Corpus Baselitz in Colmar zeigt Beschäftigung mit Tod & Kunstgeschichte
0

Corpus Baselitz in Colmar Aktuelle Arbeiten aus den Jahren 2014–2017

Georg Baselitz, Dystopische Glocken, Detail, 2015, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Georg Baselitz, Dystopische Glocken, Detail, 2015, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

„Was schaffst du jetzt noch?“, fragt sich Georg Baselitz angesichts seiner Werke der letzten vier Jahre. Und beantwortet sich die Frage gleich selbst mit dem Hinweis: „Was fehlt sind die wesentlichen Dinge. Das Malen ohne Kontrast, das monochrome Malen, das Malen ohne Linie.“ Während sich der berühmte Deutsche, der 1938 als Georg Kern in Baselitz geboren worden ist, in der Selbstreflexion vor allem mit formalen Fragestellungen auseinandersetzt, interessieren Kuratorin Frédérique Goerig-Hergott inhaltliche und maltechnische Konzepte.

Baselitz in Colmar

In den aktuellen Werken hinterfragt Georg Baselitz seinen eigenen alternden Körper, den seiner Frau Elke und seinen Platz in der Kunstgeschichte. Bereits 2015 überraschte der knapp 80-Jährige mit schonungslosen Bildern seiner Selbst auf der Biennale von Venedig: Baselitz in der „Avignon-Serie“ von hinten, über fünf Meter hohe Bilder, farbig. Dann ein Innehalten – so legt es die Ausstellung in Colmar nahe – und eine monochrome Malerei, die im Detail dann doch viele Buntfarben beinhaltet. In den Jahren 2014 bis 2017 widmete er sich in Malerei, Zeichnung und Skulptur den ihn drängenden Fragen: Existenz, Vergänglichkeit, Tod. Er taucht beim Arbeitsprozess in das Gemälde ein und arbeitet jüngst mit dunklen Hintergründen, spritzt Farbe fein verstäubt auf, ritzt in die mit expressiver Geste aufgetragene Farbmasse hinein. Darauf erscheinen ein oder zwei Körper, manchmal kopflos, manchmal in gehender Pose, manchmal die Treppe hinabsteigend, meist gestürzt oder 90 Grad gedreht auf dem Krankenbett liegend.

Schon früh wandte sich Georg Baselitz dem Körper zu und malte Beine, Füße. „Was ist das?“ Und weiter der Künstler: „Wenn du schon nicht an die Religion glaubst“, diese hält er für ein „mediterranes Phänomen“, „woran dann?“ Baselitz definiert sich als erdverbunden, waldverbunden, teichverbunden und mag so manchen Troll, Geist oder Gespenst im Dorf gesehen haben, wie er erzählt. Wichtiger ist angesichts der aktuellen Werke das Bekenntnis, dass er nicht gläubig sein müsse, um diese Bilder zu malen. Handeln sie vom Abstieg in die Hölle oder Aufstieg nach dem Tod? Offensichtlich ist das bereits eine höchst subjektive Interpretation, der der Maler nicht folgen möchte. Der Widerspruch Baselitz‘ zeigt sich hier am ehesten in den teils humorvollen, teils ironischen Titeln. Mit ihnen führt der Maler eine weitere Ebene in die Bilder ein. Die Treppe, die die Akte herabsteigen, ist eine Duchamp Rezeption, wobei der Maler sich gänzlich darüber im Klaren ist, dass der Franzose das Motiv bei Pablo Picasso „geklaut“ hat.

Widerspruch und Aneignung

Baselitz ist nie um einen Sager verlegen. So analysiert er nach eigener Aussage die „gescheiterten Alterswerke von Dix, Picasso, Miró, Dubuffet“, um deren Fehler zu vermeiden. Er fühlt sich alltäglich, abhängig von dem, was ihm und seiner Ehefrau passiert – und malt seinen körperlichen, seinen emotionalen Zustand. 26 großformatige Gemälde und 41 Arbeiten auf Papier aus Baselitz‘ Atelier bei München, wie der Neubau des Musée Unterlinden ebenfalls errichtet von Herzog und de Meuron, und die drei letzten Skulpturen sind in der Schau zu sehen. „Dieses Werk“, so Direktorin Pantxika De Paepe, „passt gut auch zur Sammlung des Musée Unterlinden und zum Isenheimer-Altar“. Die Qualität der Bilder hänge zwar nicht mit der ideologischen Überzeugung des Künstlers zusammen, fügt der Maler später in Bezug auf Grünewald hinzu, für ihn ist Widerspruch die zentralere und qualitätssteigernde Kategorie.

Seit seinen ersten „auf den Kopf stehenden“ Bildern aus dem Jahr 1969 hat Baselitz in der Tradition der Aktmalerei oder des Selbstporträts immer wieder neue Ausdrucksformen für die Darstellung seines eigenen Körpers beziehungsweise des diesem beigestellten Körpers seiner Frau Elke entwickelt, wie in der Ausstellung der Fondation Beyeler gezeigt worden ist. War sein Blick bislang der eines distanzierten Beobachters, so setzt er sich in der im Winter 2014/2015 begonnenen Serie mit der Realität seines hohen Alters und des Altwerdens auseinander. Über eine introspektive Haltung und Herangehensweise hinausgehend bezog er sich darin immer wieder kompositionell auf verehrte Vorbilder, auf Duchamp, Jean Dubuffet, Otto Dix, Pablo Picasso und Willem de Kooning. Der Konkurrenzkampf geht weiter, denn Georg Baselitz kann mit dem Malen nicht aufhören: „Ich muss immer noch den Beweis antreten, dass ich besser bin als alle anderen!“

Kuratiert von Frédérique Goerig-Hergott, Chefkonservatorin, Musée Unterlinden.

Corpus Baselitz in Colmar: Bilder

  • Georg Baselitz, Ankunft demnächst, 2017, Öl/Lw, 240 x 210 cm (© Georg Baselitz 2018 / Jochen Littkemann, Berlin)
  • Georg Baselitz, Ach herrje, ma tutto occupato, 2017 (Privatsammlung, © Georg Baselitz 2018  Jochen Littkemann)

Weitere Beiträge zu Georg Baselitz

10. April 2024
Georg Baselitz in Colmar, 6.6.2018, Foto Alexandra Matzner

London | White Cube Bermondsey: Georg Baselitz A Confession of My Sins | 2024

Georg Baselitz kehrt zum ersten Mal seit acht Jahren in die White Cube Bermondsey zurück und präsentiert eine Auswahl neuer Gemälde.
27. Dezember 2023
Georg Baselitz, Zero Mobil (Zero Mobile), 2013–2014 (© Georg Baselitz 2023, Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

London | Serpentine South: Georg Baselitz: Skulpturen 2011–2015 Rohe Holzskulpturen und Zeichnungen im Dialog | 2023/24

Georg Baselitz zeigt im Herbst 2023 eine Reihe von Skulpturen und Zeichnungen aus den Jahren 2011 bis 2015. Die Arbeiten wurden gemeinsam mit Georg Baselitz ausgewählt und stammen direkt aus seinem Atelier.
6. September 2023
Martha Jungwirth, Spittelauer Lände, 1993 (Albertina Wien - The Essl Collection (c) Bildrecht, Wien 2023)

Wien | Albertina modern: Deutschland – Österreich. Malerei 1970 bis 2020 Gegenüberstellung wichtiger Künstler:innen | 2023/24

Es entfaltet sich in der Albertina modern ein überraschender Pas de deux abseits des Nationalitätenprinzips, der das Tänzerische und Spielerische der Kunst in den Vordergrund rückt: mit Baselitz und Lassnig, Grosse und Hollegha, Rainer und Richter, Oehlen und Jungwirth, Kiefer und Nitsch.
15. Juni 2023
Gerhard Richter, Zwei Kerzen, 1982 (Yageo Foundation Collection © Gerhard Richter 2022 (0153)

London | Tate Modern: Capturing The Moment Malerei und Fotografie im Dialog | 2023/24

Diese Ausstellung feiert die Malerei des 20. und 21. Jahrhunderts und zeigt, wie einige der größten modernen Maler Momente in der Zeit festgehalten haben. Die wechselseitige Beeinflussung von Malerei und Fotografie stehen im Fokus dieser Sammlungspräsentation.
14. Mai 2023

Wolfsburg | Kunstmuseum Wolfsburg: Gemeinschaftsarbeiten von Dalí bis Holzer Freundschaften in der Kunst | 2023

Es ist eine Besonderheit der künstlerischen Produktion des 20. und 21. Jahrhunderts, dass sich flüchtig Bekannte und enge Vertraute, Freunde, Liebespaare oder bisweilen sogar Gegner und Rivalen unter bestimmten Umständen und zeitlichen Konstellationen zusammenfinden, um gemeinschaftlich an der Realisierung eines einzelnen Kunstwerks zu arbeiten. „Freundschaften. Gemeinschaftswerke von Dada bis heute“ widmet sich der Entstehungsgeschichte dieser Werke und erforscht die Bedingungen, die zur Bündelung und Freisetzung dieser kreativen Energien beigetragen haben.
4. April 2023
Pablo Picasso, Die orangefarbene Bluse – Dora Maar [Le corsage orange – Dora Maar], 21.04.1940, Öl auf Leinwand, 73 × 60 cm (Sammlung Würth, Foto: Volker Naumann, Schönaich © Succession Picasso/Bildrecht, Wien 2022)

Wien | Leopold Museum: Highlights der Sammlung Würth Amazing | 2023

Hans-Peter Wipplinger stellt eine für das Leopold Museum maßgeschneiderte Auswahl vom Impressionismus bis in die Kunst der Gegenwart zusammen. Obschon Malerei triumphiert wird auch die Skulptur thematisiert werden. Das Publikum darf sich freuen auf Charakteristisches von Max Liebermann, Metamalerei von Gerhard Richter bis Anselm Kiefers Aufarbeitung der Vergangenheit, österreichische Kunst der 1950er bis in die 1980er sowie einige Vertreter der französischen Avantgarde.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.