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Otto Wagner: Hofpavillon in Hietzing Kaiserliche Haltestelle an der Vorortelinie

Otto Wagner, Hofpavillon, Wartesalon mit Wien-Ansicht von Carl Moll (c) Foto Thomas Ledl

Otto Wagner, Hofpavillon, Wartesalon mit Wien-Ansicht von Carl Moll (c) Foto Thomas Ledl

1898/99 errichtete Otto Wagner (1841–1918) im Rahmen der Stadtbahn den Pavillon des k. u. k. Allerhöchsten Hofes als kaiserliche Haltestelle in Hietzing. Bis heute ist er sichtbares Zeichen der beginnenden Moderne im Westen von Wien.

Wien bekommt eine Stadtbahn

Schon anlässlich der ersten Stadterweiterung von 1857 wurde die Idee geboren, ein Stadtbahn-Netz in Wien zu bauen. Allerdings sollte es bis 1892 dauern und die Stadtbevölkerung auf 1,6 Millionen Menschen (1898) anwachsen, bis das akut gewordene Infrastrukturproblem in Form einer neugegründeten Kommission für Verkehrsanlagen gelöst wurde. Diese bestellte im April 1894 aufgrund der einstimmigen Empfehlung des Künstlerhauses den k.k. Baurat Otto Wagner zum Generalplaner und künstlerischen Beirat. Seine Aufwandsentschädigung belief sich auf 120.000 Gulden einmalig und pauschal. Damit bezahlte Otto Wanger sein Büro, lieferte sämtliche Pläne von Hoch- und Tiefbauten, Viadukten, Geländern, Gittern, Möbeln, Beleuchtung, Haustechnik, etc. Wagner stand damit zwischen 1894 und Herbst 1900 dem größten Bauprojekt von Wien vor und erfüllte die Funktionen des Generalplaners, Designers und Architekten in Personalunion.

 

 

Der Hofpavillon

Während die Bahnhofsgebäude in „einfachen Renaissance-Formen“ zu gestalten waren und die Front von Schloss Schönbrunn nicht störte, konnte der Architekt im Hofpavillon auf exquisitere Materialien und modernere Formen zurückgreifen. Ursprünglich war die Errichtung des Hofpavillons nicht vorgesehen. Erste Ideen dazu publizierte Otto Wagner in „Einige Skizzen, Projecte und ausgeführte Bauwerke“ 1897. Im August des Jahres konnte Eisenbahnminister Heinrich von Wittek überzeugen, dass dieser ergänzt werden sollte. Die Kosten sollten allerdings durch Einsparungen an der Vorortelinie und Vorortelinie aufgebracht werden. Wagner plante den Hofpavillon im April 1898 für die feierliche Eröffnung der Unteren Wientallinie der Stadtbahn. Unterstützt wurde er durch Carl Adalbert Fischl, Josef Maria Olbrich und Leopold Bauer. Bis 1899 war das Gebäude fertiggestellt, sollte allerdings nur zwei Mal von Kaiser Franz Joseph I. genutzt werden: Aus Anlass der Eröffnung bestieg der Kaiser und der Hof die Stadtbahn am 16. Juli 1899; am 12. April 1902 folgte die zweite Nutzung, um vom Hofpavillon aus die Donaukanallinie zu besichtigen. Die Nähe zu Schloss Schönbrunn tat ihr übriges, diese Haltestelle besonders würdevoll auszugestalten.

 

„Das Herz des Baues ist der kaiserliche Wartesalon. Er hat einen achteckigen Grundriss und wird von einer kupfergetriebenen Kuppel bekrönt. Es ist bemerkenswert, wie diese, aus dem Zentrum des Gebäudes aufsteigend, einen wohltuenden Zusammenhang mit den barocken Baulichkeiten des Schönbrunner Schlosses herstellt, natürlich ohne auch nur eine Barockform zu kopieren.
Dem ganzen aus Eisen, Stein und Putz aufgeführten Gebäude ist eine bequeme Auffahrtsrampe vorgelagert. Sie träge schmiedeeiserne Kandelaber für Bogenlampen, an welche die konstruktiv bedingten Formen in ebenso einfacher wie edler Weise zum Kunstgebilde ausgestaltet sind. Dies gilt auch von den schmiedeeisernen Geländern und der verglasten eisernen Überdachung des mittleren Rampenteiles.“1

 

 

Der Kuppelbau thront gleichsam über der tiefgelegten Terrasse der Stadtbahn (heute: U4). Straßenseitig ist er durch eine Glas-Eisen-Konstruktion besonders ausgezeichnet, die einen charakteristischen grünen, als Otto-Wagner-Grün bezeichneten Anstrich zeigt.2 Hierdurch sollte ein witterungsgeschützter Zugang aus der Kutsche möglich sein. Die Innenausstattung ist kostbar und ganz dem Jugendstil verpflichtet: Der von Wagner entworfene Teppich mit Philodendron-Motiven führt in alle Richtungen und u.a. auf das berühmte Gemälde von Wien in der Vogelperspektive von Carl Moll (1961–1945) zu. Dieses Bild stellt Wien aus der „Ballonhöhe von 3000 m über der Schönbrunner Gloriette“ dar und soll den „ganzen Zug der neuen Stadtbahnanlage genau“ verfolgbar machen.3 Mattrote Seidentapeten, Mahagonitäfelung, ein Kamin aus Laaser Onyx mit kunstvollem Gitter und geätzte Fenster mit schwungvollen Ornamenten vollenden den kunstvollen Wartesalon. Da der Kaiser als unermüdlicher Arbeiter bekannt war, plante Otto Wagner für ihn auch ein Nebenzimmer samt Schreibtisch, auf dem er noch einen Befehl erteilen oder ein Telegramm aufgeben konnte.

 

 

Seit 1989 wird der Hofpavillon als Außenstelle des Wien Museums betrieben und ist öffentlich zugänglich. Zuvor diente er als Bildhaueratelier und nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausstellungsgebäude des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums. Adolf Krischanitz, der in den 1980ern auch für die Renovierung der Wiener Secession verantwortlich zeichnete, führte eine ee denkmalpflegerische Renovierung durch (1986–1989). Nach längeren Streitigkeiten, wer die Kosten tragen sollte, erfolgte zwischen 2012 und 2014 eine umfassende Sanierung durch Architekt Manfred Wehdorn. Am Neujahrstag 2018 ist der Wagner’sche Hofpavillon Schauplatz der Balletteinlage des Neujahrskonzerts.

 

 

Otto Wagner, Hofpavillon: Bilder

  • Otto Wagner, Hofpavillon, Außenansicht
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Glas-Eisen-Konstruktion am Eingang
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Eingang
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Fenster
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Wartezimmer
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Wartesalon
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Wartesalon mit Wien-Ansicht von Carl Moll
  • Otto Wagner, Hofpavillon, Einblick in den Wartesalon

 

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  1. VER SACRUM, II. Jg. Bd 8 (1899) S. 3–13, hier S. 5.
  2. Aktuelle UNtersuchungen an der Gürtellinie (heute: Trasse der U6) haben gezeigt, dass dieser Farbton erst in der Nachkriegszeit gewählt wurde. Das heute ominpräsente Grün hat ein ursprüngliches Ocker gänzlich aus dem allgemeinen Bewusstsein verdrängt. Otto-Wagner-Grün: Untersuchungen des BDA
  3. Ebenda, S. 6.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.