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Paula Modersohn-Becker: Biografie Lebenslauf und Werke der berühmten deutschen Malerin

Portrait der Künstlerin Paula Modersohn-Becker in der Veranda ihres Hauses, Detail, 1901, Foto: Atelier Schaub, Hamburg (Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen)

Portrait der Künstlerin Paula Modersohn-Becker in der Veranda ihres Hauses, Detail, 1901, Foto: Atelier Schaub, Hamburg (Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen)

Paula Modersohn-Becker (1876–1907) gilt als eine Wegbereiterin der Klassischen Moderne und des Expressionismus in Deutschland. Mit ihrem kompromisslosen Werk wandte sie sich von der stimmungsvollen Landschaftsmalerei der Worpsweder Künstlerkolonie – und damit auch vom Werk ihres Ehemanns Otto Modersohn (1865–1943) – ab, um sich der „Einfachheit“ der Formen zu widmen. Inspirationen dafür fand sie in ägyptischen Mumienporträts, der Malerei der Klassischen Moderne in Paris. In weniger als 14 Jahren Arbeit schuf Paula Modersohn-Becker 750 Gemälde, etwa 1.000 Zeichnungen und 13 Radierungen.

Hermine Paula Becker kam am 8. Februar 1876 als drittes von sieben Kindern des Bau- und Betriebsinspektors der Berlin-Dresdner Bahn Carl Woldemar Becker (1841–1901) und dessen Ehefrau Mathilde Becker (1852–1926) in Dresden zur Welt. Die Familie übersiedelte 1888 nach Bremen, wo sie sich am literarischen und künstlerischen Leben der Stadt beteiligte.

 

Ausbildung

Mit 16 Jahren hielt sich Paula Becker sieben Monate in England bei ihrer Tante väterlicherseits auf (1892). Hier erhielt sie ersten Zeichenunterricht nach Gipsmodellen in der St. John's Wood Art School. Auf Wunsch des Vaters besuchte Paula Becker das Lehrerinnenseminar in Bremen (1893–1895). Ihr Interesse für Kunst wurde beim gleichzeitigen Mal- und Zeichenunterricht bei dem Bremer Maler Bernhard Wiegand gestillt.

Nach Abschluss der Lehrerinnenausbildung durfte sich Paula Becker ab April/Mai 1896 an einem Kurs der Zeichen- und Malschule des „Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“ einschreiben. Im Oktober begann sie eine eineinhalbjährige Ausbildung (Porträt, Akt, Landschaft). Im Herbst 1897 besuchte sie erstmals die Künstlerkolonie Worpswede und stellte auf der Ausstellung der Malschule in Berlin erstmals mit aus. Der Besuch von Galerien und Ausstellungen wie der „Internationalen Kunst-Ausstellung“ in Dresden 1897 brachte ihr die internationale Avantgarde näher. Nach Abschluss ihres Studiums in Berlin (Mai 1898) zog Paula Becker im September 1898 nach Worpswede, wo sie vom Figurenmaler Fritz Mackensen unterrichtet wurde. In diesen Jahren entstanden vor allem lebensgroße, schonungslos naturalistische Zeichnungen.

 

Reisen nach Paris – Malen in Worpswede

Zur Fortbildung hielt sich Paula Modersohn-Becker zwischen 1900 und ihrem frühen Tod 1907 vier Mal in Paris auf. Zum ersten Mal reiste sie 1900 in die Kunstmetropole an der Seine. Hier traf sie Clara Westhoff, die an der von Auguste Rodin eingerichteten Bildhauerschule arbeitete. Paula Becker schrieb sich an der privaten Académie Colarossi bei Gustave Courtois, Raphael Collin und Louis-Auguste Giradot ein, zudem besuchte sie die kostenlosen Anatomiestunden an der École des Beaux-Arts.

Ende Juni 1900 kehrte die Kunststudentin wieder nach Worpswede zurück, wo sie sich am 12. September mit Otto Modersohn verlobte. In diesem Jahr schuf Paula Modersohn-Becker hauptsächlich Landschaften. Die Hochzeit folgte am 25. Mai 1901. Anfang des Jahres hatte sich Paula Becker noch in Berlin aufgehalten, um kochen zu lernen, wie es sich ihre Eltern gewünscht hatten. Bis Anfang Februar 1903 hielt sich Paula Modersohn-Becker in Worpswede auf. Nun beschäftigte sie sich hauptsächlich mit Figurengruppen vor einer Landschaft. Manchmal malte sie neben Otto Modersohn vor dem selben Motiv.

Die zweite Paris-Reise fand zwischen dem 8./9. Februar und dem 18. März 1903 statt. Auch diesmal belegte Paula Modersohn-Becke Aktzeichnen an der Académie Colarossi. Gemeinsame Ausstellungsbesuche mit dem Ehepaar Rilke und tägliches Zeichnen im Louvre vervollständigten den Tagesablauf. Während ihres zweiten Paris-Aufenthalts wandte sich Paul Modersohn-Becker neben Rembrandt van Rijn und Paolo Veronese vor allem der Antike: wichtige Einflüsse empfing sie von den so genannten Tanagra-Figuren und Fayum-Porträts. Zurück in Worpswede entstanden Bildnisse und Mutter-und-Kind-Darstellungen.

1904 zog sich Paula Modersohn-Becker weitgehend von den Worpsweder Malerkollegen zurück. Die dritte Paris-Reise brachte für sie wichtige Impulse. Vom 14. Februar bis zum 7. April 1905 malte die junge Deutsche Akte in der Académie Julian. Die Pariser Avantgarde studierte sie sowohl bei Atelierbesuchen wie auf Ausstellungen, darunter die Eröffnung des Salons des Indépendants mit Werken von Henri Matisse, den Künstlern des Fauvismus sowie Retrospektiven mit Gemälden von Georges Seurat und Vincent van Gogh. In der Folge entdeckte Paula Modersohn-Becker das Stillleben für sich. Erste Kontakte mit dem Ehepaar Osthaus und dem Museum Folkwang Ende des Jahres 1905 führten Paula Modersohn-Becker mit rezent entstehenden Sammlungen der Moderne in Deutschland zusammen.

Der vierte Aufenthalt in Paris dauerte von 23. Februar 1906 bis März 1907. Anfangs stand die Abreise unter keinem guten Stern: Paula Modersohn-Becker wollte sich von Otto Modersohn trennen. Einerseits hatten ihre Freunde, darunter Rainer Maria Rilke, ihr Mut gemacht, sich als Malerin zu behaupten. Andererseits sah sie im Herbst 1906 ein, dass sie sich als Künstlerin finanziell nicht alleine über Wasser halten könnte. Besuche von Ausstellungen (Courbet, Manet, Redon, Denis, Bonnard, Vallotton, Vuillard) und Anatomie- bzw. Aktkursen an der École des Beaux-Arts brachten sie in diesen Monaten weiter. Paula Modersohn-Becker besuchte auch die Enthüllung von Auguste Rodins „Denker“ vor dem Panthéon. In diesem Jahr malte Paula Modersohn-Becker eine Reihe von Selbstporträts, die zu den außergewöhnlichsten Darstellungen einer Künstlerin im frühen 20. Jahrhundert gehören.

Im September 1906 änderte Paula Modersohn-Becker ihre Ansicht über die Trennung von Otto Modersohn und bat ihren Mann, zu ihr nach Paris zu kommen. Otto Modersohn traf Ende Oktober in Paris ein, um mit Paula gemeinsam den Winter in Frankreich zu verbringen.

Die Rückkehr nach Worpswede ist am 31. März 1907. Paula Modersohn-Becker war schwanger und konnte daher nicht mehr so viele Stunden durchgehend an der Staffelei stehen und arbeiten. Am 2. November 1907 brachte sie ihrer Tochter Mathilde zur Welt. Die Geburt war so schwer, dass Paula Modersohn-Becker zur Bettruhe gezwungen war. Am 20. November 1907 durfte sie erstmals wieder aufstehen. Noch am gleichen Tag verstarb Paula Modersohn-Becker im Alter von 31 Jahren an einer Embolie. Otto Modersohn überlieferte, dass ihr letzter Seufzer ein „Wie schade!“ gewesen wäre.

 

Ehe

  • Otto Modersohn (1865–1943): 25.5.1901

 

Kind

  • Mathilde (2.11.1907–26.8.1998): Sozialarbeiterin, gründete 1978 die Paula Modersohn-Becker Stiftung

 

Künstlerfreunde und Künstlerkollegen

 

Künstlerische Vorbilder

 

Biografie von Paula Modersohn-Becker (1876–1907)

  • 8. Februar 1876

    Am 8. Februar 1876 wurde Hermine Paula Becker als drittes von sieben Kindern des Bau- und Betriebsinspektors der Berlin-Dresdner Bahn Carl Woldemar Becker (1841–1901) und dessen Ehefrau Mathilde Becker (1852–1926) in Dresden geboren.
  • 1888

    Übersiedlung der Familie nach Bremen, wo die Familie sich am literarischen und künstlerischen Leben der Stadt beteiligte.
  • 1892

    Paula Becker hielt sich sieben Monate in England bei ihrer Tante väterlicherseits auf. Erster Zeichenunterricht nach Gipsmodellen in der St. John's Wood Art School bei dem Lehrer Ward.
  • 1893-1895

    Besuch des Lehrerinnenseminars in Bremen auf Wunsch des Vaters, das sie am 18. September 1895 abschloss. Bei dem Bremer Maler Bernhard Wiegand nahm sie Mal- und Zeichenunterricht.
  • 1895

    Besuch der ersten Ausstellung der Worpsweder Maler in der Bremer Kunsthalle. In einem Brief erwähnte Paula Becker die Künstler Fritz Mackensen, Otto Modersohn (1865–1943) und Heinrich Vogeler.
  • 1896

    Umzug nach Berlin, wo sie im April/Mai an einem Kurs der Zeichen- und Malschule des „Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“ teilnahm. Im Oktober begann sie eine eineinhalbjährige Ausbildung (Porträt, Akt, Landschaft). Im Sommer Reise nach Hindelang mit Aufenthalt in München, wo Paula Becker die Pinakothek und die Schack-Galerie besuchte.
  • 1897

    Malte überwiegend Porträts. Häufige Besuche von Kunstausstellungen bei Schulte, Gurlitt und Keller & Reiner sowie im Kupferstichkabinett, wo sie u. a. Edvard Munch, Zeichnungen von Michelangelo, Sandro Botticellis Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie sah. Entwarf Titelblätter für die Zeitschrift „Jugend“; die jedoch nicht gedruckt wurden. Ende Juli bis Ende August Aufenthalt in Worpswede (gemeinsam mit der Malfreundin Paula Ritter). Anfang Oktober reiste Paula Becker nach Dresden, um die "Internationale Kunst-Ausstellung" mit Werken von Monet, Pissarro, Simon, Sisley, Böcklin, Hodler, Kalckreuth, Leibl, Liebermann, Meunier und den Worpsweder Malern zu sehen. Ende Oktober erste Beteiligung an der Ausstellung der Malschule. Anfang Dezember reiste sie für eine Hochzeit nach Wien, wo sie die kaiserliche Sammlung (heute: Kunsthistorisches Museum) und die Liechtenstein-Galerie besuchte: Moretto, Tizian, Peter Paul Rubens, Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Holbein, Leonardo da Vinci und Anthonis van Dyck beeindruckten sie besonders.
  • 1898

    Fortsetzung ihres Studiums in Berlin. Ausstellungsbesuch im Lichthof des Kunstgewerbemuseums mit Künstlerlithografien. Besuchte Max Klinger in dessen Leipziger Atelier (April). Ende Mai Abschluss des Studiums. Übersiedelung nach Worpswede im September, Unterricht bei Fritz Mackensen, lebensgroße Kohle- und Rötelzeichnungen.
  • 1899

    Lebensgroße Zeichnungen und Skizzenbücher mit Landschaften, Figurenstudien und Kompositionsentwürfe. Las viel, v. a Jacobsen und Ibsen. Reise in die Schweiz (August). Stellte gemeinsam mit Marie Bock und Clara Westhoff in der Bremer Kunsthalle aus (Dezember).
  • 1900

    Erste Reise nach Paris, wo sie mit Clara Westhoff zusammentraf, die an der von Auguste Rodin eingerichteten Bildhauerschule arbeitete. Paula Becker studierte an der privaten Académie Colarossi bei Gustave Courtois, Raphael Collin und Louis-Auguste Giradot, besuchte auch die kostenlosen Anatomiestunden an der École des Beaux-Arts. Paula Becker gewann den concours (Wettbewerb) des Semesters. Sie entdeckte die Gemälde von Paul Cézanne, besuchte häufig den Louvre. Lernte Emil Nolde und die Dachauer Malerin Emmi Walther kennen. Besuch der Weltausstellung und des Skulpturenpavillons von Rodin am Pont de l'Alma. Besuch von Otto Modersohn, Fritz und Hermine Overbeck und Marie Bock im Juni. Während dieses Paris-Besuchs verstarb Hermine Modersohn in Worpswede. Ende Juni Rückkehr nach Worpswede. Am 12. September verlobte sich Paula Becker mit Otto Modersohn. Malte in diesem Jahr hauptsächlich Landschaften.
  • 1901

    Jänner und Februar in Berlin, um, dem Wunsch ihrer Eltern entsprechend, kochen zu lernen. Kurzer Besuch in Dresden und Rückkehr nach Worpswede am 9. März. Hochzeit mit Otto Modersohn (25.5.), der eine dreijährige Tochter namens Elisabeth in die Ehe mitbrachte. Tod des Vaters (30.11.).
  • 1902

    In ihren Gemälden beschäftigte sie sich hauptsächlich mit Figurengruppen vor einer Landschaft. Malte neben Otto Modersohn vor dem selben Motiv.
  • 1903

    Zweite Paris-Reise (8./9.2.–18.3.): Aktzeichnen an der Académie Colarossi, gemeinsame Ausstellungsbesuche mit dem Ehepaar Rilke, tägliches Zeichnen im Louvre. Hier wandte sie sich neben Rembrandt und Veronese vor allem der Antike zu. Erwähnte die Tanagra-Figuren, Fayum-Porträts. Nach einem Besuch des Musée du Luxembourg erwähnte sie Manets „Olympia“ und „Der Balkon“ sowie Renoir, Zuloaga, Cottet und Degas. Besuchte Rodins Atelier und seinen Pavillon in Meudon. Zurück in Worpswede entstanden Bildnisse und Mutter-und-Kind-Darstellungen. Sommer auf Amrum (9.7.–5.8.). Im Winter malte sie nur wenige Bilder, sondern las viel französische Literatur.
  • 1904

    Weitgehender Rückzug von den Worpsweder Malerkollegen. Sommerreise mit Otto Modersohn über Berlin nach Dresden, Kassel und Braunschweig (Rembrandt) (7.–18.7.).
  • 1905

    Dritte Paris-Reise (14.2.–7.4.) Paula Modersohn-Becker malte ein Monat lang Akt in der Académie Julian. Atelierbesuche bei den "Nabis" Vuillard und Denis. Sah Skulpturen von Aristide Maillol. Nahm an der Eröffnung des Salons des Indépendants teil, wo Paula Modersohn-Becker Werke von Matisse, den Künstlern des Fauvismus sowie Retrospektiven mit Gemälden von Seurat und Vincent van Goghs. Otto Modersohn, Milly Becker sowie Martha und Heinrich Vogeler kamen von 29. März bis 7. April nach Paris. Gemeinsam sahen sie die Gauguin-Sammlung von Gustave Fayet und den Pavillon Rodins in Meudon. Gemeinsame Rückreise nach Worpswede. Im November Reise nach Soest, Münster und Hagen, wo sie das Ehepaar Osthaus und das Museum Folkwang besuchten. Paula Modersohn-Becker widmete sich verstärkt dem Stillleben. Rilke kaufte das Bild "Säugling mit der Hand der Mutter". Traf auf Einladung von Carl Hauptmann des Soziologen Werner Sombart und Otto Mueller.
  • 1906

    Besuchte in Berlin das Kaiser-Friedrich-Museum und die Jahrhundertausstellung deutscher Kunst (1775–1875). Vierte Paris-Reise (23.2.1906–31.3.1907), wollte sich von Otto Modersohn trennen. Besuch von Ausstellungen (Courbet, Manet, Redon, Denis, Bonnard, Vallotton, Vuillard) und Anatomie- bzw. Aktkursen an der École des Beaux-Arts. Besuchte die Enthüllung von Rodins "Denker" vor dem Panthéon. Ostern in Saint-Malo in der Bretagne. Lernte das Ehepaar Hoetger kennen. Porträtierte Rainer Maria Rilke (13.5.–2.6.). Besuch von Otto Modersohn (2.8.). Atelierbesuch bei Henri Rousseau. Paula Modersohn-Becker malte eine Reihe von Selbstporträts. Im September änderte sie ihre Ansicht über die mögliche Trennung von Otto Modersohn. Ihr Mann kam Ende Oktober zurück nach Paris, um hier über den Winter zu bleiben. Teilnahme an der Gruppenausstellung der Worpsweder Künstler in der Bremer Kunsthalle, die anschließend bei Gurlitt in Berlin zu sehen war. Weihnachten in Bremen.
  • 1907

    Rückkehr nach Worpswede (31.3.). Anfang Juli besuchte sie das Ehepaar Hoetger im westfälischen Holthausen. Geburt ihrer Tochter Mathilde (2.11.).
  • 20. November 1907

    Am 20. November 1907 starb Paula Modersohn-Becker im Alter von 31 Jahren an einer Embolie.
  • 1927

    Eröffnung des Paula Modersohn-Becker Museums als weltweit erstes Museum für eine weibliche Kunstschaffende.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.