Anselm Feuerbach

Wer war Anselm Feuerbach?

Anselm Feuerbach (1829–1880) war ein deutscher Maler des Historismus und der Salonmalerei. Er gilt als der Vollender des Klassizismus, den er mit realistischen Stilmitteln zugleich überwand. Sein Werk dominieren monumentale Figuren in pathosgetränkten Posen. Der Wiederbelebung von Stilprinzipien der Antike und der Renaissance fühlte er sich verpflichtet, so wie er gleichzeitig Naturstudien betrieb. Aktuell gelten etwas mehr als 520 Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien als eigenhändige und authentische Werke.

Kindheit

Anselm Feuerbach wurde am 12. September 1829 als Sohn des Gymnasialprofessors für Alt-Griechisch und Latein Joseph Anselm Feuerbach (1798–1851) in Speyer geboren. Sein Vater unterrichtete am bayerischen Gymnasium Speyer und trieb archäologische Studien, publizierte eine Studie über den „Vaticanischen Apoll – eine Reihe archäologisch-ästhetischer Betrachtungen“ (Nürnberg 1833) und folgte 1836 dem Ruf an die badische Universität in Freiburg, wo er als Professor für klassische Philologie und Archäologie tätig war. Anselm Feuerbache Mutter hieß Amalie (geb. Keerl). Die Tochter des Ansbacher Appellationsgerichtsrats hatte 1826 Joseph Anselm Feuerbach geheiratet und 1827 die gemeinsame Tochter Emilie geboren. Die Familie war evangelisch und in Franken ansässig, wo die Onkel von Anselm Feuerbach zur intellektuellen Elite zählten: Karl Feuerbach war Mathematiker, Eduard Feuerbach Jurist, Ludwig Feuerbach Philosoph sowie Friedrich Feuerbach Indologe.

Bereits 1830 verstarb Anselm Feuerbachs Mutter an Lungentuberkulose, weshalb Anselm und Emilie bis 1834 bei ihren Großeltern in Ansbach aufwuchsen. Joseph Anselm Feuerbach heiratete 1834 Henriette Heydenreich (1812), die selbst als Pianistin, Komponisten und Schriftstellerin tätig und mit namhaften Gelehrten, Kunstschaffenden, Musikern und Musikerinnen befreundet war. Kurze Zeit darauf übersiedelte die Familie nach Freiburg.

In der Schule wurde Anselm Feuerbach als Primus und Wunderkind bekannt. Er zeichnete viel. 1839 schoss ihm ein Freund durch Hand und Arm, weshalb er später vom Militärdienst befreit wurde. Während der Heilung eines Schlüsselbeinbruchs perfektionierte er das Zeichnen mit der linken Hand, entsprechend den Fähigkeiten seiner rechten. Der Vater hatte aus Italien Münzen, Gipsabgüsse, Stiche nach Michelangelo und einige Mappen der Münchner Schleißheimer Galerie mitgebracht, was Feuerbach später als das Fundament seiner künstlerischen Betätigung bezeichnete. Neben Werken der Antike zählten Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck zu den früh bewunderten Malerstars des werdenden Künstlers.

Ausbildung

Ab 1843 erhielt Anselm Feuerbach systematischen Zeichenunterricht bei Franz Wagner, dem Anatomiezeichner der Universität. Da ihm erste bildhauerische Versuche misslangen, riet ihm sein Vater davon ab. Im folgenden Jahr zeichnete Feuerbach eine Folge von Szenen aus dem Nibelungenlied. Je stärker seinen künstlerischen Neigungen nachgab, desto schwächer wurden seine Leistungen in der Schule. Das veranlasste die Familie, Anselm Feuerbach am 8. April 1845 als Schüler auf die Düsseldorfer Akademie zu schicken.

Düsseldorfer Akademie

Anselm Feuerbach arbeitete zunächst als „Malerknabe“ im Wilhelm von Schadows Atelier und machte Zeichenstudien im Antikensaal. Großherzog Leopold von Baden, sein Landesherr, unterstützte die Ausbildung in Düsseldorf mit einem bescheidenen Stipendium. Zu den wichtigsten Ausbildungsmethoden zählten das Kopieren nach antiken Gipsskulpturen wie dem Apoll von Belvedere, den Borghesischen Fechter, den Diskuswerfer uvm. sowie erste Aktstudien nach lebenden Modellen. Um sich fortzubilden, las Feuerbach die Bibel, Goethe und Uhland, Shakespeares „Sturm“, kunstgeschichtliche Vorlesungen und die Bücher von Winckelmann. Die Werke seiner Lehrer werden von Anselm Feuerbach intensiv studiert aber nicht zum alleinigen Vorbild erhoben:

„Immer mehr aber neigt sich meine Phantasie zum Ernsten, Kräftigen. Ich kann nicht sagen, ob ich rein Historienmaler werden kann, alte Sagen, bloße Gedanken ohne eigentlichen historischen Ursprung, mit ist es immer, als wenn zu reine Historienmalerei unpoetisch wäre, mich reizt eher die Hunnenschlacht von Kaulbach, wo die Geister der Erschlagenen in den grauen Lüften kämpfen, als reine historische Schlacht, wie die bei Ikonium von Lessing, wo jede Figur der Herzog oder der, das Wappen so und das wieder so. – So zum Beispiel reizt mich mehr ein Barbarossa im Kyffhäuser als ein Barbarossa, der Mailand demütigt; das sei aber nicht damit gesagt, dass ich am Toten hänge, sondern lebendige, feurig, kräftig muss alles sein. – Besonders zieht mich der tiefe Norden an mit den uralten Sagen, die ewig beeisten Berge, das Romantische, dann wieder Arabien und Deutschland im Mittelalter, die eiserne Zeit des Mönchtums; auch schweben mit immer sonderbar düstere Landschaften vor; eine Winterlandschaft will nie aus meinem Geiste; ich denke mir schwarze riesige Tannen im Vordergrunde, tiefer Schnee mehr nach hinten, Scheeebene, und am Fuß eines schwarzen Tannenberges ein armes Kloster, stürmischer Himmel; ein Mönch liest eifrig Holz zusammen, um es zum Kloster zu bringen; tiefe Ruhe auf dem Ganzen.“1 (Anselm Feuerbach, Sommer 1845)

Am 18. Februar 1846 wurde Anselm Feuerbach in die Malklasse aufgenommen; kurze Zeit später entstanden erste Bildnisstudien. Seine Lehrer waren Wilhelm von Schadow, Carl Ferdinand Sohn, Johann Wilhelm Schirmer und Carl Friedrich Lessing. Vor allem Lessings Landschaften beeindrucken den Schüler tief, weil sie so poetisch und einfach wären. Von ihm lernte er, dass die Landschaftsstimmung in der Staffagefigur kulminiert. Schon früh zeigt sich Feuerbachs Interesse am Komponieren, an geometrischen Berechnungen, Austüfteln von vielfigurigen Kompositionen.

„Es tauchen mir oft wunderliche Ideen auf, Träume, Phantasien, ich fürchte mich vor der Nüchternheit und Hohlheit, die die jetzige Welt regiert, man muss sich zurückflüchten zu den alten Göttern, die in seeliger, kräftiger, naturwahrer Poesie den Menschen darstellen, wie er sein sollte; in die Zukunft flüchten geht auch nicht, denn welche Zukunft steht denn unseren Geld- und Maschinenmenschen bevor […] Man sagt, der echte Maler müsse alles können, das ist schon gut, aber eine echte Seelenrichtung tut doch not, denn nur um Gottes willen keine Gemeinplätze, es brauchen ja nicht gerade historische Momente zu sein, es können tiefe poetische Empfindungen sein, aber nur muss die Handlung ergreifend und klar sein, auch dürfe keine Modellgestalten umherwandeln, die ebenso gut Griechen, Ägypter oder Mongolen vorstellen können. – […] Nichts ist selbst für den Historienmaler nötiger, als dass er Landschaft versteht, denn die Landschaft ist mit dem Gefühl und dem Menschen stets auf das innigste verbunden, auch darin ist Lessing groß.“2 (Anselm Feuerbach, Sommer 1846)

München

Ende Februar 1848 verließ Anselm Feuerbach auf Anraten Wilhelm von Schadows die Düsseldorfer Akademie und übersiedelte nach München, wo er kopieren wollte. Zwischenstation legte er in Nürnberg ein, wo er väterliche Verwandtschaft besuchte und nach Albrecht Dürer kopieren wollte. Schnell stellte er jedoch fest, dass „die finsteren Architekturen und die deutschen Skizzen mit Goldgrund“ 3 wenig in seine Götterwelt passten. In München entdeckte er die Fresken von Carl Rottmann in den Hofgartenarkaden; er studierte die Werke von Peter Paul Rubens, vor allem die „Gefangennahme Simsons“ in der Alten Pinakothek im Verhältnis von 1:1. Im Herbst besuchte er für kurze Zeit Karl Schorns Malschule. Er schrieb sich an der Münchner Akademie ein, ging aber nicht zum Unterricht. Stattdessen trat er 1849 in das Atelier Karl Rahls ein.

Antwerpen

Im Frühjahr 1850 hielt sich Anselm Feuerbach kurz in Antwerpen auf, im Mai war er wieder in München und im Herbst erneut in Antwerpen. Dort besuchte er die Akademie, wo er Schüler von Gustaaf Wappers wurde. Der Aufenthalt von Anselm Feuerbach in Antwerpen dauerte bis Mai 1851.

In Antwerpen lernte Anselm Feuerbach die belgische Historienmalerei kennen. Diese verband einen hohen Grad an Realismus und historischer Korrektheit mit effektvollen Inszenierungen. Dazu gehören eine an der Natur bzw. dem Modell orientierte realistische Zeichnung. Die Farbe steigert die Bildaussage. Ein alla-Prima-Abschluss und eine ausgeprägte Hell-Dunkel-Kontrastierung sowie Lichtführung bestimmen von malerischer Seite den Eindruck des Werks. Dazu kommt ein Hang zum theatralischen Inszenierungen.

Paris

Nach einem kurzen Aufenthalt in Freiburg reiste Anselm Feuerbach im Juni 1851 nach Paris. Ursprünglich wollte er bei Horace Vernet studieren, doch davon rückte er ab. In Paris kopierte er die Werke Alter Meister im Louvre, darunter Rembrandt van RijnTizian und Paolo Veronese (weil die schönsten Bilder von Murillo und Ribera bereits auf Monate abonniert waren). Von den Zeitgenossen interessierten ihn am meisten: Thomas Couture, vor allem dessen „Römer der Verfallszeit“ (1847, Musée d’Orsay, Paris), Gustave Courbet und Eugène Delacroix. Das Gemälde „Hafis an der Schenke“ (1852, Kunsthalle Mannheim) ist das erste, in dem die französischen Einflüsse sichtbar werden.

Das Jahr 1852 verbrachte Anselm Feuerbach zum Großteil bei seiner Stiefmutter und Schwester, die nach Heidelberg übersiedelt waren (Mai bis November). Wieder nach Paris zurückgekehrt, arbeitete Feuerbach zwischen November 1852 bis Mai 1853 im Atelier von Thomas Couture. Er setzte sich intensiv mit dem Werk seines Lehrers auseinander, machte unter dessen Anleitung lebensgroße Aktstudien und traf Gustave Courbet persönlich. Sein Hauptaugenmerk galt zu diesem Zeitpunkt der Farbbehandlung, dem Erlebnis eines breiten pastosen Auftrags, der Sichtbarkeit des Pinselstrichs, auf der Wirkung von Farbmaterie mit dem Ziel, stoffliche Qualitäten wiederzugeben, also der malerischen, offenen Malweise. Als er von Juni bis September 1853 sich neuerlich in Heidelberg aufhielt, begann er, Bildnisaufträge anzunehmen.

Der dritte Paris-Aufenthalt fand zwischen September 1853 und April 1854 statt. Nun arbeitete Anselm Feuerbach bereits als freischaffender Künstler. In diesem Zeitraum malte er „Zigeunertanz“, das er erfolgreich in einer Pariser Galerie ausstellte. Die Rückkehr nach Deutschland war motiviert durch finanzielle Sorgen aber auch der Flucht vor einer Liebschaft.

Italien

In Karlsruhe, wo Anselm Feuerbach zwischen Mai 1854 und April 1855 lebte, arbeitete er an acht Supraporten für zwei Säle des Großherzoglichen Schlosses in Karlsruhe. Wichtiger noch ist allerdings seine Bekanntschaft mit Joseph Victor von Scheffel. Mit Scheffel und einem Reisestipendium des badischen Prinzregenten brach Anselm Feuerbach am 29. Mai 1855 nach Italien auf. Die beiden trafen am 6. Juni in Venedig ein. Anselm Feuerbach hatte im Oktober 1848 begonnen, Italienisch zu lernen und sollte auf Empfehlung von Johann Wilhelm Schirmer, seit November 1854 Direktor und Professor an der Karlsruher Kunstschule, Kopien nach Tizian und Veronese fertigen. In Venedig begeisterte sich Feuerbach für die venezianische Renaissance-Malerei und kopierte Tizians „Assunta“ (bis Herbst 1855 vollendet, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe). Im Zuge der Arbeit an der „Assunta“-Kopie beruhigte Feuerbach seine Malweise zugunsten einer ruhigen, an der Renaissance geschulten Ausführung, wobei die Venezianer für das Kolorit (neben Tizian und Veronese noch Sebastiano del Piombo und Palma il Vecchio) und die Florentiner Michelangelo Buonarroti und Raffael für Großartigkeit, Lieblichkeit und Schönheitssinn Pate standen. Den Sommer verbrachte er in Castell Toblino, wo er zahlreiche Landschaftsstudien schuf.

Nachdem er im Januar 1856 das Angebot einer Professur an der Karlsruher Akademie abgelehnt hatte, reiste er im Mai über Padua und Bologna nach Florenz. In Bologna äußerte er sich begeistert über Raffaels „Hl. Cäcilie“. Auch in Florenz bildete sich Anselm Feuerbach an den Werken der Renaissance-Malerei weiter. Die Studien wurden 1856 durch eine syphilitische Infektion unterbrochen, aufgrund derer er sich zwischen Mitte August und Ende September bei einem deutschen Arzt in Livorno behandeln lassen musste.

Ab 1. Oktober 1856 hielt sich Anselm Feuerbach in Rom auf, so er mit Unterbrechungen bis 1873 blieb. Einer seiner wichtigsten Freunde war der Kupferstecher und Lithograf Julius Allgeyer, in dessen Atelier er ab Frühjahr 1857 arbeiten durfte. Anselm Feuerbach wurde Mitglied des Deutschen Künstlervereins in Rom und verbrachte die Abende mit Reinhold Begas, Ludwig Passini und Arnold Böcklin (meist singend im Quartett). Der Musiker und Sammler Landsberg erteilte ihm den Auftrag zu „Dante und die edlen Frauen von Ravenna“ (1857/58, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), das Feuerbach allerdings selbst behielt. Der königlich hannoversche Konsul Wedekind aus Palermo bestellte bei ihm das „Kinderständchen“. Als der Maler das Gemälde im April 1860 ausstellen wollte, bekam er Schwierigkeiten wegen der Darstellung nackter dreijähriger Knaben. In der Campagna di Roma, den Albaner und Sabiner Bergen entstanden Landschaftsstudien.

Obschon Anselm Feuerbach in Rom lebte und arbeitete, suchte er dennoch Erfolg am Pariser Salon. 1859 schickte er das Dante-Bild nach Paris, das die Kritik als „Italiener-Imitation“ verriss. Allerdings erwarb der Großherzog von Baden das Gemälde nach einer Präsentation in der Karlsruher Kunsthalle. Die wirtschaftliche und soziale Situation Anselm Feuerbachs war 1859 ziemlich prekär, trotzdem lehnte er eine neuerliche Berufung nach Karlsruhe ab. Auch der Ruf an die Weimarer Kunstschule 1861 konnte ihn nicht aus Rom weglocken.

Nanna

Im Frühjahr 1860 begegnete Anselm Feuerbach zum ersten Mal der verheirateten Anna Risi, genannt Nanna, die für ihn die Verkörperung seines Schönheitsideals darstellte. Sie saß ihm Modell für das Dresdner Madonnenbild (Ende Oktober 1859/April 1860) und einige Studienköpfe. Man kann im Werk Feuerbachs zwei Typen der Nanna-Bilder unterscheiden: naturhafte und idealisierte. In der Madonna mit musizierenden Engeln verarbeitete Feuerbach die Eindrücke aus Venedig und von Raffaels Madonnen-Bildern in Florenz.4 Sie saß ihm aber auch für mehrere Studienköpfen (teils verlorenes Profil) der Jahr 1861, die zwischen wehmütigem, erhabenem, unnahbarem und stoischem Charakter changieren und sich leicht verkaufen ließen.

Das künstlerische Interesse an Nanna wurde durch eine Beziehung zwischen den beiden vertieft. Für Nanna, die an einer „unheilbaren Herzkrankheit“ litt, gab der Maler sogar das Rauchen auf. Nanna stand dem Maler Modell für geplante Bilder wie der „Iphigenie“ und dem „Gastmahl“, den historisierenden „Porträts“ der Bianca Capello (um 1548–1587) und der Lucrezia Borgia. Der Stoff für die „Iphigenie“ geht zurück auf Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und der Oper von Willibald Gluck. Für die „Iphigenie“ ließ er sich ein antikisches Gewand schneidern und hielt sich Mitte Juli 1861 in Anzio auf, um Meeresstudien zu betreiben. Nanna, antikisch gekleidet, erinnerte ihn an eine Statue von Phidias – und wurde zum Inbegriff seiner Griechenland-Sehnsucht. Mit dem Bild der ersten Fassung der „Iphigenie“ (1862, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt) gelang Anselm Feuerbach 1862 der Durchbruch. Er stellte es in Karlsruhe, Stuttgart und Berlin aus; in Berlin wurde das Gemälde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Im Oktober 1865 verlor Anselm Feuerbach sein Lieblingsmodell, da Anna Risi mit einem Engländer nach Süditalien davonlief. In „Orpheus und Eurydike“ (1869, Belvedere) verarbeitete er seinen Verlust.

Freiherr Adolf Friedrich von Schack

Zu Anselm Feuerbachs wichtigsten Auftraggebern dieser Zeit zählte Freiherr Adolf Friedrich von Schack, der den Maler im Dezember 1862 in dessen römischem Atelier besuchte und im folgenden Jahr erste Aufträge an ihn erteilte. Dem gestiegenen Interesse an Anselm Feuerbachs Werk folgt, dass sich Henriette Feuerbach zunehmend als „Managerin“ ihres Stiefsohnes betätigte.

1864/65 entstanden die besten Bilder für Schack, darunter „Romeo und Julia“ (Eisenach), „Laura in der Kirche“ (1865, München), „Hafis am Brunnen“ (1866, München), das „Familienbild“ (1866, München). Die Beziehung zu seinem Mäzen erlitt 1866 einen Rückschlag. Zur selben Zeit dachte Anselm Feuerbach daran, sein Werk durch ein fotografisches Mappenwerk zu publizieren. Früh hatte Feuerbach begonnen, von seinen Kompositionen Daguerrotypien anfertigen zu lassen. Zum einen hatte er so Anschauungsmaterial und zum anderen halfen ihm die Aufnahmen, einen Bildgegenstand weiterzuentwickeln. Die Verhandlungen mit dem Kunstverleger Hanfstaengl in München verliefen allerdings im Sand. Die Beziehung zu Schack zerbrach endgültig im Dezember 1868.

Historien

Das Jahr 1867 ist geprägt von dem großen, neuen Atelier Feuerbachs in der Via S. Nicola da Tolentino, wo er die „Medea“ schuf. Der gesundheitliche Zustand des Malers verschlechterte sich, weshalb er jedes Jahr zur Erholung nach Heidelberg und Baden-Baden reiste (ab März bis September). In Baden-Baden traf Feuerbach bedeutende Künstler und Kunstmäzene, die er zu porträtieren hoffte.

Ende der 1860er und Anfang der 1870er Jahre entstanden so wichtige Historienbilder wie „Orpheus und Eurydike“ (1869, Belvedere), das „Gastmahl des Plato“ (in zwei Fassungen; 1869 Kriegsverlust, 1873, Nationalgalerie zu Berlin), „Medea“ (zweite Fassung 1870, München), das „Parisurteil“ (1870, Hamburger Kunsthalle), die „Amazonenschlacht“ (in zwei Fassungen: 1869, 1873, Nürnberg), „Iphigenie“ (zweite Fassung, 1871, Stuttgart), „Medea mit dem Dolche“ (1871, Kunsthalle Mannheim) und „Medea an der Urne“ (1873, Privatbesitz).

Professor für Historienmalerei an der Wiener Akademie

Am 1. August 1872 ereilte Anselm Feuerbach in Heidelberg der Ruf an die Wiener Akademie. Formalitäten und Bedingungen für die Übernahme der Professur für Historienmalerei wurden in Heidelberg ausgehandelt. Nachdem Feuerbach in Rom die „Amazonenschlacht“ sowie die zweite Fassung des „Gastmahls“ vollendet hatte, reiste er über Baden-Baden, Heidelberg und München nach Wien. Ab 19. Mai 1873 hielt sich Anselm Feuerbach in Wien auf, wo er allerdings von der Situation negativ überrascht wurde: Die Schülerateliers der Akademie waren über die ganze Stadt verstreut, der Neubau der Akademie der bildenden Künste konnte erst im Spätherbst 1876 bezogen werden. Im Herbst 1873 unterrichtete Feuerbach 14 Schüler und stellte schnell fest, dass er mit Hans Makarts Auffassung von Historienmalerei nicht übereinstimmte. Zu seinen Schülern zählte u.a. Theodor von Hörmann (1874), der sich jedoch in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre dem französischen Impressionismus zuwandte (→ Theodor von Hörmann. Impressionist aus Österreich). Bereits Anfang des Jahres 1874 schrieb Feuerbach an seine Stiefmutter, dass er daran dachte, die Professur zurückzulegen, da das Rektorat daran arbeitete, Makart eine Professur zu geben.

Die im Künstlerhaus ausgestellten Gemälde „Amazonenschlacht“ (15.1.1874) und die zweite Fassung des „Gastmahls“ (14.2.1874) fielen in der Kritik durch. Dennoch übernahm Feuerbach Aufträge für die Deckenbilder in der Aula des neuen Akademiegebäudes, an denen er ab Oktober 1875 arbeitete.
Obwohl sich die Lehrtätigkeit Feuerbachs in Wien positiv zu entwickeln begann, reichte er im Juni 1876 sein Entlassungsgesuch ein. Gründe dafür waren eine falsche Steuerveranlagung und große Gereiztheit des kränklichen Künstlers – im Frühjahr war er an einer Lungenentzündung und an Gelenkrheumatismus erkrankt. Das zweite Entlassungsgesucht zu Neujahr 1877 begründete seine Entscheidung mit gesundheitlichen Gründen. Seinem Ansinnen wurde stattgegeben und Hans Makart zu Feuerbachs Nachfolger erwählt.

Der Titanensturz

Durch Monumentalaufträge suchte die Akademieleitung Anselm Feuerbach an Wien zu binden. Zu den wichtigsten Aufgaben zählte, ihn die Deckengestaltung der Aula des neuerrichteten Akademiegebäudes am Schillerplatz anzuvertrauen. Als Gehilfen wählte Feuerbach seinen Lieblingsschüler Adalbert Hynais. Da er den Olymp ohne Handlung als „langweilig“ empfand, schlug er den Titanensturz vor. Theophil Hansen konzipierte für die Decke eine kleinteilige Aufgliederung, die Feuerbach rundweg ablehnte. Stattdessen sieht sein Gemäldeentwurf von 1874 ein großes Mittelbild vor, das oben und unten von je zwei querrechteckigen Feldern begleitet wird. Erst im Herbst 1874 konnte sich der Maler damit durchsetzen, da die Bauleitung dem Ministerium unterstand, welches Hansens Vorgabe der Deckenteilung ablehnte. Da in der Aula die Gipsgüsse der Akademie aufgestellt werden sollten, sah das Programm vor, die Antiken in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Für seinen Titanensturz wählte Feuerbach Höhepunkt und Entscheidung des Kampfes zwischen den Göttern des Olymp und den Titanen, wie sie in Hesiods „Theogonie“ geschildert werden.

Das zentrale Feld zeigt oben Zeus im Sonnenwagen, der von zwei Schimmeln gezogen wird. Unter ihm stürzen die Titanen, rechts hinter ihm steht die gerüstete Pallas Athene und links der Wagenlenker Apollo. Inmitten der gefallenen Titanen steht Mars in Siegesgestus – in seiner Ausformung folgt er Benvenuto Cellinis „Perseus mit dem Haupt der Medusa“ bzw., da er sich um einen männlichen Kopf handelt, auch der alttestamentarische David mit dem Haupt des Goliaths mitschwingt. Die gesamte Komposition ist von Peter Paul Rubens „Das kleine Jüngste Gericht“, „Der Engelsturz“, „Der Höllensturz der Verdammten“ und Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle beeinflusst. Anselm Feuerbach deutete die Titanomachie als Sieg der Kultur über die rohen Naturkräfte.

Im Dezember 1877 ließ sich Anselm Feuerbach die monumentale Leinwand für den Titanensturz aus Wien nach Venedig liefern. Er bezog für diese Arbeit ein Atelier im Palazzo Dolfin. Immer wieder verschob er die Arbeit an de Monumentalgemälde, wie aus den Briefen an seine Stiefmutter zu entnehmen ist. Im Vergleich zum Gemäldeentwurf stellte er den Sieg der Kultur überzeugender dar. Die Untermalung hatte er erst Mitte Oktober 1878 abgeschlossen, danach wollte er das Werk bis zum 24. April 1879 fertiggestellt haben (Silberhochzeit des Kaiserpaares). Da ihm in der Zwischenzeit der Auftrag für die flankierenden Bilder entzogen worden war, stellte Anselm Feuerbach nur das zentrale Deckenfeld fertig. Bis zur endgültigen Montierung wurde das große Bild auf Wunsch von König Ludwig II. auf der Internationalen Kunstausstellung in Münchner Glaspalast ausgestellt. An seinen Bestimmungsort gelangte das Gemälde erst 1892. Heinrich Tentschert und Christian Griepenkerl schufen die noch fehlenden Bilder.

Venedig

Im September 1876 stellte Anselm Feuerbach u.a. das „Gastmahl“, die „Amazonenschlacht“, „Iphigenie“ und „Aretino“ auf der Internationalen Kunst- und Industrieausstellung im Münchner Glaspalast aus. Für einen Studienkopf erhielt Feuerbach die „Große Goldene Medaille“. Ab Oktober des Jahres mietete er sich drei große Atelierräume im Palazzo Rezzonico. In diesem Jahr entstanden noch Vorarbeiten für das „Konzert“ (1876/77) und ein Bild für die Industrie- und Handelskammer. Für das Bild der Handelskammer verlieh ihm König Ludwig II. von Bayern das Ritterkreuz I. Klasse vom Zivilverdienstorden des Hl. Michael. Vermutlich sollte diese Würdigung die Berufung Anselm Feuerbachs zum Direktor der Münchner Akademie als Nachfolger Pilotys vorbereiten.

Der 1878/79 in Venedig gemalte „Titanensturz“ für die Decke der Aula der Akademie traf im April 1879 in Wien ein. Feuerbach Pläne, als Porträtmaler nach London zu übersiedeln, zerschlugen sich. Für „Medea“ und den „Titanensturz“ erhielt er nur enttäuschende Resonanz auf der Münchner Herbstausstellung. Obwohl Feuerbach weiterhin Ideen und Konzepte für Bilder entwickelte, scheint in diesem Jahr bereits seine Schaffenskraft gelähmt zu sein.

Tod

Am 4. Januar 1880 starb Anselm Feuerbach im Alter von 50 Jahren an einem Herzschlag im Hotel Luna in Venedig. Sein Leichnam wurde nach Nürnberg überführt, wo er am 12. Januar auf dem Nürnberger Johannisfriedhof beigesetzt wurde.

Die „Nürnberger Künstlerklause“ richtete Anselm Feuerbach eine kleine Gedächtnisausstellung aus. Im April 1880 folgte die große Ausstellung des Nachlasses Feuerbachs in der Berliner Nationalgalerie.

Literatur über Anselm Feuerbach

  • Jürgen Ecker, Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien, München 1991
  1. Anselm Feuerbach, Briefe I, S. 31.; zit. n. Jürgen Ecker, Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien, München 1991, S. 26.
  2. Anselm Feuerbach, Briefe I, S. 93–94.; zit. n. Jürgen Ecker, Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien, München 1991, S. 28.
  3. Jürgen Ecker, Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien, München 1991, S. 30.
  4. Im Winter 1862/65 malte Feuerbach eine zweite Variante der Madonna für Schack.