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Wien | KHM: Georg Baselitz Nackte Meister | 2023

Georg Baselitz, Fingermalerei – Weiblicher Akt, Detail, 1972, Öl auf Leinwand, 250 × 180 cm (Humlebaek, Louisiana Museum of Modern Art. Schenkung: Georg Baselitz © Georg Baselitz 2023, Louisiana Museum of Modern Art, Foto: Finn Brøndum)

Georg Baselitz, Fingermalerei – Weiblicher Akt, Detail, 1972, Öl auf Leinwand, 250 × 180 cm (Humlebaek, Louisiana Museum of Modern Art. Schenkung: Georg Baselitz © Georg Baselitz 2023, Louisiana Museum of Modern Art, Foto: Finn Brøndum)

Georg Baselitz, seit Jahrzehnten einer der wirkmächtigsten Künstler unserer Zeit, im Dialog mit den Alten Meistern: Das Kunsthistorische Museum hat Georg Baselitz zu einem visuellen Gespräch eingeladen. Er selbst traf die Auswahl der Werke – 73 seiner Gemälde und zwei Skulpturen aus den Jahren 1972 bis 2022 werden gemeinsam mit 40 Werken der Gemäldegalerie gezeigt, wobei sein Spätwerk in einer bisher nicht gekannten Fülle zu sehen ist. Formale und visuelle Kriterien dominieren dabei die Auswahl sowie die vollkommene Konzentration auf den Akt, die nackte Figur. Nicht die mythologischen und biblischen Geschichten der Altmeister-Gemälde interessieren Baselitz, sondern der menschliche Elementarzustand. Um dieses zentrale Thema der europäischen Kunst kreist die Ausstellung.

„Wie eine Tapete sollen meine Bilder für die Alten Meister sein.“ (Georg Baselitz)

Seit seinem Frühwerk arbeitet Baselitz mit einem ausgeprägten kunstgeschichtlichen Bewusstsein, beeindruckt besonders durch den Manierismus und dessen Regelverstöße (→ Georg Baselitz Biografie). Die Begegnung der Werke von Georg Baselitz mit den idealschönen Bildfiguren des Kunsthistorischen Museums wirft grundsätzliche, uns alle betreffende Fragen auf und macht die Ausstellung zu einem spannenden, herausfordernden Erfahrungsraum.

„Wie Kunsthistoriker Cranach, Correggio und so weiter aufschlüsseln, finde ich wunderbar, aber es hat mich als Maler nie sonderlich interessiert. Ich ziehe den Reichtum von woanders her, vor allem aus der Kühnheit, die bei einzelnen Malern stattgefunden hat. Die Kühnheit, Bilder zu verändern, Bilder neu zu kreieren.“ (Georg Baselitz)

Seit Ende der 1960er Jahre malt Baselitz auf dem Kopf stehende Bildmotive. Dadurch löste sich der figurativ arbeitende Künstler von der Erkennbarkeit der Menschen und Figuren. Ohne den Schritt in die Abstraktion zu tun, konnte er den Fokus auf die Malerei, das Gemalte, die expressive Pinselführung, das Kolorit legen. In der hitzigen Debatte über die Möglichkeiten des figurtiven Gestaltens - und in gleichzeitiger Ablehnung von ungegenständlicher Malerei wie auch des Realismus der DDR - eroberte sich Baselitz ein Refugium. Von den farbig leuchtenden Fingermalerei-Akten aus dem Jahr 1972 bis zu den jüngsten Werken des Deutschen zieht sich seine Begeisterung für den Regelverstoß. Was er als hellfarbige, neoexpressive Malerei in den 1970er Jahren entwickelte, verdüsterte sich in seinen jüngsten Werken, erstmals zu sehen vor einigen Jahren in Colmar (→ Corpus Baselitz in Colmar). Die aktuellen Gemälde werden von Baselitz mit Nylonstrümpfe zu Collagen erweitert. Damit betont der Künstler einmal mehr die Beine und Füße seiner Figuren, die in die Höhe ragen.

Wenn Baselitz Gemälde aus der Sammlung des KHM für seine Schau wählt, dann orientiert er sich nicht am Bildinhalt, am Motiv oder an der biblischen oder mythologischen Erzählung. Stattdessen reizen ihn Komposition und Farbigkeit, formale Lösungen seiner Vorgänger. Wenn auch der Titel die Hüllenlosigkeit in den Vordergrund stellt, so sind es doch die dadurch in Szene gesetzten Körper, die Baselitz interessieren. Stehende, liegende, in inniger Leidenschaft verbundene oder miteinander kämpfende Menschen wählte Baselitz aus dem reichen Bestand an Gemälden des Manierismus und des Barock.

Baselitz im KHM (2023)

SAAL 1

Georg Baselitz inszeniert im ersten Saal das erste Menschenpaar, Adam und Eva. Bilder von Cranach, Memling und anderen setzt er seine frühesten Aktgemälde gegenüber; Modell stehen hier ausschließlich Baselitz selbst und seine Frau Elke. Es sind selbstbewusste, kraftvolle Körperbilder, deutlich überlebensgroß und ohne erzählerische Handlungsmomente, in reiner existenzieller Zuständlichkeit. Sie sind nicht mit dem Pinsel, sondern mit den Fingern gemalt. Dabei bildet Baselitz nicht die Wirklichkeit ab, sondern schafft eine neue, eigene Realität. (Menschen-)Bilder zu formulieren und über grundsätzliche Fragen anschaulich zu reflektieren, dieses Potenzial hat die Malerei bis heute, zeigt sich der Künstler überzeugt. Nicht zuletzt begeistert ihn die Fähigkeit zur Selbstreflektion des Mediums Malerei. Zeichnend wurden die Figuren entwickelt und ihre Raumhaltigkeit kündet vom erwachenden Interesse des Künstlers an bildhauerischen Fragestellungen.

SAAL 2

Der Werkgruppe aus den frühen 1970er Jahren folgt im zweiten Saal der Ausstellung ein dichtes Ensemble aus der Zeit um 1980. Es sind Bilder, in denen Baselitz in einer sehr reduzierten, elementaren und gestischen Malweise an der Grenze zur Abstraktion entlangarbeitet und neue Möglichkeiten der Organisation der Bildfläche erkundet. An den für diesen Saal ausgewählten Alten Meistern, unter anderen Tizian und Paolo Fiammingo, interessierten Baselitz die Fragen von Komposition und Kolorit, nicht aber die Bilderzählungen aus der Bibel oder der klassischen Mythologie. Es sind primär bildkünstlerische Aspekte, denen Baselitz in diesen Gegenüberstellungen nachspürt und auf die er die Aufmerksamkeit der Betrachterinnen und Betrachter lenken will.

SAAL 3

Im dritten Ausstellungsabschnitt treten in Werken der 1990er Jahre in einer ganz neuen, hauchzartleichten Malweise – die ungeachtet der großen Formate Qualitäten der Federzeichnung und des Aquarells zur Anschauung bringt – Liebespaare auf, die Baselitz mit den erotisierten Körperbildern der rudolfinischen Manieristen um 1600, vor allem Bartholomäus Sprangers, zusammenbringt.

In den Baselitz-Bildern dieser Phase entspinnt sich ein anspielungsreiches Netzwerk von Bezügen zu Albrecht Dürer, François Boucher, Frida Kahlo und Marcel Duchamp. Auch dadurch wird das Durchwandern der Ausstellung zu einer Raum-Zeit-Erfahrung der besonderen Art. So zitiert Baselitz in „Ade Nymphen“ den liegenden weiblichen Akt Dürers (1501, Albertina), befreit dessen lehrbuchartige Konstruktion aus seinem starren Korsett, verflüssigt und verdoppelt ihn und stattet das so entstandene Frauenpaar mit sinnlicher Farbigkeit aus. Als Gegner betrachtet Baselitz Marcel Duchamp, der mit seinen Readymades zu einem der Begründer der Konzeptkunst wurde und damit, für Baselitz völlig inakzeptabel, die Malerei für obsolet erklärte. Kurzerhand verdammt er ihn durch seine Bilder „Melodie“ (1999), „Frisch verliebt – M. D.“ (1999), „Im Walde von Blainville“ (2000) und „Wolkenband“ (2000) dazu, als Figur in dem von ihm für tot erklärten Medium weiterzuleben.

SAAL 4 UND 5

Im vierten und fünften Saal und in den zugehörigen Kabinetten entfaltet sich mit Arbeiten von 2010 bis 2022 das Spätwerk von Georg Baselitz - erstmals in Österreich in dieser Dichte. Die Figuren schweben schemenhaft, wie reduzierte Chiffren in den gewaltigen Formaten, es kommt zu einer ganz einzigartigen Gleichzeitigkeit von Monumentalität und Fragilität. Die Bilder wirken auf den ersten Blick weitgehend monochrom, offenbaren aber bei näherer Betrachtung außerordentlich subtile Texturen und Nuancen. Die Farben werden teilweise gesprüht oder im aus der Druckgrafik bekannten Abklatschverfahren auf die Leinwand gebracht. Es verbindet sich in diesen Arbeiten die malerische, handwerkliche Erfahrung von mehr als einem halben Jahrhundert mit der ungebrochenen Lust zur Erprobung des Neuen, Unerwarteten. In „Die Schlittschuhläuferin“ (2019) spielt der Künstler mit der Methode des amerikanischen Action Painting, ohne den Gegenstand ganz aufzugeben und seit dem Frühjahr 2020 hat ein neues Element in die Bilderwelt des Künstlers Einzug gehalten: Er collagiert Nylonstrümpfe in seine Gemälde. Einerseits vom Dada-Künstler Kurt Schwitters fasziniert, haben Baselitz hier speziell auch die Fotomontagen der Malerin, Grafikerin und Collagekünstlerin Hannah Höchs inspiriert.

In diesen beiden letzten Sälen der Ausstellung verwickelt Baselitz Kollegen wie Tizian, Correggio und Parmigianino über Zeiten und Räume hinweg in ein visuelles Kunstgespräch und lässt die Betrachter:innen daran teilhaben – eine einzigartige ästhetische und, angesichts des Themas der nackten Körper, existenzielle Erfahrung.

Ausgestellte Künstler

Hans Memling | Lucas Cranach der Ältere | Bartholomäus Spranger | Peter Paul Rubens | Albrecht Altdorfer | Niederländischer Meister | Michiel Coxcie | Tizian (und Werkstatt) | Paolo Fiammingo | Cavaliere d’Arpino | Bernaert Rijckere | Dirk de Quade van Ravesteyn | Hans Baldung Grien | Hans von Aachen | Joseph Heintz der Ältere | Parmigianino | Correggio | Guido Cagnacci | Garofalo | Giovanni Antonio Burrini | Bartolomeo Manfredi | Guido Cagnacci | Giovanni Gioseffo dal Sole | Frans Floris

Georg Baselitz und Andreas Zimmermann, Kunsthistorisches Museum, haben die Ausstellung gemeinsam kuratiert.
Quelle: Kunsthistorisches Museum, Wien

Georg Baselitz. Nackte Meister: Bilder

  • Georg Baselitz, Fingermalerei – Weiblicher Akt, 1972, Öl auf Leinwand, 250 × 180 cm (Humlebaek, Louisiana Museum of Modern Art. Schenkung: Georg Baselitz)
  • Georg Baselitz, Fingermalerei – Akt, 1972, Öl auf Leinwand, 250 × 180 cm (Privatbesitz)
  • Georg Baselitz, Fingermalerei – Akt, 1972, Öl auf Leinwand, 200 × 162 cm (Amsterdam, Stedelijk Museum)
  • Georg Baselitz, Das lesende Mädchen, 1979, Öl und Tempera auf Leinwand, 330 × 250 cm (Privatbesitz)
  • Georg Baselitz, Oberimzinn, 2010–2013, Öl auf Leinwand, 260 × 304 cm (Privatbesitz)
  • Georg Baselitz, Wohin, 2017, Öl auf Leinwand, 305 × 240 cm (München, Wittelsbacher Ausgleichsfonds)
  • Georg Baselitz, Costa azzurra I, 2020, Öl auf Leinwand, 280 × 208 cm (Privatbesitz)
  • Georg Baselitz, Displaced Persons, 2020, Öl, Dispersionsklebstoff und Nylonstrümpfe auf Leinwand, 295 × 310 cm (Courtesy Gagosian)
  • Georg Baselitz, Menu militare, 2021, Öl und Goldlack auf Leinwand, 250 × 200 cm (Privatbesitz)
  • Georg Baselitz, Nylonparade, 2022, Öl, Dispersionsklebstoff und Nylonstrümpfe auf Leinwand, 300 × 400 cm (Privatbesitz)
  • Lucas Cranach d. Ä., Sündenfall: Adam, 1510/20, Lindenholz, 137 × 54 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Lucas Cranach d. Ä., Sündenfall: Eva, 1510/20, Lindenholz, 137 × 54 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Frans Floris, Das Jüngste Gericht, 1565, Leinwand, 162 × 220 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Tizian und Werkstatt, Diana und Callisto, um 1566, Leinwand, 183 × 200 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Tizian, Nymphe und Schäfer, 1570/75, Leinwand, 149,6 × 187 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Hans von Aachen, David und Bathseba, 1612/15, Leinwand, 138 × 105 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Hans von Aachen, Bacchus, Ceres und Amor, um 1600, Leinwand, 163 × 113 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Bartolomeo Manfredi, Kains Brudermord, um 1615, Leinwand, 152 × 115 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)
  • Giovanni Antonio Burrini, Orpheus und Eurydike, 1695/1705, Leinwand, 120 × 119,5 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie)

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