Fernand Khnopff

Wer war Fernand Khnopff?

Fernand Khnopff (Grembergen 12.9.1858–21.11.1921 ) war einer der bedeutendsten Maler und Grafiker des Symbolismus in Belgien. Khnopffs symbolistisches Werk wurde international gefeiert und gilt heute als Bindeglied auf der Achse London – Paris – Brüssel – Wien. In Paris wurde Fernand Khnopff der „Obermystiker von Brüssel“ gerufen.

Kindheit und Ausbildung

Fernand Khnopff wurde am 12. September 1858 auf dem Schloss seiner Großeltern in Grembergen bei Dendermonde in Belgien (Westflandern) geboren. Sein Vater, Edmond-Jean-Joseph Khnopff, war Magistrat in Oudenaarde. Im darauffolgenden Jahr zog die Familien nach Brügge, wo der Vater zum stellvertretenden königlichen Oberstaatsanwalt ernannt worden war. Die Atmosphäre Von Brügge, die von Georges Rodenbach in seiner für die Symbolisten programmatischen Werk als „tote Stadt“ charakterisierte, prägte Fernand Khnopffs Schaffen nachhaltig.

Im Jahr 1860 wurden in Brügge Khnopffs Bruder Georges und 1864 seine Schwester Marguerite geboren. 1866 zog die Familie nach Brüssel, wo der Vater eine Position als Richter erhalten hatte. Der zukünftige Künstler wurde im Königlichen Gymnasium angemeldet. Die Sommerzeit verbrachte die Familie in Fosset bei La Roche-en-Ardennes. Nach dem Gymnasium begann Khnopff im Jahr 1875 an der Université Libre de Bruxelles mit dem Jurastudium. Gleichzeitig zeigte Khnopff großes Interesse für Literatur – vor allem für die Werke von Charles Baudelaire und Gustave Flaubert. 1876 gab er dieses Studium jedoch zugunsten einer künstlerischen Ausbildung an der Königlichen Akademie für Schöne Künste auf. Dort traf er James Ensor, Jean Delville und Guillaume Van Strydonck.

Den Sommer des Jahres 1877 verbrachte Fernand Khnopff in Paris. Während seiner längeren Aufenthalte in Paris hatte sich Khnopff zwischen 1877 und 1880 die Kunst von Eugène Delacroix und Gustave Moreau als Leitbilder seiner eigenen Arbeit erschlossen. 1879 brach er sein Studium an der Königlichen Akademie ab und begann nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris seiner Karriere als freischaffender Künstler.

Frühe Werke

Bei den frühesten Werken von Fernand Khnopff handelt es sich um Landschaftsbilder von Fosset. Angesichts ihres Formats und der maltechnischen Pinselführung malte Khnopff diese Gemälde vermutlich noch in der freien Natur.

Sein erstes großes Werk entstand 1880, ein Deckengemälde für das Haus von Léon Houyoux. Anfang 1881 nahm Fernand Khnopff erstmals an einer Gruppenausstellung teil, die vom Kunstring „L’Essor“ organisiert wurde. Seine Werke wurden negativ aufgenommen. Sein Selbstbildnis vor großem Landschaftsausschnitt von 1881 betitelte er „Eine Krise“. Im Jahr 1882 zeigte sich der Dichte rund Kritiker Emile Verhaeren beeindruckt von Khnopffs Werken. Einige Jahre später widmete Verhaeren dem Künstler vier Artikel in der Zeitschrift „L’Art Moderne“. Diese verarbeitete der Dichter zur ersten Monografie Khnopffs, die 1887 erschien.

Gründungsmitglied von „Les XX“

Ab 1883 gehörte Fernand Khnopff für zehn Jahre zu den Gründungsmitgliedern der Künstlervereinigung „Les XX [Die 20]“ (bis 1893). Im Frühjahr 1883 organisierte „Les XX“ eine erste Gruppenausstellung, an der Fernand Khnopff teilnahm. 1888 trat zudem die symbolistische Gruppe innerhalb von „Les XX“ hervor, bestehend aus de Groux, Khnopff, Rops und Mellery. Khnopff stellte acht Werke aus, darunter „Eine Betörung“ (1888; nach einem Vers von Georges Rodenbach), ein James McNeill Whistler verpflichtetes „Porträt von Marie Monnom“, Tochter von Sylvie Monnom-Descamps, in deren Verlag „L’Art moderne“ erschien, sowie ein „Bildnis seiner Schwester Marguerite“, in dem er sich vom Einfluss Whistlers zu lösen begann. Khnopff positionierte Marguerite vor einem Türrahmen stehend und lässt die mit einem weißen hochgeschlossenen Kleid und exquisit wiedergegebenen Handschuhen Bekleidete zur Seite blicken.Dadurch unterbricht der Künstler die Kommunikation zwischen Modell und Betrachter. Marguerite wirkt wie in Trance und aufgrund der Farbigkeit von Interieur und Kleidung wie in Stein gemeißelt. Die Frau ist im Werk von Fernand Khnopff eine geheimnisvolle Muse – entrückt, unerreichbar und ätherisch, in Schweigen gehüllt.

Was ist „Les XX“?

Als Salon für zeitgenössische belgische und internationale Kunst stand der protosezessionistischer Zusammenschluss jedweder neuen Kunst offen und beeinflusste die Kunstentwicklung weit über die Landesgrenzen hinaus. Zu den 20 Mitgliedern zählten James Ensor, Félicien Rops oder Théo Van Rysselberghe, aber auch Auguste Rodin und Jan Toorop. Die Künstler luden zu jeder Ausstellung weitere Kollegen aus Europa ein. Unter diesen befanden sich so unterschiedliche Künstler wie Camille Pissarro, Paul Cézanne, Georges Seurat (→ Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus), Paul Gauguin, Walter Crane, Max Klinger oder James McNeill Whistler. 1887 - ein Jahr bevor die Symbolisten am Salon besonders hervortraten - prägte noch Seurat und der Pintillismus die Ausstellung. 1890 verkaufte Vincent van Gogh kurz vor seinem Tod nachweislich ein Gemälde aus einer Ausstellung von „Les XX“.

Khnopff und Péladan

Im Sommer 1884 geriet Fernand Khnopff in den Einflussbereich von Joséphin Péladan, der in dieser Zeit aufgrund seiner mystischen und okkulten Auffassung, die er mit dem nötigen Sinn für Theatralität zu verbreiten wusste, in Paris eine bizarre und viel diskutierte Figur war. Péladan war der Begründer einer synkretistischen Weltanschauungssekte. Der selbsternannte „Sâr“ erklärte die Künstler zu Priestern eines elitären Kultus des Schönen, der bisweilen allerdings zur dekadenten Übersteigerung bis hin zum Satanismus ausuferte.

Bis in den frühen 1890er Jahre stand Fernand Khnopff unter dem Einfluss von Péladan. So nahm er 1892 an Péladans erstem „Salon de la Rose + Croix“ in Paris teil (1892–1897). In den folgenden Jahren schuf Khnopff Buchillustrationen für Péladan, Grégoire Le Roy und Gustave Flaubert.

Auseinandersetzung mit den Alten Meistern

Zu den charakteristischen Eigenschaften der Werke von Fernand Khnopff zählt, seine intensive Beschäftigung mit der Kunst der Alten Meister. So eröffnete er beispielsweise Ende 1893 die Saison für Konzerte und Lesungen der Maison du Peuple in Brüssel mit einem Vortrag über „Les trois gothiques flamands [Die drei flämischen Varianten der Gotik]“. In diesem Kontext sprach er, anders als der Titel vermuten lässt, nicht nur über die spätgotischen Maler Jan van Eyck (um 1390–1441) und Hans Memling (um 1430/40–1494), sondern auch über den Renaissancemaler Quentin Massys (um 1465/66–1530).

Das individuelle und selektive Verhültnis von Khnopff zur Spätgotik wurde nicht von allen Zeitgenossen positiv aufgenommen: So behauptete Max Waller 1883 über Zeichnungen Khnopffs, dass diese den Eindruck erweckten,

„die Kunst der Primitiven erneuern zu wollen, indem sie sie modernisieren, und er hat von diesen bereits jene gewisse Linie und die minutiöse Pinselführung übernommen, die den Wert seiner Zeichnungen bestimmen“.1

Reife Werke

Fernand Khnopff begann sein Schaffen mit melancholischen Interieurs, Landschaften und Großstadtszenen in kleinem Format. Das Leitthema der Einsamkeit wird durch die Reduktion der Figurenzahl und der Verwendung von Pastell und Zeichnung betont. Während seine Formen durch elegante Linien und Harmonische Farben bestimmt sind, bleibt die Erzählung oft unklar und verborgen. In seinen Porträts konzentrierte sich Khnopff auf die Darstellung von Frauen, die er zu geheimnisvollen, androgynen Figuren stilisierte, aber auch Fertigung zahlreicher Kinderporträts, die er oft als Auftragsarbeiten ausführte.

Ab 1891 arbeitete Khnopff auch als Bildhauer und schuf eine erste polychrome Skulptur. In seinem plastischen Werk orientierte er sich an dem des Engländers George Frampton, etwa dessen 1894 auf der ersten Ausstellung von „La Libre Esthétique“ präsentierter „Mysteriarchin“.

Fernand Khnopffs Spätwerk ist geprägt von häufig melancholisch wirkenden Landschaftsmotiven aus Fosset, wo Khnopff als Kind die Sommer verbracht hatte.

Kunstskandale und Ausstellungserfolge

Das Jahr 1883 war geprägt von einem berüchtigten Zusammenstoß zwischen der Schauspielerin Rose Caron und Khnopff. Grund dafür war die unbeabsichtigte, wenig geschätzte, aber vermeintliche Ähnlichkeit zwischen dem Bühnenstar und einer Arbeit von Khnopff mit dem Titel „Das höchste Laster“. Der Maler schlug das Werk auf der Ausstellung von „Les XX“ in Stücke. Ein weiteres Mal wurde Khnopff von Ensor des Plagiats beschuldigt, der meinte, dass sein Gemälde „Schumanns Werke anhörend“ viel zu sehr seiner eigenen „Russischen Musik“ glich.

1894 waren Fernand Khnopffs Arbeiten auf der ersten Ausstellung des von Octave Maus gegründeten Künstlerkreises „La Libre Estétique“ zu sehen. Bis 1910 nahm er regelmäßig an den Präsentationen teil.

Er schickte 1894 auch Werke an die Münchner Sezession, erneut im Jahr 1896. In den 1890er Jahre beschickte Khnopff große internationale Ausstellungen in Berlin, Florenz, Liverpool und London. 1899 organisierte der Cercle Artistique von Dendermonde die erste Retrospektive von Fernand Khnopffs Werk. Khnopffs Ausstellungsbeteiligungen nach 1900 bestätigten seine offizielle Anerkennung. Im Jahr 1907 wurde er korrespondierendes Mitglied der Königlichen Akademie der Wisssenschaften, Geisteswissenschaften und Schönen Künste. Zudem veröffentlichte Louis Dumont-Wilden eine Khnopff-Monografie (1907).  1912 wurde in Lüttich eine Retrospektive seines Werks gezeigt.

Fernand Khnopff und die Wiener Secession

Eine wichtige Bestätigung für seinen internationalen Erfolg war seine Beteiligung an der „Ersten Ausstellung“ der Wiener Secession im Jahr 1898. Die Wiener Kollegen widmeten Fernand Khnopff einen eigenen Saal. Mehrere Werke, darunter auch das Gemälde „Liebkosungen“ (Königlich-Belgische Kunstmuseen), wurden von Wiener Sammlern gekauft. Khnopff genoss in Wien nicht nur einen großen Erfolg beim Publikum, sondern wurde auch von der jüngeren Generation begeistert empfangen. So zeigte sich Gustav Klimt von den Landschaften aber auch der Kompositionsweise von Grafiken Khnopffs tief beeindruckt. In der Kunstzeitschrift der Secession, „VER SACRUM [HEILIGER FRÜHLING]“, wurde ihm eine ganze Ausgabe gewidmet. Die Gestaltung des Heftes übernahm Fernand Khnopff selbst. Auch im folgenden Jahr präsentierte der Maler einige Werke in der Secessionsausstellung. In seiner Besprechung der Ausstellung brachte Ludwig Hevesi das Phänomen der Rätselbilder auf den Punkt:

„[M]an soll fühlen, daß es bedeutet, aber nicht wissen. Es ist, als hätte das Fragezeichen für ihn einen eigenen  Formenreiz, so daß ›sinnig‹ und ›sinnlich‹ sich ihm fortwährend durchdringen, sich gegenseitig symbolisieren.“2

Aufenthalte in Paris und London

In den Jahren 1886 bis 1890 war Fernand Khnopff regelmäßig in Paris und nahm dort an Ausstellungen teil. Im Jahr 1890 stellte er 22 Werke in London aus, nachdem er bereits vier Jahre zuvor einige Arbeiten für eine Ausstellung des Art Club von Liverpool eingesandt hatte. Im selben Jahr waren seine Gemälde auch in München zu sehen. Ab 1891 hielt sich Fernand Khnopff regelmäßig in London auf und unterhielt u.a. enge Kontakte zu Edward Burne-Jones. Dante Gabriel Rossetti ist der belgische Maler mit großer Wahrscheinlichkeit nie begegnet, obwohl dies häufig behauptet wird. In dieser Zeit tauschten Burne-Jones und Khnopff gegenseitig Zeichnungen aus.

1895 wurde Fernand Khnopff Korrespondent der englischen Kunstzeitschrift „The Studio“, an die er bis 1908 regelmäßig Beiträge, hauptsächlich zum Thema belgische Kunst, lieferte.

Privatleben

Im Jahr 1890 heiratete Khnopffs Schwester Marguerite und zog nach Lüttich. Da ihm seine Schwester häufig Modell gestanden hatte, musste sich Khnopff nun nach einer neuen Muse und neuen Modellen umsehen.

Die im Jahr 1908 geschlossene Ehe mit der wesentlich jüngeren Marthe Worms hielt nur drei Jahre.

Entwürfe für sein Künstlerhaus und die Oper

Ab 1900 nahm der Bau seines Atelier-Wohnhauses in Brüssel, 41, Avenue des Courses, einen Großteil seiner Zeit in Anspruch. Das von ihm selbst entworfene Gebäude wurde in seiner Gänze vom Atelier bestimmt und 1902 fertiggestellt. Den Ort konzipierte Fernand Khnopff als Rückzug ins Ich. Er sah Kunst und Leben als untrennbare Einheit. Über dem Eingang seiner Villa ließ er die Inschrift „Passé – Futur“ anbringen. Im Blauen Zimmer, 1. Stock, hing seine Kunstsammlung, die gleichzeitig auch seinen Pantheon verehrter Kollegen illustrierte: eine Skizze von Eugène Delacroix, Reproduktionen von Gemälden Gustave Moreaus und eine Rötelzeichnung Edward Burne-Jones’ mit einem Frauenbildnis, ein Geschenk des Künstlers.

Von 1903 bis 1914 entwarf Fernand Khnopff mit einer gewissen Regelmäßigkeit Bühnenbilder und Kostüme für einige Inszenierungen der Oper La Monnaie in Brüssel.

Fernand Khnopff lieferte 1903 Entwürfe für das Deckengemälde für den Hochzeitssaal des Rathauses von Saint-Gilles. Im Jahr 1914 wurde das Gemälde fertiggestellt. Obwohl ihm die Bezahlung mehrfach angetragen wurde, lehnte der Künstler ab, das Geld zu nehmen.

Tod

Am 21. November 1921 starb Fernand Khnopff. Er wurde drei Tage später in Anwesenheit einer großen Schar von Honoratioren im Familiengrab beigesetzt.

Ein Jahr später kamen das Atelier, seine Sammlung und seine Bibliothek unter den Hammer.

Literatur zu Fernand Khnopff

  • Michel Draguet, Fernand Khnopff, Brüssel 2018.
  • Fernand Khnopff. Le Maître de l’énigme (Ausst.-Kat. Petit Palais. Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris), Paris 2018.
  • Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien, hg. v. BA-CA Kunstforum (Ausst.-Kat. BA-CA Kunstforum, Wien, 16.10.2007–3.2.2008), Ostfildern 2007.
  • Fernand Khnopff (1858–1921) (Ausst.-Kat. Königlich-Belgische Kunstmuseen Brüssel, 16.1.–9.5.2004; Museum der Moderne, Salzburg, Rupertinum, 15.6.–29.8.2004; McMullen Museum of Art, Boston, 19.9.–5.12.2004), Ostfildern-Ruit 2004.
  • Ludwig Hevesi, Fernand Khnopff. Ausstellung der Secession [24.4.1898], in: ders., Acht Jahre Secession (März 1897 – Juni 1905). Kritik – Polemik – Chronik, hg. von Otto Breicha, Wien 1906 (Reprint Klagenfurt 1984), S. 30–35.
  • Émile Verhaeren], Un peintre symboliste [Fernand Khnopff], in: L’Art moderne 7 (24.4.1887), S. 129–131.
  1. M. W. [Max Waller], Notes d’art.
    I. L’Essor. Exposition de ›noir et blanc‹, in: La Jeune Belgique 3 (1.8.1883), S. 353–355, hier S. 353.
  2. Ludwig Hevesi, Fernand Khnopff. Ausstellung der Sezession [24.4.1898], in: ders., Acht Jahre Sezession (März 1897 – Juni 1905). Kritik – Polemik – Chronik, hg. von Otto Breicha, Wien 1906 (Reprint Klagenfurt 1984), S. 30–35, hier S. 32.