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Turner. Das Meer und die Alpen Revolutionäre Ansichten der Schweiz im Kunstmuseum Luzern

Joseph Mallord William Turner, Der blaue Rigi, Vierwaldstätter See, Sonnenaufgang, 1842, Aquarell, 29,7 x 45 cm (Privatsammlung)

Joseph Mallord William Turner, Der blaue Rigi, Vierwaldstätter See, Sonnenaufgang, 1842, Aquarell, 29,7 x 45 cm (Privatsammlung)

Der weltberühmte britische Maler J. M. William Turner (1775–1851) bereiste die Schweiz auf der Suche nach spektakulären Motiven mehrfach. Dabei besuchte er auch immer wieder Luzern, um vor Ort das einmalige Zusammenspiel von Licht und Wetter, See und Bergen zu studieren. Seine Eindrücke hält er in Skizzen und leuchtenden Aquarellen fest. Die Beobachtung und Darstellung sowohl des Meeres bei der Überreise als auch der Alpen sind für William Turner von zentraler Bedeutung: Hier kumulieren Schönheit und Bedrohlichkeit der Natur direkt zum Sujet des Erhabenen, das für die Romantik zentral ist. Turners Begeisterung für die Schweiz ist so groß, dass er sie 1802 und erneut zwischen 1841 und 1844 insgesamt sechsmal besuchte.

William Turners erste Reise in die Schweiz

Mit dem Frieden von Amiens zwischen Großbritannien und Frankreich 1802 dehnte der Londoner Künstler seine Motivsuche erstmals auf den Kontinent aus. Er kannte bereits die Berge von Wales und Schottland, wusste aber, dass in Savoyen, in der Schweiz und im Aostatal eine noch weit großartigere Szenerie auf ihn wartete. Daher nutzte er den Sommer 1802, um die von Napoleon auf ganz Europa „zusammengetragenen“ Gemälde zu sehen und die Alpen zu durchstreifen – unentwegt seine Eindrücke skizzierend, besonders die Bergwelt der Schweiz. Im Juli 1802 brach Turner zu seiner ersten Auslandsreise auf, kurz nachdem er im Februar mit nur 26 Jahren zum Vollmitglied der Royal Academy bestellt worden war. Die auf dieser zweimonatigen Reise zusammengetragenen 400 Zeichnungen diente dem britischen Maler für gut 15 Jahre immer wieder als Vorlage für Aquarelle und Ölgemälde. Grund für die späte Wiederkehr in die Schweiz war u.a. der erneut ausgebrochene Napoleonische Krieg (bis zur Schlacht von Waterloo 1815). Im Atelier entwickelte William Turner aus seinen Skizzen die einzigartige Bildsprache seiner sublimen Landschaftsbilder.

Zum einen beschwor er die Macht, ja die Gewalt der Natur, indem er den Reichenbachfall im Oberhaslital tosend in den Bildvordergrund fallen und nebelartig die Gischt aufspritzen lässt. Die vom Wasser abgetragenen Baumstämme, die kreuz und quer am Ufer liegen, vermitteln eindrucksvoll die zerstörerische Kraft des Wassers. Ein weiteres atemberaubendes Motiv ist die Teufelsbrücke in der Schöllenen, einer wilden Felsschlucht der Reuß kurz vor Andermatt auf dem Weg zum Sankt-Gotthard-Pass (1888 eingestürzt). Turner blickte entweder auf den Brückenbogen inmitten der riesigen, menschenunfreundlichen Natur oder vom Brückenbogen auf die umliegende Bergwelt.

Im Gegensatz dazu wusste William Turner auch idealisierte Landschaften – vor allem Ansichten von Seen – zu komponieren. In ihnen zeigt er den Einfluss Claude Lorrains und des niederländischen Malers Aelbert Cuyp (→ Niederländische Landschaftsmalerei in Italien ). Über Cuyp und Van de Velde sagte Turner, dass sie ihn überhaupt erst zum Maler gemacht hätten. Claude Lorrains sonnendurchflutete Landschaften konnte Turner in vielen englischen Adelssammlungen studieren, denn es galt als opportun auf der Kavalierstour durch Italien Werke des in Rom arbeitenden Franzosen einzukaufen.

 

 

Revolutionäre Aquarelle – spektakulär „formlose“ Gemälde

Etliche dieser Landschaftsbilder – sowohl in der Technik des Aquarells wie auch des Ölgemäldes realisiert – stellte William Turner in der Royal Academy und seiner eigenen Galerie aus. Walter Fawkes aus Farnely Hall in Yorkshire, einer von Turners besten Kunden und Freunden, hatte selbst bereits die Schweiz bereist und erwarb eine große Anzahl der Aquarelle, die aus der 1802 unternommenen Reise resultierten. Der Sammler stellte seine Schätze sogar selbst in seinem Haus im April 1819 der Öffentlichkeit vor, stellen diese Werke doch Turners erste Erfahrung mit der hochalpinen Welt dar. Viele Zeitgenossen hielten Turners Alpenbilder für die Höhepunkt der Ausstellungen – und schlossen daraus auch die führende Position der englischen Aquarellmalerei.

 

 

1840er: erneute Reisen in die Schweiz

Heute ist der Brite vor allem für seine späten, „formlosen“ Aquarelle berühmt, die er auf eigenes Risiko und ohne Auftrag schuf. Diese werden heute als Musterstudien [sample studies] bezeichnet. Turner legte nach seiner Rückkehr nach England diese Aquarellstudien seinem Agenten Thomas Griffith vor, der sie den Kunden präsentierte. Danach erarbeitete William Turner die bildmäßig ausgeführten Aquarelle in seinem Atelier.

Eines davon ist das Bildpaar „Der blaue Rigi“ (Privatsammlung) und „Der rote Rigi“ (National Gallery of Victoria, Melburne), das 1842 entstanden. Insgesamt vier Gruppen solcher Aquarelle schuf Turner bis 1848. Dabei entstanden die zehn „Großen Schweizer Aquarelle“ (1842) für H.A.J. Munro of Novar. Offenbar zog ihn der Berg magisch an, was John Ruskin mit Unverständnis zurückließ. Dahinter stand durchaus ein wenig Arbeitsökonomie: Turners Zimmer im Hotel „Le Cygne“ bot ihm einen direkten Blick auf den Rigi, der sich über dem Vierwaldstättersee erhebt. Die beiden Rigi-Bilder zeigen dieselbe Ansicht des östlich von Luzern gelegenen großen Gebirgsstocks. Sie sind zu unterschiedlichen Tageszeiten und daher Farbstimmungen aufgenommen (was an die späteren Lichtuntersuchungen Claude Monets ab den 1890er Jahren erinnert!). Der morgentliche „Blaue Rigi“ zeigt an der vordersten Bildebene einen Jager, der sehen Beute allerdings verfehlt hat. Desgleichen wusste William Turner auch den sich rot verfärbenden Berg im Abendlicht einzufangen.

 

 

William Turners Alpenlandschaften im Kunstmuseum Luzern

Anhand von Bildern, die von der Naturgewalt des Meeres ebenso wie von jener der Schweizer Berglandschaft berichten, befasst sich die Ausstellung mit der Veränderung der Darstellung des „Erhabenen“ in der Romantik, mit dem Motiv der Wetterphänomene, mit Turners Rolle als Vorläufer der Moderne. Im Katalog denkt Cees Noteboom über Turner und das Reisen nach.

Mit Turner. Das Meer und die Alpen feiert das Kunstmuseum Luzern 2019 das 200-Jahr-Jubiläum der Kunstgesellschaft Luzern, dem Trägerverein des Kunstmuseums Luzern.

Kuratiert von Fanni Fetzer und Beat Wismer.

 

 

Turner. Das Meer und die Alpen: Ausstellungskatalog

Kunstmuseum Luzern (Hg.)
mit Beiträgen von D. Blayney Brown, L. Breitschmid, F: Fetzer, Cees Noteboom, Beat Wismer
ca. 180 Seiten, ca. 100 Abb. in Farbe
20 x 25 cm, Klappbroschur
ISBN 978-3-7774-3267-0 (dt.)
HIRMER VERLAG

 

Turner. Das Meer und die Alpen: Bilder

  • Joseph Mallord William Turner, Sturm am Stankt-Gotthard-Pass. Die erste Brücke über Altdorf: Musterstudie, um 1844/45, Bleistift, Aquarell und Tusche auf Papier, 23.9 x 29.7 cm (Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856, © Tate, London, 2018)
  • Joseph Mallord William Turner, Der Schollenen Gorge von der Teufelsbrücke. -Sankt-Gotthard-Pass, 1802, Grafit, Aquarell und Gouache auf Papier, 47 x 31.4 cm (Tate, accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856, © Tate, London, 2018)
  • Joseph Mallord William Turner, Luzern im Mondlicht: Musterstudie, um 1842/43, Aquarell auf Papier, 23.5 x 32.5 cm (Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856, © Tate, London, 2018)
  • Joseph Mallord William Turner, Genf, das Jura Massiv und die Rousseau Insel, Sonnenuntergang, 1841, Aquarell und Bleistift auf Papier, 228 x 293 cm (Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856, © Tate, London, 2018)
  • Joseph Mallord William Turner, Der blaue Rigi, Vierwaldstätter See, Sonnenaufgang, 1842, Aquarell, 29,7 x 45 cm (Privatsammlung)
  • Joseph Mallord William Turner, Licht und Farbe (Goethes Theorie) – der Morgen nach der Sintflut – Moses schreibt das Buch Genesis [Light and Colour (Goethe’s Theory) - the Morning after the Deluge - Moses Writing the Book of Genesis], 1843, Öl/Lw, 78,7 x 78,7 cm (Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856, © Tate, London, 2018)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.