Paula Modersohn-Becker

Wer war Paula Modersohn-Becker?

Paula Modersohn-Becker (1876-1907) war eine deutsche Malerin und Vorläuferin des Expressionismus. Ihr Werk gilt sowohl aus sozialer wie formaler Sicht als wegbereitend für die Moderne in Deutschland, denn stets war die Künstlerin auf der Suche nach der „großen Einfachheit der Form“ und dem lebendigen Ausdruck der Farbe. In den ägyptischen Mumienporträts aus dem Louvre (1.-4. Jahrhundert) fand sie diesen genauso wie in den Gesichtern alter Bäuerinnen und junger Kinder im niedersächsischen Worpswede. Darüberhinaus hielt sich die Malerin in einem revolutionären Selbstbildnis nackt fest.

Nach der Geburt ihrer Tochter starb Paula Modersohn-Becker im Alter von 31 Jahren. Ihr Werk besteht aus rund 750 Gemälde und etwa 1.000 Zeichnungen. Akzeptiert, sogar bewundert wurde sie nur von Künstlern, die sie genau kannten und beobachteten: neben ihrem Mann, dem Maler Otto Modersohn, waren das zuerst Heinrich Vogeler (1872–1942) und Rainer Maria Rilke (1875–1926).

 

Ausbildung

Hermine Paula Becker kam am 8. Februar 1876 als drittes von sieben Kindern des Bau- und Betriebsinspektors der Berlin-Dresdner Bahn Carl Woldemar Becker (1841–1901) und dessen Ehefrau Mathilde Becker (1852–1926) in Dresden zur Welt. Die Familie übersiedelte 1888 nach Bremen, wo sie sich am literarischen und künstlerischen Leben der Stadt beteiligte.

Mit 16 Jahren hielt sich Paula Becker sieben Monate in England bei ihrer Tante väterlicherseits auf (1892). Hier erhielt sie ersten Zeichenunterricht nach Gipsmodellen in der St. John's Wood Art School. Auf Wunsch des Vaters besuchte Paula Becker das Lehrerinnenseminar in Bremen (1893–1895). Ihr Interesse für Kunst wurde beim gleichzeitigen Mal- und Zeichenunterricht bei dem Bremer Maler Bernhard Wiegand gestillt. Während dieser Phase weisen Modersohn-Beckers Werke eine stilistische Nähe zur impressionistischen Malerei auf.

Paula Becker wandte sich im Jahr 1893 dem Selbstporträt zu. Kurz zuvor war ein Porträtversuch mit einem Bekannten der Familie gescheitert. Ihre frühesten Versuche zeigen, wie sehr sie noch nach einer naturgetreuen Wiedergabe strebte. Rasch lotete sie in Kohle, Rötel, Pastell und Ölfarben technische wie stilistische Möglichkeiten aus. Bis 1907 folgten weitere etwa 60 gezeichneten und ab 1897/98 gemalten Selbstbildnisse (→ Bremen | Paula Modersohn-Becker Museum: Paula Modersohn-Becker. Selbstbildnisse).

„Nun habe ich es an mir, die Leute nicht gerade zu idealisieren, vielmehr das Gegenteil. So hab ich Herrn Bischoff so ein wütendes Beamtengesicht gemacht, daß dieser mit rachsüchtigen Gedanken von uns schied. Seitdem zeichne ich mein teures Spiegelbild, und das ist wenigstens tolerant.“1 (Paula Becker in einem Brief an Kurt Becker, 26.4.1893)

Nach Abschluss der Lehrerinnenausbildung durfte sich Paula Becker ab April/Mai 1896 an einem Kurs der Zeichen- und Malschule des „Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“ einschreiben. Im Oktober begann sie eine eineinhalbjährige Ausbildung (Porträt, Akt, Landschaft). Im Herbst 1897 besuchte sie erstmals die Künstlerkolonie Worpswede und stellte auf der Ausstellung der Malschule in Berlin erstmals mit aus. Der Besuch von Galerien und Ausstellungen wie der „Internationalen Kunst-Ausstellung“ in Dresden 1897 brachte ihr die internationale Avantgarde näher. Nach Abschluss ihres Studiums in Berlin (Mai 1898) zog Paula Becker im September 1898 nach Worpswede, wo sie vom Figurenmaler Fritz Mackensen unterrichtet wurde. In diesen Jahren entstanden vor allem lebensgroße, schonungslos naturalistische Zeichnungen.

 

Landschaften und Bäuerinnen aus Worpswede - das Frühwerk der Paula Becker

Bereits während ihrer ersten Studienjahre in der Mal- und Zeichenschule des Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin 1898 suchte die junge Malerin Anschluss an die gerade berühmt gewordene Künstlerkolonie Worpswede etwa 20 Kilometer nordöstlich von Bremen. Auf die Arbeiten der Landschaftsmaler aus Worpswede, romantisch-pittoreske Ansichten des „Teufelsmoors“, war sie 1895 in einer Ausstellung in der Kunsthalle Bremen aufmerksam geworden. Damit, wie auch der weiteren Station im Münchener Glaspalast, feierte die Künstlerkolonie ihren Durchbruch.

Im Juli 1897 besuchte Paula Becker gemeinsam mit ihrer Familie Worpswede zum ersten Mal und war von der Atmosphäre so begeistert, dass sie sich zunächst für die Semesterferien dort niederließ um zu arbeiten. Nach dem Abschluss des Studiums in Berlin verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt am 7. September 1898 gänzlich in die idyllische Landschaft. Die in Dresden geborene Kunststudentin war vom unbändigen Wunsch beseelt, Malerin zu werden. Paula Becker verliebte sich sofort in Land und Leute und schwärmte nach ihrem ersten Besuch in dieser Gemeinschaft:

„Ich genieße mein Leben mit jedem Atemzug und in der Ferne glüht, leuchtet Paris. Ich glaube wirklich, dass mein stillster, sehnlichster Wunsch sich verwirklichen wird.“ (Paula Becker in einem Brief an ihre Tante Cora von Bültzingslöwen, September 1898)

Fritz Mackensen (1866–1953) wurde ihr Lehrer, der um elf Jahre ältere Otto Modersohn (1865–1943) 1901 ihr Ehemann. Beide waren angesehene Künstler, doch auch Paula Becker gelang es rasch, mit ihrer individuellen, von einigen als eigenartig empfundenen Malerei Beachtung zu finden. Dazu zählen u. a. großformatige Aktzeichnungen, in denen Paula Becker die Modelle aus dem Worpsweder Armenhaus in realistischer Weise festhielt. Mackensen soll die junge Künstlerin sogar gefragt haben, ob sie die Umwelt wirklich so sähe. Die Blätter machen auch heute noch ob der schonungslosen Wiedergabe des Gesehenen staunen. Damit setzte sie sich von der naturalistischen Auffassung der Worpsweder Maler bereits am Beginn ihres Aufenthalts deutlich ab.

Ihre Bilder entstanden nicht mit Hilfe eines spontanen Malprozesses, sondern sind die Ergebnisse eines wohl reflektierten Vorgangs. Anstelle der naturalistischen Wiedergabe setzte Paula Becker zunehmend die Bildidee, die sich aus Farbe und Form zusammensetzt. Die Malerin stellte sich nicht mit ihrer Staffelei in die Natur, um einen Ausschnitt direkt auf die Leinwand zu übertragen. Sie soll sich, bevor sie mit dem Malen begonnen hat, ins Gras gelegt und die Augen geschlossen haben, um den Aufbau des geplanten Bildes gedanklich zu entwerfen. Sie strukturierte das Gesehene und kreierte „eine gute Komposition“, bevor sie an die Ausführung der Szenen ging. Wenn auch das Gefühl im Werk von Paula Modersohn-Becker eine wichtige Rolle spielte, so waren doch Form- und Farbfindungen zunehmend primäre Problemfelder, die es zu lösen galt. Das Erzählerische spielte im Rahmen ihrer Überlegungen kaum mehr eine Rolle. Das „Wesentliche“ war um 1900 eine auf zusammenhängende Formen, wenige Details und enge Bildausschnitte konzentrierte Malerei – sowohl in den Landschaftsmotiven wie Figurenbildern.

„Ich glaube, ich werde mich von hier fortentwickeln. Die Zahl derer, mit denen ich es aushalten kann, über etwas zu sprechen, was meinem Herzen und meinen Nerven naheliegt, wird immer kleiner werden.“ (in einem Brief an ihre Eltern, 12. Februar 1899)

Worpswede, wo man den Naturalismus in einer idyllischen Landschafts- und Genremalerei pflegte, wurde ihr bald zu eng. So suchte sie nach Inspiration in der berühmtesten Kunstmetropole der Zeit. In der Neujahrsnacht 1900 machte sie sich zum ersten Mal auf nach Paris.

 

Paula Modersohn-Becker: vier Mal in Paris

Anregung fand Paula Modersohn-Becker daher nicht in Deutschland – auch nicht unter ihren Kollegen der Künstlerkolonie Worpswede – sondern in Frankreich. Während vier Paris-Aufenthalten (1900, 1903, 1905 und 1906/1907) studierte die Künstlerin die antiken Werke des Louvre, wo sie besonders von Tizian, Sandro Botticelli, Hans Holbein sowie Rembrandt van Rijn beeindruckt war. Die lebenden Meister konnte sie im Musée du Luxembourg studieren. Hier fand sie bereits 1900 eine stattliche Sammlung an impressionistischen Werken vor. Besonders wichtig wurde für Modersohn-Becker die zeitgenössische Malerei in Paris u.a. von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Edouard Vuillard, Maurice Denis und Aristide Maillol. Sie besuchte auch die Impressionisten-Galerien von Paul Durand-Ruel, Georges Petit, Ambroise Vollard und Berthe Weill, sah die Retrospektiven von Georges Seurat (→ Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus) und Vincent van Gogh.Vermutlich war Paula Modersohn-Becker die erste deutsche Künstlerin, die die Bedeutung von Paul Cézanne voll erkannte. Die Begegnung mit Werken Gauguins in der Sammlung Gustave Fayet hinterließ ebenso bleibenden Eindruck bei der Malerin. Sie verspürte eine innere Verwandtschaft, suchten doch beide Künstler Ursprünglichkeit und Elementares in ihren Werken auszudrücken. Paul Gauguin fand das Ursprüngliche in der Südsee (→ Paul Gauguin. Werke aus der Südsee), Modersohn-Becker im niedersächsischen Teufelsmoor. Beide verschmelzen regionale Motive mit kühner Farb- und Formsprache. Nach dem Vorbild von Cézanne und den Nabis befreite sie sich von der genauen Nachahmung der Natur, von der stimmungsvollen Landschaftsmalerei der Worpsweder.

Paula Modersohn-Becker studierte in Paris sowohl an der École des Beaux-Arts als auch an den privaten Akademien Colarossi (1870 vom italienischen Bildhauer Filippo Colarossi gegründet) und Julian (1868 vom Maler Rodolphe Julian gründet). Die bekannteste Ausbildungsstätte ist die offizielle École des Beaux-Arts, Teil der renommierte Académie des Beaux-Arts. Hier arbeiteten die Studierenden nach klassischen Vorbildern und nach Modellen. Frauen wurden erstmals 1897 zugelassen. Während ihres Aufenthalts 1903 entdeckte Paula Modersohn-Becker in der ägyptisch-römischen Abteilung des Louvre die ägyptischen Fayumporträts aus den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt sowie japanische Holzschnitte.

In Paris entstand eines ihrer bekanntesten Bilder: Paula, dreißigjährig, mit nacktem Oberkörper und ihre Hände an den Bauch gelegt, am 6. Hochzeitstag 1906, d. h. dem 25. Mai 1906, datiert. Obwohl Paula Modersohn-Becker mit den Armen ihren leicht gewölbten Bauch zu umarmen scheint, ist sie zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht schwanger.2 Vielleicht sollte diese Geste ihren Kinderwunsch ausdrücken. Ist diese Haltung vielleicht als Symbol künstlerischer Potenz zu lesen? Oder als ihre Zerrissenheit zwischen Künstlertum und Mutterschaft?

Zu den bestimmenden Merkmalen ihrer Kunst zählen Einfachheit, Größe und Zeitlosigkeit, wie sie selbst betonte. Unter dem Begriff „Größe“ verstand sie einen allgemeingültigen Zugang, das Gegenteil von Genremalerei. Desgleichen suchte sich die Malerin vom „akademischen Akt“ zu lösen und idealtypischen Vorstellungen zuwider zu laufen. Aber auch die Aktstudien bei Fritz Mackensen, die dem naturalistischen Prinzip und damit Detailgenauigkeit unterlagen, sind in diesem Bild nicht mehr zu erkennen. Das großangelegte Selbstbildnis, das die Malerin im Mai 1906 ohne zeichnerische Vorarbeiten schuf, basiert auf ihren künstlerischen Recherchen des Winters 1905/06 in Worpswede: Paula Modersohn-Becker setzt sich in den Monaten vor ihrer neuerlichen Abreise nach Paris mit großen Aktkompositionen auseinander und deklinierte die Haltung durch.

„Ich mag furchtbar gerne zwischen meinen Arbeiten schlafen und Morgens zwischen ihnen erwachen. Ich male Lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen.“3 (Paula Modersohn-Becker an Martha Vogeler, 21. Mai 1906)

Gerade von ihrem Mann getrennt, wollte Modersohn-Becker in Paris ein neues, eigenständiges Leben beginnen und gestaltete den ersten Selbstakt einer Frau in der europäischen Kunstgeschichte. Einige Monate später sollte sie erkennen, dass ihr Pariser Leben auch Einsamkeit bedeuten konnte und sie sich nicht dafür geschaffen fühlte. Außerdem hätte sie nie für sich alleine sorgen können, denn noch war Modersohn-Becker eine unbekannte Künstlerin aus Deutschland.

„Ich werde in mein früheres Leben zurückkehren mit einigen Änderungen. Auch ich selbst bin anders geworden etwas selbstständiger und nicht mehr voll zu viel Illusionen. Ich habe diesen Sommer gemerkt, dass ich nicht die Frau bin alleine zu stehen. Außer den ewigen Geldsorgen würde mich gerade meine Freiheit verlocken von mir abzukommen." (Paula Modersohn-Becker an Clara Rilke-Westhoff, 17.11.1906)

 

Modersohn-Becker und Picasso

Modersohn-Becker und Pablo Picasso waren 1906 formal an den gleichen Dingen interessiert und suchten sich entsprechend ähnliche kunsthistorische Vorbilder. Die parallele Entwicklung der beiden Künstler zeigt sich vor allem im Jahr 1906, wovon nicht nur der vielzitierte Vergleich von Picassos Bildnis der „Gertrude Stein“ mit Modersohn-Beckers Brustbild „Lee Hoetger mit Blume“ zeugt. Auch im Vergleich von Zeichnungen der beiden aus dem Herbst des Jahres offenbart sich ihre eng korrespondierende Entwicklung, die des Weiteren in kurze Zeit später entstandenen Werken deutlich wird. Wie Picasso experimentierte Modersohn-Becker mit verschiedenen Darstellungsarten von Masken-haftigkeit.

 

Paula und Otto

Paula und Otto Modersohn fanden in der Stadt der Liebe erneut zueinander, die Künstlerin kehrte zu Ostern 1907 nach Worpswede zurück. Im letzten halben Jahr ihres Lebens übertrug Paula Modersohn-Becker das in Paris Erlernte auf ihre Landschaftsbilder, Porträts und Selbstporträts und Bilder von den Bewohnerinnen von Worpswede. Zu den bestimmenden Merkmalen ihrer Kunst zählen Einfachheit, Größe und Zeitlosigkeit, wie sie selbst betonte. 

Nachdem Paula Modersohn-Becker am 2. November 1907 der lang ersehnten Tochter Mathilde das Leben schenkte, verstarb sie am 20. November an einer Embolie. Erst nach ihrem verfrühten Ableben wurde ihr Œuvre von knapp 750 Gemälden und 1.000 Zeichnungen in der Öffentlichkeit bekannt. Während ihres Lebens verkaufte die Pionierin der Moderne nur drei Bilder, eines davon an Rainer Maria Rilke.

 

Reduktion und Moderne

Am 25. Februar 1903 schrieb Modersohn-Becker während ihres zweiten Paris Aufenthalts in ihr Tagebuch:

„In den letzten Tagen habe ich viel Form gefunden und gedacht. Ich stand bis jetzt der Antike sehr fremd gegenüber. Ich konnte sie wohl schön finden an und für sich; aber ich konnte kein Band finden von ihr zur modernen Kunst. (…) Ich fühle eine innere Verwandtschaft von der Antike zur Gotik, hauptsächlich der frühen Antike, und von der Gotik zu meinem Formempfinden. Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares. Von jeher habe ich mich bemüht, den Köpfen, die ich malte oder zeichnete, die Einfachheit der Natur zu verleihen.“

Das Einfangen der Natürlichkeit des Menschen, die Reduktion auf einfache Formen sowie der Einsatz von leuchtenden Farben bedeuteten um 1900 einen vehementen Bruch mit der traditionellen Salonmalerei wie auch mit dem Impressionismus. Meist widmete sich Modersohn-Becker in ihren Bildern den Kindern, der einfachen Landbevölkerung, Stillleben aber auch in Form von etwa 60 gemalten und gezeichneten Selbstporträts. Sind die frühen, lebensgroßen Figurenstudien wie „Sitzender weiblicher Akt mit angezogenen Füßen“ (1899) noch dem Realismus verschrieben und belegen die Ausbildung der Künstlerin innerhalb der akademischen Tradition, so entwickelte sich Modersohn-Beckers Stil in den folgenden Jahren hin zu einer „einfacheren“ Gestaltungsweise mit zunehmend leuchtenden Farbwerten. Beide Gestaltungsmittel wurden von der Künstlerin zwischen 1901 und 1907 immer selbständiger eingesetzt. Zwischen 1906 und 1907 arbeitete Paula Modersohn-Becker mit leuchtenden, wie sie meinte „rauschhaften“ Farben, die deutlich ihre Herkunft von Gauguin und den Nabis verraten.

Modersohn-Beckers Ehemann achtete ihre Kunst, wenn es ihm auch schwerfiel, das Streben nach Unabhängigkeit und Internationalität zu akzeptieren. 1903 schrieb er in sein Tagebuch:

„Sie haßt das conventionelle u. fällt nun in d. Fehler alles lieber eckig, häßlich, bizarr, hölzern zu machen. Die Farbe ist famos, aber die Form? Der Ausdruck! Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins. Sie ladet sich zuviel auf. 2 Köpfe 4 Hände auf kleinster Fläche, unter dem thut sies nicht u. dazu Kinder! Rath kann man ihr schwer ertheilen, wie meistens.“

Erst im Dezember 1905, kurz vor der Trennung des Ehepaares, konnte er ihre Kunst Anerkennung zollen:

„[Ihre Stillleben und Skizzen sind] das kühnste u. beste an Farbe, was hier in W. [Worpswede] je gemalt wurde.“

1908/09 organisierte die Kunsthalle Bremen, der Kunstsalon Paul Cassirer in Berlin und die Galerie Arnold in Dresden erste Gedächtnisausstellungen für Paula Modersohn-Beckers. Die erste Retrospektive zu Paula Modersohn-Beckers Werk und Leben fand 1917 in der Kestnergesellschaft statt und war von Otto Modersohn und Heinrich Vogeler initiiert worden. Rainer Maria Rilkes Texte über die Malerin prägte noch Jahrzehnte die Wahrnehmung und Rezeption ihres Werks. Die Malerin hatte während ihres kurzen Schaffens ihre Werke vor der Öffentlichkeit verborgen, auch vor ihrem Ehemann. Otto Modersohn fand nach ihrem Tod Arbeiten im Atelier, die zuvor noch nie gesehen hatte. Wenig erstaunlich ist daher, dass Paula Modersohn-Becker nicht in den zeitgenössischen Quellen, darunter eine internationale Publikation zur Künstlerkolonie in Worpswede aufgenommen wurde und nur drei Bilder verkaufte.

 

Literatur über Paula Modersohn-Becker

  • Frank Schmidt (Hg.) für die Museen Böttcherstraße, Ich bin Ich. Paula Modersohn-Becker. Die Selbstbildnisse (Ausst.-Kat. Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, 15.9.2019–9.2.2020), München 2019.
  • Paula Modersohn-Becker. Zwischen Worpswede und Paris (Ausst.-Kat. Rijksmuseum Twenthe, Enschede, 8.4.–12.8.2018; Von der Heydt-Museum, Wuppertal, 9.9.2018 – 6.1.2019), Zwolle 2018.
  • Paula Becker und Otto Modersohn (Ausst.-Kat. Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, 25.8.2018-6.1.2019), Bremen 2018.
  • Paula Modersohn-Becker. Pionierin der Moderne (Ausst.-Kat. Bucerius Kunstforum, Hamburg, 4.2.–1.5.2017), München 2017.
  • Paula Modersohn-Becker. Pionierin der Moderne (Ausst.-Kat. Kunsthalle Krems, Krems, 14.3.–4.7.2010), Köln 2010.

Alle Beiträge zu Paula Modersohn-Becker

17. September 2019
Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 25. Mai 1906, Detail, Öltempera auf Pappe, 101,8 x 70,2 cm (Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum)

Bremen | Paula Modersohn-Becker Museum: Paula Modersohn-Becker. Selbstbildnisse „Ich bin Ich“ als Selbstvergewisserung und Experiment der außergewöhnlichen Malerin

Über 60 Mal hat Paula Modersohn-Becker sich selbst zum Modell genommen. Unter diesen Selbstbildnissen befinden sich prominente Hauptwerke genauso wie überraschende Experimente der Künstlerin. Die Museen Böttcherstraße tragen nun zum ersten Mal mehr als 50 frühe und späte Arbeiten zusammen.
1. September 2019
Paula Modersohn-Becker, Mädchenbildnis mit gespreizter Hand vor der Brust, Detail, um 1905 (© Von-der-Heydt-Museum, Wuppertal)

Lindau | Kunstmuseum: Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn „Paula & Otto – Kunst und Liebe im Aufbruch“

Paula Modersohn-Becker (1876-1907) und Otto Modersohn (1865-1943) ist das bedeutendste deutsche Künstlerpaar des frühen 20. Jahrhunderts. Das Kunstmuseum Lindau präsentiert 2020 das faszinierende Thema von Liebe und Kunst im Aufbruch zur Moderne.
30. Juli 2018
Paula Modersohn-Becker, Mädchenakt mit Blumenvase, Detail, um 1907 (Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Paula Modersohn-Becker. Zwischen Worpswede und Paris Von der Heydt-Museum Wuppertal zeigt später Bilder der Malerin im Kontext

Paula Modersohn-Becker (1876–1907) erarbeitete sich selbstbewusst und selbstgewiss, unabhängig vom Urteil ihrer Lehrer, Malerkollegen und Kritiker zwischen 1900 und 1907 eine gänzlich neue Bildsprache. Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal besitzt mehr als 20 Gemälde zumeist aus der späten und reifen Zeit der Malerin. Gemeinsam mit dem Rijksmuseum Twenthe in Enschede organisiert es eine Ausstellung, die auf den internationalen Kontext der populären deutschen Malerin setzt.
29. Juli 2018
Portrait der Künstlerin Paula Modersohn-Becker in der Veranda ihres Hauses, Detail, 1901, Foto: Atelier Schaub, Hamburg (Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen)

Paula Modersohn-Becker: Biografie Lebenslauf und Werke der berühmten deutschen Malerin

Paula Modersohn-Becker (1876–1907) gilt als eine Wegbereiterin der Moderne und des Expressionismus in Deutschland: Hier findest du die wichtigsten Informationen zu ihrem Leben.
27. November 2016
Paula Modersohn-Becker, Mädchen in rotem Kleid vor Sonnenblume, Detail, 1907 (Privatbesitz)

Paula Modersohn-Becker. Pionierin der Moderne Deutsche Malerin auf der Suche nach dem "Einfachen"

Das Werk von Paula Modersohn-Becker gilt als wegbereitend für die Moderne in Deutschland, denn stets war die Künstlerin auf der Suche nach der „großen Einfachheit der Form“ und dem lebendigen Ausdruck der Farbe. In den ägyptischen Mumienporträts aus dem Louvre (1.-4. Jahrhundert) fand sie diesen genauso wie in den Gesichtern alter Bäuerinnen und junger Kinder im niedersächsischen Worpswede.
10. Februar 2014
Wassily Kandinsky, Murnau, 1908, Ö auf Karton, Merzbacher Kunststiftung.

Expressionismus in Deutschland und Frankreich Was die deutschen Künstlern von ihren französischen Kollegen lernten

Bereits am Cover des umfassenden Katalogs wird deutlich, dass Timothy O. Benson, Kurator am LACMA und Organisator dieser Wanderausstellung, den deutsch-französischen Kunstaustausch über die Farbe definiert. Denn was der Begriff „Expressionismus“ genau beschreibt, das wussten bereits die Zeitgenossen nicht. Von Alfred Döblin bis Oskar Kokoschka reichen die Kommentatoren einer Kunstrichtung , die sich über Innerlichkeit, Mystik, Farbexperimenten und Farbexplosionen (bis ins Unrealistische), dynamischem Pinselduktus, Musikalität, Kubismus-Rezeption, Primitivismus (vom „nordischen“ Nolde, der ägyptisierenden Modersohn-Becker bis zur Rezeption afrikanischer Plastik durch die Fauves und die Brücke Künstler) u.v.m. als neu und zeitgemäß definierte.
  1. Zit. n. Günter Busch, Liselotte von Reinken, Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern, revidierte und erweiterte Ausgabe, bearbeitet von Wolfgang Werner, Frankfurt a. M. 2007, S. 76
  2. Zur Interpretaiton siehe: Rainer Stamm, Paula Modersohn-Becker. Leben und Werk im Spiegel ihrer Selbstporträts, in: Hans-Peter Wipplinger, Rainer Stamm (Hg.), Paula Modersohn-Becker. Pionierin der Moderne (Ausst. Kat. Kunsthalle Krems, Krems 2010), Köln 2010, S. 21.
  3. Busch/Reinken 2007, S. 544; zit. n. Wolfgang Werner, Selbstbildnis oder Figurenbild?, in: Ebena, S. 104.