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Wien | Albertina: 20 Jahre SAMMLUNG VERBUND, Wien Feministische Kunst und Raumerforschungen | 2024

Aneta Grzeszykowska, Untitled Film Stills, 2006 (© 2024 Aneta Grzeszykowska / Courtesy of the artist and Raster Gallery, Warszawa)

Aneta Grzeszykowska, Untitled Film Stills, 2006 (© 2024 Aneta Grzeszykowska / Courtesy of the artist and Raster Gallery, Warszawa)

20 Jahre existiert die SAMMLUNG VERBUND in Wien bereits! 20 Jahre leitet Gabriele Schor nun eine der spannendsten Kollektionen zur feministischen Kunst in Österreich, und die ALBERTINA feiert mit der Jubiläumsausstellung das künstlerisch-gesellschaftliche Engagement des Energieunternehmens VERBUND. Aus den 1.000 Werken von 200 Künstler:innen stellte Gabriele Schor einen dreiteiligen Rundgang zusammen, der die Breite der Sammlung gut abdeckt. Neben dem Leuchtturmprojekt der Feministischen Avantgarde zeigt die SAMMLUNG VERBUND auch erstmals Werke diverser und nicht binärer Künstler:innen, die erst jüngst angekauft wurden!

SAMMLUNG VERBUND in der Albertina

Drei Teile - ein Ganzes könnte man die Ausstellung der SAMMLUNG VERBUND in der Albertina knackig zusammenfassen. Als sie Anfang der 2000er Jahre mit dem Aufbau der Sammlung beauftragt wurde, stellte sich Gabriele Schor die Frage, in welche Richtung der Energiekonzern sammeln sollte. Schnell hatte sie sich für die Kunst der 1970er Jahre entschieden - und hier vor allem für die feministische Kunst. Neben einem Schwerpunkt auf Räume und Orte in der zeitgenössischen Kunst, stellt sich in der Rückschau die Konzentration auf die "Feministische Avantgarde", ein von Schor geprägter Begriff, als gute Entscheidung heraus. Eine erste Ausstellung 2007 im MAK belegte das Engagement von Sammlungsleitung und Konzert, das sich seither in einer weltweiten Ausstellungstournee und 15 gewichtigen Katalogen niederschlug.

Am Anfang ist ... Cindy Sherman

An Anfang der Albertina-Ausstellung macht Cindy Sherman, flankiert von Zeitgenossinnen und aktuellen Künstlerinnen. Als erstes erwarb Gabriele Schor die berühmten „Untitled Film Stills“ der Amerikanerin, Schwarz-Weiß-Aufnahmen im Stil des Film noire. Dort schlüpft die Künstlerin in die Rollen verschiedener Protagonistinnen, ohne je einen Film wirklich zu zitieren. Sherman nutzt Kostümierung, Maske und Bildausschnitt, um die charakteristische Atmosphäre entstehen zu lassen. Ende der 1970er Jahre zeigt sich die junge Sherman damit bereits als ernstzunehmende Künstlerin. Dass sich damals weder ihre Galerie noch „die Kunstgeschichte" für das Frühwerk Shermans interessierte, sollte sich als Glücksfall für Gabriele Schor herausstellen. Dieser zwischen 1975 und 1977 entstandene und bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrgenommene Werkkomplex konnte mit der Künstlerin bis 2012 aufgearbeitet werden und mündete in einem beachtlichen Katalog und einer Ausstellung in der Vertikalen Galerie in Wien.

Seither ist die SAMMLUNG VERBUND aus dem Wiener und internationalen Ausstellungsgeschehen nicht mehr wegzudenken. Jedes Jahr stellt die Kustodin mit ihren Mitarbeiterinnen mindestens eine Großausstellung zusammen. Die Kataloge gehören inzwischen zu den Standardwerken der „Feministischen Avantgarde“. Rasch erweiterte sich die Liste der vertretenen Künstlerinnen, die in den 1970er Jahren gegen das Patriarchat wandten und für ein befreites Frausein kämpften. Ziel vieler (visuellen) Angriffe sind die drei K: Kinder, Küche und Kirche - für die Frauen (angeblich) zuständig wären. Das tradierte Frauenbild der 1960er und 1970er Jahre wurde in drastischen Werken kommentiert. Meist nutzten die damals jungen Künstlerinnen neue Medien wie Fotografie, Performance und Film. 2007 prägte Gründungsdirektorin Gabriele Schor den Begriff „Feministische Avantgarde“, um die Pionierleistung dieser Künstlerinnen zu würdigen und positionierte sie seither erfolgreich im kunsthistorischen Kanon.

Martha Wilson, Marcella Campagnano und Suzy Lake verwandelten sich vor der Kamera in unterschiedlichste Personen, wobei die serielle Fotografie eine Vergleichbarkeit der Abbilder ermöglicht. Dass diese inzwischen „ältere“ Generation auch noch heute noch vorbildhaft empfunden wird, belegen viele neue Arbeiten. So stellte Aneta Grzeszykowska in einer 70-teiligen Serie Shermans berühmte „Untitled Film Stills“ in Farbe nach (2006). Mit „ID400“ zeigt sich Tomoko Sawada in den Jahren von 1998 bis 2001 in 100 verschiedenen weiblichen Identitäten, aufgenommen im Fotoautomaten. Wie verändert Kleidung und Make-up eine Person, eine Persönlichkeit, ein Individuum?

Feministische Avantgarde der 1970er

Vertiefte Präsentationen zu den Künstlerinnen Francesca Woodman, Birgit Jürgenssen und Renate Bertlmann wechseln sich mit thematisch arrangierten Bereichen ab. „Das Private ist politisch - Mutter / Hausfrau / Ehefrau“ und „Weibliche Körper / Weibliche Sexualität“ versammeln nationale und internationale Künstlerinnen, die die Rollenzuschreibungen heftig in Frage stellten (und noch immer stellen).

Der zweite der Raum der Ausstellung versammelt poetische S/W-Fotografien von Francesca Woodman (1958-1981). Das in nur neun Jahren entstandene Werk ist von Surrealismus und Literatur beeinflusst. Während eines Studienjahres in Rom wurde die libreria Maldoror zur Vermittlerin und André Breton zum Ideengeber für ihre „poetische Praxis“, oder wie es der Papst des Surrealismus selbst ausdrückte: „pratiquer la poésie“. Charakteristisch für Woodmans Bildwelt ist die formale Annäherung des nackten weiblichen Körpers, meist sie selbst an die sie umgebende Natur bzw. die Räume. Interaktion, Bildausschnitt und sanftes Licht lassen den Akt nahezu verschwinden. Das Spiel mit den Requisiten führt zu einer poetischen Auffassung des Gesehenen.

Ganz gegensätzlich nutzt Birgit Jürgenssen (1949-2003) die Fotokamera, wenn auch in ihrem Werk die Rezeption des Surrealismus bedeutend war. Jürgenssen lernte die surrealistischen Techniken während eines Parisaufenthalts Mitte der 1960er Jahre kennen. In Zeichnungen und Fotografien erkundete die Künstlerin das Frausein  - von der gläsernen Wand bis zur Galdiatorin, von der Hausfrauen-Küchenschürze (1972) bis zum Nest (1979).

Damit führt Jürgenssen bereits in das Themenfeld „Das Private ist politisch - Mutter / Hausfrau / Ehefrau“ weiter, an deren Frontispiz gleichsam VALIE EXPORT Die Geburtenmadonna von 1976 steht. Dem idealisierten Bild von Ehefrau und Mutter stellt Auguste Kronheim in den 1970ern brutal-realistische, an Tarot-Spielkarten gemahnende Symbole von Schwangerschaft und Tod gegenüber. Diese Künstlerin arbeitete mit starken Gegenüberstellungen etwa von Spülmittel und Spiritus unter dem Text "Pflegen ist unsere Stürke". Dass der Widerstand der Frauen von Obrichtkeit und Männerwelt nicht mit offenen Armen empfangen wurde, ist eine Binse. Margot Pilz zeigt in Ohne Titel (Hände) von 1978/2003 ihre Ohnemacht angesichts der Polizeigewalt, die sie erfahren musste.

Räume und Orte

Vor dem Hintergrund der Verräumlichung der Kunst in den 1970er Jahren widmet sich ein weiterer Bereich jenen Werken, die sich mit der konzeptuellen, poetischen und psychologischen Wahrnehmung von Räumen und Orten auseinandersetzen (→ open spaces | secret places). Gordon Matta-Clark zersägt ein Haus in zwei Teile, neigt eine Hälfte um einige Grade und schafft so seine ‚Anarchitecture‘ als Kritik an der konventionellen Architektur. David Wojnarowicz verknüpft auf poetische Weise sein Leben in New York mit jenem des französischen Dichters Arthur Rimbaud. Und Ernesto Neto schafft in Anlehnung an Sigmund Freuds Traumdeutung einen psychologisch aufgeladenen Raum, in dem eine Puppe im Schaukelstuhl weilt und mit einem Über-Ich außerhalb des Käfigs geheimnisvoll verbunden ist.

Gender, Identity & Diversity

Die Jubiläumsausstellung präsentiert Neuerwerbungen im Kontext von ‚Gender, Identity & Diversity‘, Werke die noch nie in Österreich zu sehen waren. Künstler:innen erschaffen Erinnerungsräume, wie die in Südafrika geborene Kganye Lebohang, die sich mit Fotomontagen mit der Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter auseinandersetzt oder der in Kasachstan geborene Alexander Ugay. Ausgehend von der koreanischen Diaspora geht er Spuren seiner Vorfahren mit analogen sowie IK Fotografien nach. Mit ihren großformatigen Collagen entwirft die norwegisch-nigerianische Künstlerin Frida Orupabo Szenen, die Kolonialgeschichte, Sklaverei, Rassismus und Sexismus thematisieren. Zanele Muholi identifizieren sich als nichtbinär und treten aktiv für die LGBTQ+-Rechte in Südafrika ein. Muholis inszenierte Selbstportraits kritisieren den eurozentristischen Blick auf den schwarzen Körper. Sin Wai Kin dekonstruiert und rekonstruiert soziale Narrative und verkörpert mit dem Video „It‘s Always You“ vier nichtbinäre Identitäten einer fiktiven Boygroup.

Ausgestellte Künstlerinnen und Künstler

Renate Bertlmann, Barbara Bloom, Marcella Campagnano, Veronika Dreier, Renate Eisenegger, VALIE EXPORT, Gerda Fassel, Simon Fujiwara, Simryn Gill, Nan Goldin, Aneta Grzeszykowska, Suzy Lake, Kganye Lebohang, Anne Marie Jehle, Birgit Jürgenssen, Kirsten Justessen, Sin Wai Kin, Joachim Koester, Auguste Kronheim, Brigitte Lang, Louise Lawler (→ Louise Lawler. She’s Here), Angelika Loderer, Karin Mack, Gordon Matta-Clark, Anita Münz, Zanele Muholi, Ernesto Neto, ORLAN, Gabriel Orozco, Frida Orupabo, Florentina Pakosta, Margot Pilz, Erika Pluhar, Elodie Pong, Tomoko Sawada, Senga Nengudi, Elaine Shemilt, Cindy Sherman, Lorna Simpson, Penny Slinger, Annegret Soltau, Sophie Thun, Alexander Ugay, Jeff Wall, Gillian Wearing, Carrie Mae Weems, Hannah Wilke, Martha Wilson, David Wojnarowicz, Francesca Woodman, Nil Yalter.

Kuratiert von Gabriele Schor, Gründungsdirektorin der SAMMLUNG VERBUND, Wien.

Bilder

  • Aneta Grzeszykowska, Untitled Film Stills, 2006 (SAMMLUNG VERBUND, Wien)
  • Gillian Wearing, Me as Cahun Holding a Mask of My Face, 2012 (SAMMLUNG VERBUND, Wien erworben 2012)
  • Lebohang Kganye, Setshwantso Le Ngwanaka I from the series Ke Lefa Laka (Her-Story), 2013 (SAMMLUNG VERBUND, Wien erworben 2023)
  • Frida Orupabo, Spagaten (Detail), 2022 (SAMMLUNG VERBUND, Wien)
  • Brigit Jürgenssen, Ohne Titel (Selbst mit Fellchen), 1974/77 (SAMMLUNG VERBUND Wien, erworben 2005)
  • Zanele Muholi, Isililo XX, 2014 (SAMMLUNG VERBUND Wien, erworben 2023)
  • Gordon Matta-Clark, Splitting Exterior, 1974 (SAMMLUNG VERBUND Wien, erworben 2006)
  • Renate Bertlmann, Zärtliche Pantomime, 1976 (SAMMLUNG VERBUND Wien, erworben 2014)
  • Sophie Thun, Double release / autocunnilingus / the letting go, 2018 (© 2024 Sophie Thun / Courtesy Galerie Sophie Tappeiner)