aufgesockelt im ersten Raum der Ausstellung. Wie eine Reihe ausgemergelter Yogis, die in verdrehten Positionen Entspannung und Befreiung von der westlichen Welt suchen. Wirklich entspannt wirken die Figuren in ihrer Verrenkung allerdings nicht. Bei genauerem Betrachten werden wiederum die kleinen Holzlatten als Grundelement der Skulpturen erkennbar. Die klein zugeschnittenen Stücke sind mit Nägeln aneinander befestigt und scheinen wie ein Gerippe durch die Nylonstoffe, die sie umhüllen, teils trägt der Künstler eine glänzende bunte Lackschicht darüber auf, wodurch die Figuren wirken als ob sie einen Latexanzug tragen würden. Die Nähe zum Fetisch ist nicht zu leugnen. Die Nahtstellen, an denen die Stoffe verbunden werden, bleiben weiterhin sichtbar, selbst wenn Georg Herold die Skulpturen anschließend in Bronze gießt.

 

Technik: Kaviar, Acryl und Lack auf Leinwand

In einer unbetitelten Arbeit von 2011 hat Herold für eine großformatige 3-teilige Leinwandarbeit etwa 5 Kilo Beluga-Kaviar verarbeitet. Diesen hat er mit Acryl gemischt und geradezu aktionistisch mit einstudierter Schütttechnik in fünf großen, vertikalen Wellen auf die Leinwand aufgetragen. Als ob es jedem potentiellen Belugastör Tribut zu zollen gilt, wurde jedes Ei mit einer Nummer versehen, die winzig klein, wie ein Schatten neben die geschüttete Form geschrieben steht. Ob es dafür ein Referenzsystem gibt oder ob die Nummerierung eine Reihenfolge hat, ist nicht klar und auch nicht relevant.

 

Empfehlung für einen Selbstversuch

Versuchen Sie bei diesem Ausstellungsbesuch doch mal ganz bewusst, sich von den zahlreichen Kunstreferenzen, die im Kopf so herumschwirren, zu befreien. Falls im Laufe der Ausstellung eine Assoziation in Ihrem Kopf auftaucht, lehnen Sie diese ab, befreien Sie sich von ihr. Damit kann der Besuch dieser Ausstellung zu einem komplett neuen Erlebnis werden. Im Ende kann man sich von den Yogi-Skulpturen vielleicht eine Scheibe abschneiden. Man muss nicht immer alles bis ins letzte Detail verstehen: Наслаждайтесь выставкой!

Kuratiert von Dr. Volker Adolphs und Prof. Dr. Stephan Berg

 

GEORG HEROLD. Da wo die ... /where the: Ausstellungskatalog

Volker Adolphs, Stephan Berg (Hg.)
176 Seiten, mit 166 farbigen Abbildungen
ISBN 978-86442-224-9
Snoeck Verlag, Köln
€ 39,80 €

 

Biografie von Georg Herold

Georg Herold wurde 1947 in Jena geboren und war von 1977 bis 1983 Schüler von Sigmar Polke an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Zu seinen Kommilitonen zählten unter anderem Martin Kippenberger (→ Martin Kippenberger: XYZ), Albert Oehlen und Werner Büttner, welche wie Herold in den 80er Jahren als „Neue Wilde“ gefeiert wurden. Mit einer guten Portion Ironie und Sarkasmus erteilten Sie den intellektuellen Avantgarde-Künstlern eine Absage und setzten sich kritisch mit dem Kunstmarkt auseinander. Arbeiteten die „Neuen Wilden“ noch primär im Medium der Malerei (→ Neue Wilde | Junge Wilde), so löste sich Georg Herold bald von der „Gruppe“ und deren medialer Einschränkung. Herolds eigenständiges Werk beinhaltet Malerei, Skulpturen, Installationen, Alltagsobjekte und Texte.

1986 kombinierte Herold ein großformatiges, graues Leinwandbild, das auf zwei Holzkeilen aufgebockt ist und an die Wand gelehnt, mit einem kleinen Karton, auf dem handschriftlich geschrieben steht: „Bin eben Zigaretten holen“. Ist das Bild noch nicht fertig installiert? Soll es noch aufgehängt werden? Die Installation hält diesen Moment kurz vor Fertigstellung der (scheinbar) optimalen Präsentation fest und hinterfragt Mechanismen der Ausstellungspraxis. Jüngere Arbeiten ohne Titel von 2010/11 zeigen weibliche figurale Skulpturen in Giacometti-Schlankheit, welche sich in Liegepositionen räkeln und in grellen Farben ausgeführt sind. Herold spielt mit der Erfahrung und Erwartungshaltung der Betrachter und führt sie mit seinen Werken ad absurdum.

1947 Georg Herold wurde am 26. Juli 1947 in Jena (Thüringen) geboren.
1966    Facharbeiterbrief Konstruktionszeichner, Weimar
1966-67 Mathematikstudium, Friedrich-Schiller-Universität Jena
1967–1969 Ausbildung zum Kunst- und Bauschlosser, Eisenach
1969–1973 Kunststudium an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design, Halle/Saale
1973 Fluchtversuch; nach neun Monaten Haft Freikauf durch die BRD
1974–1976 Studium an der Akademie der Bildenden Künste München
1976–1982 Studium an der Hochschule für bildenden Künste Hamburg bei Franz Erhard Walther und Sigmar Polke
1979–1982 Bühnenbildassistenz und Bühnenbildner an der Schaubühne, Berlin; Bühnenbildner am Schillertheater, Berlin
1983 Umzug nach Köln
1992–2001 Visiting Artist an De Ateliers, Amsterdam
1997 Günter-Fruhtrunk-Preis der Akademie der Bildenden Künste München
1993–1999 Professur an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, Frankfurt am Main
1999–2014 Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf
Georg Herold lebt und arbeitet in Köln.

 

Georg Herold: Bild

  • Georg Herold, Kulturgut, 1990, Bimssteine, Holzstühle, zersägt, montiert, 68 x 522 x 97 cm (Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen)
  1. 2007/08 im Museum Ludwig in Köln unter dem Titel „wo man kind“.
Nora Höglinger
* 1987 in Rohrbach/OÖ, Studium der Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Paris. Seit 2009 im Bereich der zeitgenössischen Kunst tätig. Publikationen u.a. für die Sammlung Verbund Wien, BOZAR Brüssel, Hamburger Kunsthalle und Kunst im öffentlichen Raum Wien. Lebt und arbeitet als freie Autorin in Köln.