Sofonisba Anguissola

Sofonisba Anguissola (um 1531/32–1625) wurde um 1531 oder 1532 in Cremona als Tochter von der Patrizier Amilcare Anguissola (1494–1573) und dessen zweiter Frau Bianca Ponzoni († 1600) geboren. Sie hatte fünf Schwestern und einen Bruder, die alle humanistisch erzogen wurden. Neben Sofonisba arbeiteten auch ihre Schwestern Lucia, Europa und Anna Maria als Malerinnen. Ihre Schwester Minerva wandte sich der Literatur zu, und Elena trat den Dominikanerinnen-Orden bei.

Die Ausbildung von Sofonisba Anguissola, die sehr früh künstlerisches Talent erkennen ließ, fand zwischen 1543 und 1549 bei Bernardino Campi und danach bei Bernardino Gatti, genannt Il Sojaro, statt. Amilcare Anguissola trat bald als „Manager” seiner Tochter auf und trat in Briefkontakt mit berühmten Künstlern – darunter Michelangelo Buonarroti vom 7. Mai 1557 und im Jahr 1558. Michelangelo schickte Zeichnungen, die Sofonisba Aguissola in Öl kopierte und dem Meister nach Rom zurückschickte. Wahrscheinlich hat sie Michelangelo auch persönlich getroffen.

Da in der Renaissance (resp. im Manierismus) kaum Frauen zu Künstlerinnen ausgebildet wurden, war Sofonisbas Lebensweg und ihr Erfolg als Malerin höchst ungewöhnlich. Ihr 1554 datiertes „Selbstporträt“ im Kunsthistorischen Museum, Wien, gilt als eines der frühesten Werke der Malerin und belegt die scharfe Beobachtungsgabe und sensible Porträtkunst der knapp 22-jährigen. Mit dem Bild ihrer „Drei Schwestern beim Schachspiel“ (um 1555) schrieb sie Kunstgeschichte, handelt es sich doch um die erste Genreszene der italienischen Malerei. Wenig später porträtierte sie in Mailand den Herzog von Alba, womit ihre internationale Karriere begann.

 

 

Anguissola am Hof in Madrid

Sofonisba Anguissola reiste 1559 auf Empfehlung des Herzogs von Alba, Fernando Toledo, an den Hof Philipps II. nach Madrid. Da der spanische König auch das Herzogtum Mailand besaß, war Sofonisba Anguissola seine Untertanin. Sie malte in Spanien die königliche Familie und unterrichtete als Hofdame die 14-jährige Königin, Elisabeth von Valois (1545–1568). Sofonisba Anguissola malte in den 1560er Jahren Philipp II., dessen Ehefrau Elisabeth und deren Töchter, die Infantinnen Isabella Clara Eugenia und Katharina Michaela (alle im Prado). Peter Paul Rubens, der in den 1620ern den Prado besuchte, kopierte sogar Anguissolas Porträt von Isabella. Der König von Spanien und seine Ehefrauen schätzten Anguissola so sehr, dass sie der Malerin eine jährliche Rente gewährten. Damit dürfte Sofonisba Anguissola die erste Hofmalerin der europäischen Renaissance gewesen sein.

 

Erster Aufenthalt auf Sizilien

Die Malerin und die Königin verstanden einander so gut, dass Sofonisba Anguissola nach deren Tod 1568 in eine Depression fiel. Die Malerin wollte den spanischen Hof verlassen und bat um ihre Entlassung. Da ihr Vertrag auch eine standesgemäße Eheschließung beinhaltete, wurde sie 1571 mit dem sizilianischen Adeligen Farbizio di Moncada, dem Sohn des Vizekönigs, getraut. Nach dem Tod ihres Mannes 1579 kehrte Sofonisba Anguissola wieder nach Cremona zurück.

 

Anguissola in Genua

Auf der Rückreise von Sizilien nach Cremona traf Sofonisba Anguissola 1580 den aus Genua stammenden Kapitän Orazio Lomellini († nach 1632), in den sie sich heftig verliebt. Ohne die Erlaubnis des Königs einzuholen, heirateten die beiden 1581 und zogen nach Genua. Dort begann Sofonisba Anguissola wieder zu malen und gab Malunterricht. Im Jahr 1585 traf sie Infantin Katharina Michaela von Spanien wieder und begleitete sie zu ihrer Hochzeit mit dem Herzog von Savoyen nach Turin. Während der Reise skizzierte sie die Prinzessin für ein späteres Porträt. Im Jahr 1599 besuchte sie auch die Infantin Isabel Clara Eugenia, die älteste Tochter Philipps II., kurz vor deren Vermählung mit dem Erzherzog Albrecht von Österreich und bat sie um die Anfertigung eines Porträts.

In Genua führte Sofonisba Anguissola ein offenes Haus für Künstler und Gelehrte. Hier besuchte sie 1606 der noch junge Peter Paul Rubens, der im Auftrag des Herzogs von Mantua bereits mehrerer ihrer Werke kopiert hatte.

 

Anguissola in Palermo

Durch eine Augenkrankheit (starke Kurzsichtigkeit, vielleicht Katarakt) und Rheumatismus behindert, konnte Anguissola in ihren späten Jahren nicht mehr malen. In ihren letzten Lebensjahren hielt sie sich in Palermo auf, wo Anthonis van Dyck sie 1623 in sein „Italienisches Skizzenbuch“ zeichnete. Rund um das Porträt schrieb der berühmte Flame folgendes:

„Bildnis der Signora Sophonisba, Malerin, nach dem Leben gemacht in Palermo am 12. Juli des Jahres 1629, als sie 96 Jahre alt war, noch guten Gedächtnisses, frischen Geistes und zuvorkommend; und obgleich durch das Alter ihr Augenlicht schwach geworden war, machte es ihr großes Vergnügen, Bilder vor sich hinstellen zu lassen, und indem sie dann ihre Nase mit vieler Mühe bis dicht an das Bild heranbrachte, erreichte sie es wirklich, etwas davon zu erkennen, worüber sie sodann große Freude zeigte. Als ich ihr Bildnis machte, gab sie mir manchen Hinweis dafür, so den, das Licht nicht von zu hoch aus einfallen zu lassen, auf dass nicht die Schatten in den Altersrunzeln zu stark würden, und manch andere gute Reden, wie sie mir auch einen Teil aus ihrem Leben erzählte, woraus zu erkennen war, dass sie eine wunderbare Malerin von Natur war, und der größte Schmerz, den sie hatte, war, durch das Abnehmen des Augenlichtes jetzt nicht mehr malen zu können: ihre Hand war noch fest, ohne irgendwelches Zittern.“1

Sofonisba Anguissola verstarb im Alter von 97 Jahren am 16. November 1625 in Palermo. Sie wurde in San Giorgio dei Genovesi in der Via Squarcialupo in Palermo bestattet.

 

 

Geschwister

  • Elena (1535–nach 1584)
  • Lucia (um 1536/38–1565)
  • Minerva (um 1544/45–vor 1559)
  • Europa (um 1547–?)
  • Anna Maria (um 1549–?)
  • Asdrubale (1551–1623 oder 1632)

 

Zeitgenossinnen

Sofonisba Anguissola (1531/32–1625) war Zeitgenossin der Künstlerinnen Clara Peeters (um 1594–um 1640) und Artemisia Gentileschi (1593–1653). Artemisia Gentileschi war die Tochter der Malers Orazio Gentileschi und feierte als Historienmalerin Erfolge. Clara Peeters war mit ihrem Werk Pionierin für präzise und elegante Stillleben und wirkte in weiterer Folge auf die Kunst der Malerinnen Maria Sibylla Merian (1674–1717) und Rachel Ruysch (1664–1750). Sie repräsentierte die erste Generation der Spezialisten für Stillleben in den Niederlanden.

 

Sofonisba Anguissola: Bilder

  • Sofonisba Anguissola, Selbstporträt, 1554 datiert, Öl/Pappel, 19,5 x 14,5 x 0,8 cm (Kunsthistorisches Museum, Wien, Inv.-Nr. Gemäldegalerie, 285)
  • Sofonisba Anguissola, Drei Schwestern beim Schachspiel, um 1555 (Poznań, Muzeum Narodowe)
  • Sofonisba Anguissola, Selbstporträt an der Staffelei, 1556 (Lancut Castle)
  1. Zitiert nach: Irene Kühnel-Kunze, Zur Bildniskunst der Sofonisba und Lucia Anguisciola, in: Pantheon 20 (1962), S. 83–96, hier S. 84