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Ai Weiwei im 21er Haus Ein Tempel im Schwanzer-Bau

Ai Weiwei, Circle of Animals/Zodiac Heads, 2010: Affe vor dem Oberen Belvedere, Private Sammlung, Foto: © Alexandra Matzner.

Ai Weiwei, Circle of Animals/Zodiac Heads, 2010: Affe vor dem Oberen Belvedere, Private Sammlung, Foto: © Alexandra Matzner.

Ai Weiwei im 21er Haus: Nachdenklicher Superstar, Konzeptkünstler, Dokumentarist, Aktivist und Künstler Ai Weiwei stellt für das Belvedere eine vielschichtige Schau zusammen, die auf aktuelle politische Probleme genauso reagiert wie auf Architektur und Umfeld der barocken Anlage und des modernen Ausstellungsbaus von Karl Schwanzer.

Schon seit einigen Wochen sind die Arbeiten rund um das Obere Belvedere zu beobachten. Als erstes ließ Ai Weiwei den „Circle of Animals/Zodiac Heads“ rund um das große Bassin vor dem Oberen Belvedere aufstellen. Die barocke Fassade hatte ihn an den kaiserlichen Sommerpalast Yuanming Yuan in Peking erinnert. Die „Gärten der perfekten Helligkeit“, wurden als komplexe Anlage von Gärten und Gebäuden zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert errichtet. Während des Zweiten Opiumkriegs zerstörten englische und französische Truppen den Komplex und raubten Kunstwerke, darunter die zwölf Köpfe einer Wasseruhr des Jesuiten und Missionars Giuseppe Castigione (1688–1766). Alte Stiche zeigen die Köpfe des Tierkreises auf menschlichen Körpern.

 

 

Als Christie’s im Jahr 2000 zwei dieser Bronzeköpfe zur Auktion brachte (Affe und Ochse), begann die chinesische Regierung sich für die Rückgabe bzw. Rückerwerbung von bedeutendem Kulturgut zu engagieren (→ Garden perfect brightness). Einige Jahre später tauchten in der Sammlung von Yves St. Laurent zwei weitere Köpfe auf (Ratte und Hase), die einige Jahre später François Pinault dem chinesischen Staat schenkte. Wenn auch (noch) nicht alle Bronzeköpfe wieder vereint sind worauf die fünf leeren Podeste am Ende des Bassins verweisen, so nutzt Ai Weiwei sie, um die spannungsreichen Beziehungen zwischen Europa und China zu thematisieren. Dazu kommt das komplexe Verhältnis der chinesischen Staatsführung, sich zwischen Kulturrevolution und Wiederentdeckung des kulturellen Erbes zu positionieren. Schlussendlich steht auch die Frage nach dem Kunstmarkt im Raum, sind die Bronzeköpfe doch jeweils für mehrere Millionen an die Meistbietenden versteigert worden. Hierin zeigt sich Ais Strategie, Kunst als offene Assoziationsmöglichkeit anzubieten. Jede_r könne selbst entscheiden, was er oder sie sehen möchte.

 

 

Schwimmwesten und das Jahr des Affen

Das Jahr des Affen ist ein instabiles, zeigte sich Ai Weiwei bei der Pressekonferenz überzeugt. Politisch-soziale Fragestellungen wie u. a. die Flüchtlingskrise, Wahlen stellen ganze Kontinente auf eine schwere Probe. Der chinesische Künstler mit aktuellem Wohnsitz in Berlin reagiert schon seit Monaten auf die Migrationsströme, lässt dokumentieren, fährt selbst vor Ort, zieht mediale Aufmerksamkeit auf Vergessenes und allzu leicht Übersehenes. Nicht nur in den Sozialen Medien ist er mit kontroversen Bildern präsent, sondern entdeckte wohl als Erster die symbolische Kraft der Rettungswesten. Auf Lesbos hat er über 500.000 Stück von ihnen vorgefunden. Der Bürgermeister, so Ai Weiwei wüsste gar nicht, was er mit ihnen machen sollte. Für ihn, den Künstler, sind sie ein starkes Symbol für das Überleben. Den Frust, den Ai Weiwei 2005 angesichts fehlender Informationen über die Erdbebenopfer in China empfand, fühlt er überzeugend vor dieser europäisch-asiatischen Herausforderung. Aus diesem Grund ließ er auch ein (wenig leicht erkennbares) „F“ aus den Schwimmwesten zusammenstellen. Wie das wieder zu deuten ist, bleibt offen und kann von „Fake“ zum eigenen Brand der „Fake Culture Developement Unlimited“, über das schlimme F-Wort bis zu „fragility of life“ reichen. Die Lotusblume, an die ebenfalls erinnert wird, steht in China für Reinheit, Liebe und im Daoismus für Unsterblichkeit. Ob die schwimmenden Rettungswesten im großen Bassin vor dem Oberen Belvedere von den Massen an Tourist_innen wirklich so verstanden werden, mag man bezweifeln. Zu „schön“ sind die Farben, zu beeindruckend und stimmig das ganze Setting mit dem barocken Schloss im Hintergrund. Doch nutzte der engagierteste Aktivist unter den Konzeptkünstlern die Pressekonferenz auch für einen Aufruf zur Menschlichkeit, Würde und Verteidigung der Werte:

„Wir müssen den Leuten helfen, die alles zurückgelassen haben! Das ist ein Thema unserer Zeit! Können wir es uns leisten, unser Mitgefühl zu opfern? Oder haben wir noch immer die Möglichkeit, ihnen zu helfen?“ (Ai Weiwei, 13.7.2016)

 

 

Ahnenhalle und Teezeremonie im 21er Haus

Im lichtdurchflossenen Ausstellungspavillon von Karl Schwanzer baute Ai Weiwei den zentralen Bereich einer alten Ahnenhalle auf. Die Maße der 14 Meter hohen, offenen Holzkonstruktion passen perfekt in den Pavillon, aber auch die Geschichten der beiden Gebäude lassen sich parallel lesen. Im Jahr 1958 für die Weltausstellung in Brüssel konzipiert, sollte der Schwanzer-Bau nach Ablauf der Schau abgerissen und verschrottet werden. Nach seiner Rettung wurde er zum Museum und beherbergt nun zeitgenössische Kunst. Ai Weiwei erklärt durch die Ausstellung die alte Ahnenhalle der Familie Wang aus Jiangxi zum Kunstwerk. Das aus über 1.300 Einzelteilen bestehende Gebäude war in der späten Ming-Dynastie (1368–1644) errichtet worden. Während der Kulturrevolution wurde die Familie Wang, reiche Teehändler, vertrieben und die Ahnenhalle dem Verfall preisgegeben. Traditionellerweise spielen solche Ahnenhallen eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben chinesischer Familien, da in ihnen nicht nur der Vorfahren gedacht wurde, sondern auch frisch vermählte Paare diesen opferten und damit ihre Ehe gültig wurde, bzw. man Verstorbene aufbahrte. Um dieses Kulturgut zu retten, erwarb Ai Weiwei die Ahnenhalle von einem Investor. Im 21er Haus stellt er sie wieder auf – durchaus ein veritabler Fingerzeig auf die Jahrtausende alte Kultur Chinas. Später ergänzte Teile sind mit leuchtenden Farben markiert. Symbole wie der allgegenwärtige Drache und Wolken ergänzen fein aus dem Holz herausgearbeitete Reliefs mit Familienepisoden.

 

 

Rund um die Ahnenhalle positionierte Ai Weiwei drei weitere Werke: „Teahouse“ und „Spouts“ verweisen beide auf die Teezeremonie. Während „Teahouse“ aus gepresstem Tee besteht, sind 2,5 Tonnen Teekannenschnäbeln für „Spouts“ in einem perfekten Rechteck arrangiert. Hier könnte man sich an minimalistische Bodenarbeiten US-amerikanischer Künstler erinnert fühlen, wenn Ai Weiwei nicht so viel Symbolik und Materialästhetik (bis zum Geruch des Tees!) hineinpacken würde.

Rechts von der Ahnenhalle liegen weitere Komponenten der Architektur. Da nur der zentrale Baukörper Platz im 21er Haus fand, verweisen diese Stücke erneut auf die Fragmentierung des Werks, seine Gemachtheit, seine Gefährdung und lässt anhand der am Boden liegenden Reliefs auch die sorgfältige und feine Verarbeitung des Holzes erkennen. Auch hier stehen alte Traditionen, Handwerkstechniken und perfekte Verarbeitungskunst im Zentrum von Ais Überlegungen. Sich mit den nahezu untergegangenen Techniken, Methoden und Motiven chinesischer Kultur zu beschäftigen, zählt zu den zentralen Aspekten in Ai Weiweis Werk.

 

 

Damit möglichst viele Besucher_innen vom Oberen Belvedere ins 21er Haus finden, verweisen in der dortigen Stiegenhalle drei fliegende Kreaturen auf die Ausstellung des Chinesen: „Lu“ sind drei Mischwesen, die aus filigranen Bambusstäben und weißer Seide bestehen, und dem barocken Sommerpalais eine chinesische Note verleihen. Wenn auch die Chinoiserien des Prinzen Eugen – darunter das legendäre Goldkabinett – nicht mehr im Original existieren (1950 bei einem Brand vernichtet), so erbringt nun Ai Weiwei mit den glückbringenden Symbolen dem ehemaligen „Wunder würdigen Kriegs- und Siegs-Lager“ einen fernöstlichen Gruß.

 

Ai Weiwei: Bilder

  • Ai Weiwei © Belvedere, Wien.
  • Ai Weiwei mit Lupe © Belvedere, Wien.
  • Superstar Ai Weiwei signiert nach der Pressekonferenz im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Wang Family Ancestral Hall, 2015, Original carvings and painted replacements 1364,7 x 1451 x 939 cm © Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien.
  • Ai Weiwei, Ahnenhalle der Familie Wang, Aufblick, Installation im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Weiwei, Ahnenhalle der Familie Wang, Dach, Installation im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Weiwei, Ahnenhalle der Familie Wang, Dachkonstruktion, Installation im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Weiwei, Ahnenhalle der Familie Wang, weitere Bestandteile des Seitentrakts, Installation im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Weiwei, Ahnenhalle der Familie Wang, Reliefs des Seitentrakts, Installation im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Weiwei, Ahnenhalle der Familie Wang, geschnitzte Verbindungsplatte im Dachstuhl, Installation im 21er Haus, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Installation im 21er Haus © Belvedere Wien, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Spouts, 2015, Keramik, 100,000 antique spouts from the Song to Qing dynasties; Installationsmaße: 1400 x 400 cm © Ai Weiwei Studio, Foto: © Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Spouts, Detail, 2015, Keramik, 100,000 antique spouts from the Song to Qing dynasties; Installationsmaße: 1400 x 400 cm © Ai Weiwei Studio, Foto: © Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Teahouse, 2009, Gepresster "Pu-Erh" Tee; Installationsmaße: 800 x 400 cm; 180 x 120 x 180 cm jeweils © Ai Weiwei Studio, Foto: © Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Circle of Animals/Zodiac Heads, 2010: Affe vor dem Oberen Belvedere, Private Sammlung, Foto: © Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, F Lotus, 2016, 1005 life vests, PVC, polyethylene foam 4876,5 x 4700 x 7,5 cm © Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien
  • Ai Weiwei, Lu 鯥: Drache, 2015, Bambus und Seide, 470 x 250 x 195 cm © Belvedere, Wien, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Lu 鯥: Fisch, 2015, Bambus und Seide, 470 x 250 x 195 cm © Belvedere, Wien, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Lu 鯥: Drache mit Putto, 2015, Bambus und Seide, 470 x 250 x 195 cm © Belvedere, Wien, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Lu 鯥: Hahn, 2015, Bambus und Seide, 470 x 250 x 195 cm © Belvedere, Wien, Foto: Alexandra Matzner.
  • Ai Weiwei, Lu 鯥 in der Stiegenhalle des Oberen Belvedere, 2015, Bambus und Seide, 470 x 250 x 195 cm © Belvedere, Wien, Foto: Alexandra Matzner.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.