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Otto Wagner, Kirche am Steinhof Gold-weißer Jugendstil-Tempel mit Hygieneanspruch

Otto Wagner, Prospekt der Kirche am Steinhof, Detail, 1902, Buntstift, Tusche, Zeichenpapier auf Leinwand, 56 x 47 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 96011/1)

Otto Wagner, Prospekt der Kirche am Steinhof, Detail, 1902, Buntstift, Tusche, Zeichenpapier auf Leinwand, 56 x 47 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 96011/1)

Diese „Perspektive Ansicht“ der Kirche am Steinhof, zu der es auch eine Skizze gibt, liegt im Wien Museum und wird 2018 im Rahmen der Ausstellung zu Otto Wagner zu sehen sein. Mit ästhetisch ansprechenden Entwürfen wie diesem konnte Otto Wagner (1841–1918) 1902 den Wettbewerb um die „Antstaltskirche“ St. Leopold für die Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof für sich entscheiden.

Im Gesamtentwurf für das gesamte Areal von 100 Hektar legte Wagner die ausgeführte Pavillonstruktur vor. Dennoch wurde er nur mit der Ausführung der Kirche betraut. Anfang 1903 hatte der Professor an der Wiener Akademie, Oberbaurat von Wien und führender Unterstützer der Wiener Secession noch in einigen Punkten das Projekt verändern müssen und das Modell auf der XXIII. Ausstellung der Wien Secession. Zwei Jahre später, am 18. Oktober 1904, wurde sein Entwurf genehmigt, der erste Spatenstich erfolgte am 6. Juni 1905. Bis zum 5. Oktober 1907 war die Kirche unter der Mitarbeit der Architekten Otto Schönthal und Marcel Kammerer errichtet. Die Baukosten beliefen sich auf 575.000 Kronen und das Honorar für den Architekten 35.500 Kronen. Als Erzherzog Franz Ferdinand in Stellvertretung von Kaiser Franz Joseph I. die Jugendstilkirche eröffnete, meinte er der Maria-Theresien-Stil gefiele ihm besser – und brauste dann mit einer geliehenen Mercedes-Limousine wieder in die Stadt zurück.

 

Von der Zeichnung zur Baubewilligung

Die Bedeutung der Architekturzeichnung für Otto Wagner kann nicht hoch genug geschätzt werden. Von den 28 Büchern und Aufsätzen, die er publizierte, sind vier seinen Zeichnungen gewidmet. Der umtriebige Entwerfer war um 1903 vor allem wegen seiner Entwürfe für die Neugestaltung des Karlsplatzes und den Bau eines Stadtmuseums im Jugendstil stark unter Beschuss. Auch sein Entwurf für die Kirche am Steinhof wurde als „Grabmal eines indischen Maharadschas“, als „närrischer assyrisch-babylonischer Stil“ tituliert. Das Baukomitee wurde durch den Hofkaplan und Universitätsprofessor Heinrich Swoboda beraten. Die Kirche bot allerdings in liturgischer Hinsicht keine Angriffspunkte.

Bereits 1899 hatte Otto Wagner in „Die Moderne im Kirchenbau“ über Sakralbauten im modernen Stil nachgedacht. Sein Konzept legte der Oberbaurat in der Publikation „Erläuterungen zur Bauvollendung der Kirche der Niederöst. Landes-Heil- und Pflegeanstalten“ ausführlich dar. Die Bewilligung erhielt der Bau nur, weil es sich um ein Gotteshaus für „Geisteskranke“ handelte. Sonst stießen sich die Zeitgenossen an seinem Konzept, das Licht, Luft, Hygiene, Zweckdienlichkeit, Komfort und Toilettenanlagen genauso einschloss, wie es aus armiertem Beton, Kupfer, Glas und einem Belag aus brettdünnen Marmorplatten gebaut wurde. Nur die Macht des Politikers und Lueger-Freundes Leopold Steiner (1857–1927) konnte Wagner als Entwerfer durchsetzen.

 

 

Kirche am Steinhof

Die Kirche am Steinhof hat den Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Die Fassade des streng gegliederten und gänzlich mit weißen Marmorplatten verkleideten Baukörpers ist quadratisch. Kupferknöpfe dienen zur Befestigung und gleichzeitig zur Dekoration. Darüber erhebt sich die halbkugelförmige, mit vergoldeten Kupferplatten bedeckte Kuppel mit Laterne und einem Kreuz in der Höhe von 51 Metern. Nach Ansicht Wagners dient die 100.520 Kilogramm schwere Eisenkonstruktion „als Dominante für die Pavillons“. Die in der Entwurfszeichnung noch sichtbaren Bögen wurden aufgrund des Einspruchs des Landtags eingespart. Die mit Blumen umwachsene Laube vor der Kirche sollte zur zentral auf den Bau hinführenden Stiege leiten, beides wurde so nicht realisiert. Auf den beiden Pylonen, welche die Eingangswand betonen, sitzen monumentale Darstellungen der Heiligen Leopold, dem die Kirche geweiht ist, und Severin von Richard Luksch geziert. Dazu gesellen sich noch vier vergoldete Engel von Othmar Schimkowitz auf den Eingangssäulen.

 

 

Der wegen der kurzen Kreuzarme sehr zentral organisierte Innenraum ist in der Mitte überkuppelt und bietet Platz für etwa 800 Personen, davon 400 Sitzplätze. Links sitzen Frauen und rechts Männer, weshalb die Kirche auch drei Eingänge hat. Das zentrale Portal sollte nur an Festtagen geöffnet werden, sonst gelangten Frauen und Männer von zwei verschiedenen Seiten in den Bau. Die Sitzplätze auf der Empore waren für die Bediensteten der Anstalt und deren Angehörige vorgesehen.

Zu den revolutionären Überlegungen des Architekten zählen seine Vorkehrungen in Bezug auf Hygiene und Versorgung der Kranken: Es verwarf die Idee eines Weihwasserbeckens, da er darin eine Infektionsgefahr sah. Stattdessen entwarf Otto Wagner einen Wasserspender als dünnen Strahl. Die Betstühle wurden mit Fußblechen aus Kupfer geschützt, da täglich nass aufgewaschen wurde. Dazu wurde darauf geachtet, dass die Betstühle keine scharfen Kanten aufwiesen. Die Länge der Bestuhlung ist auf drei bis maximal fünf Personen ausgerichtet, damit das Pflegepersonal schnell eingreifen konnte. Zudem ist der Wandbereich bis in die Höhe von drei Metern mit hellgrauem Marmorplatten verkleidet und der Fußboden leicht abfallend (30 Zentimeter von Eingang zum Altar), auch das erleichtert die Reinigung der Kirche – aber auch den Blick auf den Priester bei der Predig.

Das Farbkonzept ist auf Helligkeit ausgerichtet: Die Farben Weiß und Gold dominieren. Ein recih dekorierter, durchbrochener Baldachin schwebt über dem Zimborium. Die beiden Engel neben dem Tabernakel wurden ebenfalls von Othmar Schimkowitz gestaltet.. Sie repräsentieren Wagners Vorstellungen von Sakralität. Der Kachelboden mit schwarzem Muster aus kleinen Quadraten erinnert an die Nagelung der Fassade. Optik, Akustik und Hygiene greifen in diesem „ersten modernen Kirchenbau“ Hand in Hand.

 

Glasfenster von Koloman Moser

Koloman "Kolo" Moser (1868–1918) zeichnete für die Entwürfe von Altarwand und Glasfenstern verantwortlich, ausgeführt wurden jedoch nur die Glasfenster. Sie bestimmen jedoch wesentlich den Gesamteindruck der Kirche, denn Moser entschied sich gegen bemalte Glasfenster und für echte Glasscheiben. Das bedeutet, dass die Farben der Glassteine nicht aufgemalt wurden, wie es im späten 19ö. Jahrhundert üblich war (vgl. Votivkirche), sondern im Material des Glases eingeschmolzen sind. Dadurch ergibt sich eine deutlich strahlendere Wirkung der Glasfenster.

  • Südfenster: „Der Sündenfall im Paradies“ mit dem thronenden Gottvater, flankiert von zwei Engeln, Adam und Eva. Hauptsächlich durch die Orgel abgedeckt. Die Wirkung ist vor allem von außen wichtig.
  • Westfenster – Evangelienseite: Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit mit sieben über einer Blumenwiese gegen den Altar gewandten Heiligen; Engel beten das dornengekrönte Haupt Christi auf dem Schweißtuch an; zwei flankierende Engelsfenster
  • Ostfenster:
  • Altarbild: „Die Verheißung des Himmels“. Christus flankiert von Maria und Josef. Rechts: hl. Dympna, hl. Aloisius, hl. Margaretha, hl. Vitus, hl. Severin; Links: hl. Elisabeth, hl. Hermann, Christopherus, hl. Franziskus und der Arzt Pantaleon. Die Heiligen fungieren als Nothelfer und Fürsprecher für die Kranken. Gesichter und Hände bestehen aus Keramik, die Kleider aus Marmormosaik, Himmel und Wolken aus Glasmosaik und Smalten (blaues Glas), Teile aus Feueremail, die Heiligenscheine aus getriebenen und vergoldetem Metall.
  • Hl. Petrus und hl. Paulus: Die Mosaike von Rudolf Jettmar (1869–1939) an den Seitenaltären fallen durch ihre idealisierende Darstellung auf.

Da der damals 37-jährige Koloman Mosert am 1. Juli 1905 sein wohlhabende Schülerin Editha Mautner von Markhof heiratete, trat er für sie vom Katholizismus zum Protestantismus über. Bereits zuvor hatte Dr. Heinrich Swoboda an den Entwürfen Mosers viel auszusetzen gehabt. Nach mehreren Jahren Diskussion und Streiterei klagte der inzwischen engagierte Carl Ederer (1875–1951) Koloman Moser wegen Ehrenbeleidigung, da er von diesem des Plagiats beschuldigt wurde. Moser musste seine Angriffe zurücknehmen und sich entschuldigen; Ederer wurde vom Landesausschuss schlussendlich ausgebootet und folgte der Berufung an die Kunstakademie in Düsseldorf.

Die 84,83 Quadratmeter große Altarwand wurde erst bis Juli 1913 nach einem Entwurf von Remigius Geyling von Leopold Forstner in opakem Mosaik ausgeführt. Am 26. Juli 1913 wurde es von Kardinal Dr. Piffl eingeweiht und fand doch noch ein Placet:

 

„Ich kann nur das eine sagen, dass ich, als ich die Kriche betrat, förmlich gepackt wurde von der Monumentalität des Baues; es überwältigte micht das Gefühl: das ist wirklich ein heiliger Ort.“

 

 

Literatur

  • Elisabeth Koller-Glück, Otto Wagners Kirche am Steinhof, Wien 1994.
  • Otto Antonia Graf, Otto Wagner. Bd. 1: Das Werk des Architekten 1860–1902, Wien 1985, S. 400ff.

 

Otto Wagner, Kirche am Steinhof: Bilder

  • Otto Wagner, Prospekt der Kirche am Steinhof, 1902, Buntstift, Tusche, Zeichenpapier auf Leinwand, 56 x 47 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 96011/1)
  • Otto Wagner, Prospekt der Kirche am Steinhof, Detail, 1902, Buntstift, Tusche, Zeichenpapier auf Leinwand, 56 x 47 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 96011/1)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.