Rachel Whiteread

Wer ist Rachel Whiteread?

Rachel Whiteread (* 1963) zählt zu den bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart und überzeugt seit Ende der 1980er Jahren mit Objekten in post-minimalistischer Ästhetik, in denen sie Negativräume, Hohlräume ausgießt und so die Leere füllt.

Die Londoner Objektkünstlerin gewann mit nur 30 Jahren und als erste Frau überhaupt 1993 den renommierten Turner Prize unter vertrat Großbritannien 1997 auf der Biennale von Venedig. „House“ (1993), ihre berühmteste Skulptur im öffentlichen Raum, existierte nur 80 Tage, vom 25. Oktober 1993 bis 11. Januar 1994. Die Künstlerin hatte ein typisches viktorianisches Haus in London als Gussform für eine Betonskulptur genutzt. Kurz bevor es abgerissen wurde, verwandelte es die Künstlerin in ein Symbol der Vergänglichkeit, an dem sich eine rege Diskussion entfachte.

Abgüsse und Füllungen

Das Frühwerk von Rachel Whiteread ist geprägt von der Hinwendung zur Räumlichkeit. Die Künstlerin hatte an der Faculty of Arts and Architecture des Polytechnikums in Brighton Malerei studiert. Ihr Interesse am Körperlichen, realisiert durch Skulptur und Plastik, begann aber bald die Arbeit an der Fläche abzulösen. 1987 schloss sie ihre Ausbildung an der Slade School of Art am University College in London ab. Whiteread bezeichnet „Closet“ (1988) als ihre erste Skulptur, die zuvor entstandenen Körperabdrücke waren ihr zu persönlich. Dennoch spielt das autobiografische Moment in ihren Werken eine große Rolle, wie Whiteread betont. Sie goss für „Closet“ den Innenraum ihres eigenen Kastens aus, in dem sie sich als Kind immer versteckte. Um dem Objekt eine taktile Oberfläche zu geben, überzog sie es mit schwarzem Filz.

Um 1990 hatte Rachel Whiteread bereits jenes Formvokabular erarbeitet, für das sie seither bekannt ist. Sie nutzt Alltagsgegenstände - Wärmflaschen, eine viktorianische Badewanne, Stühle und Tische, Stiegen, Matratzen und schlussendlich ganze Räume und Häuser - um die Hohlformen darin oder darunter auszugießen bzw. Abdrücke von den Objekten herzustellen. Zum einen produziert sie so Spuren dieser Dinge, die mitnichten neu, sondern am besten sichtbar gealtert sind, und zum anderen visualisiert sie Leere. Der Produktionslogik von Möbeln und ähnlichem folgend, ist die menschliche Proportion immer mitthematisiert. Mit Ausnahme von Badewanen und Wärmflaschen sind die von Rachel Whiteread ausgewählten Objekte aber nie organisch, weich oder rund. Sie bevorzugt deutlich eine rektanguläre Formgebung mit geraden Linien, wodurch die von ihr geschaffenen Plastiken entfernt an minimalistische Objekte erinnern. Dieser Eindruck wird durch Reihung im Raster noch verstärkt. Über die Ästhetik des Minimalismus hinausgehend, arbeitet Rachel Whiteread mit unterschiedlichen Materialien, die sowohl hinsichtlich ihrer Farbigkeit wie auch ihrer Haptik für die Künstlerin spannende Momente bieten.

Verfestigter Raum

Von Abgüssen kleiner Objekte weitete Rachel Whiteread ihr Spektrum auf Raumteile und ganze Innenräume. Zu den spektakulären frühen Arbeiten gehört „House“ (1993), das nur temporär im Rahmen des Turner Prize Wettebwerbs im öffentlichen Raum existierte. Mit dem Wiener „Holocaust-Mahnmal“ (1995–2001) verband sie den Typus des Mahnmals und ihre Formensprache des Abgusses einer Bibliothek. Wenn auch die Künstlerin gesteht, sie hätte lieber mehr „bubbles“ eingebaut, worauf sie aufgrund der Erhaltung des Werks verzichten musste, so gelang ihr doch ein eindrucksvolles Werk, in dem sich jüdischer Kultur, Erinnerung, Tod und Übergang (Tür) in einer skulpturalen Form verbinden.

In ihren aktuellsten Werken ist Rachel Whiteread wieder zum Material Papiermaché zurückgekehrt. Sie zerkleinert selbst Papiere, die der grau-braunen Masse eine farbige Note verleihen. Desgleichen spielt leuchtende Farbigkeit und das Reagieren der Material auf den Lichteinfall in ihren aus Kunstharz gegossenen Werken eine große Rolle.

Von Rachel Whiteread verehrte Künstlerinnen und Künstler

Lynda Benglis, Anthony Caro, Richard Dadd, Richard Deacon, Michael Dean, Barry Flanagan, Barbara Hepworth, Sarah Lucas, Robert Morris, Rebecca Warren

Beiträge zu Rachel Whiteread

20. Mai 2019
Toba Khedoori, Untitled (doors), Detail, 1999, Öl und Wachs auf Papier, 335,3 × 485,1 cm (Privatsammlung, Courtesy David Zwirner, New York / London, © Toba Khedoori, Courtesy Regen Projects, Los Angeles & David Zwirner, Foto: © Fredrik Nilsen)

Fondation Beyeler: Resonating Spaces Zeitgenössische Künstlerinnen und ihr Verhältnis zum Raum

Leonor Antunes, Silvia Bächli, Toba Khedoori, Susan Philipsz, Rachel Whiteread reflektieren Raum in einer Ausstellung der Fondation Beyeler (Herbst 2019)
6. März 2018
Rachel Whiteread, Torso, Installationsansicht Belvedere 21, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Rachel Whiteread im Belvedere 21 Erinnerungsräume als Skulpturen

Die Londoner Objektkünstlerin Rachel Whiteread (* 1963) wird mit einer großen Retrospektive im 21er Haus vorgestellt - besonderer Schwerpunkt liegt auf ihrem Entwurf für das Holocaust Memorial am Judenplatz, Wien.